Apologie des Positivismus

Spätestens mit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Frage nach der Theoriebedürftigkeit der Geschichte gestellt1. Golo Mann trat entschieden gegen dieses Bedürfnis ein und fasste seine Überzeugung in dem Satz zusammen, dass „die Historie eine Kunst sei, die auf Kenntnissen“ beruhe2. Natürlich darf man sich die Frage stellen, von welchen Kenntnissen Mann sprach, woher diese kommen und schließlich, was mit ihnen erreicht werden soll.

Geht man diesen Fragen grundlegend nach, dann landet man zwangsläufig bei den Theorien des Strukturalismus bzw. des Dekonstruktion3. Denn alle Kenntnis eines Menschen basieren immerhin auf der Konstruktion seiner Umwelt, seinen Erfahrungen, seiner Vorstellungskraft und den äußeren Einflüßen, die ihn prägten. Der Mensch ist immer nur in der Lage, dass wahrzunehmen, was er wahrnehmen kann, nicht mehr, wenn auch auch durchaus weniger. Alles, was er durch seine ihm angeborenen Sinne, seinen Intelligenz oder unter Zuhilfenahme von Maschinen erfassen kann, ist in der Lage, sein Weltbild zu prägen.

Damit ist aber auch klar, dass es einen Bereich der Welt geben muss, denn der Mensch nicht erfassen kann, weil es seine biologischen, technischen oder auch intellektuellen Fähigkeiten übersteigt. Ein einzelner Mensch kann somit gar nicht alles wissen, was er wissen muss, um eine richtige Entscheidung zu treffen. Er blendet daher aus bzw. muss notgedrungen ausblenden, was auf den ersten Blick als unnötig erscheint. Am eindringlichsten ist das im der Bildsprache eines Steven Spielberg, der in dem wenig geschätzten vierten Teil der Indiana-Jones-Reihe die Protagonistin seines Helden am Ende explodieren lässt, weil sie das gesammelte Wissen der Dimensonsreisenden aufsaugen will, es aber nicht kann und darin schließlich auf spektakuläre Weise stirbt4.

Der Begriff der Theorie ist innerhalb der Wissenschaften erfunden worden, um sich auf eine Fragestellung zu fokussieren, damit der Forscher nicht dasselbe Schicksal erleiden muss wie Agentin Spalko. Er ist so in der Lage eine Fragestellung zu erarbeiten und dafür störenden Balast beiseite zu schieben. Dass das dabei entstehende Ergebnis nicht einer absoluten Wahrheit entspricht, ist klar und deutlich und sollte jedem Wissenschaftler bewusst sein. Seine Theorie ist nur in sofern wahr, als dass sie im vorgegebenen Rahmen funktioniert, außerhalb dieses Rahmens aber nicht.

Außerhalb des akademisch-wissenschaftlichen Systems sind diese Feststellungen schwer nachzuvollziehen. Denn, wenn alles das, was ein Mensch in seinem Leben an Eindrücken sammelt und an Entscheidungen trifft, nur auf einer banalen Abschätzung eines Bruchteils dessen beruhen, was er in der Lage ist zu erkennen und zu wissen, er gar nicht in der Lage sein kann, alles zu wissen und in seine Entscheidungen mit einzubeziehen, dann sind alle Entscheidungen, die er getroffen hat, auf einer Grundlage getroffen worden, die im strengen Sinne nicht ausreichend war. Daraus muss er so den Schluss ziehen, dass alle Entscheidungen, die je von ihm getroffen worden sind, in irgendeiner Art und Weise falsch sein gewesen sein müssen. Kommt eine solche Erkenntnis, kann es zu einer tiefen Krise führen. Daher lebt der Mensch, indem er diese unschöne Erkenntnis ausklammert und Entscheidungen einzig auf Basis dessen trifft, was er weiß und erkennen kann. Die sorgfältigeren unter ihnen suchen und recherchieren nach vielen Variablen, die weniger sorgfältiger entscheiden kurzfristig „aus dem Bauch heraus“.

Innerhalb der Geschichtswissenschaften gibt es aus dieser wissenschaftstheoretischen Sicht gesehen zwei große Ansätze. Zum einen einen traditionellen positivistischen Ansatz, bei dem sich ein Historiker Quellen ansieht, deren Inhalt vor dem jeweiligen Zeithorizont interpretiert und daraus eine Erzählung macht, die er zu Papier bringt, fokussiert auf eine Fragestellung die einfach nur darin bestehen kann, eine Biographie zu erstellen, die Geschichte einer Stadt, einer Region oder einer Epoche zu erzählen.

Auf der anderen Seite gibt es jene Historiker, die einen solchen Ansatz ablehnen und eine solche Meistererzählung unterwandern wollen. Sie fokussieren sich dann zwar auf dieselben Quellen, untersuchen aber nicht das eigentlich in ihnen beschriebene Geschehen, sondern die Form und Nebenhandlungen, um etwa die Stellung der Frau herauszuarbeiten, Abhängigkeitsprozesse zu analysieren oder Muster in Handlungen zu erkennen.

Man kann dieses Vorgehen Strukturalismus nennen, ohne diesem großen philosophischen Wort gerecht zu werden, vor allem aber ist auch dies im gewissen Sinne nichts anderes als eine positivistische Vorgehensweise, nur dass sie sich eben nicht eine (positive) Entwicklungsgeschichte setzt, sondern auf die Dekonstruktion derselben. Aber eine Geschichte der Frau in den ländlichen Regionen Südpolens, eine Dissertation zur sozialen Zusammensetzung von Tierschutzvereinen im 19. Jahrhundert oder eine kritische Analyse von Apartheitsregimen im frühneuzeitlichen Afrika ist in erster Linie eine Erzählung, die dann in einem weiteren Teil hinterfragt werden kann.

Was aber, wenn den Autor einer Arbeit dieser kritische Ansatz gar nicht interessiert? Was, wenn er in erster Linie nur wissen möchte, was eigentlich passiert ist, nicht welche gesellschaftlichen Faktoren die Ursache bilden? Was, wenn er ohne soziologisches Interesse ist und deswegen sich einzig auf die Fakten konzentrieren möchte, ohne irgendwelche Diskurse einzubeziehen? Wenn ihn also der ganze geschichtsphilosophische Aspekt einer solchen Arbeit nicht interessiert, er aber dennoch das Bestreben hat, sein Fach, das er ja deswegen studiert hat, weil er eine intrinsische Motivation spürte, das dies sein Fach ist, weiterbringen möchte, ohne sich gleichzeitig mit den unterschiedlichsten anderen Fächern beschäftigen zu müssen, die ihn ja nicht interessieren?

In einem solchen Fall arbeitet er positivistisch und es gebührt einem positivistischem Forscher derselbe Respekt, wie einem an weit greifenden Theorien gelegenen Forscher. Er tut es für sein Fach und das ist anzuerkennen.

1Vgl.: Kocka, Jürgen/Nipperdey, Thomas (Hg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979.

2Vgl.: Mann, Golo: Plädoyer für die historische Erzählung, in: Ebd, 53.

3Beide Begriffe bezeichnen zwar unterschiedliche Dinge und Strömungen in unterschiedlichen Disziplinen, gehen aber beide in gewisserweise davon aus, dass Werte, Texte, Kunst und Überzeugungen konstruiert sind. Die Aufgabe beider Strömungen ist das Aufzeigen dieser Strukturen bzw. das Dekonstruieren derselben.

Zwei Gelehrte des Mittelalters

Isidors von Sevilla Etymologiae – Die Wikipedia des Mittelalters

Wer heute etwas nachschauen will, der sucht in der Wikipedia und wird dort in den meisten Fällen fündig. Wer im Mittelalter etwas nachschlagen wollte, musste sich durch die Etymologiae, ein Werk des frühmittelalterlichen Bischofs Isidor von Sevilla arbeiten, der sich in der Zeit der Völkerwanderung daran gemacht hatte, das antike Wissen vor dem Vergessen zu retten.

Isidor von Sevilla entstammte einer großen spanisch-römischen Familie, die von den Goten gegen Ende des 6. Jahrhunderts aus ihrem Heimatort vertrieben wurde. Isidor folgte im Jahre 600 als Bischof von Sevilla seinem Bruder Leander nach. Durch dieses Amt wurde er zum Ratgeber von Sisebus, dem König des Westgotenreichs, der ihn bat ein Nachschlagewerk zu schreiben.

Dieses Werk, das insgesamt zwanzig Bücher umfasst, beinhaltet Wissen aus den Bereichen Grammatik, Rhetorik und Mathematik. Darüber hinaus findet man Einträge zu Medizin, zu den geistlichen Wissenschaften sowie zu Naturkunde, Kosmologie und Technik.

Formal sind die einzelnen Einträge immer gleich aufgebaut. Jeder Begriff wird zunächst auf seinen Wortursprung zurückgeführt. Diese Herleitung aus der Wortgeschichte führte zu dem Namen des Lexikon, der Wortherkunft bedeutet. An diesem Ansatz ist bereits ersichtlich, dass Isidor ein Freund der lateinischen Sprache und vor allem ihrer Grammatik war. Sie bildet für ihn die Grundlage des Denkens und damit allen Wissens, das er in seinem Etymologiae versammeln wollte. Anders als heute war sein Lexikon nicht alphabetisch sortiert.

Wer bei Isidor etwas über Hunde erfahren wollte, der schlug zunächst im Buch über Tiere nach, suchte den Abschnitt über Wildtiere, arbeite sich bis zum Wolf durch und fand dort dann dessen domestizierten Verwandten, über den er erfuhr, dass sich das lateinische Wort canis eventuell vom Wort cantare für singen ableite. Danach las er von empirischen Belegen dafür, dass Hunde die schlausten Tiere seien, weil sie alleine auf ihren Namen hören würden. Schließlich beendet ein Verweis auf die Naturgeschichte des römischen Autoren Plinius, der im 1. Jahrhundert n. Chr. lebte, den Eintrag.

Trotz dieses für heutige Augen ungewohnten Vorgehens erfreute sich die Etymologiae im Mittelalter großer Beliebtheit. So existieren bis heute über 1000 Handschriften und der erste Druck von 1472 erfuhr bis 1530 zehn Auflagen.

Papst Silvester II. – Der beste Mathematiker seiner Zeit

Wen bittet ein Kaiser eigentlich um Nachhilfe in Mathematik? Und welcher Lehrer kann eine solche Bitte ablehnen? Kaiser Otto III. bat 996 Gerbert, den Erzbischof von Reims, um diese Art von Hilfe. Die Antwort des Bischofs fiel höflich aber direkt aus, denn ein Kaiser mit griechischen Vorfahren benötige seine Hilfe sicher nicht. Warum aber bat der Kaiser gerade diesen Mann um Hilfe?

Gerbert war kein gewöhnlicher Kleriker. Seine bemerkenswerte Intelligenz sorgte recht früh dafür, dass er gefördert wurde. Obwohl er aus sehr einfachen Verhältnissen kam, hatte er so die Möglichkeit in Katalonien zu studieren. Dieser Aufenthalt war prägend für Gerbert, denn nur auf der iberischen Halbinsel konnte er früher als andere Europäer mit dem antiken Wissen der Griechen in Kontakt kommen. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass er sich vor allem in den mathematischen Fächern auszeichnete. Dabei waren es weniger die Musik und die Geometrie, die sein Interesse weckten, sondern vor allem die Arithmetik und Astronomie, in der er es zu einer wahren Meisterschaft brachte. So konnte er ohne Probleme einen Abakus für das Rechnen von arabisch-indischen Zahlenmodellen nutzen, baute einen Globus nach antikem Vorbild nach, konstruierte Fernrohre zur genaueren Beobachtung des Himmels und schuf einen Sternhöhenmesser.

Obwohl er durch diese Tätigkeit sehr berühmt wurde, sind lediglich ein paar Texte von ihm selber mit naturwissenschaftlichem Inhalt erhalten. Das lag aber keinesfalls daran, dass er nicht in der Lage gewesen wäre, sich vorzüglich auszudrücken. Auch in der Rhetorik war Gerbert äußerst bewandert. Die Verbindung von mathematischem Geist und rhetorischem Geschick war es wohl, die ihm die Bewunderung des jungen Kaisers Otto III. einbrachte. Obwohl Gerbert den Wunsch des Kaisers ablehnte, diesen zu unterrichten, blieben sich beide so verbunden, dass Gerbert durch seine Hilfe 999 als Silvester II. Papst werden konnte und dies bis zu seinem Tod 1003 blieb.

Seine Liebe zu mathematischen und astronomischen Fragestellungen brachte aber nicht nur Ruhm und Ehre. Später wurde ihm daher angedichtet, mit dem Teufel im Bunde zu sein. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich Walther von der Vogelweide, der in diesem gebildeten Mann nur den bösen “zouberaer Gerbrechte“ sah.

Schule im Mittelalter

„Non scholae sed vitae discimus“

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lerne man, wussten die alten Römer. Diese Erkenntnis blieb auch im Mittelalter erhalten – auch wenn sich das Schulwesen innerhalb seiner 1000 Jahre oftmals veränderte. Eines aber ist klar: Die mittelalterliche Schule war kein Ort ausschließlich für Adel, Männer oder zukünftige Kleriker.

Zu Beginn des Mittelalters hatte es für die Schulen schlecht ausgesehen. Die frühen Christen waren sich keinesfalls einig darin, ob der Besuch der Schule für sie sinnvoll sei. Während einflussreiche Kirchenväter wie Augustinus dazu aufforderten, den Glauben wissenschaftlich zu untermauern, vertrat Papst Gregor der Große die Meinung, dass der Glaube alleine vollkommen ausreichend sei. Letztlich aber setzten sich die Befürworter durch. Diese Entwicklung folgte dabei jedoch weniger einer reinen Überzeugung, als vielmehr einem ganz praktischem Aspekt. Denn auch wenn man davon überzeugt war, dass die meisten Gläubigen keine Bildung brauchten, so stand außer Frage, dass die Kleriker für ihre Aufgabe eine Schule benötigten. Es war daher dringend nötig, den klerikalen Nachwuchs zu unterrichten. Vor allem die Männer- und Frauenklöster spielten dabei eine entscheidende Rolle. Diese forderten von ihren Mitgliedern immerhin lebenslange Treue. Um diese garantieren zu können, sollten die Schüler schon als Kinder mit der Klostergemeinschaft vertraut gemacht werden. Parallel dazu entwickelten sich für den Pfarrberuf an den Bischofsitzen die Kathedralschulen. Ab dem 12. Jahrhundert kamen die Pfarrschulen hinzu, in denen die Pfarrer einfacher Kirchen die Kinder des Kirchspiels unterrichteten. Dazu gehörten auch die Kinder von Bauern und Handwerkern.

Von Anfang an waren auch solche Schüler zugelassen, die nicht Pfarrer werden sollten. Grund dafür waren die weltlichen Machthaber. Vor allem Karl der Große und seine Nachfolger bauten in ihren Reichen die Verwaltung aus und benötigten dafür Menschen, die des Rechnens und Schreibens mächtig waren. Diese wurden zunächst ebenso in den kirchlichen Schulen ausgebildet.

Dort wurde strikt zwischen dem klerikalen Nachwuchs und den weltlichen Schülern unterschieden, die keinerlei Kontakt haben durften. Für alle Fächer hatten die Unterrichtsgruppen, die etwa zehn Schüler umfassten, einen einzigen Lehrer, der alle Fächer unterrichtete. Als Lehrmittel gab es ein Buch, Bilder kamen erst im Verlauf des Spätmittelalters hinzu. Ausnahmen von dieser Regel gab es nur selten. Für den naturwissenschaftlichen Unterricht konnte in wenigen Schulen auf Modelle zurückgegriffen werden. Der Lehrer saß erhöht und unterrichtete frontal. Jeder Schüler hatte seinen eigenen Platz. Wer sich nicht an die aufgestellten Regeln halten wollte, bekam Stock oder Rute zu spüren.

Der Unterricht in den Pfarrschulen beschränkte sich vor allem auf einige elementare Kenntnisse. Schreiben, Lesen und Rechnen waren dabei ebenso wichtig, wie die Fähigkeit, die Psalmen und einige Gebete auswendig zu können. In den größeren Städten wurde oftmals vertiefende Kenntnisse der Grammatik, Dialektik und Rhetorik gelehrt. Die mathematischen Fächer wurden nur in traditionsreichen Schulen, etwa in Reims, gelehrt.

Die Spezialisierung innerhalb von Verwaltung, Regierung und Wirtschaft führte im Spätmittelalter zur Gründung weltlicher Schulen, in denen berufsspezifische Inhalte unterrichtet wurde. Hier wurde wesentlich mehr Wert auf die mathematische Ausbildung gelegt, um Handel zu betreiben oder Steuern berechnen zu können.

So kam es, dass innerhalb des Mittelalters die Alphabetisierungsrate von etwa zwei Prozent zum Beginn des Mittelalters auf ein gutes Drittel zum Ende des Mittelalters angestiegen war. Leser und Schreiber fanden sich dabei in allen sozialen Schichten und bei beiden Geschlechtern. Die Selbstverwaltung in den Hofgerichten machte es beispielsweise im Rheinland dringend erforderlich, dass auch die Bauern in der Lage waren, Protokolle zu schreiben und zu lesen, während sich Erasmus von Rotterdam zur selben Zeit über ungebildete Äbte lustig machen konnte.