Die Seenotrettung und die Abschottung Europas

Kapitänin Rackete ist eine Heldin! Sie hat Menschen vor dem sicheren Tod gerettet. Das ist die Definition einer Heldin. Sie ist aber auch ein Mensch. Und als solcher hat sie persönliche und politische Gründe zu tun, was sie tat.

Irgendwo habe ich gelesen, ihr Vater sei bei einem Waffenhersteller oder -händler oder etwas in dieser Art angestellt. Dort mag sich das persönliche Motiv verbergen, hier eigene Schuld abzutragen. Oder es ist einfach nur der Wunsch, moralisch richtig zu handeln, wenn Menschen gerettet werden müssen.

Die politische Ebene ist dabei viel interessanter. Gemeinhin wird diese eher auf Seiten von Racketes Gegenpart, des Antihelden Salvini, in den Vordergrund gestellt. So geht dann auch das Narrativ: es steht die moralische Überlegenheit gegen die rechtspopulistischen Ansichten eines Innenministers.

Allein: Narrative sind Fiktion. Da wird immer irgendetwas ausgeblendet, während etwas anderes an Licht geholt wird. Moral im Licht, politische Interessen von Seawatch im Schatten.

Was sind die politischen Interessen? Es geht um offene Grenzen! Und es geht wohl auch ein bisschen darum, die italienische Regierung zu ärgern. Warum geht es um Grenzen? Unterstützer und Mitglieder von Seawatch vertreten, so hörte ich es neulich im SWR2-Forum, eine Politik der offenen Grenzen. Das tue ich auch. Offene Grenzen sind eine tolle Sache – so lange sie zwischen Ländern existieren, die eine einigermaßen gleiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung haben. In allen anderen Fällen gibt es Probleme.

Bei diesen Problemen geht es weder um Rasse noch um Kultur, es geht bei um erlerntes Verhalten. Einer meiner Schüler aus Syrien erzählte mir, in Syrien herrsche die Arbeitseinstellung vor, dass man dann arbeiten würde, wenn man Geld bräuchte. Dann würde man ein paar Wochen richtig hart und viel arbeiten und dann den arbeitenden Lohn für eine etwas längere Zeitspanne verprassen, bis es wieder von vorne losginge. Geld brauche man vor allem für Gesundheit, weil es keine gesetzliche Krankenkasse gebe, Wohnung, wobei man fast immer in Eigentum lebe, und Nahrung, die, da aus einheimischer Produktion, recht günstig sei.

Durch den Krieg kommen solche Menschen nun in ein Land, in denen ihnen qua Gesetz eine Krankenversicherung und eine Wohnung bezahlt werden, dazu kommt Geld für Leben und Kinder. Die Ansprüche dieser Menschen sind recht gering. Sie haben hier in Deutschland nun alles, was sie zum Leben brauchen. Aus welchem Grund, sollte man mehr wollen? Aus welchem Grund sollte man sich anstrengen, diese furchtbare Sprache zu lernen? Warum sollte man arbeiten gehen?

Eine solche Haltung ist ein Problem für eine Gesellschaft, die dieses richtige und wichtige Wohlfahrtssystem aus Arbeit finanziert.

Über kurz oder lang bleibt die Hoffnung, dass ihre Kinder sich den hier gültigen Standards anpassen, und ich kann als Lehrer der Eltern und auch ihrer Kinder sagen, dass dies in ganz vielen Fällen gelingt. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als wenn eine aus Syrien stammende Schülerin nach gefühlt 1000 Versuchen ohne Fehler ein Wort wie eintausenddreihunderfünfundsechzig aussprechen kann und sie sich selber darüber freut, als gebe es keinen Morgen mehr.

ABER: Bis die Kinder soweit sind, werden ein paar Jahre vergehen. In dieser Zeit wird es Probleme geben zwischen den Erwachsenen. Und leider gibt es auch die Arten von Kindern, die sich lieber am Leben ihrer Eltern orientieren als an der Schule.

Wer nicht vor Krieg flüchtet, flüchtet oftmals, weil die Perspektiven in seiner Heimat aussichtslos sind. In der Demokratischen Republik Kongo kenne ich einen gut ausgebildeten jungen Mann. Landesweit hat er den drittbesten Universitätsabschluss seines Jahrgangs gemacht. Er wohnt zu Hause bei seinen Eltern mit seinen fünf Geschwistern. Er ist der älteste Bruder, hat keine Arbeit, lebt von Gelegenheitsjobs, die nichts mit seinem Abschluss zu tun haben und versäuft das Geld abends auf Partys. Er und seine Familie gehören zur Mittelschicht, haben wenig bis keine Kontakte und so ist seine Aussicht auf Erfolg gering. Von solchen Menschen gibt es viele. Sind diese durch Familie ein wenig besser gestellt, machen sie sich auf den Weg in andere Länder. Für das Afrika jenseits der Sahara gehören dazu oft Länder wir Südafrika, Namibia oder Kenia, Länder mit wirtschaftlicher Prosperität, für Länder weiter nördlich, ist Europa aber eine Option. In beiden Fällen geht den Heimatländern eine große und wichtige Gruppe an Menschen verloren, was auf deren Entwicklung langfristig kaum positive Auswirkungen haben dürfte.

Mit anderen Worten: Offene Grenzen zwischen Ländern mit unterschiedlicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung fördern Migration von einer auf die andere Seite, was sowohl für die aufnehmende Seite zu (hoffentlich nur kurzfristigen) Problemen führt, für die Seite, aus denen Menschen fliehen, zu (hoffentlich nicht langfristigen) Problemen führt. Offene Grenzen sind daher nur für Länder wichtig, die eine einigermaßen gleiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung durchgemacht haben und auf dem gleichen Stand sind. So weit sind wir noch lange nicht!

Menschen aus Seenot retten, ist Pflicht. Sie nach Europa zu bringen, ist daher nicht unbedingt notwendig. Oder?

So einfach ist es dann auch wieder nicht. Warum muss es Europa sein? Die Küstenwache von Libyen ist doch unterwegs, um zu retten und die Menschen an Land zu nehmen. Das Probleme: Libyen ist kein Land mehr! Seit dem Sturz Gadaffis (unter Federführung von Hillary Clinton!) ist das Land destabilisiert, es ist geteilt in verschiedene Regionen und Regierungen. Eine gemeinsame europäische Verständigung zum Umgang mit diesen libyschen Regierungen gibt es nicht. So paktiert Italien mit der einen, Frankreich mit der anderen. Derweil werden die Menschen, die aus dem Süden Afrikas in Libyen landen unter furchtbaren Bedingungen fest gehalten. Sie sitzen in Kellern fest, die privaten Gefängnisse gleichen Lagern, zum Teil droht Versklavung. Dahin möchte man sicher nicht zurück.

Hinzukommt, dass die Menschen, die flüchten, nicht zurück können. Die Aufgabe Libyens besteht im Prinzip darin, die auf See geretteten, wieder in ihre Heimatländer zuschicken. Aber dort erwartet die meisten ein neues, riesiges Problem. Da auf Ihnen die Hoffnungen ihrer Familienangehörigen ruhten, diese Geld für sie ausgegeben und Schulden gemacht haben, ist eine Rückkehr bei vielen mit sozialer Isolation gleichzusetzen. Mit diesen Verlieren will man nichts zu tun haben. So sterben sie, nicht auf dem Mittelmeer, aber den sozialen Tod – der oft schlimmer ist als der wirkliche.

Nordafrika ist für die Geflüchteten keine Option. Europa muss es sein.

Aber warum Salvinis Italien? Salvini handelt wie er spricht. Das macht ihn in einer Gesellschaft, in der Worte mehr zählen als Taten, und in so einer Gesellschaft leben wir (Glauben Sie nicht? Wie viele Stunden verbringen Sie in ihrer Arbeit in Meetings, deren Gehalt in Protokollen wieder gegeben wird, die von niemandem gelesen werden und deren Ergebnis niemanden interessiert? Wie viel Stunden verbringen Sie tatsächlich mit Arbeit,an deren Ende ein Produkt oder zufriedener Kunde steht?), sind Salvinis Äußerungen unerträglich. Dabei spricht er nur das aus, was in den Ländern der europäischen Union gemacht wird. Salvini ist im Narrativ der Seenotrettung der ideale Antagonist. Bart, offenes Hemd, er sieht schon aus wie der klassische Italo-Macho. Denn muss man einfach ärgern. Deswegen ist es immer wieder Italien, das zum Ort der Auseinandersetzungen wird. Laut der Sendung Panorama hat Rackete probiert neben Italien auch Malta, Frankreich, Spanien und die Niederlande um Anlegeerlaubnis zu bitten. Keiner hat geantwortet! Deutschland hat sein icht gefragt. Hätte sie mal. Die im Nachhinein getätigten Aussagen der Regierungsmitglieder von Maas, über die Kanzlerin bis hin zu Seehofer bestätigen doch: Hier wären die 40 Leute gerne aufgenommen worden. Immerhin sind ja alle entsetzt, über das, was dort passiert ist.

Mit Verlaub, das ist schlicht Unsinn. Wenn Rackete nun von Frankreich eine Auszeichnung bekommt, weil sie sich gegen Salvini gestellt hat, während Frankreich nicht geantwortet hat und einen Hafen geöffnet hat, dann ist das eine einzige Heuchelei.

Wenn die Deutschen davon reden, dass das Sterben aufhören muss, dann spricht hier ein Land, das in seinem Aufenthaltsgesetz Ehegatten vor Visaerteilung zwingt eine der schwersten Sprachen der Welt zu lernen, und so die legale Ausreise erschwert. Kurz: In der europäischen Union wird geheuchelt ohne Ende.

Will man das Sterben im Mittelmeer verhindern, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Europa kümmert sich darum, dass es den Ländern aus denen geflüchtet wird, besser geht, so dass nicht mehr geflüchtet wird, oder sie machen die legale Einreise möglich.

Ersteres bedeutet nicht unbedingt die Ausgaben für Entwicklungshilfe zu erhöhen. Deren Konzept gilt gemeinhin als gescheitert. Es bedeutet einen intensiven Austausch von Menschen zu fördern, Europäer mit Knowhow nach Afrika zuschicken und andersherum gut ausgebildete Afrikaner in Europa aufzunehmen, von denen Europa kulturell und wirtschaftlich profitieren kann. Zweitens bedeutet, die Angst vor dem Fremden endlich beiseite zu schieben und vor allem bedeutet es, dass man als Politiker nicht probiert, rechten Parteien die Wähler dadurch wegzunehmen, in denen man deren Themen übernimmt. Es gilt nicht mehr zu analysieren, warum rechts gewählt wird, es gilt die Analysen zu lesen und zu reagieren. Dabei zeigt sich, dass es nicht um Rassismus geht, sondern um Lebensqualität. Wer Dörfer ausbluten lässt, vor Ort Straßen und andere Infrastruktur vergammeln lässt, der muss sich nicht wundern, wenn die Menschen gegen das Etablierte vorgehen.

International muss der afrikanisch-europäische Austausch forciert werden, national muss es Programme geben, Heimat wieder attraktiv zu machen. Wenn wir das ganze dann auch noch CO2-neutral hinbekommen – perfekt.

Probleme der internationalen Fischereipolitik und Lösungsansätze

Vor einigen Jahren war in den Nachrichten öfter von dem Geisterschiff „Lyubov Orlova“ zu lesen, das sich auf die irische Küste zu bewegt. Im Besitz eines Reeders, der es Abwracken lassen wollte, sollte es von Kanada aus zunächst in die Dominikanische Republik gebracht werden. Der Transport gestaltete sich aufgrund mangelnder Schleppinstrumente als fatal, das Schiff löste sich, wurde erneut eingefangen, aber in internationalen Gewässern von den Schleppschiffen abgehangen und treibt nun auf dem Atlantik mit nicht bekanntem Kurs Richtung Europa (Sietz 2013: 9).

Die kleine Geschichte hat nichts mit Fischerei zu tun. Das Schiff ist ein kleines Kreuzfahrtschiff und somit nicht einmal ein Fischerboot. Dennoch macht sie deutlich, welches politische Problem mit dem Meer verbunden ist. Ab einem gewissen Zeitpunkt hört die politische Zuständigkeit einzelner Länder auf. Das macht das Meer zu einem Ort, in dem ordnungspolitische Maßnahmen, die an Land greifen können, nicht funktionieren. Dieses stellt das erste und wichtigste Problem auch für die Fischereipolitik dar, denn was für das Meer als Ganzes gilt, gilt im Prinzip auch für seine
Bewohner. Fischschwärme sind national unabhängig, wem sie ins Netz gehen, ist daher von zufälliger Natur.

Diese Unbestimmtheit ist ein generelles Problem im Umgang mit natürlichen Ressourcen. Dennoch hat der Mensch von Anbeginn Mittel und Wege gefunden, dieses zu umgehen. Üppige Kornernten wurden gespeichert und für schlechte Zeiten verwahrt (Gen. 41, 25-36), Tiere wurden gezähmt und gezüchtet, um ihrer Habhaft werden zu können. Am Anfang menschlicher Zivilisation steht so die versuchte Beherrschung der Natur. Dem entzieht sich das Meer als für den Menschen nahezu
lebensfeindlicher Ort.

In diesem Bewusstsein muss jeder Seefahrer für die an Land gebliebenen ein Held sondergleichen sein, was wiederum dem Seefahrer bewusst ist. So wird auch der Beruf des Fischers, der das Meer nicht nur bezwingt, sondern ihm auch noch für den Menschen wichtige Lebensmittel entnimmt, zu einer Institution, die bewahrt wird, weil sie ein Hort der Ursprünglichkeit und des ewigen Kampfes des Menschen gegen die Umwelt ist (Griffin 2013: 35f.; Nellen/Dulcic 2008: 8ff.).

Dieser Umstand wird auch nicht dadurch gemindert, dass seit dem Ende des zweiten Weltkriegs die Fischerei zunehmenden industrialisiert wurde und uralte Probleme wie die Haltbarkeit zur See durch Tiefkühlbunker an Bord gelöst sind (Tardent 2005: 276). Vielmehr sorgte diese zunehmende Beherrschung des Elements für höhere Ausbeute bei den Fischzügen, was jedoch weltweit zu einem Problem mit den Fischbeständen führte, wie das Beispiel des Kabeljaus vor der grönländischen Küste zeigt. Trotz guter Umweltbedingungen waren die Fangerträge rückläufig, was mit einer qualitativen Steigerung der Fischereiindustrie zusammenhing (Stein 2011: 267f.). Die in den letzten dreißig Jahren festgestellte Veränderungen des Klimas, die nach Mehrheitsmeinung auch vom Menschen gemacht ist, führte zudem zu einer Versauerung des Meeres, was auf die Fischbestände Auswirkungen hat, da die Fische nun mehr mehr Energie in die Ausscheidung des CO2-Gehalts im Wasser verwenden müssen. (Jarchau et al 2009: 36; Pauly/Cheung 2011: 263).

Dennoch wird das Selbstbewusstsein der Fischer durch solche Einschränkungen kaum erschüttert. Damit ist ein weiteres Problem deutlich gemacht. Jegliche politisch gewollte Veränderung im Bezug auf Fischfangquoten wird durch die laute Stimme der Fischer entkräftet oder zumindest marginalisiert, stehen doch mit einer nachhaltigen Eingrenzung des Fischfangs durch Fangquoten Arbeitsplätze auf dem Spiel. Zudem könne eine national eingerichtet Quote, in den Augen der Fischer, zwar auf sie selber Auswirkungen haben, habe aber keine auf ausländische Kollegen, die die Pause der Einheimischen nützten, um ihrerseits in den ihnen nicht zustehenden Gewässern zu
fischen (Griffin 2013: 36).

Das Argument der Arbeitsplätze, deren Fehlen sich immer negativ auf internationale Vergleiche und nationale Wahlergebnisse (für Amtsinhaber) auswirkt, sorgt vielfach für eine eingeschränkte Art des Denkens, dem nicht mit ökologischen oder wissenschaftlichen Argumenten bei zukommen ist (Stein 269). Das zweite von den Fischern oftmals vorgebrachte Argument kann im Zuge supranationaler Organisation bezwungen werden. Innerhalb der Europäischen Union existiert dafür sogar das Instrument der Common Fisheries Policy (CFP), das jedoch daran krankt, dass neben verfehlten biologischen, ökologischen und auch rechtlichen Verfehlungen hier erneut von politischer Seite eher national als supranational agiert wird (Khalilian et al. 2010: 1181f.).

Im Zuge einer Liberalisierung von Zuständigkeiten sind gerade in Zeiten globaler Märkte die betroffenen Industriezweige gefragt, mit Ideen und Lösungen aufzutreten. Dabei muss nicht nur im Sinne eine Marketingkampagne gedacht werden, die sicherlich auch mitspielt, sondern auch im Sinne eines betriebswirtschaftlichen Handelns, das sich seiner Rolle in der Gesellschaft bewusst ist und daher bestimmt für eine nachhaltige Idee eintritt, die langfristig gesehen, auch dem Unternehmen selber nur nützen kann (Rüegg-Stürm 2002: 24ff.).

Es versteht sich von selber, dass ein Unternehmen selbst wenn es sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, anders agieren muss als ein von allen Bürgern getragener Staat. Ökologische Unterfangen sind Teil der Unternehmensstruktur, die durchaus nicht in allen Bereich zugänglich gemacht werden können, möchte das Unternehmen nicht der Konkurrenz Tür und Tor öffnen. Daher kann nur mit eingeschränkter Transparenz und damit zusammenhängend Teilhabe (je mehr Leute etwas wissen, desto höher ist das Risiko der Veröffentlichung) agiert werden. Dennoch ist die Grenzziehung zwischen gesellschaftlicher Verantwortung, die sich in einer großzügigen Informationspolitik ausdrückt, und stellungsgefährdeten Veröffentlichungen sicher nicht so starr, dass auf Grundsätzliches verzichtet werden kann, wie es zur Zeit bei vielen privaten Fischereiinitiativen der Fall ist (Fuchs et al. 2011: 364f.).

Es wäre jedoch verfehlt, als Ausgangspunkt für die bisher geschilderte Problematik einzig das Selbstbewusstsein der Fischer verantwortlich zu machen. Andere Probleme kommen hinzu und sind teilweise mit den Fischern verbunden. Während etwa innerhalb der EU durch die CFP durchaus ein Ansatz probiert wird, supranational im Fischfang zu agieren, ist eine dort getroffene Entscheidung für Länder außerhalb der EU, die aber dennoch Anrainerstaaten von Meeren sind, die auch im Einflussbereich der EU liegen, nicht bindend.

Während aber mit Länder der westlichen Welt ohne Probleme über gemeinsame bilaterale Vertrage gesprochen werden kann, ist dies bei Ländern der Dritten Welt nicht unbedingt möglich. Fehlende staatliche Infrastruktur und Verwaltung kann zur Nichteinhaltung der Verträge durch einzelne Individuen führen, deren Verstoß zudem nicht geahndet wird. Solche Verstöße haben oftmals auch damit zu tun, dass bei dem Wegfall des Fischerberufs nicht nur ein Arbeitsplatz fehlt, sondern zusätzlich das einzige Einkommen oder die Verpflegung der ganzen Familie wegfällt.

Selbst die Einhaltung solcher Verträge kann aber negative Folgen für den einzelnen Fischer haben. Die Industrialisierung der Fischerei mag für den europäischen Fischer üblich sein, der westafrikanische Fischer jedoch kann sich solcher Maschinerie nicht bedienen. Die Fangquoten der vollindustrialisierten Schiffe sorgen für ein Ausbleiben des Fangs beim einheimischen Fischer, was die erwähnten Auswirkungen auf dessen Leben hat (Jarchau et al. 2009: 35). Abhilfe kann hier ein so genanntes Regional Advisory Council (RAC) schaffen, an dem alle betroffenen Gruppen ihren Anteil haben. Neben nationalen Fischereiverbänden nehmen auch Umweltschutzorganisationen, Kundenvertreter und andere Interessengruppen an einem solchen Konzil teil und probieren dort gemeinsame Lösungen für die Überfischung zu finden. Am Beispiel
des für die Nordsee zuständigen RAC zeigt sich jedoch, dass die Fischerverbände ein Gros der Teilnehmer ausmachen, was etwa eine demokratische Abstimmung gegen deren Interessen erschwert. Wissenschaftliche Teilnehmer, die festgefahrene Diskussionen durch empirische Fakten lösen könnten, gehören dem Rat gar nicht an (Griffin 2013: 44 ff.)

Dieser Umstand ist ärgerlich, wenn man bedenkt, dass das Wissen der Fischer oftmals sehr auf ihren persönlich-kollegialen Umkreis beschränkt ist. Darüber hinausgehenden Zusammenhänge zur Ökologie des Meeres, ökonomischen Auswirkungen, politischen Verwicklungen oder historische Zusammenhänge bleiben so außen vor (Griffin 2013: 36).
Dabei ist die historische Entwicklung von Fischerei und Fischerkultur durchaus hilfreich. So wurde bis in die achtziger Jahre davon ausgegangen, dass der Hering etwa niemals vom Aussterben bedroht sein könnte (Delort 1987: 232), eine Vorstellung, die sich als trügerisch herausgestellt hat (Jarchau et al. 2009: 33). Dennoch gab es auch in der Vergangenheit Stimmen, die bereits auf eventuelle Engpässe innerhalb des Fischbestands aufmerksam gemacht haben und Lösungen ersannen, um dem entgegen zu wirken, wie das Walther Herwig tat (Wegner 2012: 98ff.).

Wichtiger aber ist dennoch die naturwissenschaftliche Perspektive. Diese ist aber durchaus eingeschränkt. Die Tatsache, dass das Meer sich einer wirklichen Messung entzieht, bedeutet auch, dass die Fischereiwissenschaft nur auf statistische Erhebungen zurückgreifen kann, weil eine wahre Ziffer über Bestände nicht ermittelt werden kann (Tardent 2005: 278).

Diesem und anderen Problemen ließe sich leicht entgegentreten, bestünde die Möglichkeit, die der Mensch seit der Neolithischen Revolution für Haustiere nutzt: Die Zucht der Fische. Bei dieser etwa bei Lachs durchaus in Ansätzen erfolgreichen Alternative,, aber existieren andere Probleme.

So sind die Larven der Fische nicht nur extrem krankheitsanfällig, auch existiert kein Wissen darüber, was diese als Nahrung benötigen. Ohne dieses Wissen aber kann ein Zuchtprogramm nicht funktionieren, so dass sich etwa in Japan mit der Umgehung des Problems geholfen wird, Lösungen aber nicht gefunden werden (Tardent 2005: 282).

Da somit diese Möglichkeit ausscheidet, bleiben schließlich nur zwei Möglichkeiten, die Hand in Hand gehen müssen. Zum einen ist eine Rekrutierung der Fischbestände nötig, was durchaus mit einem temporären Fischfangverbot einhergehen kann und bei manchen Beständen sogar muss. Dabei ist auf das Wissen und die Expertise von Fischereiwissenschaftlern zurückzugreifen. Um ein weiteres Problem, das mit der Entscheidung für ein solches politisches Vorgehen einhergeht, zu lösen, ist es aber vor allem nötig, gleichzeitig ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen, das die Problem der Überfischung ernst nimmt. Einzig öffentlicher Druck scheint als Lösung des Problems
möglich, um das Netz der primären Interessenvertreter zu durchdringen. Dazu kann es schon reichen, wenn sich Prominente öffentlich engagieren (Griffin 2013: 40).

Letztendlich muss zudem eine Weiterentwicklung der Technologie vorgenommen werden, die nicht allein darauf abzielt, möglichst hohe Fischerträge zu fangen, sondern die Möglichkeit bietet, Fische qualitativ auseinander zuhalten. Besteht diese Möglichkeit, können Fischereiseasons ähnlich den verschiedenen Jagdsaisons angelegt werden. Damit wäre eine hervorragende kompromissfähige Möglichkeit gegeben, alle Interessen zu befriedigen. Nur der Kunde müsste sich einschränken.
Fisch gäbe es zwar immer, aber Matjes würde mal für ein Jahr wegfallen.

Literatur:

  • Delort, Robert (1987): Der Elefant, die Biene und der heilige Wolf. Die wahre Geschichte der Tiere, München: Hanser.
  • Fuchs, Doris, Agni Kalfagianni, und Tetty Havinga. 2011. „Actors in Private Food Governance. The Legitimacy of Retail Standards and Multistakeholder Initiatives with Civil Society Participation“. Agriculture and Human Values 28 (3): 353-367.
  • Griffin, Liza. 2013. Governance, Scale, and Power: A Case Study of North Sea Fisheries, London: Routledge.
  • Jarchau, Peter; Nolting, Marc; Wiegler, Kai (2009): Nahrungsquelle Meer. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 6-7/2009, S. 33-38.
  • Khalilian, Setareh; Froese, Rainer; Proelss, Alexander; Requate, Till (2010): Designed for Failure. A Critique of the Common Fisheries Policy of the European Union. In: Marine Policy 34 (6), S. 1178- 1182.
  • Nellen, Walter; Dulcic, Jakov (2008): A survey of the progress of man’s interest in fish from the Stone Age to this day, and a look ahead. In: Historisch-Meereskundliches Jahrbuch 14, S. 7-68.
  • Pauly, Daniel; Cheung, William L. (2011): Globale Prognosen der Auswirkungen der Erwärmung auf die Fischerei. In: Lozán, Jose L.; Graßl, Hartmut; Karbe, Ludwig; Reise, Karsten: Warnsignal Klima. Die Meere. Änderungen und Risiken, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen, S. 259- 264.
  • Rüegg-Stürm, Johannes (2002): Das neue St. Gallener Management-Modell. Grundkategorien einer integrierten Managementlehre. Der HSG-Ansatz, Bern: Haupt.
  • Sietz, Hennig (2013): Alles klar auf der „Lyubov Orlova“? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mai 2013, S. 9, online abrufbar: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geisterschiffe-alles-klar- auf-der-lyubov-orlova-12170146.html (04. Mai 2013).
  • Stein, Manfred (2011): Der Kabeljau und das Klima – Das grönländische Beispiel. In: Lozán, Jose L.; Graßl, Hartmut; Karbe, Ludwig; Reise, Karsten: Warnsignal Klima. Die Meere. Änderungen und Risiken, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen, S. 265-270.
  • Tardent, Pierre (2005) Meeresbiologie. Eine Einführung, Stuttgart: Thieme.
  • Wegner, Gerd (2012) Walther Herwig und der Fisch, in Mahn, Anne; Wegner, Gerd: Frischer Fisch und Heidekraut. Walther Herwig. Präsident der Klosterkammer Hannover und „Vater der Fischer“, Rostock: Hinstorff, S. 87-129.

Zur Geschichte der Überfischung

In den Artikeln und Studien, die zur Überfischung herausgebracht werden, wird oftmals davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Problem handelt, dass erst mit der Industrialisierung der Fischerei während des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Tatsächlich aber ist das Eingreifen des Menschen in Flüsse, Seen und Meere schon so alt, wie die Menschheit selber. Der Wunsch des Menschen aus den Gewässern mehr Fisch herauszuholen, als er alleine tatsächlich mit Route oder Speer erlangen kann, ist dabei mindestens genauso alt, was zahlreiche Funde aus der Altsteinzeit zum Fortschritt des Fischfangs belegen. Aus diesem Wunsch ergab sich nicht zuletzt der Beruf des Fischers selber.

Techniken, die darauf hinweisen, wie die Fangquoten erhöht werden sollten, finden sich bereits in den Schriften der antiken Gelehrten. So kann Aristoteles in seiner „Geschichte der Tiere“ Hinweise darauf geben, dass immer dann mehr Fische ins Netz gehen, wenn der Meeresboden vorher durcheinander gewühlt wurde, so dass beim zweiten Fang eine größere Menge an Fisch erreicht werden kann (vgl. his. ani. VIII, 15). Führt man sich diese Praxis vor Augen, ist bereits in der Antike davon auszugehen, dass Fischerbote mindestens zweimal in kurzer Zeit hintereinander das Netz auswarfen, um mehr Fisch als beim ersten Mal zu fangen.

Eine solche Praxis musste über kurz oder lang dazu führen, dass Fisch knapp wurde. Die Auswirkungen dieses Umstands kann dreihundert Jahre nach Aristoteles Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte aufzeigen, wenn er darüber klagt, dass ein Fisch mittlerweile soviel kosten würde, wie ein Koch (vgl. nat. his. IX, xxxi, 67). Dabei zeigt er eine Preissteigerung auf, die nahelegt, dass in früheren Zeiten Fisch nicht so teuer war wie zu seiner Zeit, so dass der hohe Preis eben nicht auf die generelle Schwierigkeit des Fischens selber, sondern auf eine Verknappung des Fisches zurückzuführen ist.

Vor allem der Fang von Hering war für die Menschen des Mittelalters von großer Bedeutung. Da sich in der Antike für das Mittelmeer bereits eine Verknappung des Fischs andeutete, wich man auf die Nord- und die Ostsee aus, von wo aus die gefangenen Fische gesalzen und getrocknet bis nach Italien gebracht wurden. Im Jahre 1394 jedoch kam es zu einen größeren Problem. Die Heringsvorkommen im nördlichen Teil der Nordsee waren erschöpft, nur im westlichen Teil fanden sich noch größere Mengen. Solche Vorkommnisse zwangen die Obrigkeit zu regulierenden Maßnahmen, wie etwa dem Fangverbot für Fisch zwischen Oktober und Februar. Bei Fangquoten von mehr als vier Millionen Hering allein in der französischen Stadt Dieppe, kann man sich vorstellen, wie viel Fisch jährlich an allen Küstenregionen Europas an Land gebracht wurde.

Das Meer jedoch war für die Menschen in Antike und Mittelalter immer mit großen Gefahren verbunden, obwohl man probierte es kulturell und politisch für sich zu vereinnahmen. Der überwiegende Teil der Menschen fischte daher nicht auf See, sondern probierte sein Glück in Teichen und Flüssen des europäischen Kontinents. Dabei wurden die Techniken weiter entwickelt und die einzelnen Berufsfischer recht erfolgreich. Zeitgleich stieg der Konsum von Fisch enorm. Für das 16. Jahrhundert sind daher einzelne Verordnungen übermittelt, die das Fischen in bestimmten Flüssen verboten. In Bayern etwa wurde 1553 das Fischfangen auf wenige Exemplare begrenzt. Dennoch wurden die Gewässer überfischt, mit zum Teil verheerenden Folgen bis in die heutige Zeit, schaut man etwa auf die Überfischung der Donau, in der keine Fische mehr existieren, die Strecken von mehr als 300 km zurücklegen können.

Um den Gefahren auf See zu entgehen und der gestiegenen Nachfrage nach Fisch nachzukommen, wurden im Bereich des Schiffbaus enorme Fortschritte gemacht. Die in den Niederlanden entwickelten Buisen sorgten für effektiveren Fischfang in der Nordsee und wurden daher schnell in die norddeutschen Regionen importiert, wo sie bis ins 19. Jahrhundert benutzt wurden.

2. Das Zeitalter der Industrialisierung – Die Probleme verschlimmern sich

Dennoch ist ein großer Einschnitt im Problem der Überfischung sicherlich mit dem 19. Jahrhundert zu machen. Die Einbindung der Dampfmaschine in die Schifffahrt führt zu einer sehr effektiven Nutzung von Schleppnetzen, die für den einzelnen Fischer eine enorme Ausbeute in kurzer Zeit bedeuteten.

Doch bereits in den 1850er Jahren wurden Klagen laut, dass sich traditionelle Fischereigründe erschöpft hätten, was gerade für die britische Fischerei dazu führte, weiter in die Nordsee zu fahren und dort zu fischen. Damit berührten sie jedoch die Fischgründe anderer Nationen, was zu internationalen Verwicklungen führte. Eine vom britischen Parlament eingesetzt Kommission entschied jedoch recht lapidar, dass der englische Fischer das Recht hätte überall, zu jeder Zeit und nach welcher Methode auch immer fischen zu können.

Die fortschreitende Industrialisierung beschränkte sich nicht nur auf Großbritannien. Die Buisen etwa wurden durch so genannte Logger abgelöst, die schneller waren und deren Einsatz durch die Dampfmaschine, die man ohne Problem an Bord nehmen konnte, noch gesteigert wurde.

Die wissenschaftliche Seite konnte mit dieser technischen Entwicklung nicht mithalten. Über Herkunft, Aufzucht und Paarungsgewohnheiten der zu fangenden Fische war kaum etwas bekannt, die Ichtyologie als akademische Wissenschaft war erst am Beginn ihrer Entwicklung, so dass die Probleme, die mit dem Leerfischen der Nordsee einher gingen, noch nicht umfassend gelöst werden konnten. Hinzu kam, dass vor allem die Wirtschaftszweige, für die der Fischfang ausschlaggebend war, die Fischwissenschaft förderten, so dass diese sich oftmals Zugunsten hoher Fangquoten aussprach, um ihre Finanzierung nicht zu gefährden.

Dieses Umstände führten schließlich zu einem Eingreifen der Obrigkeit. In Preußen war es vor allem der Ministerialbeamte Walther Herwig, der sich zunächst mit den Gewässen an Land beschäftigte und sich dort für Fangquoten einsetzte, dabei aber nicht die soziale Komponente der Arbeit für Fischer aus den Augen verlor. Seine Bemühungen waren so erfolgreich, dass er sich auch für die Hochseefischerei einsetzte und dabei die nationalen Grenzen hin zu einer internationalen Lösung zu überwinden suchte. Herwigs Netzwerk führte schließlich zur Gründung des ICES im Jahre 1902, in dem jährlich Statistiken über Fang und Nachwuchs der Fische veröffentlicht wurden, was in letzter Konsequenz zu den bis heute noch genutzten Quoten für bestimmte Fischarten führte.

Die praktische Umsetzung der Quoten jedoch war nicht immer möglich. So wurden in Grönland um das Jahr 1900 herum etwa 100.000 t Kabeljau gefangen, was fast zu einem Verschwinden des Fisches geführt hätte. Dennoch konnten sich die Bestände erholen. Der Grund dafür lag im Zweiten Weltkrieg. Während in der Zeit davor alle möglichen Nationen den Kabeljau vor Grönland einfingen, waren im Krieg selber die Gewässer nicht mehr sicher. Einzig die portugiesischen Doryfischer fischten in den Gebieten. Deren nachhaltige Technik des Fischens sowie das Fernbleiben vor allem der französischen und britischen Fischereiflotten, sorgten für eine Regenerierung des Kabeljau.

Literatur:

Blaas, K.: Aquakultur 2000. Österreichische Strategien zur Föderung der nationalen Fischproduktion, Wien: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft o.J.

Bolster, W. J.: The Mortal Sea. Fishing in the Atlantic in the Age of Sail, Cambridge: Belknap 2012.

Both, Frank: Mensch und Fischfang seit der Urgeschichte, in: Becker, P.-R./Beichle, U. (Ed.): Mensch, Fisch, Oldenburg: Isensee 2012, 19-32.

Delort, R.: L’Animaux ont une histoire, Paris: Seuil 1984.

Jarchau, P./Noltig, M./Wiegler, K.: Nahrungsquelle Meer, in APuZ 6-7, 2009, 33-38.

Lange, K.: Die technische Entwicklung der deutschen Hochseefischerei auf Hering, in: Historisch-Meereskundliches Jahrbuch (HMJ) 9, 2002, 41-56.

Lenz, W.: Die Überfischung der Nordsee – ein historischer Überblick des Konflikts zwischen Politik und Wissenschaft, in: HMJ 1, 1992, 87-108.

Mahn, A./Wegner, G. Frischer Fisch und Heidekraut. Walther Herwig, Rostock: Hinstorff 2012

Morus: Eine Geschichte der Tiere, Hamburg: Rowohlt, 1952.

Nellen, W./Dulcic, J: A survey of the progress of man’s interest in fish from the Stone Age to this day and a look ahead, in: HMJ 14, 2008, 7-68.

Reith, R.: Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, Munich: Oldenbourg 2011.

Stein, M.: Der Kabeljau und das Klima – Das grönländische Beispiel, in: Lozan, J.L./Graßl, H./Karbe, L./Reise, K.(Ed.): Warnsignal Klima. Die Meere, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen 2011, 265-270.

Die Bettelorden und heterodoxe religiöse Bewegungen im 13. und 14. Jahrhundert – Ihre Bedeutung als Konkurrenz zu den Katharern

I. Einleitung

Es muss wohl die Schuld F. Murray Abrahams sein, jenes oscarprämierten Schauspielers, der immer in Rollen schlüpft, die dem Zuschauer Angst und Bange werden lassen, dem Bösen dabei aber stets ein menschliches Gesicht gibt. Sein Bernard Gui aus Der Name der Rose war so eindringlich, dass immer, wenn von Inquisition gesprochen wird, irgendwann der Orden der Dominikaner, diese Hunde des Herren, genannt wird.

Und natürlich, Bernard Gui, eine Figur, die tatsächlich existierte, war wahrhaftig ein Inquisitor, was sich durch sein Hauptwerk hervorragend belegen lässt. Seine Practica inquisitionis heretice pravitatis ist, um hier den ersten Editor des Werkes, Célestin Douais, zu zitieren „un document d’une importance capitale pour l’histoire de l’inquisition“. Zahlreich sind die Beispiele, die er anführt, um den Inquisitionsprozess zu beschreiben. Allein; als er 1307 zum Inquisitor von Toulouse ernannt wurde, nahm er diese Aufgabe kaum wahr und ließ sich meistens vertreten.

Das Œuvre dieses Mannes jedoch zeigt weitaus mehr. Heiligenlegenden schrieb er ebenso wie eine Universalgeschichte bis hinein in seine Zeit, daneben noch zahlreiche kleiner Werke über die Geschichte der Klöster und des Dominikanerordens selbst. So rückt er in den Dunstkreis zweier Dominikaner heran, die zu den größten Gestalten der mittelalterlichen Geistesgeschichte gehören und doch oftmals gar nicht als Mitglieder dieses Predigerordens betrachtet werden: Thomas von Aquin und Albertus Magnus.

Beide Namen sind Zeugen für Gelehrsamkeit, Bildung und Wissenschaft. Damit kommt man dem Orden der Dominikaner viel näher als durch ihre Verbindung zur Inquisition. Erst mit Beginn des 13. Jahrhunderts approbiert und durch Honorius III. für rechtsgültig erklärt, fällt ihre Tätigkeit mit zwei anderen religiösen Bewegungen zusammen, von denen eine das Pech hatte, vollkommen der katholischen Dogmatik zu widersprechen und dennoch über lange Zeit viel Zulauf hatte. Diese Bewegung der Katharer ist die älteste der drei und hat ihre Ursprünge in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die andere Bewegung war schon 1210 von Honorius Vorgänger Innozenz III. als Orden akzeptiert worden und geht auf die den Umbrier Franz von Assisi zurück.

Alle drei Bewegungen sind Folge mehrerer Ursachen, die nicht nur mit der Weltvorstellung des Mittelalters und der Idee von Kirche in Verbindung zu bringen sind, sondern auch mit den tief verwurzelten Grundkonstanten des europäischen, wenn nicht sogar des gesamten Menschen. Dabei sind die Bettelorden ebenso als Reaktion auf eine tiefe religiöse Enttäuschung anzusehen wie die Katharer. Letzteren wurde durch Franziskus und Dominikus jedoch kirchliche Konkurrenz an die Seite gestellt, die die Gläubigen wieder in den Schoß der Mutter Kirche bringen sollten.

II. Aufstieg und Fall des Abendländischen Mönchtums – Ein Abriss

Die katholische Kirche des Mittelalters war eine geteilte Kirche. Auf der einen Seite der Stand der Kleriker, auf der anderen Seite die Nichtkleriker. Diese Aufteilung förderte ein Denken der Abspaltung, in beiderlei Richtung. Auch die Laien unterschieden zwischen „denen“ und „uns“.

Gerne war man bereit diese Unterscheidung zu akzeptieren. Da man selber kaum Zeit fand zur inneren Einkehr, war man froh, dass es Menschen und Organisationen gibt, die dies schafften. Und wenn man diese unterstützte und sich an sie hielt, fiel vielleicht ein wenig ihrer Frömmigkeit auch auf den ab, der nicht zum Kreis derer gehörte, die sich Kirche nennen konnten.

Aber auch in diesem erlesenen Kreis gab es Unterschiede. In einer Zeit in der das höchste Gut darin bestand, sich von allem Irdischen zu trennen und nur im Einklang mit Gott zu leben, konnte ein in der Welt lebender Geistlicher nicht die höchste Stufe dieses idealen Zustands erreichen, war er doch immer den Verführungen der Welt ausgesetzt. Wer sich jedoch von der Welt und den Menschen auch lokal abtrennte, der war dem Ideal näher. Und was der Ostkirche ihre Einsiedler und Säulenheiligen, das waren in Westeuropa die Mönchsklöster, die nach der Regel der Benedikts lebten. Arm, demütig und gehorsam verrichteten diese Brüder ihre Arbeit und teilten sich den Tag nach ihren Messen ein.

Solche Menschen musste man unterstützen, wollte man sicher gehen, dass man an ihrer Frömmigkeit teilhaben konnte. Sie brauchten Land, Klöster und Handwerker, Ziegen und Schafe für Bücher, Kleidung und auch Nahrung. Natürlich wollte man auch dazu gehören. Man trat dem Kloster bei, um dem Heil und Gott noch näher zu sein. Ein guter Ruf führt zu Einfluss, Einfluss führt zu Macht und diese schließlich, das weiß man nicht erst seit Macbeth, korrumpiert. Wenn dieser Zustand eintritt, wenden sich die Menschen ab.

Retten kann man eine solche ehemals glorreiche Mönchsbewegung nur durch eine Reform. Es wirkt komisch, dass gerade ein Analphabet sich einer ersten Reform annahm – freilich mit einem anderen Ziel. Niemand andere als der große Karl und nach dessen Tod sein Sohn Ludwig der Fromme beginnen mit einer Reform der Bewegung. Im Zuge seiner Bildungsreform, in der er antikes Wissen aufschreiben lässt, und das in einer eigens geschaffenen Schrift, die über Jahrhunderte hinweg im Gebrauch sein wird, muss auch das Mönchtum reformiert werden, muss Teil der Reichskirche werden. Karl, der immer gewusst hat, dass gute Politik von guten Beratern abhängt, holt sich Hilfe. Für eine solche Reform braucht man einen handfesten Kleriker, einen der Ahnung hat und durchgreifen kann. Benedikt von Aniane ist ein solcher Mann, geschult im Krieg, bewandert im Klosterleben, setzt er Anpassungen durch, die die Benediktiner stärken soll.

Von Dauer ist diese Reform nicht. Eine erneute Reform ist nötig. Diesmal eine, die nicht bloß die Struktur ändert, sondern auch die Richtung. Und tatsächlich: in der Abtei Cluny in Frankreich erwuchs eine Bewegung innerhalb des alten Benediktinerordens und begann damit, sich auf die alten guten Werte zurück zu besinnen. Die Korruption, der Schmuck, die Eitelkeiten gerieten sukzessive wieder in Vergessenheit und die, die bei der Reform nicht mitmachen, wurden nach und nach auf natürliche Weise weniger.

Und erneut kamen die Menschen, und gaben und sonnten sich im Ruhm des neu erblühte das benediktinische Mönchstum, wieder gab es Land, wieder gab es Geld, wieder gab es neue Mitglieder. Und erneut erschien die Macht am Horizont und die Menschen wendeten sich ab. Die Reform brachte langfristig nichts.

Nur eines konnte helfen. Es brauchte ein neues System. Die Mönche und ihre Klöster mussten anders organisiert werden, als große Organisation mit einem System der Überwachung. Nicht mehr einzelne Klöster eine Ordnung musste hergestellt werden, die das Problem der Benediktiner verhinderte. Und wieder war es Frankreich, wo sich dies zutrug, diesmal in Citeaux. Die alten Regeln Benedikts wurden übernommen, aber die alten Klöster übernahm man nicht, auch auf die alten Mönche und ihre Strukturen wollte man nichts geben. Alles machte man selber. Und man hatte eine Gestalt, die mindestens so strahlend und charismatisch ist wie der Alte vom Montecassino selber. Ein Mann so mächtig, dass er Päpste machte, mit Kaisern verhandelte und dennoch nicht korrumpierbar war. Ein Asket, ein lebender Heiliger, jemand, der so wenig aß, das er krank wurde und gegen seinen Willen ernährt werden musste, dazu umfassend gebildet und mit einem rhetorischen Talent bestückt, das honigsüß in die Köpfe der Zuhörer tropfte: Bernhard von Clairvaux. Konservativ bis ins Mark, jedem Unglauben ablehnend und jedes Fehlverhalten gnadenlos ausnutzend, setzte dieser Mann alles daran seinen Orden, den er nicht gegründet hatte, in ganz Europa zu verbreiten.

Und es funktionierte. Die Menschen kamen, Adelige vermachten den Zisterzensern nicht nur ihren Besitz, sie traten auch selber bei und überschrieben ihr Hab und Gut an den Orden. Doch erneut kam es nach dem Tode Bernhards zu einer großen Umkehr. Die Masse vernichtete das Fromme. Langsam und stetig erreichte die Welt erneut die Klöster.

Tab. 1: Zahlen, Daten, Fakten zur Klostergeschichte Westeuropas:
  • Benedikt von Nursia, Begründer des Abendländischen Mönchtums: ca. 480 – 547
  • Benedikt von Aniane und die karolingische Klosterreform (Aachener Konzil): 816 – 819
  • Cluniazensische Reform („consuetudines Cluniacenses“): Beginn des 10. Jhd.
  • Gründung des Zisterzienserordens: 1098
  • Tod Bernhards von Clairvaux: 1153
  • Beginn der Katharerbewegung in Südfrankreich: Mitte 12. Jhd.
  • Ordensgründung der Franziskaner: 1210
  • Ordensgründung der Dominikaner: 1213
III. Franziskaner und Dominikaner – Angebote der Kirche gegen die Katharer

Die Vermutung, dass ein Fehler im System liegt, ist nicht weit. Wenn aber das System Kirche Gott gewollt ist, ist dann der Glaube richtig? Das, was die Kirche immer gepredigt hatte, konnten selbst die Spitzenfunktionäre der Klöster nicht einhalten. Ist dann der Glaube der wahre? Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen in ganz Europa sorgten für große Umbrüche, die sich auch im Glauben niederschlugen. Veränderungen waren willkommen. In diese Lücke stießen die Katharer in Südfrankreich. Als ein Kreuzzug gegen sie nicht das erwünschte Resultat zeigte, begann auch in Rom ein Umdenken. Es musste missioniert werden. So schickte man zuerst Zisterzenser. Nur war das Ergebnis nicht überzeugend. So konnte Bischof Djego von Osma den beiden Zisterziensern Raoul von Fontfroide und Petrus von Castelnau mitteilen:

„So nicht Brüder; so, meine ich, dürft ihr nicht vorgehen. Es scheint mir unmöglich, diese Menschen allein durch Worte zum Glauben zurückführen zu wollen, besser wäre es, sie mit dem eigenen guten Beispiel zu überzeugen. Seht die Häretiker, wie sie unter Vortäuschung, fromm, evangelisch arm und diszipliniert zu sein, die Einfältigen überzeugen können. Wenn ihr ihnen das Gegenteil davon zeigt, werdet ihr wenig aufbauen, viel zerstören und nichts erreichen. Schlagt sie mit ihren eigenen Waffen, vertreibt ihre vorgetäuschte Heiligkeit durch ein echtes religiöses Leben, denn der Hochmut dieser falschen Apostel kann nur durch augenscheinlich echte Demut bloßgestellt werden“.

Nun war Bischof Djego niemand anders als der Lehrer und geistige Führer des Dominikus und in dieser Rede spiegelt sich viel von dem wieder, was der Orden der Dominikaner dann selbst leben und lehren sollte. Dieser Orden nun war nicht der erste Orden (Tab. 1), der sich der Predigt verschrieben hatte. In Italien waren bereits die Franziskaner gegründet. Der Unterschied zwischen diesen beiden Orden lässt sich am besten durch einen Vergleich der Ordensgründer feststellen. So heißt es bei Thomas von Celano über die Anfänge des Lebens von Franz von Assisi:

„Es war ein Mann in Assisi, einer Stadt im Gebiet des Spoletotales, mit Namen Franziskus, der, von früher Jugend an von seinen Eltern nach eitlen Grundsätzen der Welt hoffärtig erzogen, ihr erbärmliches Leben und Gebaren lange Zeit nachahmte, und dadurch selbst nur noch eitler und hoffärtiger wurde.[…] Das ist die unglückliche Vorschule, in der jener Mann […] von Jugend an lebte und fast bis zu seinem 25. Lebensjahr seine Zeit kläglich vergeudete und vertändelte. Ja, mehr als seine Altersgenossen machte er üble Fortschritte in nichtigem Treiben und war ein gar übereifriger Anstifter zu bösen Streichen und Eiferer für die Torheit“.

Einen ganz anderen Heiligen trifft man mit Dominikus, von dem Jordan von Sachsen schreibt:

„Zu jener Zeit wuchs in dieser Diözese [Osma], in einem Ort namens Calaruega, der junge Dominikus auf. Dominikus wurde in seiner Kindheit von seinen Eltern, besonders aber durch seinen Onkel, der ein Erzpriester war, umsichtig erzogen und vor allem mit den kirchlichen Gebräuchen bekannt gemacht. […] Bald darauf wurde er an den angesehenen und bedeutenden Studienort Palencia geschickt, damit er dort in den sieben freien Künsten unterrichtet werde. Als er meinte, genügend darüber gelernt zu haben, gab er dieses Studium aus, weil es fürchtete, dass diese Künste in so schlechten Zeiten unnütz seien. Deshalb begann er statt dessen Theologie zu studieren. Er nahm die Worte Gottes mit großer Begeisterung auf; sie waren in seinem Mund süßer als Honig“.

Die beiden Auszüge zeigen, dass der Unterschied zwischen den Orden im Bildungsgrad liegt. Während Franz von Assisi ein bürgerliches Leben führte, dass mit einer kirchlichen Laufbahn nichts zu tun hatte, findet sich bei Dominikus das genaue Gegenteil. Von Kindesbeinen in kirchlichen Dingen unterrichtet, schlägt er eine universitäre Laufbahn ein. So ist der Orden der Franziskaner ein Orden der Laien, während der Dominikanerorden ein Orden für Kleriker und Akademiker ist, auch wenn eine solche Unterscheidung nie ganz unproblematisch ist.

Wenn auch dies die Unterscheidung ist, so sind die Gemeinsamkeiten der beiden doch viel größer. So schreibt Jordan über Dominikus:

„Zu jener Zeit, als er eifrig in Palencia studierte, brach in beinahe ganz Spanien eine schwere Hungersnot aus. Dominikus war von der Not der Armen erschüttert und bekam großes Mitleid. So beschloss er, durch sein Tun gleichzeitig den göttlichen Ratschlägen zu entsprechen als auch die Not der sterbenden Armen zu lindern. Er verkaufte also seine Bücher, die er in der Stadt zum Studium gebraucht hatte, und das Geld, das er dafür bekam, verteilte er dann unter die Armen. Durch dieses Beispiel der Fömmigkeit wurden auch die anderen Lehrmeister und Theologen wach gerüttelt; durch die Freizügigkeit des Jünglings erkannten sie ihre eigen Trägheit und gaben von nun an reichhaltigere Almosen.“

Ganz ähnliches findet sich bei Franziskus:

„So gestimmt und vom Heiligen Geiste bestärkt, folgte der selige Diener des Allerhöchsten, da die festgesetzte Zeit gekommen war, jenem glücklichen Antrieb seines Herzens, der ihn das Irdische mit Füßen treten und nach den höchsten Gütern streben ließ. […] So machte er sich denn auf, stärkte sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, ließ ein Pferd satteln, bestieg es, nahm Scharlachtuch mit zum Verkauf und begab sich eilends in eine Stadt, die Foligno heißt. Dort verkaufte er wie gewöhnlich alles, was er mit sich führte, und ließ auch sein Pferd, das er bis jetzt geritten, als glücklicher Kaufmann um eine Summe Geldes zurück. Hierauf […] fühlte er es als als eine Last, jenes Geld auch nur eine Stunde noch herumzutragen. Wie Sand erachtete er den gesamten Gewinn und hatte große Eile, sich seiner zu entledigen. Als er nach der Stadt Assisi zurückkehrte, fand er am Weg eine Kirche, die in alter Zeit zu ehren des heiligen Damian erbaut worden war, jetzt aber hohen Alters wegen in Bälde einzustürzen drohte. Dahin ging [er] und trat, von Mitleid über solche Armseligkeit bewegt, mit ehrfürchtiger Scheu ein. Und als er dort einen armen Priester fand, küsste er ihm mit großem Glauben die geweihten Hände, bot ihm das Geld an, das er bei sich trug, und erzählte ihm der Reihe nach sein Vorhaben“.

Sowohl Innozenz III. als auch sein Nachfolger Honorius III. waren vor allem Politiker, erst dann Theologen. Als diese beiden Menschen, die so dem Kern der Botschaft Christi folgten ohne dabei mit der Dogmatik der Kirche in Widerspruch zu stehen, anfragten, ob nicht ihre Orden ordentlich approbiert werden könnten, da zögerten beide nicht lange und ließ es zu. Beide hatten nämlich erkannt, das es nur zwei Möglichkeiten gab, die Gläubigen in Südfrankreich und Italien wieder auf den rechten Weg zu führen. Und einer davon musste in durch das Vorleben der imitaio christi im katholischen Sinne geschehen. Der andere war eine Auseinandersetzung mit dem falschen Glauben. Auch dazu waren die Bettelorden gut, wobei die Dominikaner aufgrund ihrer Ausbildung wesentlicheres beitragen konnten. Und auch sie hatten Erfolg.

IV. Die Fortsetzung des Niedergangs

Mit dem Tod der beiden Anführer jedoch änderte sich auch wieder die Gesinnung der Bettelorden. Mit zunehmender Akzeptanz, Verbreitung und Bedeutung gingen auch sie den Weg ihrer Vorgänger. Klöster wurden gebaut, Spenden angenommen, ausgeschmückte Kirchen geweiht. Wie auch den Orden ging es erneut den Kirchen. Die eigenen moralischen Maßstäbe wurden nicht einmal mehr vom Personal zu erreichen probiert. Spätestens mit den Renaissancepäpsten, der Spekulation der Kirchenämter und der Korruption innerhalb der Kirche waren die guten Vorsätze erneut verschwunden. Das führte zu erneuten Unruhen in der Kirche und zu drei gleichzeitigen Päpsten. Aber auch wenn das Personal vergaß, die Institution selber erinnerte sich sehr genau. Den Erben der Katharer wollte man diesmal keinen Raum bereiten. Man traf sich zum größten Konzil der Welt in Konstanz und beriet fast vier Jahre über Verfahren, Änderungen und Reformen. Aber auch die Gegenseite hatte die Zeit erkannt und war gewappnet. Technik und fortschrittliches Denken, Erkenntnisse in Geschichte, Literatur und Sprache waren ihre Waffen, von denen die Kirche erst später Gebrauch machte. So sorgte das Verhalten der Kirche, ihre Weltlichkeit, das Verfehlen der eigenen Ideale im westlichen Europa für ein Schisma, das bis heute anhält.

V. Quellen und Literatur
  • Jordan von Sachsen: Von den Anfängen des Predigerordens, hrsg. und übers. von Wolfram Hoyer, Leipzig 2003.
  • Thomas von Celano: Leben und Wunder des heiligen Franziskus von Assisi, Hrsg. und übers. von Engelbert Grau, Werl 1988.
  • Dinzelbacher, Peter: Bernhard von Clairvaux, Darmstadt 1998.
  • Douais, Célestin: Préface, in: Gui, Bernard: Practica inquisitionis heretice pravitatis, hrsg. von Célestin Douais, Paris 1886.
  • Frenz, Thomas: Das Papsttum im Mittelalter, Köln u.a. 2010.
  • Gleba, Gudrun: Klöster und Orden im Mittelalter, Darmstadt 22006.
  • Hanslik, Rudolf: Benedikt von Nursia, in: LexMA, Bd. 1, 1867f.
  • Jedin, Hubert/Latourette, Kenneth S./ Martin, Jochen: Atlas zur Kirchengeschichte. Die christlichen Kirchen in Geschichte und Gegenwart, Freibrurg 1987.
  • Semmler, Josef/Bacht, Heinrich: Benedikt von Aniane, in LexMA, Bd. 1, 1863ff.
  • Eberts, Jake/ Eichinger, Bernd/Schühly, Thomas/Annaud, Jean-Jacques: Der Name der Rose (Film), Deutschland 1986.

Tierrechte, Haustiere und Kommuniktaion – Animal Studies und das Säugetier

In den vergangenen Jahren ist die alte Frage nach der Trennlinie zwischen Tier und Mensch von der Peripherie der Forschung in das Zentrum gerückt1. In Zeiten in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse dafür sorgen, dass mehr und mehr Eigenschaften, die einmal die Alleinstellungsmerkmale des Menschen waren, auch einzelnen Tierarten zugesprochen werden2, liegt der Fokus nicht mehr auf einer Abgrenzung des Menschen vom Tier, sondern viel mehr auf einer Diskussion darüber, ob Tieren nicht wesentlich mehr Rechte eingeräumt werden müssen, als es ein Tierschutzgesetz vorsieht3.

Folgt man einer biologischen Definition des Tieres kann der Mensch ohne Umschweife als Tier betrachtet werden, das sich, wie jedes Tier, durch bestimmte Eigenschaften von anderen Tieren unterscheidet4. Auf einer solchen Ebene ist die Diskussion über die Grenze zwischen Tier und Mensch ähnlich müßig wie die über Adler und Nacktschnecke oder Schwamm und Blindschleiche; daher also womöglich aus biologischer Sicht interessant, für die kulturwissenschaftliche Betrachtung, aber eher von vernachlässigbarer Natur.

Den Forschern der Animal Studies wird durchaus vorgeworfen, sie würden sich allzu oft auf die Tiere der Klasse der Mammalia beschränken5. Einmal abgesehen davon, dass dabei die Forschungen zu den Aves außen vor gelassen werden6, darf dieser Umstand nicht verwundern. Diese Tiere weisen zum einen nicht nur eine recht hohe Diversität auf, was natürlich auch für Vögel und vor allem Insekten gilt, sondern sind auch dem Menschen physiologisch ähnlicher als andere Tiere. Zudem wird seine Aufmerksamkeit am ehesten auf diese Tiere gelenkt, da sie für ihn zum einen eine reale Gefahr für Leib und Leben darstellen7, zum anderen, vor allem in ihrer domestizierten Form, als Nahrung und Kleidung dienen.

Nach den aktuell diskutierten archäozoologischen und molekulargenetischen Untersuchungen ist davon auszugehen, dass die Haltung von Haustieren nach der Nutzung und Herstellung von Werkzeug und der Nutzung des Feuers, die wohl älteste Kulturleistung des Menschen ist. Domestizierung heißt, dass der Mensch nicht nur in der Lage ist, wilde Tiere zu zähmen und zu halten, sondern darüber hinaus Aussehen, Körpermasse und Charakter der Tiere durch Zucht nach seinen Wünschen zu verändern, um den Tieren einen durch in bestimmten Nutzen zu verleihen.

Für die meisten Tierarten gilt, dass dieser Prozess in einem Zeitraum begann, der länger als fünftausend Jahre zurück liegt. Damit ist eine Epoche bezeichnet, in der Mensch noch nicht alle Lebensräume, die er heute bewohnt, zu eigen gemacht hatte. Daraus folgt gleichzeitig, dass die Domestizierung von Tieren unabhängig voneinander zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Räumen stattgefunden hat. Davon abgesehen, müssen die Menschen zu diesem Zeitpunkt bereits miteinander kommuniziert haben, auch wenn es für diese Annahme kaum Belege oder Rekonstruktionen gibt.

Wie eng der Domestizierungsprozess und der Prozess der Kommunikation miteinander verbunden waren, zeigt sich sehr deutlich in der Keilschrift Mesopotamiens. So ist dort etwa ein Zeichen bekannt, bei dem es sich um einen Ring mit innen liegendem Kreuz handelt. Dieses „Udu“ genannte Zeichen bedeutet Schaf und ist bereits für 3300 v. Chr. bekannt8. Kombinationen dieses Zeichens ergaben schließlich andere Worte mit neuen Bedeutungen, wie etwa Hirte9. Da es eine solche Korrelation zwischen Sprache und Tieren gab, ist daher auch anzunehmen, dass Tiere generell mit bestimmten Eigenschaften versehen wurden, die ihren in den Augen der Menschen guten oder schlechten Charakter darstellten, so dass die Bezeichnung eines Tieres zu einer Alltagsmetapher wurde, durch die man sich geehrt oder beleidigt fühlen konnte.

Deutlich sollte sein, dass diese Zuschreibungen innerhalb einer Kultur eine ganz andere sein konnte, als in einer anderen Kultur. Dass darüber hinaus diese Alltagsmetaphern zudem auf die Tiere als solche zurückgeworfen wurden, dass das real existierende Tier selber zu Ehrung oder Beleidigung wurde, ist anzunehmen. Daraus folgt abschließend, dass eine Kommunikation durch Tiere innerhalb einer Kultur möglich ist, zwischen zwei Kulturen aber zu Missverständnissen führen kann, deren Kontext sich aus der jeweiligen Kommunikationssituation heraus erklären lässt.

Dass es daher unter Forschern zu den Animal Studies oftmals zu einer Häufig mit der Beschäftigung mit Säugetieren kommt, vor allem der domestizierten Art, darf daher nicht verwundern. Ihnen liegt ein großes kulturelles Potenzial zugrunde, das durch zahlreiche Quellen flankiert wird, die für wilde Tiere, die keine Säugetiere sind, kaum vorliegt.

1Vgl.: Perler, Dominik/Wild, Markus (Hg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Frankfurt/Main 2005.

2Hier sei auf Studien verwiesen, die etwa nahezu identische Gene bei Mensch und Schwein feststellen, vgl: Peischel, Tanja: DNA-Varianten in Zytokin codierenden Genen beim Schwein, Hannover 2006, Diss. 75ff., in: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/peischlt_ss06.html (12. September 2012) oder auf Goodalls Beobachtungen zum religiösen Empfinden von Schimpansen: Goodall, Jane: Why is it Time for a Theological Zoology!, in: Hagencord, Rainer (Hg.): Wenn sich Tiere in der Theologie tummeln. Aufsätze einer theologischen Zoologie, Regensburg 2010, 15-17.

3Vgl.: Ladwig, Bernd: Menschenrechte und Tierrechte, in: Zeitschrift für Menschenrechte 1/2010, 130-156.

4Vgl.: Sadava, D./Hillis, D. M./Heller, H.C./Berenbaum, M.R.: Purves Biologie, hrsg. von Jürgen Markl, München 92011, 942f.

5Vgl.: Krischke, Wolfgang: Stimmen der Kreatur. Tierhistoriker kämpfen um Anerkennung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2011, N4.

6Vgl. etwa: Ptak, Vögel.

7Die weitaus tödlicheren Krankheiten, die durch Flöhe und Mücken verbreitet werden können, spielen hier keine Rolle, da die Kenntnis darüber bis ins 19. Jahrhundert hinein unbekannt war. Ausnahmen aus anderen Gruppen wie den Reptilien bestätigen die Regel.

8Vgl.: Marzahn, Joachim: Vom Beginn der Schrift, in: Crüsemann, Nicola/van Ess, Margarete/Hilgert, Markus/Salje, Beate (Hrsg.): Uruk. 5000 Jahre Megacity. Begleitband zur Ausstellung, Petersberg ²2013, 185.

9Vgl.: Krebernik, Manfred: Die frühe Keilschrift und ihr Verhältnis zur Sprache, in: Crüsemann et al.: Uruk, 188.

Gedanken zum Familiennachzug laut AufentG §§ 28 und 30

Ich bin verheiratet. Meine Frau ist kongolesische Staatsbürgerin, ich bin deutscher Staatsbürger. Ich wohne in Wuppertal, meine Frau in Kinshasa. Obwohl wir verheiratet sind, darf meine Frau (noch) nicht bei mir in Deutschland sein. Der Grund ist das deutsche Aufenthaltsgesetz, genauer § 28. Darin wird der Nachzug von ausländischen Ehegatten zu Deutschen geregelt. Ursprünglich stand da wohl einmal drin, was jeder erwartet, nämlich, dass meine Frau bei mir sein darf, nachdem die Hochzeit anerkannt wurde. Allein die Anerkennung kann bei kongolesischen Akten schon mal ein paar Monate dauern, was zu einer Verzögerung führt, aber irgendwann wurde das Gesetz geändert, vielleicht, weil es genug deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund gab, die Ehepartner aus den Ländern hatten, aus denen sie oder ihre Eltern einmal kamen, was sich zum Nachteil für die Ehepartner, deren Integration oder wen auch immer auswirkte. (Das Innenministerium erzählte irgendetwas von nationaler Sicherheit, als ich da nachfragte)

Jedenfalls veränderte der Gesetzgeber den Paragraphen. Diese Veränderung nahm in § 28 nun Bezug auf § 30 des AufentG. Darin wird der Nachzug von Ehegatten zu in Deutschland lebenden Ausländern geregelt. In Satz (1), Nr. 2 wird dort geregelt, dass der nachziehende Ehegatte in der Lage sein muss, sich auf einem basalen Level auf Deutsch zu verständigen. Verschiedene Gerichte haben nun darauf hingewiesen, dass damit die Niveaustufe A1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für das Sprachenlernen gemeint ist. Und darum lernt meine Frau nun Deutsch in einer Sprachschule in Kinshasa. Bei einem Lehrer, der noch nie in Deutschland war, mit Textbüchern voller Tippfehlern und veraltetem Inhalt und alter Rechtschreibung. Der Unterricht wird vornehmlich auf Französisch erteilt und besteht darin, dass der Lehrer deutschsprachige Dialoge ins Französische übersetzt und die Schüler das mitschreiben. Eigenständiges Sprechen und Schreiben gibt es nur vereinzelt. Der Kurs dauert 4 Monate und findet drei Mal die Woche für 90 Minuten statt.

Natürlich ist es sinnvoll, dass meine Frau Deutsch lernt. Dass sie es vor der Visumserteilung tun muss, ist sicher diskutabel, zumal ich selber Lehrer für Deutsch als Fremdsprache bin und ihr einen Platz in meiner Schule ohne Probleme sichern kann. Das aber ist peripher. Was mich ärgert ist etwas anderes. § 30 sieht nämlich eine Reihe von Ausnahmen vor, die den Ehepartner eines in Deutschland lebenden Ausländers vom Erlernen der deutschen Sprache entbindet. Diese Ausnahmen gelten laut § 28 auch für Ehegatten von Deutschen. Schaut man sich die acht Ausnahme regeln einmal an, stellt man dabei aber Erstaunliches fest:

Satz 1 Nummer 2 ist für die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis unbeachtlich, wenn

1. der Ausländer, der einen Aufenthaltstitel nach § 23 Absatz 4, § 25 Absatz 1 oder 2, § 26 Absatz 3 oder nach Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Absatz 2 Satz 1 zweite Alternative eine Niederlassungserlaubnis nach § 26 Absatz 4 besitzt und die Ehe bereits bestand, als der Ausländer seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat,

2.der Ehegatte wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage ist, einfache Kenntnisse der deutschen Sprache nachzuweisen,

3.bei dem Ehegatten ein erkennbar geringer Integrationsbedarf im Sinne einer nach § 43 Absatz 4 erlassenen Rechtsverordnung besteht oder dieser aus anderen Gründen nach der Einreise keinen Anspruch nach § 44 auf Teilnahme am Integrationskurs hätte,

4.der Ausländer wegen seiner Staatsangehörigkeit auch für einen Aufenthalt, der kein Kurzaufenthalt ist, visumfrei in das Bundesgebiet einreisen und sich darin aufhalten darf,

5.der Ausländer im Besitz einer Blauen Karte EU, einer ICT-Karte oder einer Mobiler-ICT-Karte oder einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 oder § 20b ist,

6.es dem Ehegatten auf Grund besonderer Umstände des Einzelfalles nicht möglich oder nicht zumutbar ist, vor der Einreise Bemühungen zum Erwerb einfacher Kenntnisse der deutschen Sprache zu unternehmen,

7.der Ausländer einen Aufenthaltstitel nach den §§ 19 bis 21 besitzt und die Ehe bereits bestand, als er seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat, oder

8.der Ausländer unmittelbar vor der Erteilung einer Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt – EU Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 war.

Schauen wir uns einmal diese Ausnahmeregeln im Detail an. Zunächst muss festgestellt werden, dass die Regeln nicht wortwörtlich übernommen werden können, da es ja nicht um einen in Deutschland lebenden Ausländer, sondern um einen deutschen Staatsbürger geht. Das bedeutet, dass wir „der Ausländer“ durch „der deutsche Staatsbürger“ ersetzen müssen, wo im Gesetzestext „der Ausländer“ steht. Wichtig ist hierbei, dass der Begriff „Ausländer“ für den in Deutschland lebenden Ehepartner genutzt wird, nicht für den nachzuholenden Ehepartner. Daher müssen wir in den Ausnahmeregeln 1, 4, 5, 7 und 8 den Austausch der Begriffe durchführen. Das sieht dann so aus.

1. der deutsche Staatsbürger, der einen Aufenthaltstitel nach § 23 Absatz 4, § 25 Absatz 1 oder 2, § 26 Absatz 3 oder nach Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Absatz 2 Satz 1 zweite Alternative eine Niederlassungserlaubnis nach § 26 Absatz 4 besitzt und die Ehe bereits bestand, als der Ausländer seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat,

4. der deutsche Staatsbürger wegen seiner Staatsangehörigkeit auch für einen Aufenthalt, der kein Kurzaufenthalt ist, visumfrei in das Bundesgebiet einreisen und sich darin aufhalten darf,

5. der deutsche Staatsbürger im Besitz einer Blauen Karte EU, einer ICT-Karte oder einer Mobiler-ICT-Karte oder einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 oder § 20b ist,

7. der deutsche Staatsbürger einen Aufenthaltstitel nach den §§ 19 bis 21 besitzt und die Ehe bereits bestand, als er seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat, oder

8. der deutsche Staatsbürger unmittelbar vor der Erteilung einer Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt – EU Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 war.

Man merkt recht schnell, dass das alles großer Quatsch ist, weil ja ein deutscher Staatsbürger durch seine Staatsbürgerschaft all diese Aufenthaltstitel gar nicht braucht. Einzig Nr. 4 ist interessant, denn dabei handelt es sich ja gar nicht um einen Aufenthaltstitel, sondern um die Frage der Staatsbürgerschaft. Wendet man diese Nummer korrekt an, würde es bedeutet, dass ein jeder ausländischer Ehepartner eines Deutschen ohne Sprachkenntnisse ins Land reisen darf, weil der deutsche Ehegatte ja ohne Zweifel das Recht hat, wegen seiner Staatsangehörigkeit in Deutschland zu bleiben. Diese Anwendung würde aber den gesamten Zusatz aus § 38 überflüssig machen. Wahrscheinlich haben irgendwelche Gerichte bereits treffende Möglichkeiten gefunden, diese Ausnahme juristisch anders zu interpretieren, aber dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein schlecht gemachtes Gesetz verabschiedet wurde.

Schauen wir uns aber einmal die Inhalte der genannten Aufenthaltstitel näher an. Im Fall von Nr. 1 ist ein Schutz suchende Ausländer gemeint, der neu angesiedelt werden soll bzw. ein ungefährlicher Asyl Besitzender ist. Hier geht es also ganz klar um Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, um Schutz zu finden, der natürlich auch für dessen Familie gilt. Auf einen deutschen Staatsbürger ist das definitiv nicht anwendbar.

Anders sieht es bei ausländischen Forschern aus, die von Nr. 5 abgedeckt sind. Wer dauerhaft in Deutschland lebt, um hier Forschung zu betreiben, darf seinen Ehepartner nachholen, ohne dass dieser Deutsch lernen muss. Dass bedeutet, dass der Ehepartner eines ausländischen Wissenschaftler eine Sondererlaubnis erhält. Ich bin weit entfernt davon, mich als Forscher zu bezeichnen. Ich forsche jedoch regelmäßig zu Geschichte und veröffentliche dazu auch (der Blog hier sollte dies gezeigt haben). Für meine Frau kommt eine solche Regelung jedoch nicht in Frage. Gibt es also eine Benachteiligung für deutsche Forscher?

Nr. 7 regelt den Aufenthalt von Hochqualifizierten. Ehepartner von hochqualifizierten Ausländern dürfen ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland einreisen. Doch Ehepartner von hochqualifizierten Deutschen ist dies wohl nicht gestattet. Ich besitze zwei Universitätsabschlüsse und bin erfolgreich als Selbstständiger tätig. Ich denke, hochqualifiziert ist da durchaus ein mögliches Wort, um mich zu beschreiben. Für meine Frau erwächst daraus kein Vorteil, wäre ich ein in Deutschland lebender Kongolese mit diesen Qualifikationen, wäre sie längst hier. Natürlich nur, wenn ich sie schon geheiratet hätte, bevor ich meinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt hatte, was bei einem deutschen Staatsbürger im Normallfall schwer sein dürfte.

Nr. 8 macht mich dann richtig sauer. Ein forschender Ausländer, der kurz davor ist, in Deutschland dauerhaft zu leben, darf seinen Ehepartner ohne Deutschkenntnisse nachholen. Aber ein in Deutschland aufgewachsener, ausgebildeter Deutscher darf das nicht? Das ist absurd.

Kurz: Das Gesetz zum Ehegattennachzug bevorzugt in Deutschland lebende Ausländer und benachteiligt Deutsche. Das war nicht die Absicht des Gesetzes, aber das ist passiert. Natürlich kann man sagen, dass es vielleicht mal eine interessante Erfahrung für Deutsche ist, denn normalerweise, werden Ausländer benachteiligt, dennoch ist es nicht richtig, denn der Gleichheitsgrundsatz gilt für alle.

Bleiben in unserer kleinen Analyse noch die Nr. 2, 3 und 6. Nr. 2 ist dabei recht einfach zu verstehen und zum Glück gehört meine Frau nicht in diese Kategorie. Wären wir besonders fies, würden wir sicherlich einen Arzt finden, der ein entsprechendes Attest ausstellt. Nr. 6 spielt auch keine Rolle, denn es gibt in Kinshasa ja Schulen. Die sind zwar schlecht, aber es gibt sie.

Bleibt noch nur Nr. 3. Diese Ausnahme ist besonders kurios. Sprache ist der Schlüssel zur Integration, diese Binse wird immer wieder von Politikern genutzt. Das ist natürlich Unsinn. Arbeit ist der Schlüssel zu Integration. Es gibt in diesem Land Menschen, die arbeiten bei internationalen Unternehmen seit Jahrzehnten und sprechen kein Deutsch, weil sie es in der Arbeit nicht brauchen, nach der Arbeit zu Hause sind und auch an den Wochenenden nicht an der deutschen Gesellschaft partizipieren. Wer in meinen Integrationskursen sitzt und eine Arbeit hat, bei der er mit anderen Menschen interagieren muss, die nicht seine Sprache sprechen, spricht immer besser Deutsch als viele von diejenigen, die auf die Leistungen des Jobcenters angewiesen sind. Nr. 3 führt diese Wahrheit klar vor Augen. Wer keinen Integrationsbedarf hat und deswegen nicht an einem Integrationskurs teilnehmen muss, braucht kein Deutsch lernen. Die Verordnung über die Durchführung von Integrationskursen für Ausländer und Spätaussiedler (IntV) macht dies in § 4 besonders deutlich:

(2) Ein Teilnahmeanspruch nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 besteht nicht bei erkennbar geringem Integrationsbedarf (§ 44 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 des Aufenthaltsgesetzes). Ein solcher ist in der Regel anzunehmen, wenn

1. ein Ausländer

a) einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss oder eine entsprechende Qualifikation besitzt, es sei denn, er kann wegen mangelnder Sprachkenntnisse innerhalb eines angemessenen Zeitraums keine seiner Qualifikation entsprechende Erwerbstätigkeit im Bundesgebiet erlaubt aufnehmen, oder

b) eine Erwerbstätigkeit ausübt, die regelmäßig eine Qualifikation nach Buchstabe a erfordert, und

2. die Annahme gerechtfertigt ist, dass sich der Ausländer ohne staatliche Hilfe in das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Bundesrepublik Deutschland integrieren wird.

Ich würde ja sagen, dass meine Frau, die die Ehepartnerin eines evangelischen Presbyters, des Vorsitzenden eines Bürgervereins, des Beirats eines weiteren Bürgervereins, des Vorsitzenden eines Vereins für Denkmalschutz, eines Buchautors, und Lehrers für Deutsch als Fremdsprache ist, einen geringen Integrationsbedarf hat und deswegen die Sprache nicht lernen muss. Aber das alles zu überprüfen, dazu hat die Botschaft in Kinshasa keine Zeit, kein Personal und vor allem keine Lust.

Schnickmanns Blick aufs Wupperthal vor Wuppertal

Heute in der Westdeutschen Zeitung Wuppertal vom 5. Juli 2019

Wuppertal hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert. Doch was war eigentlich vor jener Stadtgründung 1929, der jetzt gedacht wurde? Historiker Heiko Schnickmann hat sich in diversen Essays mit der Vorgeschichte unserer Stadt befasst. Gesammelt sind sie jetzt unter dem Titel „Im Wupperthal vor Wuppertal“ in der Edition Köndgen veröffentlicht worden. Im Kontor 91 stellte der Autor jetzt sein Werk vor…

https://www.wz.de/nrw/wuppertal/schnickmanns-blick-aufs-wupperthal-vor-wuppertal_aid-40040373

Zwischen Rheinland und Westfalen

Wuppertal, so soll es in einem Bonmot Johannes Raus lauten, sei der Bindestrich zwischen Rheinland und Westfalen. Mag er das auf die eigene Mentalität seiner Heimatstadt bezogen haben, so lag er auch grenzpolitisch richtig. Denn Wuppertal ist und war Grenzgebiet – umstrittenes Grenzgebiet sogar.

Wer heute von rheinisch und westfälisch redet, bezieht sich meistens auf ein etwas über 200 Jahre altes Verwaltungskonstrukt. 1815 hatte Preußen das Gebiet des alten Herzogtums Berg übernommen und das Rheinland dazu bekommen. Das gesamte Gebiet wurde in zwei Provinzen aufgeteilt. Man sprach von der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen. Ein großer Teil der heutigen Stadt Wuppertal wurden der Rheinprovinz zugeschlagen, nur die eigenständigen Gemeinden Nächstebreck und Langerfeld gehörten zur Provinz Westfalen.

Wie kam es dazu? Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts, kurz vor dem 30jährigen Krieg, war das Vereinigte Herzogtum Jülich-Kleve-Berg zerbrochen, als der Herzog ohne männlichen Nachkommen starb. Erbberechtigt waren seine beiden Töchter, die er an den brandenburgischen Hof und an den Hof von Pfalz-Neuburg verheiratet hatte. Nach dem Tod des Vaters stritten sich die Schwiegersöhne bzw. Enkel, wer das Gebiet übernehmen durfte. Man einigte sich zunächst auf eine gemeinsame Verwaltung mit einem nörd-östlichen Verwaltungsbezirk, dem ehemaligen Herzogtum Kleve-Mark, und einem süd-westlichen, dem vormaligen Herzogtum Jülich-Berg. Als Grenze wurden Gewässer festgesetzt. Neben der Wupper waren dies vor allem Bachläufe. Schellenbeck, Beuler Bach und Schwarzbach bildeten so die Grenze zwischen den beiden Verwaltungsgebieten, die nach dem Krieg dann doch in zwei Herzogtümer zerfielen.

Ausgangspunkt für diese Grenzziehung war die Grenze zwischen den Gemeinden Barmen sowie Langerfeld und Nächstebreck. Schon ein Dokument der Garnbleichmeister, auf dem die Bleicher aufgeführt sind, die in Barmen bleichen durften, zeigt recht eindeutig, dass der Dieker und der Wiescher Hof im östlichen Wichlinghausen die äußersten Barmer Bleicherhöfe waren, auch wenn östlich von Barmen gebleicht wurde.

Daneben zeigt die berühmte Beyenburger Amtsrechung aus dem Jahr 1467 auf, wo Barmen endete. Im Nordosten sind es der Hof am Dickten, vier Höfe in Wichlinghausen und die Höfe entlang der Schwarzbach inklusive des späteren Klingholzbergs, der, obwohl östlich der Schwarzbach gelegen, noch zum Einzugsgebiet der Amtsrechung gehörte.

Auf der anderen Seite der Grenze legt das märkische Schatzbuch von 1486 dar, wo der Einfluss der Märker endete. Weiter westlich als nach Nächstebreck und Langerfeld reichte er nicht. Das ist insofern erstaunlich, als der Hofesverband Wichlinghausen, zu dem auch einzelne Höfe in Heckinghausen sowie ein Hof an der Hardt gehörten, seit 1384 zum märkischen Einzugsbereich gehörte. Dieser Umstand bedeutete, dass die Grenze zwischen Mark und Berg in den Ehebetten verlief. So legte der Amtmann von Wetter 1471 gegen eine Hochzeit Einspruch ein, die in Heckinghausen geschlossen wurde. Die Brautleute waren zwar beide bergisch, der Bräutigam aber war in erster Ehe mit einer Märkerin verheiratet gewesen, die ihm das Gut Bockmühl hinterlassen hatte. Aus diesem Grund forderte der Amtmann, dass auch er gehört werde, wenn die beiden heirateten wollten.

Wer noch weiter zurückblickt, wird schnell feststellen, dass die Frage der Grenze immer konfuser wird. Eindeutige Grenzziehungen lassen sich nicht mehr finden. Die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen war fließend und sie war auch nach 1815 im Fluss, wie die Geschichte von Langerfeld und Nächstebreck zeigt. Diese beiden Gemeinden wurden 1922 an die Stadt Barmen angegliedert. Ein Teil der Bevölkerung gründete daraufhin unmittelbar den Westfalenbund, der die Loslösung von der rheinischen Stadt forderte. Erfolg hatte er damit nicht. Das zeigt sich nicht zuletzt an den Kirchengrenzen der evangelischen Kirche. Erst nordöstlich von Nächstebreck und Langerfeld beginnt heute die Landeskirche von Westfalen, davor aber ist der Einzugsbereich der Rheinischen Landeskirche.

Der Adoptianismus des 8. Jahrhunderts – Muslimische Wurzel einer christlichen Glaubensbewegung?

In diesem Essay werde ich insgesamt drei Themen behandeln. Zum einen werde ich Ihnen einen kurzen Einblick geben in die Synode in Frankfurt von 794, die im Grunde zwei Streitpunkte besaß, von denen der erste und am schnellsten abgehandelte der nach dem Adoptianismus war. Was mich in einem zweiten Schritt dazu führen wird, Ihnen eben diesen weiter vorzustellen. In einem letzten Schritt werde ich probieren, Ihnen darzulegen, dass sich diese Art des christlichen Glaubens nur im Spanien des 8. Jahrhunderts entwickeln konnte, weil, wie ich glaube, islamische Spuren hier zu finden sind, etwas das bisher nicht beachtet wurde.

Bevor ich jedoch zum eigentlichen Thema des Essays komme, möchte ich Ihnen eine kurze Geschichte erzählen. An einem Samstag fuhr ich nach Bonn in die Ausstellung „Gerettete Schätze – Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul“ in der Bundeskunst- und Ausstellungshalle. Während ich am Bahnhof wartete, schlenderte ich durch den Bahnhofskiosk und stieß auf ein Magazin, dessen Titelblatt mir „Schwarze Löchern der Geschichte“ versprach. Ich blätterte durch diese Zeitschrift, kaufte sie mir, damit ich mit meinen Kollegen, die mich auf dem Museumstrip begleiteten, während der Fahrt etwas zu lachen hatte. Denn wie Sie sich vorstellen können, waren die Artikel kurz und flach und allesamt ein großer Humbug. Was aber für Fachleute, war ich doch mit einem Althistoriker und einer Kirchenhistorikerin unterwegs, ein großer Spaß sein kann, ist für die interessierten Laien oftmals eine riesige Irreführung, was man anhand der Leserbriefe in dieser Zeitschrift sehen konnte, die zeigten, dass vieles, wenn nicht alles, geglaubt wird.

Was hat das mit diesem Essay zu tun? Eines dieser schwarzen Löcher betraf auch die heute zu behandelnde Zeit. Folgt man nämlich einem Artikel in dieser Zeitschrift, könnten wir uns den heutigen Abend schenken, sollen wir doch einem riesigen Bluff auferlegen sein. Karl den Großen habe es nämlich nie gegeben, weiter noch: fast 300 Jahre unser Geschichte seien eine Erfindung. Die gesamte Karolingische Kultur, Literatur, jedes offizielle Dokument in der Zeit von 600 bis 900 sei eine Fälschung. Belege für diese These sind unter anderem die Unauffindbarkeit von Karls Grab und die fehlenden archäologischen Beweise aus der Zeit. Motiv für die Fälschung sei der Wunsch Ottos III. unbedingt der Herrscher des Jahrtausendwechsels zu sein. Im Bund mit Papst Silvester II., der so Papst des Wechsels wurde, habe er von Mönchen, Klerikern und anderen Gelehrten seiner Zeit Dokumente umschreiben lassen und Unmengen von Fälschungen hergestellt. Die im 16. Jahrhundert schließlich von Gregor XIII. durchgeführte Kalenderreform, habe dem ganzen dann noch die Krone aufgesetzt.

Sie merken bereits an dieser Zusammenfassung, dass es sich dabei um einen großen Blödsinn handelt. Stellen wir zunächst die Frage nach der Motivation. Warum sollte eine Herrscher, der nach dieser Theorie so um 700 gelebt habe, auf die Idee kommen, der Herrscher des Wechsels zu werden, warum sollte ein Papst ihn dabei unterstützen, zumal er dann Vorgänger erfinden müsste, die in keinem guten Licht dastehen würden, denken sie an solche seltsamen Gestalten wie die Päpstin Johanna, die in dieser gefälschten Zeit aufkommt. Und warum wird dann nicht auch ein Grab des Herrschers Karl gefälscht, haben wir doch genug Belege dafür, dass Gräber von Heiligen zu dieser Zeit oft genug irgendwo gefunden wurden, etwas des des Hl. Jakobs in Spanien oder auch näher, die Grabauffindung, die später zum Bau des Bonner Münsters führte.

Wenn auch das genug Belege sind, um das Theoriegerüst aus dem Inneren heraus zu erschüttern, so kann man auch von außen auf es einwirken. Auf eine solche Theorie kann man nämlich nur kommen, wenn man europäisch und nicht global denkt. Die chinesische Kultur der Tang-Dynastie herrschte in dieser Zeit, deren Quellenlage deutlich besser ist. So weit aber muss man gar nicht gehen. Was ist mit den angelsächsischen Königreichen in Großbritannien, was hätten die von einer solchen Fälschung? Oder das maurische Spanien, warum sollten die Muslime diesen Zeitschwindel mitmachen, wo ihnen das Jahrtausend doch eh egal sein kann, da sie sich zu diesem Zeitpunkt erst in ihrem zweiten Jahrhundert befanden? Sie sehen diese Theorie ist Murks. Sollte ihnen jemals jemand damit kommen, haben sie nun Argumente dagegen. Um ein weiteres jedoch ist es nie Schade und damit beschäftigen wir uns heute: Dem Frankfurt Konzil von 794 unter Vorsitz Kaiser Karls des Großen.

Die Stadt Frankfurt ist eine frühmittelalterliche Gründung. Ihr Name verrät bereits, dass es sich bei ihr um eine Gründung der Franken handeln muss, diese haben nämlich an einer Furt eine Siedlung angelegt, die dann zu einer „Furt der Franken“ wurde. Die Gründungslegende der Stadt möchte, dass die Stadt natürlich nicht nur durch irgendeinen Franken gegründet wurde, sondern durch den größten und bekanntesten Franken überhaupt: Karl den Großen, der die Stadt nach einer wundersamen Jagd auf eine Hirschkuh gegründet haben soll. Der Verweis auf Karl den Großen ist dabei nicht so abwegig wie man aus heutiger Sicht denken mag. Im Jahr 794 taucht der Name „Franconofurd“ das erste Mal auf. Normalerweise finden sich solche Namen in Urkunden und Listen der Verwaltung und sind abgesehen von der Erstnennung einer Stadt oder eines Stadtteils relativ unspektakulär. Bei Frankfurt verhält sich das anders. Die Erwähnung der Stadt fällt gleich zusammen mit einem kirchengeschichtlichen Großereignis: Der Synode von Frankfurt 794. Zu dieser Synode gerufen hatte niemand geringerer als eben der damalige fränkische König Karl – in Absprache mit Papst Hadrian I. Sie sehen also, dass die Erstnennung der Stadt mit Karl dem Großen zu tun hat, warum also nicht auch ihre Gründung?

Zurück zu Synode. Das Thema dieser Synode waren zwei theologisch wichtige Fragen, von denen die nach dem Bilderstreit, also nach dem Verbot der Darstellung von Gott, die wichtigere war, zu der auch am längsten diskutiert wurde. Wichtiger war sie vor allem aus einem Grund: Die Synode und ihr Ergebnis sollten endgültig eine Trennung zwischen der westlichen und der östlichen Welt besiegeln. Auf der Synode von Frankfurt sollte klar antibyzantinsich agiert werden. Das machte bereits die Aufstellung der eingeladenen Bischöfe klar. Versammelt waren die abendländischen Bischöfe des Frankenreichs, Spaniens, Italiens und der angelsächsischen Länder.

Heute Abend aber geht es nicht um diese große Ausrichtung der Synode, zu der lang und breit geforscht wurde, sondern um den schneller abgehandelten und unwichtigeren Teil angesichts der großen Aufgabe dieser Versammlung. Bevor man den Bruch mit der Ostkirche vollziehen konnte, musste zunächst klar gemacht werden, was die Westkirche eigentlich war, welches gemeinsame Glaubensfundament sie auszeichnete. Und dabei störte eine in Spanien aufgekommene Vorstellung über die Göttlichkeit des Sohns: der Adoptianismus.

Karl hatte sich bereits im Vorfeld mit dem Papst geeinigt. Der Adoptanismus war eine Häresie und gehörte verurteilt. Auf der Frankfurter Synode jedoch musste über diese Vorstellung gesprochen werden. Die beiden Hauptangeklagten der Bischof von Toledo und sein Unterstützer Felix von Urgell erklärten sich schriftlich. Diese Schreiben wurden zur Diskussion gestellt. Karl selber beendete die ausführliche Diskussion nach Absprache mit seinen Hoftheologen und urteilte, um daraufhin die anderen Anwesenden nach ihrem Urteil zu befragen. Die Bischöfe baten um Aufschub bekamen in gewährt und mit ein wenig zeitlicher Verzögerung war der Adoptanismus verurteilt.

Was aber verbirgt sich hinter diesem Begriff eigentlich? Das Lexikon des Mittelalters gibt eine recht uneindeutige Beschreibung dieser Idee christlichen Glaubens: „Lehre von der Gottessohnschaft Christi, die [diese] des Menschen Jesus erklärt als Annahme an Sohnes statt, d. h. durch Adoption“. Hinter diesem eigentümlichen Satzbau verbirgt sich nicht anderes als die Behauptung, dass Jesus nicht der leibliche Sohn Gottes ist, sondern von diesem eben adoptiert wurde. Fleckenstein fasst diesen Umstand in deutlichere Worte, wenn er diese „eigentümliche Auffassung“ als „doppelte Sohnschaft Christi“ bezeichnet, in der Jesus als Gott und als Mensch hervortritt. Jesus galt als Mensch, der von Gott durch die Taufe adoptiert worden war und so zum Sohn wurde. Seine göttliche Natur indes war ewig. Darin unterschied sich der Adoptianismus von der Lehre der Arianer, die die Ewigkeit des Sohns zum Einen bestritten und auch seine Existenz nicht etwa aus göttlicher Substanz, sondern aus dem Nichts erklärten und damit auf den Konzil von Nikaia 325 verurteilt wurde. Sie erinnern sich an die Veranstaltung vor zwei Wochen.

Der Adoptianismus berührte trotzdem das gleiche Gebiet wie der Arianismus. Im Kern ging es um die Gestalt und Ausformung der Dreifaltigkeit. Festgelegt und theologisch war die Auslegung Gottes in der Gestalt des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Letztere spielte in diesen Auseinandersetzungen immer eine untergeordnete Rolle, was wohl darauf zurück zu führen ist, dass dessen Existenz parallel zum Vater und zum Sohn gesehen wurde und somit kein Problem darstellten. Die Worte „Vater“ und „Sohn“ jedoch verlangen nach einem, der zu erst da war, in diesem Fall „Vater“, und einem zweiten, der danach kommen muss, „Sohn“. Eine Gleichzeitigkeit von Vater und Sohn von Anfang bis Ende, eben in aller Ewigkeit ist für den normalen Verstand schwer vorstellbar, zumal wenn es darum geht eine Lehre wie das Christentum noch weiter zu verbreiten, befinden wir uns doch mit dem Adoptianismus im 8. Jahrhundert nach Christus, einer Zeit, in der noch längst nicht ganz Europa zum Christentum gehörte.

Wie auch beim Arianismus haben wir es hier mit einer Vereinfachung der Trinitätslehre zu tun. Das Komplizierte der Gleichzeitigkeit von Vater und Sohn wird probiert in denkbare Vorstellungen zu lenken. So ist der Sohn zwar genauso lange existent wie der Vater, seine Nachfolge als Sohn gegenüber dem Vater wird durch die Adoption aber erklär- und verstehbar.

Um das Ganze in ein Beispiel zu packen, dass nachvollziehbar ist: Stellen Sie sich bitte zwei Brüder vor, Zwillinge. Beide am selben Tag geboren, wer der ältere ist, ist nicht mehr heraus zu finden, deswegen sind beide gleich alt. Einer der beiden Brüder wird krank, und muss, damit das Erbe in der Familie bleibt, einen Erben haben. Da aber sein Bruder aus juristischen Gründen nicht erben kann, adoptiert sein Bruder ihn, so dass obwohl beide Brüder gleich alt sind, rein juristisch klar ist, dass der eine Bruder, der Adoptivsohn des anderen ist und so das Erbe in der Familie blieben kann.

Diese Lehre wich von der richtigen Trinitätslehre ab. Wie kam es dazu? Im Spanien des 8. Jahrhunderts herrschen Moslems. Trotzdem existieren weiter auch christliche Gemeinden, wie im Lektürekurs ja bereits Anfang dieses Jahres besprochen wurde, als von Albarus Paulus und Eulogius die Rede war, die beide als Märtyrer verehrt wurden bzw. werden wollten. Unter diesen Gemeinden gab es auch bestimmte Sekten und Gruppen, die mit dem christlichen Glauben zwar verbunden waren, aber kein theologisches Fundament hatten. Zu diesen Gruppen gehörte auch eine Sekte um Migetius. Nach der bisherigen Quellenlage ist leider zu Migetius nicht viel bekannt. Aus den Briefen der spanischen Bischöfe an ihre fränkischen Kollegen im Vorfeld der Synode von 794 sind uns jedoch Gerüchte über Migetius überliefert. Diesen zufolge scheint Migetius sich als ein neuer Jesus begriffen zu haben, was nicht nur heute sondern auch bereits im 8. Jahrhundert als irrsinnig galt. So scharte er Apostel um sich und prophezeite seine Auferstehung nach dem Tode nach drei Tagen. Selbst wenn man davon absieht, dass es sich hierbei um ein Schreiben von Bischöfen handelt, dass auf keinen Fall mit einem objektiven Griffel geschrieben worden ist, stellt sich diese Gruppe als konfuses Konstrukt da, so dass Heil davon ausgeht, dass bei den Migetianern eine auf keinem Fall mit der Orthodoxie konforme Lehre herrschte, die den Primas der spanischen Kirche, den bereits früher erwähnten Erzbischof Elipand von Toledo, dazu brachte gegen diese Gruppe vor zugehen. Um nochmal auf die am Anfang angesprochene These zurück zu kommen: Welchen Sinn hätte es für einen Papst einen solchen Streit, der die Einheit der Kirche widerlegt, in Dokumenten fälschen zu lassen?

Aber zurück zum Thema. Kurz soll auf Elipandus eingegangen werden. Geboren am 24. Juli 716 wurde er 750 zum Erzbischof von Toledo und in dieser Funktion zum Primas der spanischen Kirche. Als dieser musste er innerhalb Spaniens gegen Migetius vorgehen. Dies tat er zu aller erst in einem Brief, den er an Migetius schrieb. Darin sind vor allem vier Punkte genannt, auf die eingegangen wird. Erstens behandelt Elipandus die Trinitätslehre, dazu später, zweitens geht es um das Problem der Heiligkeit bzw. der Sündhaftigkeit der Priesters, die im als Sünder eigentlich keinen Gottesdienst geben dürften. Drittens darf mit Sündern keine Mahlgemeinschaft eingegangen werden und viertens wird von Rom eine besondere Heiligkeit ausgesagt, weil dort das himmlische Jerusalem auf die Erde kam. Nicht sachlich geht Elipanus in diesem Brief vor, sondern polemisch. Er schilt Migetius einen „doctor erroris“ und seine Lehre „einen einfältigen und albernen Wahnsinn“. Gemäß der Patristik folgend, werden die Punkte des Migetius mit Schriftstellen und Auslegungen der Schrift durch die Kichenväter, etwa Isidor von Sevilla oder Gregor dem Großen, widerlegt. Der letzte Punkt, die Heiligkeit Roms, muss an dieser Stelle besondere Beachtung finden, um einen Einschnitt durch das Konzil von 794 zu sehen. Dass Migetius Rom eine Heiligkeit zuspricht, muss von Elipandus widerlegt werden, der dieses dadurch tut, dass er der katholischen Kirche einen Universalanspruch unterstellt, der die Heiligkeit nicht auf Rom, sondern auf den gesamten Erdkreis bezieht. Durch die Beweisstelle, Mt. 16, 18 (Du bist Petrus und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen etc.) probiert Migetius die Heiligkeit des Papstes auf Rom zu übertragen, Elipandus widerspricht und überträgt die Heiligkeit auf den Erdkreis. Eine Distanz zu Rom ist an dieser Stelle, so stellt es Thersia Hainthaler da, zweifelsfrei festzustellen, was einen Blick auf das Selbstbewusstsein der spanischen Kirche wirft. Spanien sieht sich als Kirche mit eigener Tradition und eigener Lehre, etwas dass durch die Widerlegung der spanischen Lehre scharf geschnitten wird.

Elipanus‘ Vorgehen gestaltete sich, folgt man Schäferdiek, zunächst so, dass er probierte des theologische Gerüst der Migetianern auseinander zunehmen, indem er die Bibel bemüht, um einiges davon zu widerlegen. Das Ganze konzipierte er in einer Polemik, die trotzdem drei Vorgehensweisen des Migetius hervorhebt. Zum einen war er beliebt bei der Bevölkerung, was zum zweiten wohl mit seinem mangelnden Wissen in theologischen Fragen zu tun hatte und so auch drittens mit seiner sehr eigenen Art der Bibelauslegung, mit der er sich intensiv beschäftigt hatte, zusammenhängt. Was das Problem der Trinität angeht hat Migetius daher auch sein eigenes Konzept entwickelt. Folgt man Migetius, dann habe sich Gott in drei biblischen Gestalten personifiziert. Dabei ist der Vater identisch mit David, der Sohn identisch mit Jesus und der heilige Geist spiegelt sich in Paulus wieder. Ersterer und letzterer werden von Elipand leicht damit entkräftet, dass diese beiden sterbliche Menschen gewesen sein, allein bei Jesus tut er sich schwer. Er probiert Migetius mit der Zweinaturenlehre Jesu zu widerlegen, wobei er „so ungeschickte Formulierungen gebraucht, dass der Eindruck entsteht, er rede von einer Doppelpersönlichkeit Christi“. Auf dem Konzil von Sevilla wurde dann, um Migetius zu begegnen die Adoption Jesu durch Gott eingesetzt. Das bedeutet, dass nicht etwa die Anhänger des Migetius die Verbreiter der adoptianischen Lehre waren, diese entsprang den Lehren des Erzbischofs, der damit dieser Gruppe entgegen treten wollte und sie als Häresie verurteilte.

Das erklärt das früher Ausgeführte. In einer Zeit, in der man probiert die richtige Lehre zu verbreiten, um Irrlehren vorzubeugen, muss man vereinfachen und erklären. In der Auseinandersetzung zwischen Elipand und Migetius entstand der Apotianismus, der dann selber zu einer nicht unumstrittenen Lehre innerhalb Spaniens wurde, so die Forschungsmeinung.

Was aber war an dieser verständlichen Lehre, die einen klaren Kontrapunkt gegen eine definitiv häretische Sekte um einen wieder geborenen Jesus setzte, eigentlich so schlimm, dass sie ihrerseits als Häresie verurteilt wurde? Zwei Synodalschreiben der auf dem Frankfurter Konzill 794 versammelten Bischöfe sind überliefert, in denen das Fehlverhalten der Spanier dargelegt wird. Während sich die italienischen Bischöfe theologisch gegen die Spanier wenden, greifen die fränkischen Bischöfe ihre spanischen Kollegen mit textkritischen Überlegungen an. So werfen sie ihnen vor, dass sie sich zwar auf die Zeugnisse der Kirchenväter als Beleg beziehen, dieses aber „eben nicht ganz richtig“. Kann man sich sicher über die Auslegungen dessen, was die Kirchenväter gesagt haben streiten und daher die Kritik der fränkischen Bischöfe eher nebensächlich betrachten, so wiegt doch das Schreiben der italienischen Bischöfe schwerer. Sie legen dabei nämlich fest, dass alleine durch die Tatsache, dass Jesu sowohl seiner göttlichen, als auch seiner menschlichen Natur nach Gottes Sohn gewesen sein muss, weil – und wenn Ihnen jetzt Gedanken an Anselm von Canterbury und Burkhard Müller kommen, liegen Sie nicht falsch – nur der göttliche menschliche Sohn für die Sünden am Kreuz sterben konnte. Ein menschlicher Sohn, sei er auch adoptiert, wäre ein geborener Knecht, der dieses nicht hätte fertig bringen können. Ein weiteres Problem liegt in der lateinischen Formel des Wortes „adoptio“. Während die spanischen Bischöfe mit diesem Begriff eine theologische Bedeutung verbinden, die die menschliche Natur Jesu zu einer göttlichen aufwerten soll, ist im fränkischen Reich damit eine rein juristische Aussage gefasst, die nicht theologisch verstanden werden kann. Gott aber steht über dem menschlichen Recht, ein theologischer Terminus ist demnach auf keinen Fall zu akzeptieren. Darüber hinaus ist die juristische Vorstellung einer Adoption im Groben darauf ausgerichtet, dass jemand adoptiert und zum Sohn gemacht wird, der nicht der geborene Sohn ist. Diese Vorstellung wiegt im fränkischen Reich so schwer, dass über die göttliche Natur Jesu, die vom Adoptianismus ja gar nicht bestritten wird, nicht geredet und diskutiert wird, so dass für fränkische Augen in der spanischen Überlegung Jesu nur der adoptierte Sohn Gottes, nicht aber sein eingeborener Sohn sein kann.

Mag das Auftreten der Lehre einem Zufall, Migetius‘ Widerlegung, geschuldet sein, so ist sein Verbreitung und auch die Tatsache, dass dieses für Kaiser Karl eher kircheninterne Thema auf dem Konzil in Frankfurt behandelt wurde, vor allem der Ursache geschuldet, dass Bischof Felix von Urgell diese Lehre nicht nur übernahm, sondern sie sogar ausbaute, lehrte und trotz aller Widerrufe immer wieder zu ihr zurück kam.

Wer war dieser Felix von Urgell? Wie in der Geschichte der Spätantike und des Frühmittelalters üblich ist über solche Randfiguren wenig bis gar nichts überliefert. Schon die Herkunft des Felix ist umstritten. Sicher ist nur, dass er 818 in Lyon strab. Felix war vor seiner Berufung zum Bishof von Urgell Abt von Sant Serni de Tavèrnoles. Cabaniss etwa urteilte über Felix 1953, er sei „spanischer Abkunft“, was dazu veranlasste ihn sogar aus dem maurischen Spanien stammen zu lassen. Trotzdem ist der größte Teil der forschenden Zunft eher von einer Abkunft aus Urgell selber überzeugt. In den Jahren 792 bis 797 war Felix tatsächlich in Toledo und lernte bei Elipandus, freilich war er niemals der Überzeugung gegen die rechtmäßige Lehre zu verstoßen, ähnlich wie sein Lehrmeister aus Toledo. Der wohl einflussreichste Berater am Hofe Karls des Großen, Alkuin, lobte Felix‘ Frömmigkeit, so dass Felix sogar vom fränkischen Hof als Bischof eingesetzt worden sein kann.

Das Bistum Urgell befindet sich geografisch in der Mitte Kataloniens, an der nordöstlichen Grenze Spaniens in den Pyrenäen. Karl der Große hatte bereits 778 probiert gegen das maurische Spanien zu ziehen, was allerdings hingegen der literarischen Propaganda eines Rolandslieds von wenig Erfolg gekrönt war. Trotzdem hatte er auf der iberischen Halbinsel Fuß fassen können. Zu diesen kleinen Errungenschaften des fränkischen Reichs in Spanien gehörte auch das Bistum Urgell, so dass jeder Bischof, der ja dort nicht nur als geistliches Oberhaupt, sondern auch als Haupt der örtlichen Verwaltung diente, zum Machtbereich Karls gehörte und so vom Karolingerhof eingesetzt wurde. Mit dieser Verwaltung aber war es Ende des 8. Jahrhunderts nicht weit her, da die Moslems immer wieder Angriffe auf dieses Gebiet richteten. Nach seiner Rückkehr aus Toledo 797 reiste Felix daher durch Südfrankreich, vor allem Aquitanien, und verbreitete seine Lehre – ein Gebiet, das auch im Zentrum der fränkischen Macht lag und die Verbreitung der Lehre dort für unpassend befunden wurde, zumal der Adoptianismus auf der Frankfurter Synode 794, also nur drei Jahre zuvor, verurteilt worden war. Felix wurde zu mehreren Gesprächen gerufen und musste 799 in Aachen seine Lehre widerrufen. In sein Bistum zurück kehrte er indes nicht, sondern wurde von Bischof Leidard in Lyon bis zu seinem Tode 818 festgehalten. Im von ihm bereisten Gebiet wurde in Folge dessen probiert, die Gemeinden wieder auf den Weg der richtigen Lehre zu führen. Sie erkennen, wie erfolgreich und verständlich diese Lehre gewesen sein muss.

Obwohl Felix nicht nach Urgell zurück kam und seine Lehre widerrief lebte sie Felix‘ weiter – in seinem Schüler Claudius von Turin, dem „interessantestem aller Ketzer aus der frühen Karolingerzeit“, wie es Banning ausdrückt, zumindest so lange bis der Bischof von Lyon ihm vom Gegenteil überzeugen konnte. Claudius schaffte es immerhin zum Hauskaplan Ludwigs des Frommen, Karls Sohn, und zum Bischof von Turin zu werden bevor er 827 starb und sowohl die Verehrung des Kreuzes ablehnte als auch die Macht des Papstes nicht aus seiner Geschichte heraus, sondern aus dem Amt selber verkündete.

Ziehen wir eine kurze Zwischenbilanz: Der Adoptianismus löste die Einheit Christi auf, indem er eine göttliche, ewige Natur des Gottes Sohns neben eine menschliche Natur stellte. Seinen Ursprung hatte diese Idee im Spanien des 8. Jahrhunderts und kann nicht ohne weiteres mit dem Arianismus vergleichen werden, wie es etwa Engels im „Lexikon des Mittelalters“ getan hat.

Der Titel dieses Essays aber verspricht Ihnen ja muslimische Wurzeln des Adoptianismus. Bisher hatte ich Ihnen sein Entstehen ja durch die Auseinandersetzung mit Migetius erklärt. Ich aber vermute tiefer gehende Gründe für eine solche Idee. Wie Sie bereits im Vorangegangenen erfahren haben, war Spanien vor allem durch muslimische Religion und Kultur geprägt. Trotzdem existierte eine kirchliche Struktur, so dass immerhin spanische Bischöfe selber Synoden abhalten konnten. Man mag hierin nun einen Beleg für die muslimische Toleranz im Mittelalter finden, trotzdem ist uns aus Quellen, etwa der Lebensbeschreibung des bereits erwähnten Eulogius oder den Aussagen des Albarus Paulus bekannt, dass viele Christen, zumal die kirchlichen Amtsträger, diesen Zustand für unmöglich hielten und alles daran setzten, die muslimische Herrschaft abzuschütteln.

Um so etwas zu schaffen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist die Ausrottung der Muslime durch das Schwert, eine Möglichkeit, die mit dem verlustreichen Feldzugs Karls des Großen gegangen worden war und als untauglich gelten dürfte. Die zweite Möglichkeit ist die Mission, die auch noch im 13. Jahrhundert etwa durch Franziskaner und Dominikaner in Spanien praktiziert wurde. Um aber Missionieren zu können, muss man nicht bloß von der eigenen Religion rückhaltlos überzeugt sein, man sollte auch probieren, die Kultur der zu Missionierenden zu verstehen und sogar Teile davon zu übernehmen, um die neue Religion nicht umsturzartig einzusetzen, wie es etwa Gregor der Große seinem Missionar Augustinus in England mitteilte.

Und tatsächlich, auch Albarus Paulus beschwert sich darüber, dass seine Glaubensbrüder die arabisch-muslimischen theologischen Werke lesen würden. Das bedeutet, dass tatsächlich Christen sich mit der Religion der Mauren auseinandersetzen konnten. Was aber konnten sie im Koran etwa über Jesus erfahren? Zunächst erfreuliches. So findet sich in Sure 3 der Hinweis, dass Jesus der Messias ist. Später jedoch wird Jesus mit Adam gleichgesetzt, was allerdings nicht bedeuten muss, er sei ein Mensch sondern, dass er auf Befehl Gottes entstanden ist. „Er sprach zu ihm: Werde, und er ward“, so der Koran. Mit dieser Aussage kann der Christ, der der richtigen Vorstellung der Trinität verpflichtet ist, nicht übereinstimmen, da damit der Ewigkeitanspruch der Trinität verletzt ist. In Sure 4 schließlich wird die Trinitätslehre sogar ganz wörtlich für ausgeschlossen erklärt:

„O Schriftleute, überschreitet nicht eure Religion und saget von Gott nichts als die Wahrheit. Wahrlich, der Messias, Jesus, der Sohn Marias, ist der Gesandte Gottes und sein Wort, das er getan hat in Maria, und ein Geist von ihm. So glaubet an Gott und an seine Gesandten, und saget nicht: Dreiheit. Lasset dies, euch zum Guten. Wahrlich, Gott ist ein Einheitsgott; erhaben ist er einen Sohn zu besitzen. Sein ist, was auf den Himmeln ist und was auf Erden, und es genügt, in Gott einen Vertrauensfreund zu haben.“

Der Islam lehnt die Trinitätslehre ab. Gott existiert für ihn nur als Einheit. Ein Umstand übrigens der viele Muslime glauben lässt, die Christen hätten drei Götter. So schreibt der erste Gesandte des osmanischen Reiches in Preußen an seinen Dienstherren Mitte des 18. Jahrhunderts, dass die protestantischen Preußen nur an einen Gott glauben würden, was sie leichter dazu bringen könnte, den Islam anzunehmen.

Schaut man auf die Geschichte der frühen Kirche zurück, so kann man erkennen, dass auch im Frühchristentum viele Auffassungen über die Gestalt Gottes herrschten. Neben den Ihnen nun bekannten Arianern finden sich bei syrischen Christen sogar Vorstellungen, die nahezu identisch mit denen aus dem Koran erscheinen, was etwa den katholischen Theologen Karl-Heinz Ohlig dazu bringt, zu sagen, die Gestalt des Mohammed habe nie existiert und der Islam sei im Prinzip eine Weiterentwicklung des syrischen Christentums.Obwohl Ohlig mit dieser These nicht allein steht, muss darauf hier nicht weiter eingegangen werden. Wichtig scheint mir die Frage, ob spanische Christen des 8. Jahrhunderts von diesen syrischen Ideen wussten und sie als vergangenen Teil des Christentums akzeptierten.

Da das maurische Spanien ein Hort der Kultur war, indem sich mit Religion beschäftigt wurde, indem Übersetzungen von griechischen Schriften kursierten, scheint es mir nicht ungewöhnlich, dass spanische Christen, von denen, wie Albarus Paulus bestätigt, viele des Arabischen mächtig waren, diese Texte gelesen haben, so dass einiges darüber bekannt war.

Folgt man der traditionellen Forschung über den Gründer des Islams, dann war zum Zeitpunkt des Konzils in Frankfurt dieser gerade 150 Jahre tot. Man darf also davon ausgehen, dass auch der Islam als solcher noch nicht gefestigt war und durchaus noch flexibel in der Glaubensauslegung.

Zwecks Missionierung musste ein Christ also folgendes Bedenken: Erstens glauben die Moslems an Jesus als Messias. Zweitens glauben sie nicht an die Trinität, drittens gibt es Glaubensbewegungen im Christentum, die die Trinität auch anzweifeln, ein Umstand übrigens, der in Spanien erst mit dem Untergang des Westgotenreiches aufhörte. Die Goten waren überzeugte Arianer und damit Gegner der Trinitätslehre. Viertens kann der Missionar nach Gregor dem Großen Bräuche und Namen des alten Glaubens übernehmen, um zu missionieren.

Daraus lässt sich die Frage konzipieren, was gemacht werden muss, um einen Moslem vom Christentum zu überzeugen. Abgesehen von der Person Mohammeds, die, da alle Quellen, die seine Existenz bezeugen, erst aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen, eventuell gar nicht gelebt und gewirkt hat, muss der wichtigste Faktor dabei sein, die Trinitätslehre so aufzuweichen, dass sie akzeptabel wird. Berücksichtigt werden muss dabei auch die richtige Lehre zur Dreifaltigkeit, die in Rom gelehrt wird, wenn auch nur am Rande, da Spanien, wie oben erwähnt, einen eigenen Weg geht.

Die Vorstellung also die Natur Jesu in eine menschliche und eine göttliche Natur aufzuspalten und die menschliche durch die Idee der Adoption wieder an Gott heran zubringen, löst das Problem zur Missionierung der Moslems. Die Trinität wäre teilweise aufgehoben, Gott würde als Einheit erscheinen, wäre weiterhin zu erhaben, um einen Sohn zu zeugen, man könnte sich in der Begründung auf ältere Traditionen berufen, was übrigens in den Verteidigungsschreiben zur Frankfurter Synode geschehen ist und hätte im Prinzip über die Adoption auch die richtige Trinitätslehre aufgeweicht, aber berücksichtigt.

Damit wäre die Lehre des Adoptianismus eine auf den Islam abgestimmte Missionierungsformel, die durch ihn beeinflusst ist. Zwei Umstände jedoch sorgten dafür, dass diese Missionierung bereits im Anfang erstickt wurde. Zum einen war das Auftreten des Migetius ein Problem, den es erforderte schnelles Handeln und Eingreifen, sowohl praktischer als auch theologischer Art. Die Zweinaturenlehre Jesu, die für die Missionierung der Moslems konzipiert war, ob bewusst ersonnen oder unbewusst angewandt sei dahin gestellt, konnte auch gegen Migetius eingesetzt werden. Das einberufene Konzil musste schriftlich festlegen, was beschlossen worden war, so dass diese noch nicht voll entwickelte Idee in schriftlicher Form nach Rom geschickt wurde. Das zweite Problem war ein Kommunikationsproblem. Wie der Schrift der fränkischen Bischöfe zu entnehmen ist, war Elipanus von Toledo kein begnadeter Schreiber, er hatte sogar Schwierigkeiten die Theologie des Migetius mit Worten zu entkräften. Einer solchen Person die Ausformulierung zu überlassen, scheint grob fahrlässig, bei einem solch heiklen Thema wie der Trinität. Sein Schüler und Mitbischof Felix von Urgell jedoch wäre in der Lage gewesen dieses zu schaffen, wie seine Geschichte und seine Missionserfolge im frühen 9. Jahrhundert zeigen, da aber war der Adoptianismus bereits auf dem Konzil von Frankfurt 794 verurteilt worden.

Apologie des Positivismus

Spätestens mit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Frage nach der Theoriebedürftigkeit der Geschichte gestellt1. Golo Mann trat entschieden gegen dieses Bedürfnis ein und fasste seine Überzeugung in dem Satz zusammen, dass „die Historie eine Kunst sei, die auf Kenntnissen“ beruhe2. Natürlich darf man sich die Frage stellen, von welchen Kenntnissen Mann sprach, woher diese kommen und schließlich, was mit ihnen erreicht werden soll.

Geht man diesen Fragen grundlegend nach, dann landet man zwangsläufig bei den Theorien des Strukturalismus bzw. des Dekonstruktion3. Denn alle Kenntnis eines Menschen basieren immerhin auf der Konstruktion seiner Umwelt, seinen Erfahrungen, seiner Vorstellungskraft und den äußeren Einflüßen, die ihn prägten. Der Mensch ist immer nur in der Lage, dass wahrzunehmen, was er wahrnehmen kann, nicht mehr, wenn auch auch durchaus weniger. Alles, was er durch seine ihm angeborenen Sinne, seinen Intelligenz oder unter Zuhilfenahme von Maschinen erfassen kann, ist in der Lage, sein Weltbild zu prägen.

Damit ist aber auch klar, dass es einen Bereich der Welt geben muss, denn der Mensch nicht erfassen kann, weil es seine biologischen, technischen oder auch intellektuellen Fähigkeiten übersteigt. Ein einzelner Mensch kann somit gar nicht alles wissen, was er wissen muss, um eine richtige Entscheidung zu treffen. Er blendet daher aus bzw. muss notgedrungen ausblenden, was auf den ersten Blick als unnötig erscheint. Am eindringlichsten ist das im der Bildsprache eines Steven Spielberg, der in dem wenig geschätzten vierten Teil der Indiana-Jones-Reihe die Protagonistin seines Helden am Ende explodieren lässt, weil sie das gesammelte Wissen der Dimensonsreisenden aufsaugen will, es aber nicht kann und darin schließlich auf spektakuläre Weise stirbt4.

Der Begriff der Theorie ist innerhalb der Wissenschaften erfunden worden, um sich auf eine Fragestellung zu fokussieren, damit der Forscher nicht dasselbe Schicksal erleiden muss wie Agentin Spalko. Er ist so in der Lage eine Fragestellung zu erarbeiten und dafür störenden Balast beiseite zu schieben. Dass das dabei entstehende Ergebnis nicht einer absoluten Wahrheit entspricht, ist klar und deutlich und sollte jedem Wissenschaftler bewusst sein. Seine Theorie ist nur in sofern wahr, als dass sie im vorgegebenen Rahmen funktioniert, außerhalb dieses Rahmens aber nicht.

Außerhalb des akademisch-wissenschaftlichen Systems sind diese Feststellungen schwer nachzuvollziehen. Denn, wenn alles das, was ein Mensch in seinem Leben an Eindrücken sammelt und an Entscheidungen trifft, nur auf einer banalen Abschätzung eines Bruchteils dessen beruhen, was er in der Lage ist zu erkennen und zu wissen, er gar nicht in der Lage sein kann, alles zu wissen und in seine Entscheidungen mit einzubeziehen, dann sind alle Entscheidungen, die er getroffen hat, auf einer Grundlage getroffen worden, die im strengen Sinne nicht ausreichend war. Daraus muss er so den Schluss ziehen, dass alle Entscheidungen, die je von ihm getroffen worden sind, in irgendeiner Art und Weise falsch sein gewesen sein müssen. Kommt eine solche Erkenntnis, kann es zu einer tiefen Krise führen. Daher lebt der Mensch, indem er diese unschöne Erkenntnis ausklammert und Entscheidungen einzig auf Basis dessen trifft, was er weiß und erkennen kann. Die sorgfältigeren unter ihnen suchen und recherchieren nach vielen Variablen, die weniger sorgfältiger entscheiden kurzfristig „aus dem Bauch heraus“.

Innerhalb der Geschichtswissenschaften gibt es aus dieser wissenschaftstheoretischen Sicht gesehen zwei große Ansätze. Zum einen einen traditionellen positivistischen Ansatz, bei dem sich ein Historiker Quellen ansieht, deren Inhalt vor dem jeweiligen Zeithorizont interpretiert und daraus eine Erzählung macht, die er zu Papier bringt, fokussiert auf eine Fragestellung die einfach nur darin bestehen kann, eine Biographie zu erstellen, die Geschichte einer Stadt, einer Region oder einer Epoche zu erzählen.

Auf der anderen Seite gibt es jene Historiker, die einen solchen Ansatz ablehnen und eine solche Meistererzählung unterwandern wollen. Sie fokussieren sich dann zwar auf dieselben Quellen, untersuchen aber nicht das eigentlich in ihnen beschriebene Geschehen, sondern die Form und Nebenhandlungen, um etwa die Stellung der Frau herauszuarbeiten, Abhängigkeitsprozesse zu analysieren oder Muster in Handlungen zu erkennen.

Man kann dieses Vorgehen Strukturalismus nennen, ohne diesem großen philosophischen Wort gerecht zu werden, vor allem aber ist auch dies im gewissen Sinne nichts anderes als eine positivistische Vorgehensweise, nur dass sie sich eben nicht eine (positive) Entwicklungsgeschichte setzt, sondern auf die Dekonstruktion derselben. Aber eine Geschichte der Frau in den ländlichen Regionen Südpolens, eine Dissertation zur sozialen Zusammensetzung von Tierschutzvereinen im 19. Jahrhundert oder eine kritische Analyse von Apartheitsregimen im frühneuzeitlichen Afrika ist in erster Linie eine Erzählung, die dann in einem weiteren Teil hinterfragt werden kann.

Was aber, wenn den Autor einer Arbeit dieser kritische Ansatz gar nicht interessiert? Was, wenn er in erster Linie nur wissen möchte, was eigentlich passiert ist, nicht welche gesellschaftlichen Faktoren die Ursache bilden? Was, wenn er ohne soziologisches Interesse ist und deswegen sich einzig auf die Fakten konzentrieren möchte, ohne irgendwelche Diskurse einzubeziehen? Wenn ihn also der ganze geschichtsphilosophische Aspekt einer solchen Arbeit nicht interessiert, er aber dennoch das Bestreben hat, sein Fach, das er ja deswegen studiert hat, weil er eine intrinsische Motivation spürte, das dies sein Fach ist, weiterbringen möchte, ohne sich gleichzeitig mit den unterschiedlichsten anderen Fächern beschäftigen zu müssen, die ihn ja nicht interessieren?

In einem solchen Fall arbeitet er positivistisch und es gebührt einem positivistischem Forscher derselbe Respekt, wie einem an weit greifenden Theorien gelegenen Forscher. Er tut es für sein Fach und das ist anzuerkennen.

1Vgl.: Kocka, Jürgen/Nipperdey, Thomas (Hg.): Theorie und Erzählung in der Geschichte, München 1979.

2Vgl.: Mann, Golo: Plädoyer für die historische Erzählung, in: Ebd, 53.

3Beide Begriffe bezeichnen zwar unterschiedliche Dinge und Strömungen in unterschiedlichen Disziplinen, gehen aber beide in gewisserweise davon aus, dass Werte, Texte, Kunst und Überzeugungen konstruiert sind. Die Aufgabe beider Strömungen ist das Aufzeigen dieser Strukturen bzw. das Dekonstruieren derselben.