Von Rittershausen nach Oberbarmen, oder: Wie Namen sich wandeln

Wie beginnt man einen solchen Essay? Der klassisch-konventionelle Einstieg wäre es, mit einem Zitat zu beginnen. Dafür muss man aber wissen, was man eigentlich genau sagen will, um dann mit einem treffenden Zitat einen guten und eloquenten Einstieg zu finden. Die Tatsache, dass ich aber eben nicht mit einem solchen Zitat beginne, sondern mit Ihnen zusammen danach frage, wie man einen solchen Vortrag anfängt, um die Frage dann damit zu kontern, man müsse wissen, was man sagt, weißt schon daraufhin, dass hier ein Einstieg gewählt wurde, der irgendwie anders ist, als Sie es eventuell gewohnt sind. Wissen, was man sagt, ist dabei das entscheidende.

Ich bin Historiker, aber ich bin auch Sprachwissenschaftler. Und daher habe ich bei diesem Vortrag zwei mögliche Einstiege: Ich kann historisch beginnen, oder eben sprachwissenschaftlich. Für heute habe ich mir einen sprachwissenschaftlichen, besser einen semiotischen Einstieg vorgenommen. Hinter diesem schrecklichen Wort „semiotisch“ verbirgt sich grob gesagt, die Wissenschaft von der Bedeutung von Dingen – vor allem eben Wörtern. Der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure hat die Grundlagen zu diesem Forschungszweig der Sprachwissenschaften gelegt und geht dabei – auch das nur sehr grob skizziert – von der folgenden Grundannahme aus:

Es gibt ein Ding, eine Person oder irgendetwas Abstraktes, dass einen Namen braucht. Irgendwer gibt diesem Etwas einen Namen. Dieser jemand ist der Bezeichner. Das Ding wird durch diesen Vorgang zum Bezeichneten und der Name zur Bezeichnung. Diese Bezeichnung setzt sich in einem gesellschaftlichen Konsens innerhalb eines Kulturkreises oder eines Sprachraums als Name für das Ding durch. So weit, so kompliziert. Wichtig ist dabei vor allem eines: Ein Ding bekommt einen Namen durch alle, die den Namen für das Ding nutzen.

Der unsicherste Faktor in diesem semiotischen Dreieck ist der Bezeichner und der gesellschaftliche Konsens. Das Ding wird bleiben und auch weiterhin einen Namen haben, ob es aber der ursprüngliche Name bleibt, oder sich da etwas ändert, hängt eben davon ab, ob sich die Sprache wandelt, was sie ständig tut, oder ob der Kulturkreis weiterhin existiert, denn auch diese verschwinden oder mischen sich andauernd. In diesem Sinne ist der Wandel von Begriffen die einzige Konstante, wenn es um die Bedeutung von Dingen geht.

Genug der sprachwissenschaftlichen Grundlagen. Sie ahnen sicher worauf ich hinaus will: Rittershausen heißt heute Oberbarmen. Wir haben es also mit zwei Namen, zwei Bezeichnungen zu tun; soviel ist klar. Ob wir es auch mit zwei Dingen zu tun haben, wird sich heute Abend zeigen.

Wie geht es also jetzt weiter? Der Sprachwissenschaftler in mir verabschiedet sich jetzt und nun kommt der Historiker wieder hervor. Das hat einen Vorteil: Er braucht sich nicht auf solche Theorien zu stützen, er stützt sich auf Quellen – schriftliche Quellen, aus denen klar hervorgeht, wann das erste Mal von Rittershausen und wann von Oberbarmen gesprochen wurde. Da Rittershausen, wie es in dem Pressetext zur heutigen Veranstaltung heißt, der ältere Begriff ist, will ich mit diesem Begriff beginnen. Er ist tatsächlich auch der Name, der sich am frühesten nachweisen lässt. In der Beyenburger Amtsrechnung von 1467 wird der Ridderßhoff erwähnt. Was genau diese Beyenburger Amtsrechnung ist, ist hierbei gar nicht so wichtig. Hier soll nur so viel gesagt werden. Sie ist das Dokument, in dem sich die Namen der meisten Höfe und Hofschaften aus Barmen das erste Mal finden. Diese Rechnung ist benannt nach dem Sitz des Amtmannes, der im Auftrag des Herzogs dessen Abgaben, also so etwas wie die Steuern des Mittelalters, einzog. Dieser Sitz war die Burg Beyenburg. Die Rechnung ist dabei recht interessant aufgebaut. Die ersten Höfe, die genannt werden, liegen alle südlich der Wupper, die zweite Hälfte liegt von Beyenburg aus gesehen jenseits der Wupper, also im Norden von Barmen. In dieser zweiten Hälfte findet sich der Ridderßhoff.

Warum ist das wichtig, werden Sie sich jetzt fragen. Die Antwort darauf ist recht simpel. Wir wissen jetzt in etwa, wo genau das Ding liegt, das wir mit Rittershausen bzw. mit dessen Vorgängerwort bezeichnen wollen. Wir wissen auch schon, dass der Begriff 1467 klar gesetzt war. Mit dem Aufschreiben des Namens in diese Liste ist klar, dass der Begriff in der damaligen Zeit geläufig war und es daher einen Konsens gab, welches Ding, also welcher Hof, genau gemeint war.

Diese Aufteilung der Barmer Höfe ist aber noch aus einem weiteren Grund interessant. Dadurch, dass die Höfe nach ihrer Lage zur Wupper aufgeteilt sind, können wir eine Sache recht schnell ausschließen: Dass es eine Unterteilung Barmens in Ober- und Unterbarmen gab. Denn hätte es eine solche gegeben, wäre sie sicherlich genutzt worden.

Und so kann es nicht verwundern, wenn beide Begriffe erst etwa 100 Jahre später auftauchen. In einem Rechtsdokument aus dem Jahre 1555 finden sich die Bezeichnungen Oberbarmen und damals noch Niederbarmen. Vorher zeigt sich dieser Name nicht. Der im vergangenen Jahr verstorbene Historiker de Bruyn-Obouter geht in seiner Barmer Geschichte von 2008 davon aus, dass diese Teilung bereits auf Karl den Großen zurückgehe. Ich wage hier zu widersprechen – wenn auch mit dem höchsten Respekt vor dem Verstorbenen. De Bruyn führt nämlich keinerlei Belege für diese Theorie an. Nicht auf eine Fußnote stützt er diese Annahme. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die beiden Bezeichnungen, die Barmen teilen, zum Zeitpunkt der Niederschrift des Rechtsdokuments bereits etabliert waren, dass es eben einen Konsens gab, Barmen in zwei Teile zu teilen. Die Grenze zwischen diesen beiden Teilen lag irgendwo zwischen dem Leimbach und der Carnaper Straße im Norden und im Fischertal im Süden von Barmen. Der Begriff Barmen übrigens ist eventuell schon seit dem 11. Jahrhundert belegt, ganz sicher aber seit dem frühen 13. Jahrhundert. Oberbarmen umfasst damit ziemlich genau die Höfe, die nicht Teil von Unterbarmen sind und dehnt sich somit von Heckinghausen über Wichlinghausen und die Barmer Nordstadt bis hinauf zum Hatzfeld und im Süden bis nach Lichtscheid aus.

Damit haben wir jetzt genau was erreicht? Wir haben festgestellt, seit wann es die Begriffe gibt und konnten auch in etwa feststellen, welches Ding bezeichnet wird. Im Fall von Rittershausen handelt es sich um einen Hof, der nördlich der Wupper liegen muss, was, um ehrlich zu sein, noch nicht viel aussagt, denn nördlich der Wupper lagen viele Höfe. Und wir haben festgestellt, wo Oberbarmen im Westen aufhört, nämlich irgendwo auf der Höhe des Alten Marktes.

Das größere Gebiet ist demnach Oberbarmen. Jetzt müssen wir einmal schauen, bis wohin Oberbarmen eigentlich im Osten reicht, denn die Westgrenze haben wir ja bestimmt. Das ist recht einfach, auch wenn die Grenze bis in das 18. Jahrhundert hinein nicht wirklich festgelegt war. Barmen, und damit Oberbarmen, hört im Norden am Schellenbeck auf, zieht sich den Beuler Bach entlang und folgt dann der Schwarzbach, wobei jedoch nach einem Dokument aus dem ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts auch noch der Klingholzberg zum Einzugsgebiet Barmens gehörte. Südlich der Wupper schließt unser Stadtfluss durch seinen Verlauf Heckinghausen im Osten komplett ein, so dass die Wupper hier als Grenzfluss zur Grafschaft Mark fungieren kann.

Wie sieht es nun mit Rittershausen aus? Kann man die Lage des Hofes bestimmen? Und was ist das eigentlich für ein seltsamer Name? Gab es in Oberbarmen einen Ritter? So leicht lässt sich die Frage danach gar nicht beantworten. Es gibt keine Spuren einer Burg, keine Dokumente in der ein Ritter auftaucht, nicht mal ein gute erfundene Geschichte, wie etwa Elberfeld sie mit Ritter Arnold hat. Welche Spuren haben wir dann? Es sind in erster Linie Namen von anderen Höfen. In Dokumenten aus dem 16. Jahrhundert finden sich das erste Mal zwei Höfe mit dem Namen Kemna. Der erste davon befand sich ziemlich genau dort, wo heute die Langobardenstraße verläuft, die früher den Namen Kemnastraße trug. Der zweite Hof ist der Lange Hof Kemna, aus dem sich später der Klingholzberg entwickeln sollte. Beide sind nicht zu verwechseln mit dem KZ Kemna zwischen Oberbarmen und Beyenburg.

Was ist an diesen beiden Hofesnamen nun für uns interessant? Es ist die Bedeutung. Man vermutet, dass sich das Wort Kemna vom Wort Kemenate ableitet. Dabei handelt es sich um einen kleinen, beheizbaren Raum mit Kamin. Von diesem wiederum leitet sich das Wort Kemenate selber ab. Solche Räume, so eine weit verbreitete Vermutung, gab es nur in steinernen Häusern. Eben solche konnte sich aber nur leisten, wer Geld besaß und mithin adelig war. Soll heißen, dass es nördlich der Wupper einen Hof gab, der ein festes Haus besaß. Gestützt wird diese Annahme durch die Tatsache, dass der Hof Kemna ein so genanntes Sattelgut war, dessen Besitzer keine Abgaben leisten musste, was erklärt, warum der Hof nicht in der oben angeführten Beyenburger Amtsrechnung auftaucht. Er hatte lediglich Dienst im Kriegsfall zu leisten und musste dann „mit Pferd, Harnisch und Reuter“ diesen Dienst verrichten. Der Inhaber des Hofes war somit immerhin Reiter, was ihn aber noch nicht in den Stand eines Ritters erhob.

Es gibt an dieser Vermutung nur einen Hacken. Einen Kamin hatten die alten Bergischen Häuser auch schon, bevor es hier Fachwerkhäuser gab. Die Belüftung war im Winter furchtbar, die Kamine waren aus Holz, die Brandgefahr immer gegeben. Es war sicherlich nicht die beste Art zu heizen und doch muss sich aus dem Kamin hier nicht unbedingt ein festes Steinhaus ableiten. Ältere Schreibweisen des Hofes Kemna zeigen dann auch, dass man hier eher von einer Aue sprechen sollte. Damit ist eine Wiese gemeint, die bei Hochwasser überschwemmt wird. Das Rosenau-Ufer an der Wupper zeigt noch heute, dass solche Namen durchaus üblich waren. Der Wortbestandteil „kime“ würde dann wohl mit dem mittelhochdeutschen Wort „kîmen“ verwandt sein, das soviel wie wachsen heißt, also etwa eine wachsende Aue bezeichnen.

Wenn mit den Höfen in der Kemna also keine festen Häuser gemeint sind, wo kann man dann noch einen Ritter vermuten. Die Antwort findet sich jenseits der Grenze, in der Grafschaft Mark. Es handelt sich um die Wasserburg Rauenthal, die auf Schwelmer bzw. Langerfelder Gebiet lag. Auch wenn die Burg selber erst im 16. Jahrhundert erbaut wurde, um dann im 18. Jahrhundert zu zerfallen, so ist das Land, auf dem sie erbaut wurde doch schon recht lange im Besitz echter Ritter gewesen. Es gehörte nämlich zu den Ländereien des Hauses Martfeld in Schwelm. Schon Ende des 14. Jahrhunderts gehört dieses Stück Land durch komplizierte Verstrickungen, die ich hier nicht aufzählen mag, in den Einzugskreis der Ritter von der Recke. Auch wenn es dort keine Ritterburg gab, stand dort etwas, was für die Menschen im Einzugsgebiet viel wichtiger war: Eine Mühle. Mögen auch zahlreiche Barmer zum Mühlengraben gegangen sein, der sich auf Barmer Gebiet hier ganz in der Nähe befindet, dort wo heute das Hotel Amical an der Straße Rauental steht, stand einst eine märkische Mühle, die wohl schon älter war als das Haus Rauenthal.

In seiner Geschichte der Wuppertaler Straßennamen zeigt Wolfgang Stock auf, dass sich der Name Rittershausen von dem Besitzer des Hofes ableitet, der Ritter hieß – also kein Ritter war. Wie er zu dem Namen kam, hat wohl mit seiner unmittelbaren Nähe zu genau diesem Rittersgut zu tun. Der Besitzer war der Nachbar des Ritters, er wurde zum Ritter, sein Hof zum Rittershof, später zum Rittershaus.

Wenn diese These zutrifft, haben wir in etwa das Ding lokalisiert, der mit Ridderßhof in der Beyenburger Amtsrechnung bezeichnet werden soll. Es muss sich demnach um ein Gebiet handeln, das nördlich der Wupper liegt, und in unmittelbarer Nähe der bergisch-märkischen Grenze und an den Besitz des Ritter von Martfeld angrenzt. Im Norden ist dieses Gebiet durch den Klingholzberg bzw. durch dessen Vorgänger, den Hof „Lange Kemna“ begrenzt, der an der Wupper lag. Das bezeichnet in etwa das Gebiet, auf dem sich heute die Wagenhalle der Schwebebahn und auch der Rittershauser und der Berliner Platz befinden.

Halten wir also zusammenfassend fest: Das Ding, das wir als Oberbarmen bezeichnen können, eben jenes Gebilde zwischen Rauental und Altem Markt, ist den alten Unterlagen zufolge also wesentlich größer als das Ding, das wir als Rittershausen bezeichnen können. Rittershausen selber ist ein Teil von Oberbarmen.

In diesem Zusammenhang darf auch ein weiter Teil dessen, was heute als Oberbarmen bezeichnet wird, nicht unerwähnt bleiben: Wupperfeld. Anders als Rittershausen oder Oberbarmen ist dieser Begriff erst spät nachweisbar und geht nicht auf einen Hof oder eine politische Einheit zurück, sondern auf eine Kirche. Nachdem sich im Jahre 1744 die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Wichlinghausen von ihrer Muttergemeinde Schwelm getrennt hatte, waren auch die restlichen Oberbarmer gezwungen, nach Wichlinghausen zu gehen. Der Standort der Kirche war zwischen den Oberbarmern ein ständiger Streitpunkt gewesen und war eher durch Pragmatismus auf Wichlinghausen gefallen, wo die Gunst einer politischen Stunde genutzt wurde. Die restlichen Oberbarmer waren mit dieser Situation alles andere als zufrieden und es kam zu einem Streit, der heute noch aufhorchen lässt. Mit christlicher Nächstenliebe haben die überlieferten Dokumente jedenfalls nichts zu tun. In dieser Situation wurde den Obarbarmern Ende der 1770er Jahre gestattet eine eigene Gemeinde zu gründen, die unabhängig von Wichlinghausen agierte. Diese Gemeinde erhielt eine Kirche auf einem unbebautem Grundstück nahe der Wupper, eben auf einem Wupperfeld. Daher leitet sich der Name dieser Gegend ab, deren Zentrum schließlich neben Kirche, Pfarrhaus und Friedhof auch der Markt wurde, dessen Markenzeichen der Bleicherbrunnen war. Das Gebiet dieser Kirchengemeinde Wupperfeld erstreckte sich vom Alten Markt bis zur Hügelstraße und vom Sonnenabend und Krühbusch bis zu nach Heckinghausen und Heidt. Das Gebilde erhielt bewusst den Namen Kirchengemeinde Wupperfeld und nicht etwa Oberbarmen, denn dieser hätte ja das verhasste Wichlinghausen miteinbezogen. Die sprachliche Abgrenzung sollte klar durch die Nähe zur Wupper signalisiert werden, die Wichlinghausen abging.

Damit sind die Grundlagen gesetzt. Wir wissen nun, was die ältesten fassbaren Dinge bzw. Gebiete sind, was also unsere Bezeichneten sind. Ein kleiner Hof an der Grenze zur Mark, eine recht große Kirchengemeinde an der Wupper und ein großes Gebiet mit vielen kleinen Höfen darin. Jetzt können wir dazu übergehen, zu schauen, wie sich der Begriff für das große Gebiet langsam so verkleinerte, dass man heute meistens den Berliner Platz und seine Umgebung sowie den Bereich um den Wupperfelder Markt meint, wenn man von Oberbarmen spricht und warum Rittershausen aus der Alltagssprache verschwunden ist.

Die drei Begriffe Oberbarmen, Wupperfeld und Rittershausen blieben lange Zeit relativ starr. Barmen als Stadt war unterteilt in Ober- und Unterbarmen. Ritterhausen existierte als Gebiet im Osten der Stadt, Wupperfeld als riesige und wachsende Kirchengemeinde. Was war so wirkmächtig, dass es diese alteingesessenen Namen verändern konnte?

Die Antwort darauf ist wie in so vielen Fällen, die Moderne, die Industrialisierung, die Urbanisierung und der damit einhergehende Fortschritt im Verkehrswesen. Vor allem letzteres war ausschlaggebend. Wuppertaler Eisenbahnhistoriker können klar aufzeigen, dass der heutige Bahnhof Oberbarmen früher den Namen Rittershausen trug. Auch die Endhaltestelle der Schwebebahn war Wuppertal-Rittershausen. Der Bahnhof Oberbarmen hingegen lag ganz woanders. Dort wo heute lustig geskatet wird, wo Menschen in der Wichernkapelle vom Radfahren zur Besinnung kommen und wo neue Einfamilienhäuser Menschen neuen Wohnraum bieten, kurz auf der Nordnahntrasse am Bahnhof Wichlinghausen. Seine Größe und Bedeutung als riesige Rangierfläche, die es Zügen erlaubte sowohl nach Hattingen, als auch nach Schwelm und Elberfeld zu gelangen, machte ihn anders als den kleineren Bahnhof an der Wupper zu einem Bahnhof 1. Klasse mit etwa 140 Mitarbeitern. Daher hieß dieser Bahnhof bis 1930 Königliche Eisenbahnstation Oberbarmen. Im selben Jahr wurde aus dem Bahnhof Rittershausen der Bahnhof Oberbarmen. Die Umbenennung der Bahnhöfe hatte zum einen damit zu tun, dass die beiden Städte Elberfeld und Barmen 1929 zusammen mit Ronsdorf, Cronenberg, Vohwinkel und Beyenburg zu einer Stadt gemacht wurden und zum anderen damit, dass die Rheinische Strecke, also die heutige Nordbahntrasse, an Bedeutung verlor. Mit dem Namen Oberbarmen, eben mit dem Namen jenes großen Gebietes, durfte sich nur der wichtigere Bahnhof schmücken und das war ab 1930 der Bahnhof an der Wupper.

Damit nahm der Nameswechsel des Stadtteils seinen Lauf. Mit der Umbenennung des Bahnhofs wurden mehrere Dinge verändert. Wer mit dem Zug fuhr, konnte auf der Bergisch-Märkischen-Strecke nun das erleben, was wir bis heute kennen: Wer von Schwelm kommt, fährt durch Oberbarmen, durch Barmen und schließlich durch Unterbarmen, um dann in Elberfeld zu landen. Wer sich an einem Bahnhof verabredete, der stieg in Oberbarmen aus, nicht in Rittershausen. Die Schwebebahn folgte dieser Bezeichnung. Die Schwebebahnstation Rittershausen wurde spätestens nach dem Krieg, wahrscheinlich früher, auch in Oberbarmen Bahnhof/Berliner Platz umbenannt. Der Zusatz „Berliner Platz“ fehlt mittlerweile und auch der Bahnhof ist aus dem Namen der Schwebebahnstation verschwunden. Auch die Reisenden, die mit der Schwebebahn fuhren, stiegen nun in Oberbarmen ein oder aus und so sprachen sie auch miteinander.

Der Konsens, was wie bezeichnet wurde, änderte sich. Zugezogene Wuppertaler übernahmen die Umgangssprache, ältere Wuppertaler zogen fort oder verstarben. Die Haltepunkte von Bahn, Schwebebahn und Bus veränderten den Sprachgebrauch der Menschen und so setzte sich umgangssprachlich der Name Oberbarmen für das durch, was früher einmal Rittershausen geheißen hatte.

Erste Spuren einer halb offiziellen Festlegung des Namens finden sich in der Chronik des CVJM Oberbarmen. Dessen Wurzeln reichen zurück bis in das Jahr 1837, wo innerhalb der Kirchengemeinde Wupperfeld der Wupperfelder Männer- und Jünglings – Missionsvereins gegründet wurde. Schon 1875 gründete sich ein zweiter Verein für den Bezirk Heidt in Heckinghausen. Ein Jahr später gründete sich für das Kerngebiet Heckinghausens ein eigener CVJM.

Ein großer Einschnitt für die Arbeit der Vereine stellte der Barmer Angriff von 1943 während des Zweiten Weltkriegs dar, in dem die Vereinsheime komplett zerstört wurden. Der Verein vom Heidt baute sich nicht neu auf und ging mit dem CVJM Wupperfeld zusammen. Da der Heidter Verein sich bei seiner Gründung den Namen Immanuel gegeben hatte, firmierte der CVJM in an der Wupper ab 1947 unter dem Namen CVJM Wupperfeld-Immanuel. Mit der Übernahme von Aufgaben des CVJM Heckinghausen ab dem Jahr 1968 erstreckte sich das Arbeitsgebiet des CVJM Wupperfeld-Immanuel nun über das gesamte Gebiet der ehemaligen Gemeinde Wupperfeld, denn auch diese war aufgrund ihrer Größe in den 1960er Jahren in vier eigenständige Kirchengemeinden aufgeteilt worden. Aus historischer Warte hätte der Name bestehen bleiben können, denn der Name Wupperfeld hatte ja fast zwei Jahrhunderte gerade eben diese vier Gemeinden umfasst. Das einer der Gemeinden aber weiterhin den Namen Wupperfeld trug, der CVJM aber nun vier lutherischen Gemeinden zuarbeitete und auch noch die Arbeit der reformierten Gemeinde Gemarke unterstützte, hätte diese Name für Verwirrung sorgen können. Ein anderer Name musste her und ab 1972 trug er den Namen CVJM Wuppertal-Oberbarmen. Aus historischer Perspektive hätte dies auch den CVJM Wichlinghausen von 1846 sowie den weiterhin existierenden CVJM Heckinghausen mit einschließen müssen, doch von deren Seite regte sich kein Protest. In der Annahme dieses Namens also zeigt sich recht deutlich, dass spätestens mit den 1970er Jahren der Begriff Oberbarmen schon fest für das Gebiet etabliert war, das vormals aus Rittershausen und Wupperfeld bestand oder wie es der Chronist des CVJM Oberbarmen, Hans-Erich Richling, zusammenfasst: „[Der neue Name] signalisierte die Programmatik […] im geographisch exakten Stadtbezirk Oberbarmen“.

Nach dieser halb offiziellen Festigung des Namens Oberbarmen, folgte die politische und damit offizielle Wandlung. Bis zum Jahr 1975 hatte Wuppertal insgesamt sechs Stadtteile, die allesamt den ursprünglichen eigenständigen Städten und Gemeinden entsprachen. Durch eine Reform, die vorsah, dass größere Städte in Nordrhein-Westfalen in etwa gleichgroße Stadtteile eingeteilt wurden, musste diese historisch gewachsene Struktur nunmehr einer statistischen Struktur weichen. Im Ergebnis gab es dann etwa acht gleich große Stadtteile. Der ehemalige Stadtteil Barmen wurde dabei in vier Teile geteilt. Neben dem Bezirk Barmen, der Unterbarmen, den Sedansberg und Barmen-Mitte, also das alte Gemarke, umfasst, kamen die Bereiche Heckinghausen, Oberbarmen und auch Langerfeld hinzu, das bis 1922 zusammen mit Nächstebreck eine eigenständige Gemeinde gebildet hatte und dann an Barmen angegliedert worden war. Oberbarmen wurde so auch politisch zu einer eigenen festen Größe. Der statistische Bezirk von 1975 umfasst bis heute aber nur den nördlichen Teil des ursprünglichen Gebiets von Oberbarmen, wurde jedoch um Nächstebreck erweitert, das nie zu Oberbarmen gehört hatte.

Der Bezirk Oberbarmen teilt sich zudem noch in verschiedene Unterquartiere ein. Neben dem erwähnten Nächstebreck, das in Ost und West, landläufig als Schellenbeck-Einern bekannt, unterteilt wird, gehören auch noch Wichlinghausen, unterteilt in Nord und Süd, sowie das Quartier Schwarzbach-Oberbarmen dazu. Die Tatsache, dass in diesem Quartier der Name Oberbarmen noch einmal extra genannt wird, um das Gebiet des ehemaligen Rittershausen von der Schwarzbach begrifflich abzutrennen, lässt darauf schließen, dass bereits in den 1970er Jahren der Begriff Rittershausen vergessen war, denn nichts hätte im Prinzip dagegen gesprochen, das Quartier in Schwarzbach-Rittershausen umzubennen – außer einer Tatsache: Das Quartier umfasst eben nicht nur Rittershausen, sondern auch Wupperfeld.

Das Quartier in Schwarzbach-Rittershausen-Wupperfeld (oder ähnliches) umzubennen hätte zu einem unangenehmen langen Wort geführt, das sicherlich keiner gewollt hätte. So wurden beide Bereiche, die sich am Areal des Bahnhofs Oberbarmen entlangziehen, zu Oberbarmen zusammen gefasst. Durch diese Umbenennung wurde der Begriff Oberbarmen auf das bezeichnete Gebiet noch stärker bezogen, was sich nicht zuletzt an zwei weiteren Namen zeigt:

Zum einen ist das das Projekt Soziale Stadt Oberbarmen/Wichlinghausen. Mit diesem Namen ist das Einzugsgebiet klar gekennzeichnet. Das Projekt nur Oberbarmen zu nennen, hätte bedeutet Nächstebreck, das nicht Teil der Sozialen Stadt ist, mit einzubeziehen und dabei aber den Nordpark, der im Bezirk Barmen liegt, ausgeschlossen. Durch die Erweiterung Wichlinghausen war letzteres möglich, da das Gebiet um den Nordpark herum seit dem Mittelalter zu Wichlinghausen zählt und sich dort auch etwa eine Kirche der evangelischen Gemeinde Wichlinghausen befindet. Gleichzeitig wird durch die Erweiterung das Gebiet, das Teil der Sozialen Stadt ist, eingeschränkt. Denn all das, was nicht zu Wichlinghausen innerhalb dieses sozialen und städtebaulichen Projektes gehört, ist damit Oberbarmen. Der Begriff wird somit noch einmal einzig auf das Gebiet beschränkt, das vormals als Rittershausen und Wupperfeld bekannt war.

Der zweite Name ist das Bürgerforum Oberbarmen selber, bei dem ich heute Abend die Ehre und das Vergnügen hatte sprechen zu dürfen. Auch durch diesen Namen wird der Begriff Oberbarmen gefestigt. Auch wenn hier jeder mitmachen kann, der an dem Ort, der heute gemeinhin als Oberbarmen bezeichnet wird, Interesse hat, so ist mit dem Standort und auch den Thematiken, die hier besprochen werden, ganz klar eine Festsetzung des Begriffs Oberbarmen auf das angesprochene Gebiet zu verzeichnen.

Bleibt schließlich nur noch eine Frage: Wie ist dieser Wandel zu beurteilen?. Ist es zu bedauern, dass Rittershausen verschwunden ist? Die Antwort darauf ist kompliziert. An diesen Stadtteil erinnern noch die Rittershauser Brücke, die aber im Volksmund als Spindelbrücke bekannt ist, und der Rittershauser Platz, der als Parkplatz ein eher glanzloses, wenn auch nützliches Dasein fristet. Der einmal besprochene Ausbau zu einer Fernbushaltestelle hätte hier sicherlich die Möglichkeit gehabt, den Namen wieder besser zu bewerben, wäre aber wahrscheinlich daran gescheitert, dass das vor ein paar Jahren gestartet Projekt der Fernbusse mittlerweile auf ein paar überlebende Firmen zusammengeschrumpft ist.

Der Begriff Oberbarmen hingegen ist gut etabliert. Wer von Oberbarmen spricht, weiß welches Gebiet er meint. Dass damit in vielen Fällen nichts gutes assoziiert wird, ist bedauerlich und gehört geändert. Dazu muss man sich in meinen Augen auch immer die Geschichte vor Augen führen, die ein Stadtteil mal hatte und die ihn zu etwas besonderem macht. Ich hoffe mit diesem kleinen Vortrag dazu beigetragen zu haben und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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