Rassismus – eine saublöde Debatte

Wer probiert eine Definition dessen zu finden, was Rassismus ist, wird, wenn er fünf Bücher aufschlägt, fünf Definitionen finden. Der Begriff selber wird erstmals 1933/34 in einem Buch von Magnus Hirschfeld erwähnt, das Rassismus heißt. Darin gibt es interessanterweise keine Definition des Begriffs. Der Begriff wird genutzt, um sich kritisch mit der Rassenlehre auseinanderzusetzen. Erst mit Ruth Benedict 1942 gibt es erstmals eine Definition von Rassismus. Sie bezeichnet Rassismus als

das Dogma, das eine ethnische Gruppe von der Natur zu angeborener Unterlegenheit verdammt, eine andere dagegen zu angeborener Überlegenheit auserkoren ist.

Wichtig an dieser Definition ist vor allem die Tatsache, dass klar darauf abgezielt wird Unterschiede zwischen Menschen aufzuzeigen, die durch die ethnische Zugehörigkeit bestimmt sind. Eine Gruppe ist überlegen, eine nicht. Eine ist clever, eine andere nicht, eine ist lustig, eine andere nicht, eine Gruppe ist produktiv, die andere faul.

Wenn es eine solche Unterteilung aber gibt, die einzig alleine darauf beruht, dass Rasse, Ethnie oder DNS bestimmen, wie jemand ist, dann haben Umweltfaktoren keinen Einfluss auf das Verhalten. Oder wie es schon Immanuel Kant formulierte:

dieser Kerl war vom Kopf bis auf die Füße ganz schwarz, ein deutlicher Beweis, daß das, was er sagte, dumm war

Was der Königsberger Aufklärer uns damit sagen wollte ich wohl klar: Wenn ein Argument von einem Schwarzen komme, sei es nichts wert, denn es komme von einem Dummkopf. Lernen ist demnach wohl nicht möglich, zumindest nicht ein tiefer gehendes, auch wenn an der Oberfläche mal das ein oder andere beeindruckt. Der schottische Philosoph David Hume, seines Zeichens Vertreter der Empiriker, etwa fasst, nachdem er darauf aufmerksam gemacht worden war, dass es es in der Karibik eine Schule gebe, die von einem gebildeten Schwarzen betrieben würde nur fest, dass dieser Mann

für geringe Leistung gelobt [wird], wie ein Papagei, der ein paar Worte fehlerfrei aufsagt.

Es gibt aber auch andere Arten von Rassismus. Der amerikanische Historiker Ibram X. Kendi unterteilt Rassismus in zwei Unterarten, die er beide ablehnt. Zum einen spricht er von Assimilationismus. Darunter versteht er, dass man von einer als untergeordnete empfundenen Rasse verlangt, dass sie sich der obergeordneten Rasse anpasst bzw. die obergeordnete Rasse hilft der anderen bei diesem Aufschließen. Zum zweiten spricht er von Segregationismus, was wiederum bedeutet, beide identifizierten Rassen sollen von einander getrennt werden und sind schlicht ungleich, eine steht höher, eine weiter unten. Diese Definition nutzt Kendi um in seinem Buch „Gebrandtmarkt“ die Geschichte des Rassismus in den USA aufzuzeigen.

Vor allem die erst genannte Unterart von Rassismus widerspricht der von Ruth Benedict gegebenen Definition der Bedingungslosigkeit. Denn entweder ist man genetisch-rassistisch bedingt determiniert oder man hat die Möglichkeit zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Beides aber geht nicht.

Warum ist eine Definition von Rassismus wichtig? Wer nicht zwischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit unterscheidet, der hat ein Problem. Fremdenfeindlich kann man nämlich immer sein, so lange man bereit ist, zu lernen, dass ein Fremder nicht unbedingt ein Feind ist. Wer ein Rassist im Sinne von Ruth Benedict ist, der ist genau dazu nicht bereit, denn das bedeutet, der Fremde kann in seinen Augen niemals Teil dessen sein, was er nicht als fremd ansieht.

Der Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Fremden ist übrigens die Krux an der ganzen Debatte. Als Mensch bin ich immer nur Herr über meine eigenen Gedanke und Gefühle. Ich kann durch Empathie probieren, mich in andere hineinzuversetzen, aber gelingen wird niemals zu hundert Prozent. Außerdem zeigt dies auf, dass Rassismus einen Dualismus beinhaltet. Es gibt mich und es gibt die anderen.

Ich habe Erwartungen an die anderen, die anderen haben Erwartungen an mich. Wenn mir etwa vor Augen geführt wird, dass ein bestimmter Begriff aus guten Gründen nicht gewählt werden darf, weil die anderen sich durch diesen Begriff als Mensch herabgesetzt fühlen, wird der Begriff nicht mehr gebraucht. Das ist sehr einfach, wenn es darum geht, mit einzelnen Menschen umzugehen. Dumm ist halt nur, dass einzelne Menschen immer auch Teil irgendeiner Gruppe sind. Teil einer Familie, einer Stadt, eines Landes, eines Kontinents, einer Ethnie, einer Berufsgruppe. Es macht Spaß sich über die anderen lustig zu machen. Handwerkerwitze, Beamtenwitze, Holländerwitze, Sprüche über die Fahrweise von Autofahrern aus einer bestimmten Region. Das gehört dazu. Für diejenigen, über die man Witze macht, ist das nicht immer lustig. Wahrscheinlich kann kein Beamter mehr den xten Witz über seine Faulheit ertragen, kein Holländer mehr einen Witz über einen Wohnwagen oder ähnliches. Das ermüdet. Es ist nervig, aber irgendwie kommt deswegen durch den Tag.

Was also ist das Problem mit Witzen über gesellschaftliche Minderheiten? Warum kein Witz über einen Rollstuhlfahrer, Frauen oder Juden (oftmals haben diese Gruppen ja eh die besten Witze über sich selbst im Kopf und können sich so im besten Sinne des Wortes selbst verarschen!) Ralph Ruthe erklärte auf Twitter das einmal am Beispiel eines afro-deutschen Bekannten, der ihn darauf hinwies, dass dieser Angst vor Skinheads hätte. Daraufhin schrieben viele Skinheads (die Szene ist, wenn ich mich richtig erinnere ursprünglich links-anarchistisch geprägt gewesen, bevor die rechte Szene das aussehen übernahm), das diese Angst unbegründet sei und gingen zum Teil sogar soweit, zu behaupten, dass auch die Angst des Freundes ja ein Vorurteil sein. Ruthe antwortete darauf nur, dass man sich den Stil aussuchen könne, die Hautfarbe aber nicht.

Soll heißen, wenn du nicht willst, dass man dich aufgrund deines Kleidungsstils als rechts bezeichnet, auch wenn du es gar nicht bist, wechsle deinen Kleidungsstil und fertig ist die Laube. Haut abziehen, um nicht mehr als Schwarzer erkannt zu werden, ist aber eben nicht möglich.

Recht hat er, oder? Eben nicht. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist wichtig für die Identität eines Menschen. Wenn ich mich zu einer Gruppe zugehörig fühle und es mich glücklich macht, dieses Zugehörigkeitsgefühl durch Kleidung, Frisur oder Make-up nach außen zu zeigen, so bedeutet der Verzicht darauf einen Einbuße an persönlichem Glück.

Natürlich kann man sagen, dass das Sicherheitsgefühl anderer Mitbürger höher zu hängen sind als das persönliche Glück, aber wenn dieses Sicherheitsgefühl eine tagtägliche Einschränkung bedeutet, ist das ein großes Problem. Ein Angehöriger einer linken Skinheadgruppe, soll, weil die Gefahr besteht, dass ihm ein Mensch über den Weg läuft, der Angst vor ihm hat, einen Teil seiner Identität aufgeben, weil es sich dabei um eine selbst gewählte Identität handelt? Er kann natürlich darauf verzichten, wenn er davon ausgehen kann, dass er Menschen trifft, die Angst haben könnten. Aber sollte er immer davon ausgehen und deswegen auf diesen Teil seiner Identität verzichten? Woher soll er denn Wissen, dass der Migranten, der gerade an ihm vorbeigeht, ein Angstgefühl hat? Dazu weiß er doch gar nicht über die Person. Der Migrant müsste zum Beispiel wissen, das schwarze Springerstiefel und weiße Schnürbänder ein Zeichen für Skinheads sind, dass diese Skinheads oftmals zur rechten Szene gehören usw. Ein Mensch, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt und genug Probleme damit hat, sich in die Behördenstruktur und das öffentliche Leben eines Landes einzuarbeiten, während er gleichzeitig um Teile seiner Familie bangt und Deutsch lernt, wird wahrscheinlich nur in Ausnahmefällen tatsächlich Zeit finden, sich in die Feinheiten der Subkultur des Rechtsextremismus einzuarbeiten.

Anders sieht das für jemanden aus, der in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen ist. Der kennt die Symbolik der Glatze, der Bomberjacke und Stiefel sehr wohl, wenn auch nur als Zeichen für rechts, denn niemand hat wirklich Zeit sich in die Feinheiten dieser ganzen Subkulturen einzuarbeiten.

Der Mensch, der vor dem Verlassen seiner Wohnung sich entscheidet, ob er sich heute zu seiner selbstgewählten Gruppenidentität bekennt oder nicht, der soll einfach davon ausgehen, dass jemand vorbei kommen könnte, dem er Angst macht? Das ist eine Einschränkung persönlicher Lebensentfaltung aus Rücksichtnahme auf einer andere Gruppe. Der öffentliche Raum ist ein Raum für alle. Man muss damit leben, Menschen zu begegnen, die man unsympathisch findet, die einem Angst machen können, genauso wie man damit rechnen muss, vielleicht die Liebe seines Lebens in der U-bahn zu treffen oder ein bekanntes Gesicht, das man schon lange nicht mehr gesehen hat.

Trotzdem ist der öffentliche Raum ein geschützter Raum. Zwar muss ich damit rechnen, dass ich unheimliche Menschen oder Menschen sehe, die ich an bestimmten Orten nicht sehen will, doch muss ich nicht damit rechnen, dass diese unsympathischen Menschen mich angreifen, mich beleidigen oder bestehlen. Das kann alles passieren, aber im Rechtsstaat wird solch ein Vorgehen normalerweise geahndet (vorausgesetzt, es gibt genug Polizisten, Staatsanwälte und Richter, was es in Deutschland in vielen Teilen nicht mehr gibt). Dafür gibt es Gesetze, dafür gibt es Gerichte und sogar Strafen. Wofür es so etwas nicht gibt, ist dafür, dass jemand Angst bekommt, wenn er jemanden sieht, der ihm nicht gefällt, selbst wenn es gute Gründe gibt, dass er Angst haben kann.

Das sieht natürlich anders aus, wenn man jemanden ganz bestimmten sieht, etwa den Nachbarn, der einen schon einmal angegriffen hat, die Ex, die einen immer geschlagen hat und vieles mehr. Hier gibt es eine Angst, die sich auf ein Individuum bezieht, eine Angst vor Menschengruppen, ist aber eben nichts, vor dem man sich schützen kann, wenn man sich in der Straßenbahn, der Fußgängerzone oder am Flussufer aufhält. Diese Angst muss man aushalten können, man kann sie kompensieren oder umlenken oder in der Therapie besprechen, aber man kann nicht erwarten, dass alle anderen Menschen davon ausgehen, dass dem Typen, der einem im Bus gegenüber sitzt, gerade Angst und Bange wird, weil man sich entschlossen hat, seinen selbst gewählten Lifestyle zur Schau zu tragen.

Was hat das jetzt mit Rassismus zu tun? Was alle Definitionen von Rassismus gemeinsam haben, ist dass ein Individuum aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit definiert wird und nicht als das Individuum, das es ist. Menschen haben bestimmte Bilder von anderen Menschen im Kopf. Man hört ein bestimmtes Wort und ein Stereotyp oder Vorurteil zu Menschen taucht auf. Dieses Bild ist geprägt durch eigene Erfahrungen, Medien, Schule, Gespräch mit anderen, kulturelle Eigenarten und vieles mehr. Dieses Auftauchen von Stereotypen ist, so denke ich, eine anthropologische Grundkonstante. Gegen dieses Auftauchen kann man nichts machen. Solche Bilder entstehen. Was man machen kann, ist das Bild im Kopf zu ändern. Dazu braucht es Informationen, Umgang, eigene positive Erfahrungen und vieles mehr.

Wenn also nun ein Mensch, der all diese Erfahrungen und Information nicht hat, öffentlich ein Statement über eine Gruppe von Menschen äußert, zu denen er keinerlei Beziehung hat, von denen er aber dennoch ein Bild im Kopf hat. Wer dieses Bild wenig vorteilhaft für die bezeichnete Gruppe ist, dann ist die Aussage dumm und, wenn es sich bei dieser Gruppe um etwa um eine fremde Ethnie handelt, auch rassistisch. Aber ist deswegen derjenige, der die Aussage tätigt auch ein Rassist oder einfach ein Mensch, der zum Zeitpunkt der Aussage zu wenig Informationen oder auch keine Zeit oder auch einfach keine Lust für eine intensive Recherche?

Natürlich kann man nun sagen, wenn er dafür keine Zeit und Lust hat, soll er sich nicht äußern, aber dann sind wir bei einem ganz anderen Problem, nämlich der Frage, ob, wenn ich mich äußere, etwa im Vortrag, Interview oder bei einer politischen Wahl, ich mich vorher immer ordentlich vorbereiten muss oder ich, weil ich das nicht kann, meine Äußerung sein lasse, also eventuell nicht wählen gehe. Wer keine Ahnung hat, soll seine Meinung, die auf nichts fußt außer seiner Intuition, nicht mehr äußern dürfen? Das klingt mir nicht nach einem sehr demokratischen Konzept.

Nein, seine Meinung zu äußern, und wenn sie noch so blöd ist, ist ein Grundrecht. Ich darf niemanden persönlich beleidigen, ich darf nicht dazu aufrufen, jemanden oder eine Gruppe zu töten. Das sind die Einschränkungen, alles andere muss eine demokratisch verfasste Gesellschaft aushalten und zwar nicht nur die Gesellschaft, auch jedes einzelne Individuum.

Dazu gehört auch eine rassistische Äußerung. Vollkommen absurd wird es dann, wenn Menschen einfordern über Rassismus diskutieren dürfe nur, wer ihn erlebt. Das ist mit Verlaub, ein großer Blödsinn. Warum sollten nicht auch die darüber diskutieren dürfen, die ihn ausüben? Das eine ist so gut, wie das andere. Das Problem ist, dass es so schön einfach ist, die Seite des Opfers einzunehmen, denn das opfer hat moralisches Oberwasser, es hat unser Mitleid. Der Täter hat es nicht. Es gibt einen Grund, warum Rechtsanwälte probieren, die Hintergrundgeschichte eines Angeklagten zu erzählen und diesen dann zu einem Opfer von Umständen machen, die ihn zum Täter werden ließen. Das Mitleid mit einem Opfer, ist immer positiv. Ein Opfer nach einer Tat zu belasten, es für die Tat selber verantwortlich zu machen, geht nicht und wird zu recht moralisch angekreidet. Es ändert aber nichts daran, dass Moral eben nur ein Aspekt in einer gesellschaftlichen Debatte ist und nicht unbedingt der entscheidende.

Das Opfer hat nicht immer Recht, schon alleine deswegen, weil Opfer und Täter rein rechtlich erst nach einem Richterspruch zu identifizieren sind. Grundlage eines solchen Richterspruches ist immer der Täter, niemals das Opfer. Das ist eine 2000 Jahre alte Errungenschaft – im Zentrum eines Prozesses steht der Angeklagte, nicht das Opfer. Im Zweifel eben für den Angeklagten, der Ankläger muss beweisen, dass er Recht hat.

Wie aber beweist man, dass jemand Rassist ist und nicht nur eine unbedachte rassistische Äußerung getan hat? Man schaut, was der Mensch so macht und sagt. Gibt es da keine Unauffälligkeiten, dann ist alles gut. Es sei denn man legt die Schwelle so hoch, dass die Aussage alleine jemanden zum Rassisten macht. Kann man machen und manchmal hat man das Gefühl, dass viele vor allem auf Twitter gerne tun, allein: Was tut man dann? Da erzählt jemand etwas Dummes und wird zum Rassist. Aber der, der Dummes erzählt, sieht sich gar nicht als Rassist, schon gar nicht, wenn man ein Deutscher ist, denn dann ist man nicht nur Rassist, sondern auch Nazi, also einer von denen, die 6 Mio. Juden umgebracht haben, das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Das ist man dann, wenn man kurz darauf hinweist, dass die Romafamilie nebenan mehr Dreck macht, als normal ist? Man ist ein Massenmörder, ein Nazi, Hitler-Fan? All das schwingt als Bild mit im Kopf, wenn man das Wort Rassist hört. Und derjenige, der das Wort zur Bezeichnung eines anderen benutzt, der weiß das auch. Er nutzt das Wort als moralisches Argument, um den Diskurs zu gewinnen, um als Sieger vom Platz zu gehen.

Wundert es dann, wenn Menschen sagen: Okay, ich bin Rassist, ich bin Nazi, aber dann kann ich wenigstens sagen, dass die Romafamilie nebenan endlich ihren Müll ordentlich entsorgen soll. Und wenn die das nicht tut und mir vielleicht sogar Ärger androht, dann wähle ich halt die AfD. Die wird sich schon darum kümmern.

Und merken Sie es: Auf einmal ist der Rassist in diesem kleinen Narrativ zum Opfer derjenigen geworden, die ihn Rassisten nennen. Und so haben wir auf einmal einen Opferdiskurs. Daran nehmen Menschen teil, die sich bedroht fühlen und Menschen die wirklich bedroht wurden, es nehmen Menschen teil, die genervt sind nach der Frage ihrer Herkunft und diejenigen, die genervt sind, weil man nicht mal mehr fragen darf, woher jemand kommt, ohne als Rassist beschimpft zu werden. Alles Opfer der Umstände, alle gleich wichtig, Alles Quatsch.

Ich hasse diesen Opferdiskurs. Alle wollen im Diskurs das Opfer sein, damit sie die moralische Karte spielen können. Denn gegen Moral kann man nicht argumentieren, Moral und die eigenen Gefühle sind so wichtig und das einzige, was man nutzen sollte, um … ja, um was eigentlich. Als Sieger vom Platz zu gehen, um sich besser zu fühlen? Das wirklich Leben ist kein dauerhafter Glückszustand. Es ist geprägt von Ärger, Angst und Hass. So lange sich all das nicht in Taten äußert, die Menschen ernsthaft verletzen und nicht nur gefühlt, so lange ist alles gut. Werdet Erwachsen und wenn es zu schlimm wird: Es gibt gute Ärzte, die helfen können. Die ändern aber nicht die Gesellschaft, die suchen die Lösung bei euch!

So bleibt nur noch eine Frage: Was ist jetzt mit Rassismus? Die Debatte, wie sie zurzeit geführt wird, immer wenn etwas passiert, ist saublöd, egal ob sich Journalisten, Wissenschaftler, Betroffene oder Täter beteiligen. Sie geht immer nur davon aus, das es Menschen gibt, die sich getroffen fühlen. Sie moralisiert und hinterlässt nur Verlierer und neue Opfer. Das ist nicht hilfreich. Was wirklich wichtig ist, ist Aufklärung (auch wenn Kant und Hume gerade als Negativbeispiele angeführt wurden)! Aufklärung über Stereotypen, Aufklärung über Psychologie, Aufklärung über Sprachbilder, Aufklärung über Geschichte und Philosophie des Rassismus. Das kann nicht die Schule leisten. Da ist Weiterbildung gefragt, politische Erwachsenenbildung. Aber diese dümpelt vor sich hin. Berufsfördernde Bildung boomt, humanistische wird verlangt, wird aber kaum gedeckt. Da muss angesetzt werden. Alles andere führt zu Murks und Quatsch. Öffnet die Universitäten für alle Interessierten, fördert die Volkshochschulen, gebt Angestellten die Möglichkeit, sich politisch und persönlich zu bilden und verzichtet auf die Moral als Argument. Und niemand mehr wird dumm dahinquatschen.

Four more years – Warum Trump die Wahl 2020 gewinnen wird

Nur wer in einer liberalen Blase der Ostküste und der europäischen Metropolen wohnt, war über die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten verwundert. Spätestens in dem Moment, in dem Hillary Clinton am 4. Juli 2016 in Washington bei Hitze zusammenbrach und auf ihre Mitarbeiter gestützt abgeholt wurde, war mir klar, dass sie als Kandidatin durch war. Sie hatte in den Augen vieler nicht nur das Manko eine Frau zu sein, sie war auch noch alt und ab diesem Zeitpunkt auch noch schwach. Als Oberbefehlshaber keine guten Aussichten. Dass sie zudem die schlechteste Wahl der demokratischen Partei darstellte, weil Hillary sich als First Lady schon unbeliebt gemacht hatte, als sie von ihrem Mann eine Gesundheitsreform durchsetzen sollte, hatten viele Amerikaner, die davon ausgehen, dass eine mit dieser Reform einhergehende Gesundheitsversicherung Sozialismus gleicht, nicht vergessen. Auf der anderen Seite gilt sie außenpolitisch als Falke. Sie war sowohl für den Irakkrieg, der mittlerweile als absolutes Desaster gilt, was Donald Trump in seinem Wahlkampf immer wieder herausgestellt hatte, und als Außenminister nicht nur für das verantwortlich, was in Bengasi passiert war, sondern für die derzeitige Situation in Libyen allgemein. Dass sie zudem die Nominierung gekauft hat, während Trump klar als Sieger aus den republikanischen Vorwahlen hervor ging, zeigte, dass sie nicht davon ausging, in der eigenen Partei genug Stimmen auf sich vereinigen zu können. Durch den Rückzug von Bernie Sanders wechselten zudem viele seiner Anhänger zu Trump, den für diese war wichtig, dass eben kein etabliertes „Weiter so!“ in das Weiße Haus einzog, sondern etwas komplett Neues.

Trump war auf der anderen Seite unglaublich bekannt und vor allem seit 30 Jahren politisch auf der selben Linie. Immer wieder hatte er gesagt, dass die USA von anderen Ländern ausgenutzt würden, dass diese für ihren Schutz bezahlen sollten. Hinzu kam, dass er zwar wie ein vierjähriger sprach, wie eine Linguistin ausgewertet hatte, aber das für ihn gar kein Problem darstellte, denn für den Wahlkampf war eine einfache Sprache entscheidend. Inhaltlich war es popolistisch, was bei den Leuten außerhalb der Ost- und Westküste ankam. Durch seine Erfahrung im Unterhaltungsfernsehen, vor allem im Reality-TV war er für den Wahlkampf in Amerika bestens gerüstet. Die Wahlsendungen erinnerten von ihrer Aufmachung und dem Prozedere vielmehr an Big Borther oder den australischen Dschungel als an seriöse Politiknachrichten. Trump war in seinem Element, und unterhielt sein Publikum von Anfang an. Die Attacken auf die anderen republikansichen Kandidaten, die endgültige Zerlegung von Jepp Bush, war ein Fest der Fernsehunterhaltung in einem Land, in dem Zuschauer Dutzende von Sendung über vermeintlich echte Hausfrauen aus allen Orten des Landes ansehen, in denen sich vor allem herrlich gestritten wird. Die Tatsache, dass Trump als Milliardär versprach für die kleinen Leute einzutreten, mag in Zeiten, in denen Comic-Verfilmung zu Blockbustern werden, gar nicht so ungewöhnlich erscheinen.Trump als Präsidenten-Held, wie Tony Stark oder Bruce Wayne als Ironman und Batman? Warum nicht?

Vor allem aber waren es die Medien, die aufgrund ihrer narrativen Struktur es nicht lassen konnten, über Trump zu berichten. Er sagte dies, twitterte das, etc. Es war ein Fest für jeden PR-Stratgen. Der Name blieb haften und dann kam Hillary mit dem Slogan „Love Trumps Hate“ und sorgte dafür, dass der Name ihres Gegners nun auch von ihren Anhängern im Mund geführt wurde. Die letzten Wahlkampfspots im Fernsehen sind bezeichnent. Trump blieb dabei äußerst konventionell und sprach über das, was er machen wollte, Hillary aber zeigte einzig und alleine Trump, ließ ihn sprechen und kommentierte das alles nicht. Beide Spots waren daher Werbung für Trump.

Trump selber hatte von seinem Amtsvrogänger Obama übrigens gelernt, wie wichtig das Internet für einen Wahlerfolg sein konnte. Daher setzte er die gleichen Mittel ein, personalisierte die Wahlwerbung und nutze die Sozialen Netzwerke. Die Wahl war entschieden, Trump wurde der älteste Präsident, der jemals das Weiße Haus bewohnte, auch wenn er sich selber im Herzen wie ein 35jähriger fühlt.

Und nun ist wieder Wahlkampf. Dazu vielleicht ein paar Überlegungen aus der Vergangenheit. Seit dem zweiten Weltkrieg hatten die USA zwölf Präsidenten vor Trump. Truman regiert acht Jahre, Eisenhower regierte acht Jahre, Kennedy waren aus bekannten Gründen nur zwei Jahre im Weißen Haus vergönnt, aber sein Nachfolge Johnson machte die acht Jahre voll, Nixon blieb nur fünf Jahre im Amt, hatte aber dennoch zwei Wahlen gewonnen. Nixons Nachfolger Ford vervollständigte die acht Jahre. Ronald Reagan, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama schafften alle vier Jahre. Nur zwei Präsidenten schafften dies nicht: Jimmy Carter und George Bush sen. Als amtierender Präsident wird man daher eher wieder- als abgewählt.

Davon abgesehen hat Trump erneut einen Bonus: Die Medien machen wieder den selben Fehler wie 2016. Sie berichten über alles, was er tut. Da twittert er, dass vier Abgeordnete nach Hause gehen sollten und alle schreien Rassismus. Wer den Tweet ließt sieht aber, dass er weiter geht: … sie sollen dort lernen und dann zurückkommen! Wer Trump unterstützt, sieht das und wird in seiner Meinung, die Medien verbreiten Halbwahrheiten, unterstützt. Die Wirtschaft brummt, Trumps Werte sind in Ordnung und Wahlkampf hat sich in den letzten vier Jahren in Amerika nicht groß verändert. Seit der Kandidatur von Sarah Palin weiß man, dass zahlreiche Amerikaner etwas gegen Intellektuelle habe, sonst wäre diese Frau nicht so weit gekommen. Diesen Bonus wird Trump spielen. Er spricht nicht wie die anderen, ist ein Kompliment, das man ihm 2016 machte. Daran wird er nichts ändern. Das Draufhauen auf seine Wähler und Anhänger wird dafür sorgen, dass diese noch mehr zusammenrücken.

Sollten die Demokraten sich daher nicht für Elisabeth Warren oder Bernie Sanders entscheiden, die beide übrigens nicht wesentlich jünger als Trump sind, bleibt The Donald im Weißen Haus. Keep America great!

Zur Geschichte der Evangelischen Altenhilfe Wichlinghausen (EAW)

Wie so viele Einrichtungen innerhalb einer Kirchengemeinde beginnt auch die Geschichte der EAW lange vor ihrer eigentlichen Gründung. Darüber hinaus beginnt die Geschichte der EAW aber nicht einmal in Wichlinghausen und hat mit der Kirchengemeinde Wichlinghausen im Prinzip auch erst einmal nichts zu tun.

1. Gemarker Gemeindestift

Tatsächlich muss man für den Beginn der EAW ins Herz von Barmen, wenn auch nicht direkt nach Gemarke, aber doch nur ein wenig abseits davon gelegen, im Beckmannshof. Dort wurde im Luppe’schen Haus im Mai 1831 das erste Heim der reformierten Gemeinde Gemarke eingeweiht. Keine zwei Jahre später kam es zum Neubau der Einrichtung in der Bachstraße. Dieses Heim jedoch war noch kein Seniorenheim, sondern ein Heim für Arme und Waisen. Diese Funktion für zwei unterschiedliche Gruppen ergab über die Jahre nur noch wenig Sinn, so dass die Institution 1859 geteilt wurde. Das Waisenhaus sollte auf den Bereich am Westkotten verschoben werden, wo ein zweigeteiltes Grundstück für 8877 Taler gekauft worden war.

Für die Erschließung des Grundstücks war es nötig zunächst Wasser zu finden. Dies erwies sich auch zur Zeit der Industrialisierung noch als eine schwere Herausforderung, so dass man zu äußerst unorthodoxen Mitteln griff. Die reformierte Gemeinde rief einen katholischen Wünschelrutengänger aus Frankreich zur Hilfe. Dieser Abbé Richard bekam 100 France ausgezahlt und fand Wasser lediglich auf dem Nachbargrundstück.

Somit war die Erschließung des Grundstücks zunächst einmal gescheitert. Erst in den 1870er Jahren griff man die Idee wieder auf, verschob aber nun den gesamten Betreib von der Bachstraße auf den Bereich Westkotten, da man das Gebäude in der Bachstraße 1881 an das städtische Krankenhaus verkauft hatte. Diesmal hatten die Verantwortlichen mehr Glück und konnten so bereits am 12. Juni 1883 das Armen- und Waisenhaus, unter anderem mit Unterstützung des Industriellen Hugo Greef, der das Gut Mallack gekauft und ausgebaut hatte, einweihen. Das Waisenhaus war übrigens Namensgeber für die heute noch existierende Waisenstraße, Hugo Greef gilt als Patron für die Hugostraße.

Im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Versorgung von Waisen immer mehr Aufgabe des Staates, so dass die kirchlichen Einrichtungen sich immer mehr zurückziehen mussten. Aus diesem Grund wurde das Waisenhaus immer mehr zu einem reinen Armenhaus, in dem die Armen aber immer älter wurden, so dass es nötig war, den Betrieb 1935 komplett auf ein Altenheim, das Gemarker Gemeindestift, umzustellen. 1943 brannte das Heim komplett beim Barmer Angriff aus, aber bereits 1948 erfolgte der Wiederaufbau, der am 2. September 1950 mit einer feierlichen Einweihung sein Ende fand.

Das Altenheim blieb bis 1983 im Besitz der Gemeinde Gemarke, bis diese im Zuge der Neuordnung im Oberbarmer Raum am 1. Januar des Jahres 1984 in den lutherischen Gemeinden aufging. Die Besitzungen der Gemeinde fielen mit diesem Datum der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde Wichlinghausen zu, die ab diesem Zeitpunkt, wie vorher in Gemarke auch, den Gemarker Gemeindestift durch einen Ausschuss leitete. Vorsitzende des Ausschusses war bis 1987 Frau Sohn, ab diesem Jahr folgte ihr bisheriger Stellvertreter Pfarrer Helmich ihr im Amt nach. 1988 wurde der Gottesdienst für die Heimbewohner von der Friedhofskapelle Hugostraße in das Heim selber verlegt, da die Uhrzeit 11.00 Uhr für die Bewohner unglücklich gewählt sei. Auch Probleme mit dem Grundstück wurden in diesem Ausschuss besprochen. So gab es etwa Probleme mit dem Friedhof Hugostraße, die erst bei der Übergabe des Friedhofs an den Friedhofsverband bekannt wurden.

2. Altenheim Stollenstraße

Viele erinnern sich noch an den Wichlinghauser Pfarrer Walter Posth, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Wichlinghausen wirkte und vor allem für seine Jugendarbeit berühmt war. Posth war es aber auch, der sich besonders um die Seniorenarbeit in der Gemeinde Wichlinghausen kümmerte. Im Mai 1954 fasste das Presbyterium auf sein Bestreben hin den Entschluss, ein Heim in der Stollenstraße zu bauen. Das Grundstück dafür musste jedoch erst erworben werden. Es war die Parkanlage der Villa Saatweber, dem Gebäude, in dem sich heute die Kurzzeitpflege des Altenzentrums befindet. Das Gebäude, das der Fabrikantenfamilie Schneider-Paas gehört hatte, war in der Nachkriegszeit von der amerikanischen Besatzungsmacht als Verwaltungsbau genutzt worden. Die Familie Schneider-Paas wanderte nach Kriegsende nach Amerika aus, so dass das Haus und die dazu gehörige Parkanlage erworben werden konnte. Nach dem Krieg war der Park ein beliebter Spielplatz für Kinder, das Grundstück lag brach.

Damit das Heim und der Grundstückskauf finanziert werden konnten, wurde nicht nur auf eigene Mittel der Gemeinde zurückgegriffen, Walter Posth rief auch zum Spenden auf. Obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert war, kaufte die Gemeinde 1954 das Grundstück und beschloss den Bau. Hoffnungsfroh hatte man damit gerechnet, schon 1955 das Gebäude beziehen zu können, doch die erhofften Spenden kamen nicht so schnell und üppig, wie das Presbyterium sich dies gedacht hatte. Erst im Dezember 1957 konnte der Grundstein gelegt werden. Das Geld wurde knapp, so dass die Gemeinde in Vorleistung ging, um alle nötigen Rechnungen bezahlen zu können. So konnte das Gebäude am 30. April 1958 eingeweiht werden.

Die Gemeinde Wichlinghausen musste aber noch zahlreiche Rechnungen begleichen, knapp 70.000 DM sollte der Bau kosten. Bis zur Fertigstellung waren 60.000 DM eingegangen. Die restlichen 10.000 DM musste man sich leihen. So wandten sich die Wichlinghauser im Mai 1958 an die Gemeinde Nächstebreck und baten dort um ein zinsloses Darlehen in der nötigen Höhe. Die Nachbargemeinde gewährte dieses Darlehen. Die Gemeinde Wichlinghausen verpflichtete sich, das Geld innerhalb von 10 Jahren zurückzuzahlen und in diesem Zeitraum drei der 92 Plätze für Gemeindeglieder aus Nächstebreck zu reservieren.

Festzuhalten bleibt also: Ohne die Gemeinde Nächstebreck wäre die Finanzierung des Altenzentrums in der Stollenstraße sicherlich anders gelaufen und hätte wohl zu noch mehr Schwierigkeiten geführt, als mit dem Bau schon verbunden waren.

Geführt wurde das Altenheim von Anfang an über einen Ausschuss des Presbyteriums, der die Geschäfte bis zum Jahre 1991 leitet. Neben der Verwaltung der laufenden Geschäfte war die größte Maßnahme, die er zusammen mit einen extra gegründeten Bauausschuss zu regeln hatte, der Abriss und der Neubau des Heims in den 1980er und 90er Jahren. Im Oktober 1985 tagte der Bauausschuss zum ersten Mal, abgeschlossen wurde die Maßnahme nach mehrjähriger Bauzeit im Februar 1994 Die Bewohner des Heims waren in der Zwischenzeit im Altenheim Vogelsangstraße in Elberfeld und der Villa Abendfrieden untergebracht worden.

3. Villa Abenfrieden am Diek 28

Ohne Frage ist die Villa Abendfrieden eines der schönsten Anwesen in Wichlinghausen. Die neobarocken Elemente zeichnen dieses Haus im neubergischen Stil der Jahrhundertwende um 1900 aus. Wer aber genau hinschaut erkennt, kleine Fehler in der Fassade. Die typischen grünen Fensterladen, die so viele Fachwerkhäuser in Wichlinghausen kennzeichnen, sind an den Fenstern am Eingangsportal auf einer Seite verschwunden. Wer den Grund dafür kennt, wundert sich darüber nicht mehr: Die Villa bestand ursprünglich aus zwei nebeneinander stehenden Fachwerkhäusern, in denen die Seidenbandwirkerfamilie Aschermann seit den 1850er Jahren ihren Betrieb hatte. Die Familie war selbstständig tätig und hatte einen ihrer größten Abnehmer im Handelsunternehmen Mittelsten Scheid. Als dieses Unternehmen damit begann selber zu produzieren, verkaufte die Familie Aschermann ihr Haus an die Familie Mittelsten Scheid. Paul Mittsten Scheid verband beide Häuser 1892 zu einem eigenständigen repräsentativen Gebäude. 1933 wurde darin der Damenstift Abendfrieden durch Clara Mittelsten Scheid errichtet, in dem die Witwen der Familie in räumlicher Nähe zu den anderen Mitgliedern repräsentativ und versorgt wohnen konnten.

Das Gebäude blieb bis 1990 im Besitz der Familie Mittelsten Scheid bzw. im Besitz der Firma Vorwerk, bis diese damit begann ihren Wichlinghauser Immobilienbesitz aufzulösen. Wie auch die Villa Wuppermann am Diek 58 fungierte das Haus zwischenzeitlich als Wohnraum für Angestellte der Firma Vorwerk und deren Angehörige. Durch Vererbung wurde das Gebäude am 1. Januar 1991 der Kirchengemeinde Wichlinghausen übertragen. Es begann eine Sanierung des Gebäudes, die etwa 2 Mio DM kostete und durch die Familie Mittelsten Scheid mitfinanziert wurde.

4. Die Evangelische Altenhilfe Wichlinghausen

Diese drei Gebäude bildeten die Ausgangslage für den Wunsch einer Professionalisierung der Altenbetreuung innerhalb der Kirchengemeinde. Durch das Zusammengehen der reformierten Gemeindeteile mit der lutherischen Gemeinde Wichlinghausen 1984, den dringenden Umbaumaßnahmen am Altenheim Stollenstraße und der Immobilie Am Diek 28 war die Altenhilfe angewachsen und war im Prinzip für eine reine Verwaltung durch Laiengremien zu groß geworden. Äußere Umstände, wie etwa die Pläne zur 1995 eingeführten Pflegeversicherung, taten ein Übriges, um diese Professionalisierung in die Tat umzusetzen. Am 1. Oktober 1991 wurde das neue Unternehmen als gemeinnützige GmbH gegründet. Da das ALtenheim Stollenstraße zu diesem Zeitpunkt noch umgebaut wurde, konnten die Büroräume noch nicht bezogen werden. Die Adresse befand sich daher in den Räumen der Erlöserkirche. Im selben Monat wurde auch die Tagespflege Wichlinghausen in Betrieb genommen, die sich in der ehemaligen Villa Schneider-Paas bzw. Martin-Luther-Haus, Westkotter Str. 175, befand.

Mit der Einführung der Pflegeversicherung nahm der Verwaltungsaufwand zu, so dass neue Räumlichkeiten für die Arbeit der EAW gebraucht wurden. In diesem Zusammenhang wurde das ehemalige Gemeindehaus an der Westkotter Str. 183b benötigt. Die EAW arbeitete gut und wuchs. Die Übernahme der Diakonieschwestern der Kirchengemeinde Wichlinghausen, deren Aufgaben sich wunderbar in das Portfolio der EAW einfügten führte schnell dazu, dass die EAW auch außerhalb der Krichengemeinde wuchs, als in den 1990ern auch die Diakoniestationen aus Langerfeld und der Diakonie Barmen auf sie übergingen. Mitte der 1990er Jahre sollte das Angebot der EAW dahingehend erweitert werden, dass auch Servicewohnen angeboten werden sollte. Dafür sollte die Villa Abendfrieden umgebaut werden. Zu diesem Zweck erwarb die EAW das Gebäude von der Kirchengemeinde und richtete dort 13 Wohnungen ein. Die Villa war das erste Gebäude, dass die EAW tatsächlich ihr Eigentum nannte. 2002 folgte der Ankauf des ehemaligen Gemeindehauses, in dem sich die Verwaltung der EAW, aber auch die Altentagesstätte und durch einen Nutzungsvertrag auch der Kindergarten niederließen. Damit hatte das Unternehmen bereits zwei eigene Gebäude, die Heime Stollenstraße und Hugostraße selber blieben jedoch Eigentum der Kirchengemeinde.

Für das Gebäude der Hugostraße stand 2002 ein Umbau an. Da aber diesmal keine Möglichkeit dazu bestand, die Senioren in anderen Räumlichkeiten unter zubringen, errichtete die Kirchengemeinde Wichlinghausen hinter dem Gebäude Hugostraße einen Modulbau. Dorthin zogen die Bewohner und Mitarbeiter für den Zeitraum des Umbaus von 2002 bis 2004.

Mit dem Abschluss dieser Bauarbeiten endete für die EAW jedoch keineswegs die Bautätigkeit. Im Juli1999 hatte sie den Betrieb des Johann-Buchard-Bartels-Hauses von der Gemeinde Gemarke-Wupperfeld übernohmen. Das Gebäude war von 1971 bis 1974 errichtet worden und war nach dem ersten Pfarrer der Gemeinde Wupperfeld benannt, der sein Vikariat in Wichlinghausen absolviert hatte. Schon in der Anfangszeit hatte sich in dieser Einrichtung ein Skandel zugetragen, der den damaligen Heimleiter Zimmermann betraf, der als Todesengel im Heim gewirkt hatte. Seit dieser Zeit war das Heim nicht mehr im Großen Maßstab modernisiert worden. Ein weiterer Betrieb des Heims war durch die Auflagen der Pflegeversicherung kritisch. Der Umbau des JBB-Hauses dauerte bis zum März 2007. In dieser Zeit zogen die Bewohner des Hauses in den Modulbau in der Hugostraße.

Zwei weitere große Baumaßnahmen standen der EAW noch bevor. Nachdem zahlreiche Dienste und Einrichtungen außerhalb Wichlinghausens übernommen und teilweise neu ausgerichtet worden waren, übernahm die EAW von 2009 an den Neubau des Altenzentrums in Cronenberg, das im Juni seinen Betrieb aufnehmen konnte. Die zweite Maßnahme betraf den Modulbau in der Hugostraße. Dieser war seit 2007 durch verschiedene Träger von Altenhilfe genutzt worden und war in einem schlechten Zustand. Ein Umbau im Jahr 2012 war nötig, so dass die Inbetriebnahme des Baus als Altenzentrum Am Nordpark, das sich auf suchtkranke Senioren spezialisiert hatte, begannen werden konnte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichneten sich jedoch bereits strukturelle Probleme ab. Zum einen waren die beiden letzten Geschäftsjahre mit einem Defizit abgeschlossen worden, zum anderen fehlte für die Gremien der GmbH das Personal. Schließlich war auch der Geschäftsführer der EAW kurz vor dem Renteneintrittsalter. Die Eigentümerin der EAW, die Kirchengemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck, beschloss daraufhin, den Verkauf der EAW an die Diakonie Wuppertal. Der Betrieb aller stationären und ambulanten Dienste der EAW ging so am 1. Januar 2013 an die Diakonische Altenhilfe Wuppertal über. Die GmbH selber wurde jedoch nicht aufgelöst, sondern lebt als Immobilienverwaltung ihrer Gebäude weiter.

Die Evangelische Altenhilfe Wichlinghausen existierte so gute 10 Jahre, in denen sie die Altenhilfe erst in Wichlinghausen und dann auch in anderen Teilen von Wuppertal auf professionelle Beine stellte. Letzte Spuren kann man von ihr noch erkennen. Zum einen wurden viele der 600 Mitarbeiter, die sich am Schluss hatte, von der Diakonie Wuppertal übernommen, zum anderen findet sich am Gebäude der Tagespflege, Westkotter Straße 175, noch der Hinweis auf den ehemaligen Träger.

Die Seenotrettung und die Abschottung Europas

Kapitänin Rackete ist eine Heldin! Sie hat Menschen vor dem sicheren Tod gerettet. Das ist die Definition einer Heldin. Sie ist aber auch ein Mensch. Und als solcher hat sie persönliche und politische Gründe zu tun, was sie tat.

Irgendwo habe ich gelesen, ihr Vater sei bei einem Waffenhersteller oder -händler oder etwas in dieser Art angestellt. Dort mag sich das persönliche Motiv verbergen, hier eigene Schuld abzutragen. Oder es ist einfach nur der Wunsch, moralisch richtig zu handeln, wenn Menschen gerettet werden müssen.

Die politische Ebene ist dabei viel interessanter. Gemeinhin wird diese eher auf Seiten von Racketes Gegenpart, des Antihelden Salvini, in den Vordergrund gestellt. So geht dann auch das Narrativ: es steht die moralische Überlegenheit gegen die rechtspopulistischen Ansichten eines Innenministers.

Allein: Narrative sind Fiktion. Da wird immer irgendetwas ausgeblendet, während etwas anderes an Licht geholt wird. Moral im Licht, politische Interessen von Seawatch im Schatten.

Was sind die politischen Interessen? Es geht um offene Grenzen! Und es geht wohl auch ein bisschen darum, die italienische Regierung zu ärgern. Warum geht es um Grenzen? Unterstützer und Mitglieder von Seawatch vertreten, so hörte ich es neulich im SWR2-Forum, eine Politik der offenen Grenzen. Das tue ich auch. Offene Grenzen sind eine tolle Sache – so lange sie zwischen Ländern existieren, die eine einigermaßen gleiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung haben. In allen anderen Fällen gibt es Probleme.

Bei diesen Problemen geht es weder um Rasse noch um Kultur, es geht bei um erlerntes Verhalten. Einer meiner Schüler aus Syrien erzählte mir, in Syrien herrsche die Arbeitseinstellung vor, dass man dann arbeiten würde, wenn man Geld bräuchte. Dann würde man ein paar Wochen richtig hart und viel arbeiten und dann den arbeitenden Lohn für eine etwas längere Zeitspanne verprassen, bis es wieder von vorne losginge. Geld brauche man vor allem für Gesundheit, weil es keine gesetzliche Krankenkasse gebe, Wohnung, wobei man fast immer in Eigentum lebe, und Nahrung, die, da aus einheimischer Produktion, recht günstig sei.

Durch den Krieg kommen solche Menschen nun in ein Land, in denen ihnen qua Gesetz eine Krankenversicherung und eine Wohnung bezahlt werden, dazu kommt Geld für Leben und Kinder. Die Ansprüche dieser Menschen sind recht gering. Sie haben hier in Deutschland nun alles, was sie zum Leben brauchen. Aus welchem Grund, sollte man mehr wollen? Aus welchem Grund sollte man sich anstrengen, diese furchtbare Sprache zu lernen? Warum sollte man arbeiten gehen?

Eine solche Haltung ist ein Problem für eine Gesellschaft, die dieses richtige und wichtige Wohlfahrtssystem aus Arbeit finanziert.

Über kurz oder lang bleibt die Hoffnung, dass ihre Kinder sich den hier gültigen Standards anpassen, und ich kann als Lehrer der Eltern und auch ihrer Kinder sagen, dass dies in ganz vielen Fällen gelingt. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als wenn eine aus Syrien stammende Schülerin nach gefühlt 1000 Versuchen ohne Fehler ein Wort wie eintausenddreihunderfünfundsechzig aussprechen kann und sie sich selber darüber freut, als gebe es keinen Morgen mehr.

ABER: Bis die Kinder soweit sind, werden ein paar Jahre vergehen. In dieser Zeit wird es Probleme geben zwischen den Erwachsenen. Und leider gibt es auch die Arten von Kindern, die sich lieber am Leben ihrer Eltern orientieren als an der Schule.

Wer nicht vor Krieg flüchtet, flüchtet oftmals, weil die Perspektiven in seiner Heimat aussichtslos sind. In der Demokratischen Republik Kongo kenne ich einen gut ausgebildeten jungen Mann. Landesweit hat er den drittbesten Universitätsabschluss seines Jahrgangs gemacht. Er wohnt zu Hause bei seinen Eltern mit seinen fünf Geschwistern. Er ist der älteste Bruder, hat keine Arbeit, lebt von Gelegenheitsjobs, die nichts mit seinem Abschluss zu tun haben und versäuft das Geld abends auf Partys. Er und seine Familie gehören zur Mittelschicht, haben wenig bis keine Kontakte und so ist seine Aussicht auf Erfolg gering. Von solchen Menschen gibt es viele. Sind diese durch Familie ein wenig besser gestellt, machen sie sich auf den Weg in andere Länder. Für das Afrika jenseits der Sahara gehören dazu oft Länder wir Südafrika, Namibia oder Kenia, Länder mit wirtschaftlicher Prosperität, für Länder weiter nördlich, ist Europa aber eine Option. In beiden Fällen geht den Heimatländern eine große und wichtige Gruppe an Menschen verloren, was auf deren Entwicklung langfristig kaum positive Auswirkungen haben dürfte.

Mit anderen Worten: Offene Grenzen zwischen Ländern mit unterschiedlicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung fördern Migration von einer auf die andere Seite, was sowohl für die aufnehmende Seite zu (hoffentlich nur kurzfristigen) Problemen führt, für die Seite, aus denen Menschen fliehen, zu (hoffentlich nicht langfristigen) Problemen führt. Offene Grenzen sind daher nur für Länder wichtig, die eine einigermaßen gleiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung durchgemacht haben und auf dem gleichen Stand sind. So weit sind wir noch lange nicht!

Menschen aus Seenot retten, ist Pflicht. Sie nach Europa zu bringen, ist daher nicht unbedingt notwendig. Oder?

So einfach ist es dann auch wieder nicht. Warum muss es Europa sein? Die Küstenwache von Libyen ist doch unterwegs, um zu retten und die Menschen an Land zu nehmen. Das Probleme: Libyen ist kein Land mehr! Seit dem Sturz Gadaffis (unter Federführung von Hillary Clinton!) ist das Land destabilisiert, es ist geteilt in verschiedene Regionen und Regierungen. Eine gemeinsame europäische Verständigung zum Umgang mit diesen libyschen Regierungen gibt es nicht. So paktiert Italien mit der einen, Frankreich mit der anderen. Derweil werden die Menschen, die aus dem Süden Afrikas in Libyen landen unter furchtbaren Bedingungen fest gehalten. Sie sitzen in Kellern fest, die privaten Gefängnisse gleichen Lagern, zum Teil droht Versklavung. Dahin möchte man sicher nicht zurück.

Hinzukommt, dass die Menschen, die flüchten, nicht zurück können. Die Aufgabe Libyens besteht im Prinzip darin, die auf See geretteten, wieder in ihre Heimatländer zuschicken. Aber dort erwartet die meisten ein neues, riesiges Problem. Da auf Ihnen die Hoffnungen ihrer Familienangehörigen ruhten, diese Geld für sie ausgegeben und Schulden gemacht haben, ist eine Rückkehr bei vielen mit sozialer Isolation gleichzusetzen. Mit diesen Verlieren will man nichts zu tun haben. So sterben sie, nicht auf dem Mittelmeer, aber den sozialen Tod – der oft schlimmer ist als der wirkliche.

Nordafrika ist für die Geflüchteten keine Option. Europa muss es sein.

Aber warum Salvinis Italien? Salvini handelt wie er spricht. Das macht ihn in einer Gesellschaft, in der Worte mehr zählen als Taten, und in so einer Gesellschaft leben wir (Glauben Sie nicht? Wie viele Stunden verbringen Sie in ihrer Arbeit in Meetings, deren Gehalt in Protokollen wieder gegeben wird, die von niemandem gelesen werden und deren Ergebnis niemanden interessiert? Wie viel Stunden verbringen Sie tatsächlich mit Arbeit,an deren Ende ein Produkt oder zufriedener Kunde steht?), sind Salvinis Äußerungen unerträglich. Dabei spricht er nur das aus, was in den Ländern der europäischen Union gemacht wird. Salvini ist im Narrativ der Seenotrettung der ideale Antagonist. Bart, offenes Hemd, er sieht schon aus wie der klassische Italo-Macho. Denn muss man einfach ärgern. Deswegen ist es immer wieder Italien, das zum Ort der Auseinandersetzungen wird. Laut der Sendung Panorama hat Rackete probiert neben Italien auch Malta, Frankreich, Spanien und die Niederlande um Anlegeerlaubnis zu bitten. Keiner hat geantwortet! Deutschland hat sein icht gefragt. Hätte sie mal. Die im Nachhinein getätigten Aussagen der Regierungsmitglieder von Maas, über die Kanzlerin bis hin zu Seehofer bestätigen doch: Hier wären die 40 Leute gerne aufgenommen worden. Immerhin sind ja alle entsetzt, über das, was dort passiert ist.

Mit Verlaub, das ist schlicht Unsinn. Wenn Rackete nun von Frankreich eine Auszeichnung bekommt, weil sie sich gegen Salvini gestellt hat, während Frankreich nicht geantwortet hat und einen Hafen geöffnet hat, dann ist das eine einzige Heuchelei.

Wenn die Deutschen davon reden, dass das Sterben aufhören muss, dann spricht hier ein Land, das in seinem Aufenthaltsgesetz Ehegatten vor Visaerteilung zwingt eine der schwersten Sprachen der Welt zu lernen, und so die legale Ausreise erschwert. Kurz: In der europäischen Union wird geheuchelt ohne Ende.

Will man das Sterben im Mittelmeer verhindern, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Europa kümmert sich darum, dass es den Ländern aus denen geflüchtet wird, besser geht, so dass nicht mehr geflüchtet wird, oder sie machen die legale Einreise möglich.

Ersteres bedeutet nicht unbedingt die Ausgaben für Entwicklungshilfe zu erhöhen. Deren Konzept gilt gemeinhin als gescheitert. Es bedeutet einen intensiven Austausch von Menschen zu fördern, Europäer mit Knowhow nach Afrika zuschicken und andersherum gut ausgebildete Afrikaner in Europa aufzunehmen, von denen Europa kulturell und wirtschaftlich profitieren kann. Zweitens bedeutet, die Angst vor dem Fremden endlich beiseite zu schieben und vor allem bedeutet es, dass man als Politiker nicht probiert, rechten Parteien die Wähler dadurch wegzunehmen, in denen man deren Themen übernimmt. Es gilt nicht mehr zu analysieren, warum rechts gewählt wird, es gilt die Analysen zu lesen und zu reagieren. Dabei zeigt sich, dass es nicht um Rassismus geht, sondern um Lebensqualität. Wer Dörfer ausbluten lässt, vor Ort Straßen und andere Infrastruktur vergammeln lässt, der muss sich nicht wundern, wenn die Menschen gegen das Etablierte vorgehen.

International muss der afrikanisch-europäische Austausch forciert werden, national muss es Programme geben, Heimat wieder attraktiv zu machen. Wenn wir das ganze dann auch noch CO2-neutral hinbekommen – perfekt.

Probleme der internationalen Fischereipolitik und Lösungsansätze

Vor einigen Jahren war in den Nachrichten öfter von dem Geisterschiff „Lyubov Orlova“ zu lesen, das sich auf die irische Küste zu bewegt. Im Besitz eines Reeders, der es Abwracken lassen wollte, sollte es von Kanada aus zunächst in die Dominikanische Republik gebracht werden. Der Transport gestaltete sich aufgrund mangelnder Schleppinstrumente als fatal, das Schiff löste sich, wurde erneut eingefangen, aber in internationalen Gewässern von den Schleppschiffen abgehangen und treibt nun auf dem Atlantik mit nicht bekanntem Kurs Richtung Europa (Sietz 2013: 9).

Die kleine Geschichte hat nichts mit Fischerei zu tun. Das Schiff ist ein kleines Kreuzfahrtschiff und somit nicht einmal ein Fischerboot. Dennoch macht sie deutlich, welches politische Problem mit dem Meer verbunden ist. Ab einem gewissen Zeitpunkt hört die politische Zuständigkeit einzelner Länder auf. Das macht das Meer zu einem Ort, in dem ordnungspolitische Maßnahmen, die an Land greifen können, nicht funktionieren. Dieses stellt das erste und wichtigste Problem auch für die Fischereipolitik dar, denn was für das Meer als Ganzes gilt, gilt im Prinzip auch für seine
Bewohner. Fischschwärme sind national unabhängig, wem sie ins Netz gehen, ist daher von zufälliger Natur.

Diese Unbestimmtheit ist ein generelles Problem im Umgang mit natürlichen Ressourcen. Dennoch hat der Mensch von Anbeginn Mittel und Wege gefunden, dieses zu umgehen. Üppige Kornernten wurden gespeichert und für schlechte Zeiten verwahrt (Gen. 41, 25-36), Tiere wurden gezähmt und gezüchtet, um ihrer Habhaft werden zu können. Am Anfang menschlicher Zivilisation steht so die versuchte Beherrschung der Natur. Dem entzieht sich das Meer als für den Menschen nahezu
lebensfeindlicher Ort.

In diesem Bewusstsein muss jeder Seefahrer für die an Land gebliebenen ein Held sondergleichen sein, was wiederum dem Seefahrer bewusst ist. So wird auch der Beruf des Fischers, der das Meer nicht nur bezwingt, sondern ihm auch noch für den Menschen wichtige Lebensmittel entnimmt, zu einer Institution, die bewahrt wird, weil sie ein Hort der Ursprünglichkeit und des ewigen Kampfes des Menschen gegen die Umwelt ist (Griffin 2013: 35f.; Nellen/Dulcic 2008: 8ff.).

Dieser Umstand wird auch nicht dadurch gemindert, dass seit dem Ende des zweiten Weltkriegs die Fischerei zunehmenden industrialisiert wurde und uralte Probleme wie die Haltbarkeit zur See durch Tiefkühlbunker an Bord gelöst sind (Tardent 2005: 276). Vielmehr sorgte diese zunehmende Beherrschung des Elements für höhere Ausbeute bei den Fischzügen, was jedoch weltweit zu einem Problem mit den Fischbeständen führte, wie das Beispiel des Kabeljaus vor der grönländischen Küste zeigt. Trotz guter Umweltbedingungen waren die Fangerträge rückläufig, was mit einer qualitativen Steigerung der Fischereiindustrie zusammenhing (Stein 2011: 267f.). Die in den letzten dreißig Jahren festgestellte Veränderungen des Klimas, die nach Mehrheitsmeinung auch vom Menschen gemacht ist, führte zudem zu einer Versauerung des Meeres, was auf die Fischbestände Auswirkungen hat, da die Fische nun mehr mehr Energie in die Ausscheidung des CO2-Gehalts im Wasser verwenden müssen. (Jarchau et al 2009: 36; Pauly/Cheung 2011: 263).

Dennoch wird das Selbstbewusstsein der Fischer durch solche Einschränkungen kaum erschüttert. Damit ist ein weiteres Problem deutlich gemacht. Jegliche politisch gewollte Veränderung im Bezug auf Fischfangquoten wird durch die laute Stimme der Fischer entkräftet oder zumindest marginalisiert, stehen doch mit einer nachhaltigen Eingrenzung des Fischfangs durch Fangquoten Arbeitsplätze auf dem Spiel. Zudem könne eine national eingerichtet Quote, in den Augen der Fischer, zwar auf sie selber Auswirkungen haben, habe aber keine auf ausländische Kollegen, die die Pause der Einheimischen nützten, um ihrerseits in den ihnen nicht zustehenden Gewässern zu
fischen (Griffin 2013: 36).

Das Argument der Arbeitsplätze, deren Fehlen sich immer negativ auf internationale Vergleiche und nationale Wahlergebnisse (für Amtsinhaber) auswirkt, sorgt vielfach für eine eingeschränkte Art des Denkens, dem nicht mit ökologischen oder wissenschaftlichen Argumenten bei zukommen ist (Stein 269). Das zweite von den Fischern oftmals vorgebrachte Argument kann im Zuge supranationaler Organisation bezwungen werden. Innerhalb der Europäischen Union existiert dafür sogar das Instrument der Common Fisheries Policy (CFP), das jedoch daran krankt, dass neben verfehlten biologischen, ökologischen und auch rechtlichen Verfehlungen hier erneut von politischer Seite eher national als supranational agiert wird (Khalilian et al. 2010: 1181f.).

Im Zuge einer Liberalisierung von Zuständigkeiten sind gerade in Zeiten globaler Märkte die betroffenen Industriezweige gefragt, mit Ideen und Lösungen aufzutreten. Dabei muss nicht nur im Sinne eine Marketingkampagne gedacht werden, die sicherlich auch mitspielt, sondern auch im Sinne eines betriebswirtschaftlichen Handelns, das sich seiner Rolle in der Gesellschaft bewusst ist und daher bestimmt für eine nachhaltige Idee eintritt, die langfristig gesehen, auch dem Unternehmen selber nur nützen kann (Rüegg-Stürm 2002: 24ff.).

Es versteht sich von selber, dass ein Unternehmen selbst wenn es sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, anders agieren muss als ein von allen Bürgern getragener Staat. Ökologische Unterfangen sind Teil der Unternehmensstruktur, die durchaus nicht in allen Bereich zugänglich gemacht werden können, möchte das Unternehmen nicht der Konkurrenz Tür und Tor öffnen. Daher kann nur mit eingeschränkter Transparenz und damit zusammenhängend Teilhabe (je mehr Leute etwas wissen, desto höher ist das Risiko der Veröffentlichung) agiert werden. Dennoch ist die Grenzziehung zwischen gesellschaftlicher Verantwortung, die sich in einer großzügigen Informationspolitik ausdrückt, und stellungsgefährdeten Veröffentlichungen sicher nicht so starr, dass auf Grundsätzliches verzichtet werden kann, wie es zur Zeit bei vielen privaten Fischereiinitiativen der Fall ist (Fuchs et al. 2011: 364f.).

Es wäre jedoch verfehlt, als Ausgangspunkt für die bisher geschilderte Problematik einzig das Selbstbewusstsein der Fischer verantwortlich zu machen. Andere Probleme kommen hinzu und sind teilweise mit den Fischern verbunden. Während etwa innerhalb der EU durch die CFP durchaus ein Ansatz probiert wird, supranational im Fischfang zu agieren, ist eine dort getroffene Entscheidung für Länder außerhalb der EU, die aber dennoch Anrainerstaaten von Meeren sind, die auch im Einflussbereich der EU liegen, nicht bindend.

Während aber mit Länder der westlichen Welt ohne Probleme über gemeinsame bilaterale Vertrage gesprochen werden kann, ist dies bei Ländern der Dritten Welt nicht unbedingt möglich. Fehlende staatliche Infrastruktur und Verwaltung kann zur Nichteinhaltung der Verträge durch einzelne Individuen führen, deren Verstoß zudem nicht geahndet wird. Solche Verstöße haben oftmals auch damit zu tun, dass bei dem Wegfall des Fischerberufs nicht nur ein Arbeitsplatz fehlt, sondern zusätzlich das einzige Einkommen oder die Verpflegung der ganzen Familie wegfällt.

Selbst die Einhaltung solcher Verträge kann aber negative Folgen für den einzelnen Fischer haben. Die Industrialisierung der Fischerei mag für den europäischen Fischer üblich sein, der westafrikanische Fischer jedoch kann sich solcher Maschinerie nicht bedienen. Die Fangquoten der vollindustrialisierten Schiffe sorgen für ein Ausbleiben des Fangs beim einheimischen Fischer, was die erwähnten Auswirkungen auf dessen Leben hat (Jarchau et al. 2009: 35). Abhilfe kann hier ein so genanntes Regional Advisory Council (RAC) schaffen, an dem alle betroffenen Gruppen ihren Anteil haben. Neben nationalen Fischereiverbänden nehmen auch Umweltschutzorganisationen, Kundenvertreter und andere Interessengruppen an einem solchen Konzil teil und probieren dort gemeinsame Lösungen für die Überfischung zu finden. Am Beispiel
des für die Nordsee zuständigen RAC zeigt sich jedoch, dass die Fischerverbände ein Gros der Teilnehmer ausmachen, was etwa eine demokratische Abstimmung gegen deren Interessen erschwert. Wissenschaftliche Teilnehmer, die festgefahrene Diskussionen durch empirische Fakten lösen könnten, gehören dem Rat gar nicht an (Griffin 2013: 44 ff.)

Dieser Umstand ist ärgerlich, wenn man bedenkt, dass das Wissen der Fischer oftmals sehr auf ihren persönlich-kollegialen Umkreis beschränkt ist. Darüber hinausgehenden Zusammenhänge zur Ökologie des Meeres, ökonomischen Auswirkungen, politischen Verwicklungen oder historische Zusammenhänge bleiben so außen vor (Griffin 2013: 36).
Dabei ist die historische Entwicklung von Fischerei und Fischerkultur durchaus hilfreich. So wurde bis in die achtziger Jahre davon ausgegangen, dass der Hering etwa niemals vom Aussterben bedroht sein könnte (Delort 1987: 232), eine Vorstellung, die sich als trügerisch herausgestellt hat (Jarchau et al. 2009: 33). Dennoch gab es auch in der Vergangenheit Stimmen, die bereits auf eventuelle Engpässe innerhalb des Fischbestands aufmerksam gemacht haben und Lösungen ersannen, um dem entgegen zu wirken, wie das Walther Herwig tat (Wegner 2012: 98ff.).

Wichtiger aber ist dennoch die naturwissenschaftliche Perspektive. Diese ist aber durchaus eingeschränkt. Die Tatsache, dass das Meer sich einer wirklichen Messung entzieht, bedeutet auch, dass die Fischereiwissenschaft nur auf statistische Erhebungen zurückgreifen kann, weil eine wahre Ziffer über Bestände nicht ermittelt werden kann (Tardent 2005: 278).

Diesem und anderen Problemen ließe sich leicht entgegentreten, bestünde die Möglichkeit, die der Mensch seit der Neolithischen Revolution für Haustiere nutzt: Die Zucht der Fische. Bei dieser etwa bei Lachs durchaus in Ansätzen erfolgreichen Alternative,, aber existieren andere Probleme.

So sind die Larven der Fische nicht nur extrem krankheitsanfällig, auch existiert kein Wissen darüber, was diese als Nahrung benötigen. Ohne dieses Wissen aber kann ein Zuchtprogramm nicht funktionieren, so dass sich etwa in Japan mit der Umgehung des Problems geholfen wird, Lösungen aber nicht gefunden werden (Tardent 2005: 282).

Da somit diese Möglichkeit ausscheidet, bleiben schließlich nur zwei Möglichkeiten, die Hand in Hand gehen müssen. Zum einen ist eine Rekrutierung der Fischbestände nötig, was durchaus mit einem temporären Fischfangverbot einhergehen kann und bei manchen Beständen sogar muss. Dabei ist auf das Wissen und die Expertise von Fischereiwissenschaftlern zurückzugreifen. Um ein weiteres Problem, das mit der Entscheidung für ein solches politisches Vorgehen einhergeht, zu lösen, ist es aber vor allem nötig, gleichzeitig ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen, das die Problem der Überfischung ernst nimmt. Einzig öffentlicher Druck scheint als Lösung des Problems
möglich, um das Netz der primären Interessenvertreter zu durchdringen. Dazu kann es schon reichen, wenn sich Prominente öffentlich engagieren (Griffin 2013: 40).

Letztendlich muss zudem eine Weiterentwicklung der Technologie vorgenommen werden, die nicht allein darauf abzielt, möglichst hohe Fischerträge zu fangen, sondern die Möglichkeit bietet, Fische qualitativ auseinander zuhalten. Besteht diese Möglichkeit, können Fischereiseasons ähnlich den verschiedenen Jagdsaisons angelegt werden. Damit wäre eine hervorragende kompromissfähige Möglichkeit gegeben, alle Interessen zu befriedigen. Nur der Kunde müsste sich einschränken.
Fisch gäbe es zwar immer, aber Matjes würde mal für ein Jahr wegfallen.

Literatur:

  • Delort, Robert (1987): Der Elefant, die Biene und der heilige Wolf. Die wahre Geschichte der Tiere, München: Hanser.
  • Fuchs, Doris, Agni Kalfagianni, und Tetty Havinga. 2011. „Actors in Private Food Governance. The Legitimacy of Retail Standards and Multistakeholder Initiatives with Civil Society Participation“. Agriculture and Human Values 28 (3): 353-367.
  • Griffin, Liza. 2013. Governance, Scale, and Power: A Case Study of North Sea Fisheries, London: Routledge.
  • Jarchau, Peter; Nolting, Marc; Wiegler, Kai (2009): Nahrungsquelle Meer. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 6-7/2009, S. 33-38.
  • Khalilian, Setareh; Froese, Rainer; Proelss, Alexander; Requate, Till (2010): Designed for Failure. A Critique of the Common Fisheries Policy of the European Union. In: Marine Policy 34 (6), S. 1178- 1182.
  • Nellen, Walter; Dulcic, Jakov (2008): A survey of the progress of man’s interest in fish from the Stone Age to this day, and a look ahead. In: Historisch-Meereskundliches Jahrbuch 14, S. 7-68.
  • Pauly, Daniel; Cheung, William L. (2011): Globale Prognosen der Auswirkungen der Erwärmung auf die Fischerei. In: Lozán, Jose L.; Graßl, Hartmut; Karbe, Ludwig; Reise, Karsten: Warnsignal Klima. Die Meere. Änderungen und Risiken, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen, S. 259- 264.
  • Rüegg-Stürm, Johannes (2002): Das neue St. Gallener Management-Modell. Grundkategorien einer integrierten Managementlehre. Der HSG-Ansatz, Bern: Haupt.
  • Sietz, Hennig (2013): Alles klar auf der „Lyubov Orlova“? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mai 2013, S. 9, online abrufbar: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geisterschiffe-alles-klar- auf-der-lyubov-orlova-12170146.html (04. Mai 2013).
  • Stein, Manfred (2011): Der Kabeljau und das Klima – Das grönländische Beispiel. In: Lozán, Jose L.; Graßl, Hartmut; Karbe, Ludwig; Reise, Karsten: Warnsignal Klima. Die Meere. Änderungen und Risiken, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen, S. 265-270.
  • Tardent, Pierre (2005) Meeresbiologie. Eine Einführung, Stuttgart: Thieme.
  • Wegner, Gerd (2012) Walther Herwig und der Fisch, in Mahn, Anne; Wegner, Gerd: Frischer Fisch und Heidekraut. Walther Herwig. Präsident der Klosterkammer Hannover und „Vater der Fischer“, Rostock: Hinstorff, S. 87-129.

Zur Geschichte der Überfischung

In den Artikeln und Studien, die zur Überfischung herausgebracht werden, wird oftmals davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Problem handelt, dass erst mit der Industrialisierung der Fischerei während des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Tatsächlich aber ist das Eingreifen des Menschen in Flüsse, Seen und Meere schon so alt, wie die Menschheit selber. Der Wunsch des Menschen aus den Gewässern mehr Fisch herauszuholen, als er alleine tatsächlich mit Route oder Speer erlangen kann, ist dabei mindestens genauso alt, was zahlreiche Funde aus der Altsteinzeit zum Fortschritt des Fischfangs belegen. Aus diesem Wunsch ergab sich nicht zuletzt der Beruf des Fischers selber.

Techniken, die darauf hinweisen, wie die Fangquoten erhöht werden sollten, finden sich bereits in den Schriften der antiken Gelehrten. So kann Aristoteles in seiner „Geschichte der Tiere“ Hinweise darauf geben, dass immer dann mehr Fische ins Netz gehen, wenn der Meeresboden vorher durcheinander gewühlt wurde, so dass beim zweiten Fang eine größere Menge an Fisch erreicht werden kann (vgl. his. ani. VIII, 15). Führt man sich diese Praxis vor Augen, ist bereits in der Antike davon auszugehen, dass Fischerbote mindestens zweimal in kurzer Zeit hintereinander das Netz auswarfen, um mehr Fisch als beim ersten Mal zu fangen.

Eine solche Praxis musste über kurz oder lang dazu führen, dass Fisch knapp wurde. Die Auswirkungen dieses Umstands kann dreihundert Jahre nach Aristoteles Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte aufzeigen, wenn er darüber klagt, dass ein Fisch mittlerweile soviel kosten würde, wie ein Koch (vgl. nat. his. IX, xxxi, 67). Dabei zeigt er eine Preissteigerung auf, die nahelegt, dass in früheren Zeiten Fisch nicht so teuer war wie zu seiner Zeit, so dass der hohe Preis eben nicht auf die generelle Schwierigkeit des Fischens selber, sondern auf eine Verknappung des Fisches zurückzuführen ist.

Vor allem der Fang von Hering war für die Menschen des Mittelalters von großer Bedeutung. Da sich in der Antike für das Mittelmeer bereits eine Verknappung des Fischs andeutete, wich man auf die Nord- und die Ostsee aus, von wo aus die gefangenen Fische gesalzen und getrocknet bis nach Italien gebracht wurden. Im Jahre 1394 jedoch kam es zu einen größeren Problem. Die Heringsvorkommen im nördlichen Teil der Nordsee waren erschöpft, nur im westlichen Teil fanden sich noch größere Mengen. Solche Vorkommnisse zwangen die Obrigkeit zu regulierenden Maßnahmen, wie etwa dem Fangverbot für Fisch zwischen Oktober und Februar. Bei Fangquoten von mehr als vier Millionen Hering allein in der französischen Stadt Dieppe, kann man sich vorstellen, wie viel Fisch jährlich an allen Küstenregionen Europas an Land gebracht wurde.

Das Meer jedoch war für die Menschen in Antike und Mittelalter immer mit großen Gefahren verbunden, obwohl man probierte es kulturell und politisch für sich zu vereinnahmen. Der überwiegende Teil der Menschen fischte daher nicht auf See, sondern probierte sein Glück in Teichen und Flüssen des europäischen Kontinents. Dabei wurden die Techniken weiter entwickelt und die einzelnen Berufsfischer recht erfolgreich. Zeitgleich stieg der Konsum von Fisch enorm. Für das 16. Jahrhundert sind daher einzelne Verordnungen übermittelt, die das Fischen in bestimmten Flüssen verboten. In Bayern etwa wurde 1553 das Fischfangen auf wenige Exemplare begrenzt. Dennoch wurden die Gewässer überfischt, mit zum Teil verheerenden Folgen bis in die heutige Zeit, schaut man etwa auf die Überfischung der Donau, in der keine Fische mehr existieren, die Strecken von mehr als 300 km zurücklegen können.

Um den Gefahren auf See zu entgehen und der gestiegenen Nachfrage nach Fisch nachzukommen, wurden im Bereich des Schiffbaus enorme Fortschritte gemacht. Die in den Niederlanden entwickelten Buisen sorgten für effektiveren Fischfang in der Nordsee und wurden daher schnell in die norddeutschen Regionen importiert, wo sie bis ins 19. Jahrhundert benutzt wurden.

2. Das Zeitalter der Industrialisierung – Die Probleme verschlimmern sich

Dennoch ist ein großer Einschnitt im Problem der Überfischung sicherlich mit dem 19. Jahrhundert zu machen. Die Einbindung der Dampfmaschine in die Schifffahrt führt zu einer sehr effektiven Nutzung von Schleppnetzen, die für den einzelnen Fischer eine enorme Ausbeute in kurzer Zeit bedeuteten.

Doch bereits in den 1850er Jahren wurden Klagen laut, dass sich traditionelle Fischereigründe erschöpft hätten, was gerade für die britische Fischerei dazu führte, weiter in die Nordsee zu fahren und dort zu fischen. Damit berührten sie jedoch die Fischgründe anderer Nationen, was zu internationalen Verwicklungen führte. Eine vom britischen Parlament eingesetzt Kommission entschied jedoch recht lapidar, dass der englische Fischer das Recht hätte überall, zu jeder Zeit und nach welcher Methode auch immer fischen zu können.

Die fortschreitende Industrialisierung beschränkte sich nicht nur auf Großbritannien. Die Buisen etwa wurden durch so genannte Logger abgelöst, die schneller waren und deren Einsatz durch die Dampfmaschine, die man ohne Problem an Bord nehmen konnte, noch gesteigert wurde.

Die wissenschaftliche Seite konnte mit dieser technischen Entwicklung nicht mithalten. Über Herkunft, Aufzucht und Paarungsgewohnheiten der zu fangenden Fische war kaum etwas bekannt, die Ichtyologie als akademische Wissenschaft war erst am Beginn ihrer Entwicklung, so dass die Probleme, die mit dem Leerfischen der Nordsee einher gingen, noch nicht umfassend gelöst werden konnten. Hinzu kam, dass vor allem die Wirtschaftszweige, für die der Fischfang ausschlaggebend war, die Fischwissenschaft förderten, so dass diese sich oftmals Zugunsten hoher Fangquoten aussprach, um ihre Finanzierung nicht zu gefährden.

Dieses Umstände führten schließlich zu einem Eingreifen der Obrigkeit. In Preußen war es vor allem der Ministerialbeamte Walther Herwig, der sich zunächst mit den Gewässen an Land beschäftigte und sich dort für Fangquoten einsetzte, dabei aber nicht die soziale Komponente der Arbeit für Fischer aus den Augen verlor. Seine Bemühungen waren so erfolgreich, dass er sich auch für die Hochseefischerei einsetzte und dabei die nationalen Grenzen hin zu einer internationalen Lösung zu überwinden suchte. Herwigs Netzwerk führte schließlich zur Gründung des ICES im Jahre 1902, in dem jährlich Statistiken über Fang und Nachwuchs der Fische veröffentlicht wurden, was in letzter Konsequenz zu den bis heute noch genutzten Quoten für bestimmte Fischarten führte.

Die praktische Umsetzung der Quoten jedoch war nicht immer möglich. So wurden in Grönland um das Jahr 1900 herum etwa 100.000 t Kabeljau gefangen, was fast zu einem Verschwinden des Fisches geführt hätte. Dennoch konnten sich die Bestände erholen. Der Grund dafür lag im Zweiten Weltkrieg. Während in der Zeit davor alle möglichen Nationen den Kabeljau vor Grönland einfingen, waren im Krieg selber die Gewässer nicht mehr sicher. Einzig die portugiesischen Doryfischer fischten in den Gebieten. Deren nachhaltige Technik des Fischens sowie das Fernbleiben vor allem der französischen und britischen Fischereiflotten, sorgten für eine Regenerierung des Kabeljau.

Literatur:

Blaas, K.: Aquakultur 2000. Österreichische Strategien zur Föderung der nationalen Fischproduktion, Wien: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft o.J.

Bolster, W. J.: The Mortal Sea. Fishing in the Atlantic in the Age of Sail, Cambridge: Belknap 2012.

Both, Frank: Mensch und Fischfang seit der Urgeschichte, in: Becker, P.-R./Beichle, U. (Ed.): Mensch, Fisch, Oldenburg: Isensee 2012, 19-32.

Delort, R.: L’Animaux ont une histoire, Paris: Seuil 1984.

Jarchau, P./Noltig, M./Wiegler, K.: Nahrungsquelle Meer, in APuZ 6-7, 2009, 33-38.

Lange, K.: Die technische Entwicklung der deutschen Hochseefischerei auf Hering, in: Historisch-Meereskundliches Jahrbuch (HMJ) 9, 2002, 41-56.

Lenz, W.: Die Überfischung der Nordsee – ein historischer Überblick des Konflikts zwischen Politik und Wissenschaft, in: HMJ 1, 1992, 87-108.

Mahn, A./Wegner, G. Frischer Fisch und Heidekraut. Walther Herwig, Rostock: Hinstorff 2012

Morus: Eine Geschichte der Tiere, Hamburg: Rowohlt, 1952.

Nellen, W./Dulcic, J: A survey of the progress of man’s interest in fish from the Stone Age to this day and a look ahead, in: HMJ 14, 2008, 7-68.

Reith, R.: Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit, Munich: Oldenbourg 2011.

Stein, M.: Der Kabeljau und das Klima – Das grönländische Beispiel, in: Lozan, J.L./Graßl, H./Karbe, L./Reise, K.(Ed.): Warnsignal Klima. Die Meere, Hamburg: Wissenschaftliche Auswertungen 2011, 265-270.

Die Bettelorden und heterodoxe religiöse Bewegungen im 13. und 14. Jahrhundert – Ihre Bedeutung als Konkurrenz zu den Katharern

I. Einleitung

Es muss wohl die Schuld F. Murray Abrahams sein, jenes oscarprämierten Schauspielers, der immer in Rollen schlüpft, die dem Zuschauer Angst und Bange werden lassen, dem Bösen dabei aber stets ein menschliches Gesicht gibt. Sein Bernard Gui aus Der Name der Rose war so eindringlich, dass immer, wenn von Inquisition gesprochen wird, irgendwann der Orden der Dominikaner, diese Hunde des Herren, genannt wird.

Und natürlich, Bernard Gui, eine Figur, die tatsächlich existierte, war wahrhaftig ein Inquisitor, was sich durch sein Hauptwerk hervorragend belegen lässt. Seine Practica inquisitionis heretice pravitatis ist, um hier den ersten Editor des Werkes, Célestin Douais, zu zitieren „un document d’une importance capitale pour l’histoire de l’inquisition“. Zahlreich sind die Beispiele, die er anführt, um den Inquisitionsprozess zu beschreiben. Allein; als er 1307 zum Inquisitor von Toulouse ernannt wurde, nahm er diese Aufgabe kaum wahr und ließ sich meistens vertreten.

Das Œuvre dieses Mannes jedoch zeigt weitaus mehr. Heiligenlegenden schrieb er ebenso wie eine Universalgeschichte bis hinein in seine Zeit, daneben noch zahlreiche kleiner Werke über die Geschichte der Klöster und des Dominikanerordens selbst. So rückt er in den Dunstkreis zweier Dominikaner heran, die zu den größten Gestalten der mittelalterlichen Geistesgeschichte gehören und doch oftmals gar nicht als Mitglieder dieses Predigerordens betrachtet werden: Thomas von Aquin und Albertus Magnus.

Beide Namen sind Zeugen für Gelehrsamkeit, Bildung und Wissenschaft. Damit kommt man dem Orden der Dominikaner viel näher als durch ihre Verbindung zur Inquisition. Erst mit Beginn des 13. Jahrhunderts approbiert und durch Honorius III. für rechtsgültig erklärt, fällt ihre Tätigkeit mit zwei anderen religiösen Bewegungen zusammen, von denen eine das Pech hatte, vollkommen der katholischen Dogmatik zu widersprechen und dennoch über lange Zeit viel Zulauf hatte. Diese Bewegung der Katharer ist die älteste der drei und hat ihre Ursprünge in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die andere Bewegung war schon 1210 von Honorius Vorgänger Innozenz III. als Orden akzeptiert worden und geht auf die den Umbrier Franz von Assisi zurück.

Alle drei Bewegungen sind Folge mehrerer Ursachen, die nicht nur mit der Weltvorstellung des Mittelalters und der Idee von Kirche in Verbindung zu bringen sind, sondern auch mit den tief verwurzelten Grundkonstanten des europäischen, wenn nicht sogar des gesamten Menschen. Dabei sind die Bettelorden ebenso als Reaktion auf eine tiefe religiöse Enttäuschung anzusehen wie die Katharer. Letzteren wurde durch Franziskus und Dominikus jedoch kirchliche Konkurrenz an die Seite gestellt, die die Gläubigen wieder in den Schoß der Mutter Kirche bringen sollten.

II. Aufstieg und Fall des Abendländischen Mönchtums – Ein Abriss

Die katholische Kirche des Mittelalters war eine geteilte Kirche. Auf der einen Seite der Stand der Kleriker, auf der anderen Seite die Nichtkleriker. Diese Aufteilung förderte ein Denken der Abspaltung, in beiderlei Richtung. Auch die Laien unterschieden zwischen „denen“ und „uns“.

Gerne war man bereit diese Unterscheidung zu akzeptieren. Da man selber kaum Zeit fand zur inneren Einkehr, war man froh, dass es Menschen und Organisationen gibt, die dies schafften. Und wenn man diese unterstützte und sich an sie hielt, fiel vielleicht ein wenig ihrer Frömmigkeit auch auf den ab, der nicht zum Kreis derer gehörte, die sich Kirche nennen konnten.

Aber auch in diesem erlesenen Kreis gab es Unterschiede. In einer Zeit in der das höchste Gut darin bestand, sich von allem Irdischen zu trennen und nur im Einklang mit Gott zu leben, konnte ein in der Welt lebender Geistlicher nicht die höchste Stufe dieses idealen Zustands erreichen, war er doch immer den Verführungen der Welt ausgesetzt. Wer sich jedoch von der Welt und den Menschen auch lokal abtrennte, der war dem Ideal näher. Und was der Ostkirche ihre Einsiedler und Säulenheiligen, das waren in Westeuropa die Mönchsklöster, die nach der Regel der Benedikts lebten. Arm, demütig und gehorsam verrichteten diese Brüder ihre Arbeit und teilten sich den Tag nach ihren Messen ein.

Solche Menschen musste man unterstützen, wollte man sicher gehen, dass man an ihrer Frömmigkeit teilhaben konnte. Sie brauchten Land, Klöster und Handwerker, Ziegen und Schafe für Bücher, Kleidung und auch Nahrung. Natürlich wollte man auch dazu gehören. Man trat dem Kloster bei, um dem Heil und Gott noch näher zu sein. Ein guter Ruf führt zu Einfluss, Einfluss führt zu Macht und diese schließlich, das weiß man nicht erst seit Macbeth, korrumpiert. Wenn dieser Zustand eintritt, wenden sich die Menschen ab.

Retten kann man eine solche ehemals glorreiche Mönchsbewegung nur durch eine Reform. Es wirkt komisch, dass gerade ein Analphabet sich einer ersten Reform annahm – freilich mit einem anderen Ziel. Niemand andere als der große Karl und nach dessen Tod sein Sohn Ludwig der Fromme beginnen mit einer Reform der Bewegung. Im Zuge seiner Bildungsreform, in der er antikes Wissen aufschreiben lässt, und das in einer eigens geschaffenen Schrift, die über Jahrhunderte hinweg im Gebrauch sein wird, muss auch das Mönchtum reformiert werden, muss Teil der Reichskirche werden. Karl, der immer gewusst hat, dass gute Politik von guten Beratern abhängt, holt sich Hilfe. Für eine solche Reform braucht man einen handfesten Kleriker, einen der Ahnung hat und durchgreifen kann. Benedikt von Aniane ist ein solcher Mann, geschult im Krieg, bewandert im Klosterleben, setzt er Anpassungen durch, die die Benediktiner stärken soll.

Von Dauer ist diese Reform nicht. Eine erneute Reform ist nötig. Diesmal eine, die nicht bloß die Struktur ändert, sondern auch die Richtung. Und tatsächlich: in der Abtei Cluny in Frankreich erwuchs eine Bewegung innerhalb des alten Benediktinerordens und begann damit, sich auf die alten guten Werte zurück zu besinnen. Die Korruption, der Schmuck, die Eitelkeiten gerieten sukzessive wieder in Vergessenheit und die, die bei der Reform nicht mitmachen, wurden nach und nach auf natürliche Weise weniger.

Und erneut kamen die Menschen, und gaben und sonnten sich im Ruhm des neu erblühte das benediktinische Mönchstum, wieder gab es Land, wieder gab es Geld, wieder gab es neue Mitglieder. Und erneut erschien die Macht am Horizont und die Menschen wendeten sich ab. Die Reform brachte langfristig nichts.

Nur eines konnte helfen. Es brauchte ein neues System. Die Mönche und ihre Klöster mussten anders organisiert werden, als große Organisation mit einem System der Überwachung. Nicht mehr einzelne Klöster eine Ordnung musste hergestellt werden, die das Problem der Benediktiner verhinderte. Und wieder war es Frankreich, wo sich dies zutrug, diesmal in Citeaux. Die alten Regeln Benedikts wurden übernommen, aber die alten Klöster übernahm man nicht, auch auf die alten Mönche und ihre Strukturen wollte man nichts geben. Alles machte man selber. Und man hatte eine Gestalt, die mindestens so strahlend und charismatisch ist wie der Alte vom Montecassino selber. Ein Mann so mächtig, dass er Päpste machte, mit Kaisern verhandelte und dennoch nicht korrumpierbar war. Ein Asket, ein lebender Heiliger, jemand, der so wenig aß, das er krank wurde und gegen seinen Willen ernährt werden musste, dazu umfassend gebildet und mit einem rhetorischen Talent bestückt, das honigsüß in die Köpfe der Zuhörer tropfte: Bernhard von Clairvaux. Konservativ bis ins Mark, jedem Unglauben ablehnend und jedes Fehlverhalten gnadenlos ausnutzend, setzte dieser Mann alles daran seinen Orden, den er nicht gegründet hatte, in ganz Europa zu verbreiten.

Und es funktionierte. Die Menschen kamen, Adelige vermachten den Zisterzensern nicht nur ihren Besitz, sie traten auch selber bei und überschrieben ihr Hab und Gut an den Orden. Doch erneut kam es nach dem Tode Bernhards zu einer großen Umkehr. Die Masse vernichtete das Fromme. Langsam und stetig erreichte die Welt erneut die Klöster.

Tab. 1: Zahlen, Daten, Fakten zur Klostergeschichte Westeuropas:
  • Benedikt von Nursia, Begründer des Abendländischen Mönchtums: ca. 480 – 547
  • Benedikt von Aniane und die karolingische Klosterreform (Aachener Konzil): 816 – 819
  • Cluniazensische Reform („consuetudines Cluniacenses“): Beginn des 10. Jhd.
  • Gründung des Zisterzienserordens: 1098
  • Tod Bernhards von Clairvaux: 1153
  • Beginn der Katharerbewegung in Südfrankreich: Mitte 12. Jhd.
  • Ordensgründung der Franziskaner: 1210
  • Ordensgründung der Dominikaner: 1213
III. Franziskaner und Dominikaner – Angebote der Kirche gegen die Katharer

Die Vermutung, dass ein Fehler im System liegt, ist nicht weit. Wenn aber das System Kirche Gott gewollt ist, ist dann der Glaube richtig? Das, was die Kirche immer gepredigt hatte, konnten selbst die Spitzenfunktionäre der Klöster nicht einhalten. Ist dann der Glaube der wahre? Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen in ganz Europa sorgten für große Umbrüche, die sich auch im Glauben niederschlugen. Veränderungen waren willkommen. In diese Lücke stießen die Katharer in Südfrankreich. Als ein Kreuzzug gegen sie nicht das erwünschte Resultat zeigte, begann auch in Rom ein Umdenken. Es musste missioniert werden. So schickte man zuerst Zisterzenser. Nur war das Ergebnis nicht überzeugend. So konnte Bischof Djego von Osma den beiden Zisterziensern Raoul von Fontfroide und Petrus von Castelnau mitteilen:

„So nicht Brüder; so, meine ich, dürft ihr nicht vorgehen. Es scheint mir unmöglich, diese Menschen allein durch Worte zum Glauben zurückführen zu wollen, besser wäre es, sie mit dem eigenen guten Beispiel zu überzeugen. Seht die Häretiker, wie sie unter Vortäuschung, fromm, evangelisch arm und diszipliniert zu sein, die Einfältigen überzeugen können. Wenn ihr ihnen das Gegenteil davon zeigt, werdet ihr wenig aufbauen, viel zerstören und nichts erreichen. Schlagt sie mit ihren eigenen Waffen, vertreibt ihre vorgetäuschte Heiligkeit durch ein echtes religiöses Leben, denn der Hochmut dieser falschen Apostel kann nur durch augenscheinlich echte Demut bloßgestellt werden“.

Nun war Bischof Djego niemand anders als der Lehrer und geistige Führer des Dominikus und in dieser Rede spiegelt sich viel von dem wieder, was der Orden der Dominikaner dann selbst leben und lehren sollte. Dieser Orden nun war nicht der erste Orden (Tab. 1), der sich der Predigt verschrieben hatte. In Italien waren bereits die Franziskaner gegründet. Der Unterschied zwischen diesen beiden Orden lässt sich am besten durch einen Vergleich der Ordensgründer feststellen. So heißt es bei Thomas von Celano über die Anfänge des Lebens von Franz von Assisi:

„Es war ein Mann in Assisi, einer Stadt im Gebiet des Spoletotales, mit Namen Franziskus, der, von früher Jugend an von seinen Eltern nach eitlen Grundsätzen der Welt hoffärtig erzogen, ihr erbärmliches Leben und Gebaren lange Zeit nachahmte, und dadurch selbst nur noch eitler und hoffärtiger wurde.[…] Das ist die unglückliche Vorschule, in der jener Mann […] von Jugend an lebte und fast bis zu seinem 25. Lebensjahr seine Zeit kläglich vergeudete und vertändelte. Ja, mehr als seine Altersgenossen machte er üble Fortschritte in nichtigem Treiben und war ein gar übereifriger Anstifter zu bösen Streichen und Eiferer für die Torheit“.

Einen ganz anderen Heiligen trifft man mit Dominikus, von dem Jordan von Sachsen schreibt:

„Zu jener Zeit wuchs in dieser Diözese [Osma], in einem Ort namens Calaruega, der junge Dominikus auf. Dominikus wurde in seiner Kindheit von seinen Eltern, besonders aber durch seinen Onkel, der ein Erzpriester war, umsichtig erzogen und vor allem mit den kirchlichen Gebräuchen bekannt gemacht. […] Bald darauf wurde er an den angesehenen und bedeutenden Studienort Palencia geschickt, damit er dort in den sieben freien Künsten unterrichtet werde. Als er meinte, genügend darüber gelernt zu haben, gab er dieses Studium aus, weil es fürchtete, dass diese Künste in so schlechten Zeiten unnütz seien. Deshalb begann er statt dessen Theologie zu studieren. Er nahm die Worte Gottes mit großer Begeisterung auf; sie waren in seinem Mund süßer als Honig“.

Die beiden Auszüge zeigen, dass der Unterschied zwischen den Orden im Bildungsgrad liegt. Während Franz von Assisi ein bürgerliches Leben führte, dass mit einer kirchlichen Laufbahn nichts zu tun hatte, findet sich bei Dominikus das genaue Gegenteil. Von Kindesbeinen in kirchlichen Dingen unterrichtet, schlägt er eine universitäre Laufbahn ein. So ist der Orden der Franziskaner ein Orden der Laien, während der Dominikanerorden ein Orden für Kleriker und Akademiker ist, auch wenn eine solche Unterscheidung nie ganz unproblematisch ist.

Wenn auch dies die Unterscheidung ist, so sind die Gemeinsamkeiten der beiden doch viel größer. So schreibt Jordan über Dominikus:

„Zu jener Zeit, als er eifrig in Palencia studierte, brach in beinahe ganz Spanien eine schwere Hungersnot aus. Dominikus war von der Not der Armen erschüttert und bekam großes Mitleid. So beschloss er, durch sein Tun gleichzeitig den göttlichen Ratschlägen zu entsprechen als auch die Not der sterbenden Armen zu lindern. Er verkaufte also seine Bücher, die er in der Stadt zum Studium gebraucht hatte, und das Geld, das er dafür bekam, verteilte er dann unter die Armen. Durch dieses Beispiel der Fömmigkeit wurden auch die anderen Lehrmeister und Theologen wach gerüttelt; durch die Freizügigkeit des Jünglings erkannten sie ihre eigen Trägheit und gaben von nun an reichhaltigere Almosen.“

Ganz ähnliches findet sich bei Franziskus:

„So gestimmt und vom Heiligen Geiste bestärkt, folgte der selige Diener des Allerhöchsten, da die festgesetzte Zeit gekommen war, jenem glücklichen Antrieb seines Herzens, der ihn das Irdische mit Füßen treten und nach den höchsten Gütern streben ließ. […] So machte er sich denn auf, stärkte sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, ließ ein Pferd satteln, bestieg es, nahm Scharlachtuch mit zum Verkauf und begab sich eilends in eine Stadt, die Foligno heißt. Dort verkaufte er wie gewöhnlich alles, was er mit sich führte, und ließ auch sein Pferd, das er bis jetzt geritten, als glücklicher Kaufmann um eine Summe Geldes zurück. Hierauf […] fühlte er es als als eine Last, jenes Geld auch nur eine Stunde noch herumzutragen. Wie Sand erachtete er den gesamten Gewinn und hatte große Eile, sich seiner zu entledigen. Als er nach der Stadt Assisi zurückkehrte, fand er am Weg eine Kirche, die in alter Zeit zu ehren des heiligen Damian erbaut worden war, jetzt aber hohen Alters wegen in Bälde einzustürzen drohte. Dahin ging [er] und trat, von Mitleid über solche Armseligkeit bewegt, mit ehrfürchtiger Scheu ein. Und als er dort einen armen Priester fand, küsste er ihm mit großem Glauben die geweihten Hände, bot ihm das Geld an, das er bei sich trug, und erzählte ihm der Reihe nach sein Vorhaben“.

Sowohl Innozenz III. als auch sein Nachfolger Honorius III. waren vor allem Politiker, erst dann Theologen. Als diese beiden Menschen, die so dem Kern der Botschaft Christi folgten ohne dabei mit der Dogmatik der Kirche in Widerspruch zu stehen, anfragten, ob nicht ihre Orden ordentlich approbiert werden könnten, da zögerten beide nicht lange und ließ es zu. Beide hatten nämlich erkannt, das es nur zwei Möglichkeiten gab, die Gläubigen in Südfrankreich und Italien wieder auf den rechten Weg zu führen. Und einer davon musste in durch das Vorleben der imitaio christi im katholischen Sinne geschehen. Der andere war eine Auseinandersetzung mit dem falschen Glauben. Auch dazu waren die Bettelorden gut, wobei die Dominikaner aufgrund ihrer Ausbildung wesentlicheres beitragen konnten. Und auch sie hatten Erfolg.

IV. Die Fortsetzung des Niedergangs

Mit dem Tod der beiden Anführer jedoch änderte sich auch wieder die Gesinnung der Bettelorden. Mit zunehmender Akzeptanz, Verbreitung und Bedeutung gingen auch sie den Weg ihrer Vorgänger. Klöster wurden gebaut, Spenden angenommen, ausgeschmückte Kirchen geweiht. Wie auch den Orden ging es erneut den Kirchen. Die eigenen moralischen Maßstäbe wurden nicht einmal mehr vom Personal zu erreichen probiert. Spätestens mit den Renaissancepäpsten, der Spekulation der Kirchenämter und der Korruption innerhalb der Kirche waren die guten Vorsätze erneut verschwunden. Das führte zu erneuten Unruhen in der Kirche und zu drei gleichzeitigen Päpsten. Aber auch wenn das Personal vergaß, die Institution selber erinnerte sich sehr genau. Den Erben der Katharer wollte man diesmal keinen Raum bereiten. Man traf sich zum größten Konzil der Welt in Konstanz und beriet fast vier Jahre über Verfahren, Änderungen und Reformen. Aber auch die Gegenseite hatte die Zeit erkannt und war gewappnet. Technik und fortschrittliches Denken, Erkenntnisse in Geschichte, Literatur und Sprache waren ihre Waffen, von denen die Kirche erst später Gebrauch machte. So sorgte das Verhalten der Kirche, ihre Weltlichkeit, das Verfehlen der eigenen Ideale im westlichen Europa für ein Schisma, das bis heute anhält.

V. Quellen und Literatur
  • Jordan von Sachsen: Von den Anfängen des Predigerordens, hrsg. und übers. von Wolfram Hoyer, Leipzig 2003.
  • Thomas von Celano: Leben und Wunder des heiligen Franziskus von Assisi, Hrsg. und übers. von Engelbert Grau, Werl 1988.
  • Dinzelbacher, Peter: Bernhard von Clairvaux, Darmstadt 1998.
  • Douais, Célestin: Préface, in: Gui, Bernard: Practica inquisitionis heretice pravitatis, hrsg. von Célestin Douais, Paris 1886.
  • Frenz, Thomas: Das Papsttum im Mittelalter, Köln u.a. 2010.
  • Gleba, Gudrun: Klöster und Orden im Mittelalter, Darmstadt 22006.
  • Hanslik, Rudolf: Benedikt von Nursia, in: LexMA, Bd. 1, 1867f.
  • Jedin, Hubert/Latourette, Kenneth S./ Martin, Jochen: Atlas zur Kirchengeschichte. Die christlichen Kirchen in Geschichte und Gegenwart, Freibrurg 1987.
  • Semmler, Josef/Bacht, Heinrich: Benedikt von Aniane, in LexMA, Bd. 1, 1863ff.
  • Eberts, Jake/ Eichinger, Bernd/Schühly, Thomas/Annaud, Jean-Jacques: Der Name der Rose (Film), Deutschland 1986.

Tierrechte, Haustiere und Kommuniktaion – Animal Studies und das Säugetier

In den vergangenen Jahren ist die alte Frage nach der Trennlinie zwischen Tier und Mensch von der Peripherie der Forschung in das Zentrum gerückt1. In Zeiten in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse dafür sorgen, dass mehr und mehr Eigenschaften, die einmal die Alleinstellungsmerkmale des Menschen waren, auch einzelnen Tierarten zugesprochen werden2, liegt der Fokus nicht mehr auf einer Abgrenzung des Menschen vom Tier, sondern viel mehr auf einer Diskussion darüber, ob Tieren nicht wesentlich mehr Rechte eingeräumt werden müssen, als es ein Tierschutzgesetz vorsieht3.

Folgt man einer biologischen Definition des Tieres kann der Mensch ohne Umschweife als Tier betrachtet werden, das sich, wie jedes Tier, durch bestimmte Eigenschaften von anderen Tieren unterscheidet4. Auf einer solchen Ebene ist die Diskussion über die Grenze zwischen Tier und Mensch ähnlich müßig wie die über Adler und Nacktschnecke oder Schwamm und Blindschleiche; daher also womöglich aus biologischer Sicht interessant, für die kulturwissenschaftliche Betrachtung, aber eher von vernachlässigbarer Natur.

Den Forschern der Animal Studies wird durchaus vorgeworfen, sie würden sich allzu oft auf die Tiere der Klasse der Mammalia beschränken5. Einmal abgesehen davon, dass dabei die Forschungen zu den Aves außen vor gelassen werden6, darf dieser Umstand nicht verwundern. Diese Tiere weisen zum einen nicht nur eine recht hohe Diversität auf, was natürlich auch für Vögel und vor allem Insekten gilt, sondern sind auch dem Menschen physiologisch ähnlicher als andere Tiere. Zudem wird seine Aufmerksamkeit am ehesten auf diese Tiere gelenkt, da sie für ihn zum einen eine reale Gefahr für Leib und Leben darstellen7, zum anderen, vor allem in ihrer domestizierten Form, als Nahrung und Kleidung dienen.

Nach den aktuell diskutierten archäozoologischen und molekulargenetischen Untersuchungen ist davon auszugehen, dass die Haltung von Haustieren nach der Nutzung und Herstellung von Werkzeug und der Nutzung des Feuers, die wohl älteste Kulturleistung des Menschen ist. Domestizierung heißt, dass der Mensch nicht nur in der Lage ist, wilde Tiere zu zähmen und zu halten, sondern darüber hinaus Aussehen, Körpermasse und Charakter der Tiere durch Zucht nach seinen Wünschen zu verändern, um den Tieren einen durch in bestimmten Nutzen zu verleihen.

Für die meisten Tierarten gilt, dass dieser Prozess in einem Zeitraum begann, der länger als fünftausend Jahre zurück liegt. Damit ist eine Epoche bezeichnet, in der Mensch noch nicht alle Lebensräume, die er heute bewohnt, zu eigen gemacht hatte. Daraus folgt gleichzeitig, dass die Domestizierung von Tieren unabhängig voneinander zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Räumen stattgefunden hat. Davon abgesehen, müssen die Menschen zu diesem Zeitpunkt bereits miteinander kommuniziert haben, auch wenn es für diese Annahme kaum Belege oder Rekonstruktionen gibt.

Wie eng der Domestizierungsprozess und der Prozess der Kommunikation miteinander verbunden waren, zeigt sich sehr deutlich in der Keilschrift Mesopotamiens. So ist dort etwa ein Zeichen bekannt, bei dem es sich um einen Ring mit innen liegendem Kreuz handelt. Dieses „Udu“ genannte Zeichen bedeutet Schaf und ist bereits für 3300 v. Chr. bekannt8. Kombinationen dieses Zeichens ergaben schließlich andere Worte mit neuen Bedeutungen, wie etwa Hirte9. Da es eine solche Korrelation zwischen Sprache und Tieren gab, ist daher auch anzunehmen, dass Tiere generell mit bestimmten Eigenschaften versehen wurden, die ihren in den Augen der Menschen guten oder schlechten Charakter darstellten, so dass die Bezeichnung eines Tieres zu einer Alltagsmetapher wurde, durch die man sich geehrt oder beleidigt fühlen konnte.

Deutlich sollte sein, dass diese Zuschreibungen innerhalb einer Kultur eine ganz andere sein konnte, als in einer anderen Kultur. Dass darüber hinaus diese Alltagsmetaphern zudem auf die Tiere als solche zurückgeworfen wurden, dass das real existierende Tier selber zu Ehrung oder Beleidigung wurde, ist anzunehmen. Daraus folgt abschließend, dass eine Kommunikation durch Tiere innerhalb einer Kultur möglich ist, zwischen zwei Kulturen aber zu Missverständnissen führen kann, deren Kontext sich aus der jeweiligen Kommunikationssituation heraus erklären lässt.

Dass es daher unter Forschern zu den Animal Studies oftmals zu einer Häufig mit der Beschäftigung mit Säugetieren kommt, vor allem der domestizierten Art, darf daher nicht verwundern. Ihnen liegt ein großes kulturelles Potenzial zugrunde, das durch zahlreiche Quellen flankiert wird, die für wilde Tiere, die keine Säugetiere sind, kaum vorliegt.

1Vgl.: Perler, Dominik/Wild, Markus (Hg.): Der Geist der Tiere. Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Frankfurt/Main 2005.

2Hier sei auf Studien verwiesen, die etwa nahezu identische Gene bei Mensch und Schwein feststellen, vgl: Peischel, Tanja: DNA-Varianten in Zytokin codierenden Genen beim Schwein, Hannover 2006, Diss. 75ff., in: http://elib.tiho-hannover.de/dissertations/peischlt_ss06.html (12. September 2012) oder auf Goodalls Beobachtungen zum religiösen Empfinden von Schimpansen: Goodall, Jane: Why is it Time for a Theological Zoology!, in: Hagencord, Rainer (Hg.): Wenn sich Tiere in der Theologie tummeln. Aufsätze einer theologischen Zoologie, Regensburg 2010, 15-17.

3Vgl.: Ladwig, Bernd: Menschenrechte und Tierrechte, in: Zeitschrift für Menschenrechte 1/2010, 130-156.

4Vgl.: Sadava, D./Hillis, D. M./Heller, H.C./Berenbaum, M.R.: Purves Biologie, hrsg. von Jürgen Markl, München 92011, 942f.

5Vgl.: Krischke, Wolfgang: Stimmen der Kreatur. Tierhistoriker kämpfen um Anerkennung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2011, N4.

6Vgl. etwa: Ptak, Vögel.

7Die weitaus tödlicheren Krankheiten, die durch Flöhe und Mücken verbreitet werden können, spielen hier keine Rolle, da die Kenntnis darüber bis ins 19. Jahrhundert hinein unbekannt war. Ausnahmen aus anderen Gruppen wie den Reptilien bestätigen die Regel.

8Vgl.: Marzahn, Joachim: Vom Beginn der Schrift, in: Crüsemann, Nicola/van Ess, Margarete/Hilgert, Markus/Salje, Beate (Hrsg.): Uruk. 5000 Jahre Megacity. Begleitband zur Ausstellung, Petersberg ²2013, 185.

9Vgl.: Krebernik, Manfred: Die frühe Keilschrift und ihr Verhältnis zur Sprache, in: Crüsemann et al.: Uruk, 188.

Gedanken zum Familiennachzug laut AufentG §§ 28 und 30

Ich bin verheiratet. Meine Frau ist kongolesische Staatsbürgerin, ich bin deutscher Staatsbürger. Ich wohne in Wuppertal, meine Frau in Kinshasa. Obwohl wir verheiratet sind, darf meine Frau (noch) nicht bei mir in Deutschland sein. Der Grund ist das deutsche Aufenthaltsgesetz, genauer § 28. Darin wird der Nachzug von ausländischen Ehegatten zu Deutschen geregelt. Ursprünglich stand da wohl einmal drin, was jeder erwartet, nämlich, dass meine Frau bei mir sein darf, nachdem die Hochzeit anerkannt wurde. Allein die Anerkennung kann bei kongolesischen Akten schon mal ein paar Monate dauern, was zu einer Verzögerung führt, aber irgendwann wurde das Gesetz geändert, vielleicht, weil es genug deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund gab, die Ehepartner aus den Ländern hatten, aus denen sie oder ihre Eltern einmal kamen, was sich zum Nachteil für die Ehepartner, deren Integration oder wen auch immer auswirkte. (Das Innenministerium erzählte irgendetwas von nationaler Sicherheit, als ich da nachfragte)

Jedenfalls veränderte der Gesetzgeber den Paragraphen. Diese Veränderung nahm in § 28 nun Bezug auf § 30 des AufentG. Darin wird der Nachzug von Ehegatten zu in Deutschland lebenden Ausländern geregelt. In Satz (1), Nr. 2 wird dort geregelt, dass der nachziehende Ehegatte in der Lage sein muss, sich auf einem basalen Level auf Deutsch zu verständigen. Verschiedene Gerichte haben nun darauf hingewiesen, dass damit die Niveaustufe A1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für das Sprachenlernen gemeint ist. Und darum lernt meine Frau nun Deutsch in einer Sprachschule in Kinshasa. Bei einem Lehrer, der noch nie in Deutschland war, mit Textbüchern voller Tippfehlern und veraltetem Inhalt und alter Rechtschreibung. Der Unterricht wird vornehmlich auf Französisch erteilt und besteht darin, dass der Lehrer deutschsprachige Dialoge ins Französische übersetzt und die Schüler das mitschreiben. Eigenständiges Sprechen und Schreiben gibt es nur vereinzelt. Der Kurs dauert 4 Monate und findet drei Mal die Woche für 90 Minuten statt.

Natürlich ist es sinnvoll, dass meine Frau Deutsch lernt. Dass sie es vor der Visumserteilung tun muss, ist sicher diskutabel, zumal ich selber Lehrer für Deutsch als Fremdsprache bin und ihr einen Platz in meiner Schule ohne Probleme sichern kann. Das aber ist peripher. Was mich ärgert ist etwas anderes. § 30 sieht nämlich eine Reihe von Ausnahmen vor, die den Ehepartner eines in Deutschland lebenden Ausländers vom Erlernen der deutschen Sprache entbindet. Diese Ausnahmen gelten laut § 28 auch für Ehegatten von Deutschen. Schaut man sich die acht Ausnahme regeln einmal an, stellt man dabei aber Erstaunliches fest:

Satz 1 Nummer 2 ist für die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis unbeachtlich, wenn

1. der Ausländer, der einen Aufenthaltstitel nach § 23 Absatz 4, § 25 Absatz 1 oder 2, § 26 Absatz 3 oder nach Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Absatz 2 Satz 1 zweite Alternative eine Niederlassungserlaubnis nach § 26 Absatz 4 besitzt und die Ehe bereits bestand, als der Ausländer seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat,

2.der Ehegatte wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage ist, einfache Kenntnisse der deutschen Sprache nachzuweisen,

3.bei dem Ehegatten ein erkennbar geringer Integrationsbedarf im Sinne einer nach § 43 Absatz 4 erlassenen Rechtsverordnung besteht oder dieser aus anderen Gründen nach der Einreise keinen Anspruch nach § 44 auf Teilnahme am Integrationskurs hätte,

4.der Ausländer wegen seiner Staatsangehörigkeit auch für einen Aufenthalt, der kein Kurzaufenthalt ist, visumfrei in das Bundesgebiet einreisen und sich darin aufhalten darf,

5.der Ausländer im Besitz einer Blauen Karte EU, einer ICT-Karte oder einer Mobiler-ICT-Karte oder einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 oder § 20b ist,

6.es dem Ehegatten auf Grund besonderer Umstände des Einzelfalles nicht möglich oder nicht zumutbar ist, vor der Einreise Bemühungen zum Erwerb einfacher Kenntnisse der deutschen Sprache zu unternehmen,

7.der Ausländer einen Aufenthaltstitel nach den §§ 19 bis 21 besitzt und die Ehe bereits bestand, als er seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat, oder

8.der Ausländer unmittelbar vor der Erteilung einer Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt – EU Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 war.

Schauen wir uns einmal diese Ausnahmeregeln im Detail an. Zunächst muss festgestellt werden, dass die Regeln nicht wortwörtlich übernommen werden können, da es ja nicht um einen in Deutschland lebenden Ausländer, sondern um einen deutschen Staatsbürger geht. Das bedeutet, dass wir „der Ausländer“ durch „der deutsche Staatsbürger“ ersetzen müssen, wo im Gesetzestext „der Ausländer“ steht. Wichtig ist hierbei, dass der Begriff „Ausländer“ für den in Deutschland lebenden Ehepartner genutzt wird, nicht für den nachzuholenden Ehepartner. Daher müssen wir in den Ausnahmeregeln 1, 4, 5, 7 und 8 den Austausch der Begriffe durchführen. Das sieht dann so aus.

1. der deutsche Staatsbürger, der einen Aufenthaltstitel nach § 23 Absatz 4, § 25 Absatz 1 oder 2, § 26 Absatz 3 oder nach Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Absatz 2 Satz 1 zweite Alternative eine Niederlassungserlaubnis nach § 26 Absatz 4 besitzt und die Ehe bereits bestand, als der Ausländer seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat,

4. der deutsche Staatsbürger wegen seiner Staatsangehörigkeit auch für einen Aufenthalt, der kein Kurzaufenthalt ist, visumfrei in das Bundesgebiet einreisen und sich darin aufhalten darf,

5. der deutsche Staatsbürger im Besitz einer Blauen Karte EU, einer ICT-Karte oder einer Mobiler-ICT-Karte oder einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 oder § 20b ist,

7. der deutsche Staatsbürger einen Aufenthaltstitel nach den §§ 19 bis 21 besitzt und die Ehe bereits bestand, als er seinen Lebensmittelpunkt in das Bundesgebiet verlegt hat, oder

8. der deutsche Staatsbürger unmittelbar vor der Erteilung einer Niederlassungserlaubnis oder einer Erlaubnis zum Daueraufenthalt – EU Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis nach § 20 war.

Man merkt recht schnell, dass das alles großer Quatsch ist, weil ja ein deutscher Staatsbürger durch seine Staatsbürgerschaft all diese Aufenthaltstitel gar nicht braucht. Einzig Nr. 4 ist interessant, denn dabei handelt es sich ja gar nicht um einen Aufenthaltstitel, sondern um die Frage der Staatsbürgerschaft. Wendet man diese Nummer korrekt an, würde es bedeutet, dass ein jeder ausländischer Ehepartner eines Deutschen ohne Sprachkenntnisse ins Land reisen darf, weil der deutsche Ehegatte ja ohne Zweifel das Recht hat, wegen seiner Staatsangehörigkeit in Deutschland zu bleiben. Diese Anwendung würde aber den gesamten Zusatz aus § 38 überflüssig machen. Wahrscheinlich haben irgendwelche Gerichte bereits treffende Möglichkeiten gefunden, diese Ausnahme juristisch anders zu interpretieren, aber dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein schlecht gemachtes Gesetz verabschiedet wurde.

Schauen wir uns aber einmal die Inhalte der genannten Aufenthaltstitel näher an. Im Fall von Nr. 1 ist ein Schutz suchende Ausländer gemeint, der neu angesiedelt werden soll bzw. ein ungefährlicher Asyl Besitzender ist. Hier geht es also ganz klar um Menschen, die nach Deutschland gekommen sind, um Schutz zu finden, der natürlich auch für dessen Familie gilt. Auf einen deutschen Staatsbürger ist das definitiv nicht anwendbar.

Anders sieht es bei ausländischen Forschern aus, die von Nr. 5 abgedeckt sind. Wer dauerhaft in Deutschland lebt, um hier Forschung zu betreiben, darf seinen Ehepartner nachholen, ohne dass dieser Deutsch lernen muss. Dass bedeutet, dass der Ehepartner eines ausländischen Wissenschaftler eine Sondererlaubnis erhält. Ich bin weit entfernt davon, mich als Forscher zu bezeichnen. Ich forsche jedoch regelmäßig zu Geschichte und veröffentliche dazu auch (der Blog hier sollte dies gezeigt haben). Für meine Frau kommt eine solche Regelung jedoch nicht in Frage. Gibt es also eine Benachteiligung für deutsche Forscher?

Nr. 7 regelt den Aufenthalt von Hochqualifizierten. Ehepartner von hochqualifizierten Ausländern dürfen ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland einreisen. Doch Ehepartner von hochqualifizierten Deutschen ist dies wohl nicht gestattet. Ich besitze zwei Universitätsabschlüsse und bin erfolgreich als Selbstständiger tätig. Ich denke, hochqualifiziert ist da durchaus ein mögliches Wort, um mich zu beschreiben. Für meine Frau erwächst daraus kein Vorteil, wäre ich ein in Deutschland lebender Kongolese mit diesen Qualifikationen, wäre sie längst hier. Natürlich nur, wenn ich sie schon geheiratet hätte, bevor ich meinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlegt hatte, was bei einem deutschen Staatsbürger im Normallfall schwer sein dürfte.

Nr. 8 macht mich dann richtig sauer. Ein forschender Ausländer, der kurz davor ist, in Deutschland dauerhaft zu leben, darf seinen Ehepartner ohne Deutschkenntnisse nachholen. Aber ein in Deutschland aufgewachsener, ausgebildeter Deutscher darf das nicht? Das ist absurd.

Kurz: Das Gesetz zum Ehegattennachzug bevorzugt in Deutschland lebende Ausländer und benachteiligt Deutsche. Das war nicht die Absicht des Gesetzes, aber das ist passiert. Natürlich kann man sagen, dass es vielleicht mal eine interessante Erfahrung für Deutsche ist, denn normalerweise, werden Ausländer benachteiligt, dennoch ist es nicht richtig, denn der Gleichheitsgrundsatz gilt für alle.

Bleiben in unserer kleinen Analyse noch die Nr. 2, 3 und 6. Nr. 2 ist dabei recht einfach zu verstehen und zum Glück gehört meine Frau nicht in diese Kategorie. Wären wir besonders fies, würden wir sicherlich einen Arzt finden, der ein entsprechendes Attest ausstellt. Nr. 6 spielt auch keine Rolle, denn es gibt in Kinshasa ja Schulen. Die sind zwar schlecht, aber es gibt sie.

Bleibt noch nur Nr. 3. Diese Ausnahme ist besonders kurios. Sprache ist der Schlüssel zur Integration, diese Binse wird immer wieder von Politikern genutzt. Das ist natürlich Unsinn. Arbeit ist der Schlüssel zu Integration. Es gibt in diesem Land Menschen, die arbeiten bei internationalen Unternehmen seit Jahrzehnten und sprechen kein Deutsch, weil sie es in der Arbeit nicht brauchen, nach der Arbeit zu Hause sind und auch an den Wochenenden nicht an der deutschen Gesellschaft partizipieren. Wer in meinen Integrationskursen sitzt und eine Arbeit hat, bei der er mit anderen Menschen interagieren muss, die nicht seine Sprache sprechen, spricht immer besser Deutsch als viele von diejenigen, die auf die Leistungen des Jobcenters angewiesen sind. Nr. 3 führt diese Wahrheit klar vor Augen. Wer keinen Integrationsbedarf hat und deswegen nicht an einem Integrationskurs teilnehmen muss, braucht kein Deutsch lernen. Die Verordnung über die Durchführung von Integrationskursen für Ausländer und Spätaussiedler (IntV) macht dies in § 4 besonders deutlich:

(2) Ein Teilnahmeanspruch nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 besteht nicht bei erkennbar geringem Integrationsbedarf (§ 44 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 des Aufenthaltsgesetzes). Ein solcher ist in der Regel anzunehmen, wenn

1. ein Ausländer

a) einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss oder eine entsprechende Qualifikation besitzt, es sei denn, er kann wegen mangelnder Sprachkenntnisse innerhalb eines angemessenen Zeitraums keine seiner Qualifikation entsprechende Erwerbstätigkeit im Bundesgebiet erlaubt aufnehmen, oder

b) eine Erwerbstätigkeit ausübt, die regelmäßig eine Qualifikation nach Buchstabe a erfordert, und

2. die Annahme gerechtfertigt ist, dass sich der Ausländer ohne staatliche Hilfe in das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Bundesrepublik Deutschland integrieren wird.

Ich würde ja sagen, dass meine Frau, die die Ehepartnerin eines evangelischen Presbyters, des Vorsitzenden eines Bürgervereins, des Beirats eines weiteren Bürgervereins, des Vorsitzenden eines Vereins für Denkmalschutz, eines Buchautors, und Lehrers für Deutsch als Fremdsprache ist, einen geringen Integrationsbedarf hat und deswegen die Sprache nicht lernen muss. Aber das alles zu überprüfen, dazu hat die Botschaft in Kinshasa keine Zeit, kein Personal und vor allem keine Lust.

Schnickmanns Blick aufs Wupperthal vor Wuppertal

Heute in der Westdeutschen Zeitung Wuppertal vom 5. Juli 2019

Wuppertal hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert. Doch was war eigentlich vor jener Stadtgründung 1929, der jetzt gedacht wurde? Historiker Heiko Schnickmann hat sich in diversen Essays mit der Vorgeschichte unserer Stadt befasst. Gesammelt sind sie jetzt unter dem Titel „Im Wupperthal vor Wuppertal“ in der Edition Köndgen veröffentlicht worden. Im Kontor 91 stellte der Autor jetzt sein Werk vor…

https://www.wz.de/nrw/wuppertal/schnickmanns-blick-aufs-wupperthal-vor-wuppertal_aid-40040373