Herodot und die Perser

  1. Einleitung

Im Fokus dieses Texts stehen die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern bei Herodot. Die Perserkriege als Ereignis zwischen Griechen und Nichtgriechen, die den Kernpunkt seiner Historien bilden, fanden in der Geschichtsforschung immer wieder Resonanzen eines heroischen Verdienstes der Griechen in Bezug auf die Bewahrung der westlichen Kultur, die es vor militärischen Übergriffen maßgeblich asiatischer, teils auch südosteuropäischer Völker unter der Hegemonie persischer Machthaber zu schützen galt. Herodots Erläuterungen zu den Perserkriegen, die für den weiteren Verlauf der griechischen Geschichte von entscheidender Bedeutung waren, sind als ethnographisches, aber auch als kriegerisch-politisches und historisches Traktat dieser Ereignisse und ihrer Folgen zu verstehen.

Um das Bild der Perser und Hellenen aus herodoteischer Sicht eingehender zu diskutieren, werden im Folgenden die verschiedenen Betrachtungsebenen auf die Perser aus den Historien untersucht. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Perser bei Herodot anhand einer Kritik ihrer Machthaber herauszustellen, die damit verbundene Barbaren-Thematik aufzugreifen und die herodoteische Weltansicht darzulegen, indem auf die  persischen Könige bzw. ihre Darstellung bei Herodot eingegangen wird. 

  1. Betrachtungsebenen der Perser in den Historien des Herodot
    1. Die Persernomoi – Die gesellschaftliche Darstellung der Perser

„εἰ γὰρ τις προϑείη πᾶσι ἀνϑρώποισι ἐκλέξασϑαι κελεύων νόμους τοὺς καλλίστους ἐκ τῶν πάντων νόμων,διασκεψάμενοι ἂνἑλοίατο ἕκαστοι τοὺς ἑωυτῶν· οὕτω νομίζουσι πολλόν τι καλλίστους τοὺς ἑωυτῶν νόμους ἕκαστοι εἶναι.“

(Hdt. 3, 38, 1–3).

Herodot erläutert in seinen Persernomoi die Ideale, Werte und Gesellschaftsformen der Perser. Er führt dabei die unterschiedlichen Lebensformen der Perser und der Griechen an, indem er im Unterschied zu den übrigen Völkern – wie beispielsweise die der Skythen oder Ägypter – explizit Bezug auf den griechischen Nomos nimmt und diese mit den Nomoi der Persern vergleicht. Dabei bezeugt er auch seine Akzeptanz gegenüber jener Thematik durch eine objektive Umschreibung der Differenzen. Er beschreibt die Perser als ethnische heterogene Gruppe, deren Religion sich insofern von jener der Griechen unterscheidet; weil die Perser keine Tempel errichten, keine Götterbilder haben und nicht an Altären opfern. Die Beschreibung der persischen Nomoi erfolgt partiell auch aus Sicht der Perser und vermittelt somit Herodots Bemühen um Objektivität, wenigstens in Anbetracht seiner Historien als ethnografisches Werk. Herodot beschreibt auch, dass die Perser einige Sitten und Kulte anderer Völker übernahmen und stellt sie  so als offenes Volk dar, das eine große Akzeptanz gegenüber den eigenen Volksgenossen, aber auch fremden Kulturen demonstriert. Selbiges lässt sich parallel bei den Griechen beobachten, die ebenfalls fremde Sitten übernahmen und zu ihren eigenen machten. Die persischen Werte sind, so Herodot, durch Ehrlichkeit, Schuldenfreiheit und familiären Respekt gekennzeichnet. Die den Persern eigenen Sitten heben sich ihm zufolge durch Promiskuität oder Polygamie, aber auch durch Maßlosigkeit, Luxus und Reichtum in der Gesellschaft hervor. Insbesondere die zahlreichen Nebenfrauen der Perser und der damit verbundene Kinderreichtum – die von den Griechen übernommene Knabenliebe ist hinzukommend anzumerken –, stehen in der persischen Tradition als Zeichen der Tapferkeit. Diese stellte neben dem Aspekt der Stärke die Haupttugend des Volkes dar. Damit distanziert er sich von der Ansicht, die Perser seien ein grundsätzlich morbides Volk. Kritischer und weniger objektiv beendet Herodot seine Persernomoi, indem er auf die von den Griechen abweichende Namensgebung und Körperbeschaffenheit der Perser eingeht. Mit dieser Bemerkung schließt er seine Nomoi und hebt die Gleichheit der persischen Namensendungen und Staturen als Symbol für die Einheitlichkeit des Volkes und seiner Sitten hervor.

In den Historien Herodots zeigt sich deutlich, dass die Perser, mit Ausnahme einzelner Gemeinsamkeiten durch die Übernahme einiger griechischer und anderer auswärtiger Sitten, zunächst neutral als Fremde – Nichtgriechen – erscheinen. In gesellschaftlicher Hinsicht werden die Perser demnach zwar partiell positiv dargestellt – zu nennen sind hier insbesondere die Offenheit des Volkes gegenüber anderen Kulturen, die Ehrlichkeit und hochgeschätzte Schuldenfreiheit –, in politischer Hinsicht sind sie hingegen negativ konnotiert, wie im Folgenden anhand der persischen Machthaber, über die das Volk zu charakterisieren ist, aufgezeigt wird. 

2.2. Die Perser im militärisch-politischen Kontext

Anders als in gesellschaftlicher Hinsicht, werden die Perser bei Herodot im kriegerischen Kontext als gewaltige Heeresmacht geschildert, die jedoch aufgrund militärischer Unerfahrenheit, mangelndem Kampfesmutes und geringer mentaler Kampfestauglichkeit den Griechen unterlegen sind. Die Ursache hierfür sieht er in der politischen Organisation Asiens – der monarchischen Autoritätsstruktur – und der Illoyalität ihrer Verbündeten, wie den Ioniern. In den Historien schildert Herodot verschiedene Topoi, welche die wichtigsten persischen Machthaber als grausame Despoten mit nur wenigen positiven Eigenschaften darstellen. Durch diese charakterisiert er das gesamte persische Volk als unautonom und feige. Der alte Kampf zwischen Griechenland und Persien beginnt Herodots eigener Ansicht nach schon mit Kroisos, der als erster die Freiheit der Hellenen in Asien unterdrückte. Dieser unterwarf zum einen die Griechen in Asien und strebte zum anderen ein Bündnis mit den griechischen Machthabern an. Hierin liegt der Grund dafür, dass Herodot seine Chronologie der Könige bereits bei Kroisos beginnt und nicht erst mit Kyros, der das Perserreich durch seine massive Expansionspolitik zu einem Weltreich aufsteigen ließ. Da das Bild der Perser und der Griechen in den Historien unter anderem über die persischen Machthaber bestimmt wird, werden diese im Folgenden aufgezeigt und durch sie zugleich das persische Volk aus der herodoteischen Sicht beschrieben. Beginnend mit der Zeit unter Kyros soll dabei diskutiert werden, wie diese dargestellt und charakterisiert werden und wie sich deren Bild bei Herodot entwickelt.

2.2.I Kyros II. – Beginn und Aufstieg der Perser

Unter den zahlreichen Episoden, die Herodot von Kyros II. berichtet, ist jene seiner Kindesjahre die umfangreichste von allen. Der Beginn seines Lebens ist von den Göttern berufen und beeinflusst worden, da diese eine von Astyages geplante Tötung des Kyros in Kindesjahren verhinderten. Kyros will Rache an ihm nehmen und nutzt dafür seine Genialität und seine Fähigkeit des strategischen Denkens, scheitert aber, da die Perser, die er für seinen Racheplan gewinnen will, einen sklavengleichen Zustand den vorherigen Verhältnissen vorzogen. Hierin zeichnet sich eine wertende Aussage über das persische Volk ab, denn es wird suggeriert, dass die Perser schwach sind, sich ihrem Herrscher nicht nur fügen, sondern einer solchen Führung auch bedürfen und nicht fähig sind, eigenständig zu denken oder zu agieren. An dieser Stelle deutet sich bereits das an, was Herodot mit der Erwähnung der nachfolgenden persischen Machthaber deutlich betonter herausstellt, nämlich die falsch eingeschätzte Politik der persischen Großkönige. Damit stehen sie im genauen Gegensatz zu den Griechen, die dank einer demokratischen Staatsform erstarkt und damit auch in der Lage sind autonom zu denken. Als die kleinasiatischen Griechen nach der Unterwerfung Boten zu Kyros schickten und den Wunsch äußern ließen, unter milden Umständen geführt zu werden, reagierte dieser ungehalten. Auch dieser Auszug zeigt vielmehr die griechische, herodoteische Sicht, als die der Perser und stellt abermals das freie griechische Wesen im Gegensatz zu dem führungsbedürftigen der Perser heraus. Zwei Bezugsebenen von Freiheit werden hier herausgestellt, die das griechische Ideal kennzeichnen, nämlich Freiheit als politische Souveränität und jene vor Fremdherrschaft, vor eben dieser hat auch Kyros den Persern verholfen, als er  sie von den Medern befreite. Die Freiheit der Hellenen geht jedoch noch darüber hinaus; Griechenland unterliegt weder einer Fremdherrschaft, noch mangelt es ihm an Freiheit in politischer Selbstbestimmung, die bei den Persern weder gegeben noch gewollt ist. Kritischer hingegen muss die Reaktion Kyros᾽ auf den Hilferuf der Ionier an die Lakedaimonier betrachtet werden. Es spiegelt sich in dieser Stelle deutlich seine Abneigung gegen die Spartaner wider, die in den Augen des persischen Machthabers egoistische Merkmale aufweisen. Der Ausspruch des Kyros illustriert damit seine stolze Selbstsicherheit, begründet in seinen bisherigen Erfolgen. Die Lakedaimonier, die eine Unterstützung der Ionier ablehnten, sandten Kyros infolge dessen Boten mit der Warnung keine griechische Stadt zu zerstören. Kyrosʼ darauffolgende Reaktion zeigt, in welch hohem Maße er die Lakedaimonier unterschätzte. Nach den Erfahrungen der Ionier strebten diese keine Bündnispolitik an, sondern sahen die Wichtigkeit der Geschlossenheit im Kampf. Die Expansionskriege unter Kyros führten ihn und schließlich einen Großteil seiner Anhänger in den Tod. Wie bei seinen Nachfolgern auch, geht dem eine Vorwarnung durch die Götter voraus, die Herodot zufolge schon während des Feldzuges gegen die Babylonier deutlich wurde, bei dem eines der heiligen Rosse im Gyndes ertrank. Eine weitere Warnung darf in dem Traum gesehen werden, der Kyros geschickt wurde und welchen er falsch auslegte. 

Insgesamt charakterisieren die Anekdoten in den Historien Kyros selbst und mit ihm das persische Volk. Hier zeigt sich eine Ambivalenz der Darstellungen: Die Herrscherperson Kyros wird von Herodot eher positiv, nämlich als Vaterfigur charakterisiert und benannt, der das Volk mit Milde zu führen verstand. Sein strategisches Denken, seine Klugheit sowie seine stringente Führung des Volkes verhalf Persien schließlich zum Aufstieg. Aus griechischer Sicht stehen diese Eigenschaften unter einem positiven Gesichtspunkt. Jedoch missachtete er die eigenen Nomoi und widersetzte sich mit der Überschreitung des Gyndes den göttlichen Gesetzten, ein Ausdruck seiner Hybris, wenn auch in geringerem Maße als bei seinen Nachfolgern. Im Gegensatz dazu zeigt sich, dass das Bild des persischen Volkes weniger positiv gezeichnet wird. Die Passage, in der Herodot auf die vom Volk gewollte Versklavung zu sprechen kommt, verbildlicht, dass dieses einer Führung bedarf und damit als schwach und unautonom zu charakterisieren ist. Während das Herrscherbild des Kyros und das seiner Nachfolger im weiteren Verlauf der Historien deutlich unterschiedliche Züge aufweisen, findet keine Veränderung in der Charakterisierung des persischen Volkes statt.

2.2.II Das Perserreich unter Kambyses II.

Nach dem Tod seines Vaters Kyros übernahm Kambyses II. die Herrschaft über das Perserreich. Die Pläne in Ägypten einzufallen, sind wohl auf seinen Vater zurückzuführen, wurden aber erst kurz vor dem Ende seiner Regentschaft um 522 v. Chr. von Kambyses erfolgreich umgesetzt. Der genaue casus belli ist nicht bekannt. Jegliches Vorgehen des Kambyses geschieht aus einfachen außenpolitischen Gründen, was nicht nur auf die Einnahme Ägyptens zu beziehen, sondern zudem auf die von dort aus weiteren Expansionsvorhaben des Kambyses zu übertragen ist. In der Zeit als er in Ägypten einmarschierte und es annektierte, lag die eigentliche Macht des Landes weniger bei den Pharaonen, als vielmehr bei den Priestern und Finanzbeamten. Der Zustand in Ägypten war demnach konträr zu dem in Persien, wo die Autorität gänzlich beim Herrscher lag. Auch die Darstellung des ägyptischen Logos in den Historien verdeutlicht dies und stellt Kambyses aufgrund seiner ägyptischen Mutter als Pharao dar. Die Ausführung der herodoteischen Sicht widerspricht dem jedoch in vielen Punkten, sodass davon ausgegangen werden muss, das besagte ägyptische Quellen von Kambyses beeinflusst sein müssen. So gibt Herodot an, dass dieser Gräber öffnen ließ, Götterbilder verspottete und keinerlei Respekt für die Tempel empfand. Ob dies allgemein auf die persische Religion, in der Tempel, Altäre und Kultbilder abgelehnt wurden, oder aber auf seine eigene Skrupellosigkeit zurückzuführen ist, ist nicht sicher zu klären. Die anfangs rein historischen Erzählungen wandeln sich immer mehr in subjektive um, wie etwa anhand Herodots Sprachgebrauchs zunehmend deutlicher wird. Hier deklariert Herodot Kambyses mehrfach als „ὑπομαργότερον“ und stellt damit heraus, dass seine Machtgier ihn dazu brachte seine anfängliche politische und militärische Vorsicht zu missachten. . Angetrieben von seiner Hybris begann Kambyses jedoch in Richtung Äthiopien vorzudringen, ohne sich den Risiken eines solchen Vorhabens bewusst zu sein und brach selbiges auch erst im Äußersten ab. Eine Umschreibung seiner casus belli zeigt ihn in jenem Kontext als stolzen, despotischen und stringenten Machthaber, der seiner Hybris absolut verfallen ist, was die Umstände beim misslungenen Vordringen gegen die Äthiopier demonstrieren. Hier spiegelt sich die herodoteische Sicht wider, die den Mangel an Selbstbeherrschung, Machtgier, aber auch politischer Strategie des Kambyses betont und ihn als unvernünftigen Mann charakterisiert. Weitere Berichte zeugen zum einen von seinem irrsinnigen Verhalten als Herrscher, verdeutlichen aber zum anderen auch erneut unterschwellig die Schwäche des persischen Volkes. So zeigt exemplarisch die Anekdote, in der er seine Schwester ehelichen will, dass die Perser ihren Herrscher fürchten, wodurch das gesamte Volk Persiens als feige deklariert wird. Es ist herauszusehen, dass dies nicht auf das Wesen des so übermäßig grausamen Machthabers und Despoten, sondern auf die Monarchie als Staatsform der Perser zurückzuführen ist, was zum einen im weiteren Verlauf der Historien an der Verfassungsdebatte am persischen Hof noch deutlicher wird, zum anderen aber auch bereits unter dem wesentlich milderen Usurpatoren Kyros herauszulesen war. Auch unter Kambyses also ist die Charakterisierung des Volkes nur latent angemerkt und findet keine so deutliche Betonung wie unter seinem Nachfolger Dareios. Die Darstellungen des jeweiligen Herrscherbildes weichen hier jedoch stark voneinander ab. Das bei seinem Vater Kyros noch positiv gezeichnete Bild des Herrschers, wandelt sich in ein negatives, in dem der Monarch überwiegend als hart und rücksichtslos illustriert wird. 

2.2.III Persien unter Dareios 

Dareios, Sohn der Hystaspes, nimmt im Folgenden in den Historien eine ebenso entscheidende Rolle wie seine Vorgängern ein und wird von Herodot zunächst mit den typisch persischen Eigenschaften und damit neutral charakterisiert. Sein Machtaufstieg ist maßgeblich von den beiden Königen Kyros und Kambyses gekennzeichnet und findet in den Historien von allen persischen Großkönigen die größte Aufmerksamkeit. Er wird eingehend dadurch bestimmt, dass er durch ein Gottesurteil legitimiert ist. Dareios gilt als Parvenü unter den Königen des Perserreiches; denn sowie er die Macht innehatte, setzte er gewaltsam seinen Anspruch auf das königlich-achaimenidische Geschlecht durch und wird somit als skrupelloser und entschlossener Machthaber dargestellt. Es gelang ihm dem Volk weiterhin die Monarchie als einzige Staatsform auszulegen und manipulierte das Ross-Orakel, wodurch er selbst zur Führungsperson des Reiches wurde. In seiner Verfassungsdebatte, die Herodot von persischen Adligen führen lässt und dem Ereignis von Dareios᾽ Manipulation unmittelbar vorausgeht, zeigt er ihn nahezu rabulistisch. Die von Orates angeratene isonomia für das Perserreich ist aber nicht nur als Widerstand gegen die gewollte Monarchie des Dareios, sondern auch als Anlehnung an die athenische Staatsführung zu verstehen. Die isonomia, die im Wesentlichen die Rechtsgleichheit meint, findet in der Umschreibung des Orates demokratische Züge. Die Anwendung des Demokratie-Begriffs wird von Herodot jedoch in Hinsicht auf die Perser bewusst vermieden, da dieser nur den Griechen vorbehalten war, jedoch freilich wie die isonomia auch Freiheit und damit inbegriffen politische Autonomie bedeutete. Den Persern war, wie die Rede des Orates verdeutlicht, die demokratische Verfassung durchaus bekannt. Sie ließ sich jedoch nicht durchsetzen, wie die letztlich akzeptieren Argumente des Dareios aufzeigen, da das persische Volk die Führung eines einzelnen benötigt und damit der Demokratie gegenüber unfähig und auch unwillig ist. Wie bei den Berichten zu seinen beiden Vorgängern Kyros und Kambyses auch, wird hier die Schwäche des persischen Volkes im Vergleich zur Stärke der Griechen am deutlichsten. Während die Griechen einer demokratischen Staatsform gewachsen sind und durch die daraus resultierende Freiheit an Eigenständigkeit gewinnen, sind die Perser zu schwach, bedürfen Führung und sind nicht in der Lage eine ebensolche Geschlossenheit aufzuzeigen, was sich gerade im militärischen Kontext in den Historien widerspiegelt. Aber auch weitere Stellen belegen, dass Einigkeit und Zusammenhalt wichtige griechische Ideale sind, die insbesondere im kriegerischen Kontext verwendet wurde, um Hoffnung zu evozieren und sich gegen den Feind stark zu machen. Für die Hellenen ist der Aspekt der Freiheit, so wichitg, dass er es  wert ist, mit allem zu verteidigen, sogar mit dem Leben. Es geht hieraus deutlich hervor, dass die Griechen keine Fremdherrschaft durch die Perser zu befürchten brauchten, da ihre Demokratie und der daraus resultierende Freiheitsgedanke und Zusammenhalt den Persern keine Möglichkeit bot, eine solche zu übernehmen. Herodot benutzt die Perser in seinen Historien als Mittel für eine Warnung an die Griechen diese Beizubehalten und weiter anzustreben, um nicht in die Bedrängnis einer Fremdherrschaft zu gelangen. 

Sowie Dareios die Herrschaft innehatte, teilte er Persien in Satrapien und führte erstmalig Steuern ein, die die Völker dazu veranlasste mehr als nur Geschenke darzubringen. Dies wird als Gegenüberstellung zu seinen Vorgängern angeführt, um eben jene Vorgehensweisen zu unterstreichen. Dareios erscheint damit zunächst als Herrscher mit einer strikten Linie, der dem gesamten Reich zu einer geordneten Struktur verhalf. Es ist hierbei jedoch zu beachten, dass ein Großteil der Menschen, die seine Politik bestimmten, Griechen waren, die im Exil lebten, demzufolge bei ihrem eigenen Volk keinen Einfluss besaßen und Dareios᾽ Fokus nach Westen lenkten. 

Herodot schildert die neu unterworfenen Völker durch eine Auflistung, die die Erweiterung der persischen Macht und damit die potenzielle Bedrohung für die Griechen offen legen. Abermals ist dies als eine Warnung Herodots an die Hellenen zu werten, die sich der feindlichen Bedrohung bewusst sein sollten und weiterhin ihre Geschlossenheit demonstrieren müssen. Das Bild dieses Machthabers wandelt sich durch den Ionischen Aufstand, der einen Gegenschlag des Königs auslöst und Dareios dazu bewegt mit Erde und Wasser die Unterwerfung von sämtlichen Städten in Griechenland und der Ägäis zu fordern. Die Hellenen aber, unterwarfen sich nicht. Selbst in Milet also, in dem um 500 v. Chr. die Alleinherrschaft als Staatsform ausgeübt wurde, war man sich bewusst, dass ein Identitäts- und Einheitsgedanke insbesondere in Notlagen, wie solchen des Ionischen Aufstandes, unumgänglich war. Es scheint also, unabhängig von der Staatsform der jeweiligen hellenischen Städte, allgemein ein griechisches Phänomen zu sein, dass die Relevanz dessen bewusst war. Auf die Perser übertragen bedeutet das, dass sie ihrer mentalen Veranlagung unterlegen waren und darum, unabhängig von ihrer monarchischen Führung, nicht zu einheitlichem Agieren fähig waren. Nun wird das Bild des Dareios von Herodot durch Zorn und Rachegedanken geprägt. Der Skythenfeldzug des Dareios gewinnt dabei in den Historien eine besondere Bedeutung. So zeigt er Vorverweise auf die Perserkriege und gewisse Parallelen zum späteren Xerxesfeldzug auf. Die von Herodot beschriebene Truppengröße der Perser ist so immens, dass die Machtgier und Grenzenlosigkeit des Dareios damit bereits zum Ausdruck gebracht wird und von einer „hybriden Dimensionierung des Feldzugs“ gesprochen werden kann. Die Hybris des Herrschers ist der Grund für das Scheitern des Dareios, das abermals durch göttliche Vorzeichen, die falsch gedeutet wurden, eingeleitet wurde. 

Es lassen sich in Bezug auf Dareios zwei unterschiedliche Darstellungen in den Historien beobachten: Zum einen wird er als kluger und strategischer Staatsmann charakterisiert, zum anderen aber lässt seine Rachsucht, Macht- und Habgier auf ihn als vermessene und despotische Person schließen. Seine Selbstverherrlichung wird in den Historien zudem durch die von Dareios selbst errichtete Säule mit einer Inschrift verdeutlicht, in der er sich selbst lobt und hervorhebt. Das persische Volk wird unter Dareios als schwach charakterisiert. Dies wird insbesondere durch die Verfassungsdebatte verdeutlicht, die nicht die Angst des Volkes vor seinem Monarchen aufzeigt, sondern die vor der Eigenständigkeit. Es ist als wichtiger Aspekt festzuhalten, dass die Demokratie den Persern deutlich bekannt gewesen sein muss und demnach bewusst abgelehnt wurde, wie die Rede des Orates hervorhebt. 

2.2.IV Xerxes und der beginnende Zerfall des persischen Weltreiches

In den Historien widmet sich Herodot in seinen letzten drei Büchern ausführlich dem Xerxeskrieg. Nach dem Tod des Dareios übernimmt Xerxes die Macht über das Perserreich. Er will die Pläne seines Vaters umsetzen, Ägypten zu unterwerfen und sich bei den Athenern für die Schlacht bei Marathon zu rächen. Nach der Umsetzung seines Vorhabens versammelt er persische Aristokraten um sich, um den Einfall in Griechenland zu konkretisieren, was Herodot in der Ratsszene abfasst. Hierbei spielen die Ereignisse seiner vorangestellten Bücher eine entscheidende Rolle. Aus der Ratsszene gehen verschiedene Kriegsziele des Xerxes hervor. Zum einen ist die Rache an Athen zu benennen. Des Weiteren lassen sich als Motiv das der pro-persischen Parteien in Griechenland formulieren sowie das allgemeine Ziel der vollständigen Einnahme Europas. Schon in seinem Proömium wird deutlich, dass Herodot Europa mit Griechenland gleichsetzt und die Griechen darauf hinweisen will, dass sie sich als Einheit verstehen müssen. Das Motiv der persönlichen Rache demonstriert Herodot, indem er die Äußerungen durch Xerxes selbst darbringt. Xerxes stützt sich daher bei jeder seiner Entscheidungen und Durchführungen auf sein religiöses Denken und beruft sich so auf die Götter. Seine Taten sind also legitimiert. Herodot hingegen zeichnet ihn als einen Religionsfrevler, der im Krieg nicht einmal Heiligtümer achtet, diese plündert oder gar vollkommen zerstört. Mit der Entweihung des Kultbildes des Poseidon in Poteidaia spitzt sich die Lage für die Perser zu, die nun, nach all den Heiligtumsschändungen und Zuwiderhandlungen gegen den göttlichen Willen, die Strafe der Götter erfahren müssen. Diese ist jedoch nicht auf die Missachtung der griechischen Religion an sich zurückzuführen, sondern auf reinen Despotismus und Vermessenheit; denn Herodot erwähnt mehrfach, dass Xerxes die griechischen Götter respektierte und es den Persern allgemein anzurechnen ist, dass sie auch Kulte fremder Völker als ihre eigenen annahmen. 

Als Konsequenz des Einzugs Persiens unter Xerxes in Griechenland schlossen sich die beiden griechischen Großmächte Athen und Sparta erneut zusammen. Dieser Feldzug sei nicht, wie vorgegeben, allein auf Athen konzentriert gewesen, sondern diente den Persern dazu ganz Griechenland einzunehmen. Er gibt mit jeder Erwähnung des Xerxes ein Bild wieder, das ihn als habgierigen und grausamen Despoten auszeichnet. Sein uneingeschränkter Despotismus wird durch ein deutliches, negatives Persönlichkeitsbild verstärkt, das Herodot anders als in seinen Persernomoi klar wertend vorgibt. So gibt er an, dass Xerxes die persischen Sitten selbst missachtete, die er bei seinen vorherigen Ausführungen vielmehr positiv oder neutral umschrieben hat und unterstreicht damit nicht nur die Überheblichkeit des Xerxes in politischer Hinsicht, sondern zudem auch auf gesellschaftlich menschlicher Ebene, was er anders als bei Kambyses nicht mit einer Krankheit zu begründen versucht. Die Willkür, Hybris und Tücke, die sich in besonders grausamen Modi des orientalischen Menschenumgangs manifestieren, zeigen, dass sich der persische Herrscher allgemein, am deutlichsten erkennbar aber an Xerxes, keinen Gesetzen unterzuordnen hatte. Eine Gegenüberstellung der Griechen und Perser auf politischer Ebene findet zur Zeit des Xerxes unter anderem in der Rede zwischen dem Griechen Demaratos und dem Perserkönig statt. Sie zeigt dabei eindeutig die Freiheit des griechischen Volkes auf, ganz im Gegensatz zum unterworfenen persischen Volk. Die von Herodot bereits postulierte Schwäche der Perser wird auch hier deutlich betont. 

Aus sämtlichen Stellen der Historien, die Bezug auf Xerxes nehmen, wird deutlich, dass die List der Götter gegen Xerxes keinen Unschuldigen trifft, als sie ihm eine Reihe schicksalhafter Träume schickten, die ihn letzten Endes dazu bewegen Persien erneut in den Krieg mit den Griechen ziehen zu lassen und die seine anfänglichen Zweifel, die Kriegspläne seiner Vorfahren weiterzuführen, zunichte machten. So ist das Scheitern von Xerxes und damit des gesamten persischen Weltreichs auf das Eingreifen der Götter zurückzuführen, die es nicht erlauben, dass sich eine Einzelperson oder gar ein ganzes Volk mit ihnen gleichstellt. Dies entspricht den kosmischen Gesetzen, dass Überheblichkeit – in welcher Form auch immer – durch die Götter bestraft wird, um die Welt der Menschen im Gleichgewicht zu halten. Zeitgleich gibt Herodot mit seiner Darstellung der Perser ein klares, positives Bild der Griechen wieder. Die Griechen entwickelten in Folge der Ereignisse eine Gemeinschaft, die beispielhaft für das gesteigerte Zusammengehörigkeitsgefühl einiger griechischer Staaten stehen sollte. Ausgehend von Herodots Katalog, kann jedoch kaum von einem gesamten, einheitlichen Widerstand der Griechen ausgegangen werden. In erster Linie wird hier herausstellt, welche griechischen Poleis, wie etwa Athen, Widerstand leisteten und welche sich den Persern unterwarfen.

Das von Herodot gezeichnete Bild der Griechen ist also besonders positiv hervorgehoben, denn es lassen sich hier weder vermessene Züge noch Despotismus erkennen. Es ist anzunehmen, dass Herodot dieses Bild darum geschaffen hat, um das negative Bild des persischen Herrschers und die Schwäche des gesamten Volkes zu verstärken. Auch dieses Ereignis führt Herodot auf die kosmischen Gesetze zurück, da die Athener durch eine Orakelbefragung dazu aufgerufen wurden, auf dem Seeweg gegen die persischen Mächte vorzudringen und sich entsprechend, ganz im Gegensatz zu den Persern, dem göttlichen Rat fügten. So ist der herodoteischen Auffassung nach festzuhalten, dass das Scheitern des Xerxes und mit ihm des ganzen Perserreiches dadurch bedingt ist, dass er sich seiner Machtgier, seinem Despotismus und der Hybris hingegeben und sich demnach nicht an die göttliche Ordnung gehalten hat. Die Griechen hingegen hielten sich an die Aussage des Orakels, beachteten den Willen der Götter und blieben den kosmischen Gesetzen treu. Dieses durchweg positive hellenische Bild untermauert Herodot mit der Darstellung eines größtenteils geschlossenen Griechenlands, dessen Identitätsgefühl mit den historischen Ereignissen gewachsen war.

  1. Der Barbarenbegriff und seine Anwendung bei Herodot

Der Barbaren-Topos fand seine erstmalige Verwendung in Bezug auf Fremden, die nicht das griechische Bürgerrecht besaßen. Streng genommen umfasste dies zunächst die gesamte restliche Weltbevölkerung. Eine negative Konnotation erlangte der Begriff erst im 5. Jh. v. Chr. durch die Perserkriege. In diesem Kontext wurde der Ausdruck insbesondere zu propagandistischen Zwecken missbraucht, vermutlich um das Zusammengehörigkeitsgefühl der griechischen Bevölkerung gegen den Feind zu fördern. Damit wird aus den Persern ein Kriegsgegner, der mit sämtlichen gegensätzlichen Eigenschaften im Vergleich zu den Griechen umschrieben wird. Der Barbar ist dumm und treulos; als Konsequenz dessen fügt sich ihm kein freier Grieche. So wird der Hellene als kulturell hochstehend und unabhängig beschrieben, der Perser hingegen als unfrei und despotisch – wie die Ausführungen zu den jeweiligen Machthabern verdeutlicht. 

Bei Herodot findet sich eine ambivalente Nutzung des Barbarenbegriffs. In seinem Proömium möchte er die Taten der Barbaren und Griechen abfassen, damit sie zum einen nicht in Vergessenheit geraten und somit zum anderen die Ursache des Krieges zwischen den beiden Völkern festgehalten wird. Dies gilt nicht nur für die Hellenen und die Perser, sondern für alle nicht-griechischen Völker – auch jene, die nicht mit den Griechen in direktem Kontakt getreten sind. Das zunächst neutrale Bild der Perser erfährt erst vor dem immer häufiger Auftretenden Hintergrund kriegerischer Handlungen die intensiviert negative Konnotation als Barbarentum. Seine Wortwahl ist allgemein als zeitgenössisch und möglichst objektiv zu werten, denn schließlich bilden neben den zahlreichen anderen ethnographischen Stellen seine Persernomoi einen bedeutenden Teil seiner Historien, mit der offensichtlichen Absicht ein Verständnis für beide Parteien zu erbringen und die Frage der Kriegsschuld ermitteln zu können. 

Wenn Herodot selbst keine wertenden Aussagen formuliert, so macht er dies durch Zitate anderer, deren Worte er für beachtlich hielt. Herodot zeichnet verschiedene Barbarenbilder, die sowohl positiv als auch negativ sein können. Das zunächst neutrale Barbarenbild der Perser, wandelt sich mit seiner Einbindung der historischen Ereignisse immer mehr in ein negatives. Herodot charakterisiert die Asiaten als Barbaren zwar als vermessen, besonders in Bezug auf die persischen Machthaber, doch sind die Griechen im Wesentlichen denselben kosmischen Gesetzen unterworfen, wie die Perser. Dies zeichnet sich durch gewisse Komplexe aus, die insbesondere im Reichtum und der Herrschaftsstruktur zu erkennen sind, die sich nicht als charakteristisch barbarisch klassifizieren lassen. Damit sind die Auseinandersetzungen zwischen dem Osten und dem Westen in Herodots Historien auf die asiatische Mentalität zurückzuführen, durch naturürliche oder politische Hintergründe bedingt. Dennoch findet der Begriff des Barbaren mit den in den Historien stärker in den Fokus tretenden Perserkriegen eine negative Konnotation. Die von den Griechen tunlichst zu vermeidende Tyrannis, wird damit zu einer persischen, barbarischen Erscheinung, die nach den Erfahrungen der Vergangenheit nicht den Hellenen – analog zu dem Demokratie-Begriff bei den Persern – vorbestimmt ist.

  1. Herodots religiöses Weltbild in Bezug auf die Betrachtungsebenen der Perser in seinen Historien – Zur Begründung der persischen Niederlage

„οὐ γὰρ ἐᾷ φρονέειν μέγαὁ ϑεὸς ἄλλον ἢ ἑωυτόν.

(Hdt. 7, 10ε).

Religiöse Sichtweisen spielen eine entscheidende Rolle in Herodots Ausführungen. So ist das Leben der Menschen für ihn durch die Götter bestimmt. Seine Ausführungen gelangen immer zu dem Punkt, dass das menschliche Leben und jegliche Konsequenzen für das jeweilige Verhalten einzig von dem Eingreifen göttlicher Kräfte abhängig sind. Schon zu Beginn seiner Historien führt er an, dass sich das Menschliche im ständigen Wandel befindet und keinen Bestand hat. Die Götter verkünden den Menschen ihren Willen und bestimmen deren Schicksal im Voraus. Wie sich in vielen Stellen der Historien widerspiegelt, sind dies unbestreitbare Erfahrungswerte für Herodot, welche sich auf die persischen Machthaber übertragen lassen: Kambyses, der die Götter und ihre Kulte fremder Völker missachtete, wurde zwar letztlich von den Göttern mit Einsicht beschenkt und von seiner Krankheit geheilt, jedoch folgte daraufhin auch sein Tod, der durch Träume und Orakel, also göttliches Gefüge eingeleitet wurde. Dareios unterlag ebenfalls dem Eingreifen der Götter. So setzte er seinen Willen über das göttliche Schicksal und manipulierte das Ross-Orakel. Damit widersetzte er sich der göttlichen Ordnung, die es nach Herodot nicht erlaubt, dass sich ein Mensch den Göttern gleichstellt oder sich anderweitig über sie hebt und nicht nach den kosmischen Gesetzten lebt. Selbiges trifft in noch stärkerem Maße auf Xerxes zu, der gänzlich seiner Hybris verfallen war, keine Grenzen mehr achtete und sogar den Hellespont als göttliche Barriere überschritt. Dieses religiöse Weltbild Herodots erklärt seine nahezu neutrale Umschreibung der Geschehnisse und seine selten wertenden Aussagen, insbesondere in Bezug auf die persischen Machthaber. Das letztliche Scheitern der Perser ist damit nicht darauf zurückzuführen, dass sich die persischen Herrscher als besonders despotisch zeigten oder andere Nomoi als die Griechen hatten, sondern vielmehr darauf, dass sie der Hybris verfallen waren und sich damit der göttlichen Ordnung widersetzen. Dies trifft jedoch nicht nur auf die Perser zu, sondern lässt sich grundsätzlich auf alle Menschen und Völker übertragen, die sich derartig verhielten. Weiterhin liegt die Begründung der Niederlage der Perser, so Herodot, in der menschlichen Andersartigkeit der Asiaten und der Europäer, wobei er mit Letzteren wohl ausschließlich die Griechen meint. Deutlicher lässt sich diese Charakterisierung des persischen Volkes jedoch über die Darstellung der persischen Machthaber herauslesen, deren wesentlich unterschiedlichen Herrschaftsausübungen keinen Unterschied zur Mentalität des persischen Volkes auszumachen scheinen. Hier ist eine abgeschlossene Entwicklung zu erkennen, die nicht nur den allgemeinen Unterschied der Griechen und Barbaren thematisiert, sondern konkreter noch die wesentlichen Gegensätze der beiden Kontinente Europa und Asien. So lässt sich dabei festhalten, dass Europa als ein Gebiet der Freiheit, Asien hingegen als Region der Despotie, der Hybris und der Unfreiheit charakterisiert wird. Die Gründe für die Niederlage der Perser sind demnach ambivalent: Auf der einen Seite scheitern die Perser durch das Eingreifen der Götter aufgrund ihrer vermessenen und despotischen Machthaber, die sich nicht den kosmischen Gesetzen unterworfen haben, auf der anderen Seite ist der Untergang ihrer klimatisch bedingten Andersartigkeit geschuldet sowie ihrer Beschaffenheit als ein durch Mentalität bedingtes schwaches Volk, das einer monarchischen Staatsführung bedarf. Damit ist die Ursache im persischen Scheitern im Göttlichen, Natürlichen und Menschlichen zu sehen.

  1. Fazit

Die herodoteische Sicht der Griechen und Perser ist unter drei Gesichtspunkten zu betrachten. Der erste Aspekt der herodoteischen Weltansicht ist dabei jener, bei dem alle Menschen, ob Griechen oder Barbaren, denselben kosmischen Gesetzen unterliegen. Den zweiten Aspekt stellt ein ethnologisches Motiv dar, bei dem die konstitutiven Konflikte verschiedener Kulturen die Grundlage bilden. Hierbei sind die wichtigsten Punkte die unterschiedlichen Ideale – die griechische Freiheit und Geschlossenheit auf der einen, der stark ausgeprägte Despotismus der persischen Herrscher und der Mangel an autonomen Denken des Volkes auf der anderen Seite – sowie die grundlegenden natürlichen und kultischen Bedürfnisse asiatischer und europäischer Völker. Zuletzt ist also der Aspekt der unterschiedlichen Staatsführungen anzuführen, zwischen  hellenischer Demokratie und persischer Monarchie.

Herodot geht bei seiner Beschreibung der persischen Nomoi zunächst neutral vor und beschreibt die Perser in keinerlei Hinsicht wertend. Hier agiert er als Beobachter, dem es primär darum geht diese grundsätzlichen Unterschiede aufzuzeigen, was er hier durch direkte Vergleiche mit den Nomoi der Griechen tut. Ein weniger neutrales Bild spiegelt sich hingegen in der Darstellung der Perserherrschaft in politischer und militärischer Hinsicht wider, durch die Herodot einen negativen Perserbild zeichnet. Die singulär betrachtet noch positiven gesellschaftlichen Aspekte der Perser unterliegen im kriegerischen Kontext einem negativen Feindbild, das von Despotismus, Macht- und Habgier sowie Hybris gezeichnet ist und das Herodot durch Episoden des jeweiligen persischen Machthabers zu verstärken versucht. Das Barbarenbild, der zunächst noch neutral auf alle nicht-griechischen Stämme zu übertragen ist, geht immer stärker auf die Perser über, je mehr sich Herodot dem Ende seiner Historien nähert. Dahingehend spielen die unterschiedlichen Staatsformen eine bedeutende Rolle. So ist zu den Zeiten jedes persischen Herrschers herauszulesen, dass das Volk Persiens einer Monarchie bedarf, da es zu schwach für die Demokratie ist, was in einem deutlichen Gegensatz zu den Griechen steht. Diese sind anders als die Perser der Demokratie gewachsen, sowohl bezüglich ihrer Identität und ihrer Selbstständigkeit, als auch im kriegerischen Sinne; denn das Kämpfen für sich selbst erzielt mehr Kampfgeist als das für einen Monarchen. Das persische Volk wird unter jedem Machthaber gleich charakterisiert; die Herrscher selbst hingegen unterschiedlich. Diese differenten Züge der jeweiligen Herrscher sind aber, wie sich zeigt, nicht der Grund für das letztliche Scheitern der Perser. Allen persischen Herrschern und damit dem gesamten persischen Volk ist das Scheitern gemein. Dies ist ein zentraler Aspekt des herodoteischen Weltbildes, bei dem – wie erwähnt – alle denselben kosmischen Gesetzen unterlegen sind. Jene Eigenschaften, die sich bei jedem der persischen Herrscher erkennen lassen, insbesondere jene der Hybris, sind als solche zu werten, die diesen Gesetzen nicht entsprechen. Daher ist es für Herodot nur logisch, dass das Scheitern der Perser darin begründet ist, dass sie sich den Göttern wiedersetzen bzw. nahezu gleichstellten und deshalb durch göttliche Fügung bestraft wurden. Die Perser sind somit nicht an den überlegenen Griechen gescheitert, sondern vielmehr an sich selbst, was sich in ihrer Herrschaftsform, der Hybris ihrer Herrscher, ihren immer negativer konnotierten barbarischen Eigenschaften sowie dem daraus resultierenden göttlichen Beschluss aufzeigt. Auf die Griechen übertragen bedeutet das, dass sie sowohl aus göttlichen als auch aus menschlichen Gründen gegen die Perser gesiegt haben, was sich zuletzt in der durch die unterschiedlichen politischen Reichsführungen bedingten Schwäche beziehungsweise Stärke des jeweiligen Volkes widerspiegelt.

Die Frage, was also gewesen wäre, wenn die Perser die Kriege gegen die Griechen gewonnen hätten, stellt sich demzufolge nicht, da die Griechen durch ihre Staatsform einen starken Freiheitsgedanken verfolgten, dadurch auch militärisch erstarkt waren und sich den Persern als Fremdherrscher demnach niemals unterworfen hätten. Dennoch weist Herodot die Griechen mit seinen Historien auf die Gefahren einer Fremdherrschaft hin und evoziert damit die Hoffnung, keiner Fremdherrschaft unterliegen zu müssen, wenn diese weiterhin an ihrer Geschlossenheit festhalten und nicht in Zwietracht geraten. 

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