Zur Geschichte der Evangelischen Altenhilfe Wichlinghausen (EAW)

Wie so viele Einrichtungen innerhalb einer Kirchengemeinde beginnt auch die Geschichte der EAW lange vor ihrer eigentlichen Gründung. Darüber hinaus beginnt die Geschichte der EAW aber nicht einmal in Wichlinghausen und hat mit der Kirchengemeinde Wichlinghausen im Prinzip auch erst einmal nichts zu tun.

1. Gemarker Gemeindestift

Tatsächlich muss man für den Beginn der EAW ins Herz von Barmen, wenn auch nicht direkt nach Gemarke, aber doch nur ein wenig abseits davon gelegen, im Beckmannshof. Dort wurde im Luppe’schen Haus im Mai 1831 das erste Heim der reformierten Gemeinde Gemarke eingeweiht. Keine zwei Jahre später kam es zum Neubau der Einrichtung in der Bachstraße. Dieses Heim jedoch war noch kein Seniorenheim, sondern ein Heim für Arme und Waisen. Diese Funktion für zwei unterschiedliche Gruppen ergab über die Jahre nur noch wenig Sinn, so dass die Institution 1859 geteilt wurde. Das Waisenhaus sollte auf den Bereich am Westkotten verschoben werden, wo ein zweigeteiltes Grundstück für 8877 Taler gekauft worden war.

Für die Erschließung des Grundstücks war es nötig zunächst Wasser zu finden. Dies erwies sich auch zur Zeit der Industrialisierung noch als eine schwere Herausforderung, so dass man zu äußerst unorthodoxen Mitteln griff. Die reformierte Gemeinde rief einen katholischen Wünschelrutengänger aus Frankreich zur Hilfe. Dieser Abbé Richard bekam 100 France ausgezahlt und fand Wasser lediglich auf dem Nachbargrundstück.

Somit war die Erschließung des Grundstücks zunächst einmal gescheitert. Erst in den 1870er Jahren griff man die Idee wieder auf, verschob aber nun den gesamten Betreib von der Bachstraße auf den Bereich Westkotten, da man das Gebäude in der Bachstraße 1881 an das städtische Krankenhaus verkauft hatte. Diesmal hatten die Verantwortlichen mehr Glück und konnten so bereits am 12. Juni 1883 das Armen- und Waisenhaus, unter anderem mit Unterstützung des Industriellen Hugo Greef, der das Gut Mallack gekauft und ausgebaut hatte, einweihen. Das Waisenhaus war übrigens Namensgeber für die heute noch existierende Waisenstraße, Hugo Greef gilt als Patron für die Hugostraße.

Im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Versorgung von Waisen immer mehr Aufgabe des Staates, so dass die kirchlichen Einrichtungen sich immer mehr zurückziehen mussten. Aus diesem Grund wurde das Waisenhaus immer mehr zu einem reinen Armenhaus, in dem die Armen aber immer älter wurden, so dass es nötig war, den Betrieb 1935 komplett auf ein Altenheim, das Gemarker Gemeindestift, umzustellen. 1943 brannte das Heim komplett beim Barmer Angriff aus, aber bereits 1948 erfolgte der Wiederaufbau, der am 2. September 1950 mit einer feierlichen Einweihung sein Ende fand.

Das Altenheim blieb bis 1983 im Besitz der Gemeinde Gemarke, bis diese im Zuge der Neuordnung im Oberbarmer Raum am 1. Januar des Jahres 1984 in den lutherischen Gemeinden aufging. Die Besitzungen der Gemeinde fielen mit diesem Datum der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde Wichlinghausen zu, die ab diesem Zeitpunkt, wie vorher in Gemarke auch, den Gemarker Gemeindestift durch einen Ausschuss leitete. Vorsitzende des Ausschusses war bis 1987 Frau Sohn, ab diesem Jahr folgte ihr bisheriger Stellvertreter Pfarrer Helmich ihr im Amt nach. 1988 wurde der Gottesdienst für die Heimbewohner von der Friedhofskapelle Hugostraße in das Heim selber verlegt, da die Uhrzeit 11.00 Uhr für die Bewohner unglücklich gewählt sei. Auch Probleme mit dem Grundstück wurden in diesem Ausschuss besprochen. So gab es etwa Probleme mit dem Friedhof Hugostraße, die erst bei der Übergabe des Friedhofs an den Friedhofsverband bekannt wurden.

2. Altenheim Stollenstraße

Viele erinnern sich noch an den Wichlinghauser Pfarrer Walter Posth, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Wichlinghausen wirkte und vor allem für seine Jugendarbeit berühmt war. Posth war es aber auch, der sich besonders um die Seniorenarbeit in der Gemeinde Wichlinghausen kümmerte. Im Mai 1954 fasste das Presbyterium auf sein Bestreben hin den Entschluss, ein Heim in der Stollenstraße zu bauen. Das Grundstück dafür musste jedoch erst erworben werden. Es war die Parkanlage der Villa Saatweber, dem Gebäude, in dem sich heute die Kurzzeitpflege des Altenzentrums befindet. Das Gebäude, das der Fabrikantenfamilie Schneider-Paas gehört hatte, war in der Nachkriegszeit von der amerikanischen Besatzungsmacht als Verwaltungsbau genutzt worden. Die Familie Schneider-Paas wanderte nach Kriegsende nach Amerika aus, so dass das Haus und die dazu gehörige Parkanlage erworben werden konnte. Nach dem Krieg war der Park ein beliebter Spielplatz für Kinder, das Grundstück lag brach.

Damit das Heim und der Grundstückskauf finanziert werden konnten, wurde nicht nur auf eigene Mittel der Gemeinde zurückgegriffen, Walter Posth rief auch zum Spenden auf. Obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert war, kaufte die Gemeinde 1954 das Grundstück und beschloss den Bau. Hoffnungsfroh hatte man damit gerechnet, schon 1955 das Gebäude beziehen zu können, doch die erhofften Spenden kamen nicht so schnell und üppig, wie das Presbyterium sich dies gedacht hatte. Erst im Dezember 1957 konnte der Grundstein gelegt werden. Das Geld wurde knapp, so dass die Gemeinde in Vorleistung ging, um alle nötigen Rechnungen bezahlen zu können. So konnte das Gebäude am 30. April 1958 eingeweiht werden.

Die Gemeinde Wichlinghausen musste aber noch zahlreiche Rechnungen begleichen, knapp 70.000 DM sollte der Bau kosten. Bis zur Fertigstellung waren 60.000 DM eingegangen. Die restlichen 10.000 DM musste man sich leihen. So wandten sich die Wichlinghauser im Mai 1958 an die Gemeinde Nächstebreck und baten dort um ein zinsloses Darlehen in der nötigen Höhe. Die Nachbargemeinde gewährte dieses Darlehen. Die Gemeinde Wichlinghausen verpflichtete sich, das Geld innerhalb von 10 Jahren zurückzuzahlen und in diesem Zeitraum drei der 92 Plätze für Gemeindeglieder aus Nächstebreck zu reservieren.

Festzuhalten bleibt also: Ohne die Gemeinde Nächstebreck wäre die Finanzierung des Altenzentrums in der Stollenstraße sicherlich anders gelaufen und hätte wohl zu noch mehr Schwierigkeiten geführt, als mit dem Bau schon verbunden waren.

Geführt wurde das Altenheim von Anfang an über einen Ausschuss des Presbyteriums, der die Geschäfte bis zum Jahre 1991 leitet. Neben der Verwaltung der laufenden Geschäfte war die größte Maßnahme, die er zusammen mit einen extra gegründeten Bauausschuss zu regeln hatte, der Abriss und der Neubau des Heims in den 1980er und 90er Jahren. Im Oktober 1985 tagte der Bauausschuss zum ersten Mal, abgeschlossen wurde die Maßnahme nach mehrjähriger Bauzeit im Februar 1994 Die Bewohner des Heims waren in der Zwischenzeit im Altenheim Vogelsangstraße in Elberfeld und der Villa Abendfrieden untergebracht worden.

3. Villa Abenfrieden am Diek 28

Ohne Frage ist die Villa Abendfrieden eines der schönsten Anwesen in Wichlinghausen. Die neobarocken Elemente zeichnen dieses Haus im neubergischen Stil der Jahrhundertwende um 1900 aus. Wer aber genau hinschaut erkennt, kleine Fehler in der Fassade. Die typischen grünen Fensterladen, die so viele Fachwerkhäuser in Wichlinghausen kennzeichnen, sind an den Fenstern am Eingangsportal auf einer Seite verschwunden. Wer den Grund dafür kennt, wundert sich darüber nicht mehr: Die Villa bestand ursprünglich aus zwei nebeneinander stehenden Fachwerkhäusern, in denen die Seidenbandwirkerfamilie Aschermann seit den 1850er Jahren ihren Betrieb hatte. Die Familie war selbstständig tätig und hatte einen ihrer größten Abnehmer im Handelsunternehmen Mittelsten Scheid. Als dieses Unternehmen damit begann selber zu produzieren, verkaufte die Familie Aschermann ihr Haus an die Familie Mittelsten Scheid. Paul Mittsten Scheid verband beide Häuser 1892 zu einem eigenständigen repräsentativen Gebäude. 1933 wurde darin der Damenstift Abendfrieden durch Clara Mittelsten Scheid errichtet, in dem die Witwen der Familie in räumlicher Nähe zu den anderen Mitgliedern repräsentativ und versorgt wohnen konnten.

Das Gebäude blieb bis 1990 im Besitz der Familie Mittelsten Scheid bzw. im Besitz der Firma Vorwerk, bis diese damit begann ihren Wichlinghauser Immobilienbesitz aufzulösen. Wie auch die Villa Wuppermann am Diek 58 fungierte das Haus zwischenzeitlich als Wohnraum für Angestellte der Firma Vorwerk und deren Angehörige. Durch Vererbung wurde das Gebäude am 1. Januar 1991 der Kirchengemeinde Wichlinghausen übertragen. Es begann eine Sanierung des Gebäudes, die etwa 2 Mio DM kostete und durch die Familie Mittelsten Scheid mitfinanziert wurde.

4. Die Evangelische Altenhilfe Wichlinghausen

Diese drei Gebäude bildeten die Ausgangslage für den Wunsch einer Professionalisierung der Altenbetreuung innerhalb der Kirchengemeinde. Durch das Zusammengehen der reformierten Gemeindeteile mit der lutherischen Gemeinde Wichlinghausen 1984, den dringenden Umbaumaßnahmen am Altenheim Stollenstraße und der Immobilie Am Diek 28 war die Altenhilfe angewachsen und war im Prinzip für eine reine Verwaltung durch Laiengremien zu groß geworden. Äußere Umstände, wie etwa die Pläne zur 1995 eingeführten Pflegeversicherung, taten ein Übriges, um diese Professionalisierung in die Tat umzusetzen. Am 1. Oktober 1991 wurde das neue Unternehmen als gemeinnützige GmbH gegründet. Da das ALtenheim Stollenstraße zu diesem Zeitpunkt noch umgebaut wurde, konnten die Büroräume noch nicht bezogen werden. Die Adresse befand sich daher in den Räumen der Erlöserkirche. Im selben Monat wurde auch die Tagespflege Wichlinghausen in Betrieb genommen, die sich in der ehemaligen Villa Schneider-Paas bzw. Martin-Luther-Haus, Westkotter Str. 175, befand.

Mit der Einführung der Pflegeversicherung nahm der Verwaltungsaufwand zu, so dass neue Räumlichkeiten für die Arbeit der EAW gebraucht wurden. In diesem Zusammenhang wurde das ehemalige Gemeindehaus an der Westkotter Str. 183b benötigt. Die EAW arbeitete gut und wuchs. Die Übernahme der Diakonieschwestern der Kirchengemeinde Wichlinghausen, deren Aufgaben sich wunderbar in das Portfolio der EAW einfügten führte schnell dazu, dass die EAW auch außerhalb der Krichengemeinde wuchs, als in den 1990ern auch die Diakoniestationen aus Langerfeld und der Diakonie Barmen auf sie übergingen. Mitte der 1990er Jahre sollte das Angebot der EAW dahingehend erweitert werden, dass auch Servicewohnen angeboten werden sollte. Dafür sollte die Villa Abendfrieden umgebaut werden. Zu diesem Zweck erwarb die EAW das Gebäude von der Kirchengemeinde und richtete dort 13 Wohnungen ein. Die Villa war das erste Gebäude, dass die EAW tatsächlich ihr Eigentum nannte. 2002 folgte der Ankauf des ehemaligen Gemeindehauses, in dem sich die Verwaltung der EAW, aber auch die Altentagesstätte und durch einen Nutzungsvertrag auch der Kindergarten niederließen. Damit hatte das Unternehmen bereits zwei eigene Gebäude, die Heime Stollenstraße und Hugostraße selber blieben jedoch Eigentum der Kirchengemeinde.

Für das Gebäude der Hugostraße stand 2002 ein Umbau an. Da aber diesmal keine Möglichkeit dazu bestand, die Senioren in anderen Räumlichkeiten unter zubringen, errichtete die Kirchengemeinde Wichlinghausen hinter dem Gebäude Hugostraße einen Modulbau. Dorthin zogen die Bewohner und Mitarbeiter für den Zeitraum des Umbaus von 2002 bis 2004.

Mit dem Abschluss dieser Bauarbeiten endete für die EAW jedoch keineswegs die Bautätigkeit. Im Juli1999 hatte sie den Betrieb des Johann-Buchard-Bartels-Hauses von der Gemeinde Gemarke-Wupperfeld übernohmen. Das Gebäude war von 1971 bis 1974 errichtet worden und war nach dem ersten Pfarrer der Gemeinde Wupperfeld benannt, der sein Vikariat in Wichlinghausen absolviert hatte. Schon in der Anfangszeit hatte sich in dieser Einrichtung ein Skandel zugetragen, der den damaligen Heimleiter Zimmermann betraf, der als Todesengel im Heim gewirkt hatte. Seit dieser Zeit war das Heim nicht mehr im Großen Maßstab modernisiert worden. Ein weiterer Betrieb des Heims war durch die Auflagen der Pflegeversicherung kritisch. Der Umbau des JBB-Hauses dauerte bis zum März 2007. In dieser Zeit zogen die Bewohner des Hauses in den Modulbau in der Hugostraße.

Zwei weitere große Baumaßnahmen standen der EAW noch bevor. Nachdem zahlreiche Dienste und Einrichtungen außerhalb Wichlinghausens übernommen und teilweise neu ausgerichtet worden waren, übernahm die EAW von 2009 an den Neubau des Altenzentrums in Cronenberg, das im Juni seinen Betrieb aufnehmen konnte. Die zweite Maßnahme betraf den Modulbau in der Hugostraße. Dieser war seit 2007 durch verschiedene Träger von Altenhilfe genutzt worden und war in einem schlechten Zustand. Ein Umbau im Jahr 2012 war nötig, so dass die Inbetriebnahme des Baus als Altenzentrum Am Nordpark, das sich auf suchtkranke Senioren spezialisiert hatte, begannen werden konnte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichneten sich jedoch bereits strukturelle Probleme ab. Zum einen waren die beiden letzten Geschäftsjahre mit einem Defizit abgeschlossen worden, zum anderen fehlte für die Gremien der GmbH das Personal. Schließlich war auch der Geschäftsführer der EAW kurz vor dem Renteneintrittsalter. Die Eigentümerin der EAW, die Kirchengemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck, beschloss daraufhin, den Verkauf der EAW an die Diakonie Wuppertal. Der Betrieb aller stationären und ambulanten Dienste der EAW ging so am 1. Januar 2013 an die Diakonische Altenhilfe Wuppertal über. Die GmbH selber wurde jedoch nicht aufgelöst, sondern lebt als Immobilienverwaltung ihrer Gebäude weiter.

Die Evangelische Altenhilfe Wichlinghausen existierte so gute 10 Jahre, in denen sie die Altenhilfe erst in Wichlinghausen und dann auch in anderen Teilen von Wuppertal auf professionelle Beine stellte. Letzte Spuren kann man von ihr noch erkennen. Zum einen wurden viele der 600 Mitarbeiter, die sich am Schluss hatte, von der Diakonie Wuppertal übernommen, zum anderen findet sich am Gebäude der Tagespflege, Westkotter Straße 175, noch der Hinweis auf den ehemaligen Träger.

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