Straßennamen sind mehr als bloße Orientierungshilfen – sie erzählen Geschichte, stiften Identität und transportieren Ideologie. Der Blick auf Umbenennungen von der Berliner Mohrenstraße bis zur Wuppertaler Alfredstraße zeigt, wie politische Macht, gesellschaftlicher Wandel und Erinnerungskultur sich im Stadtbild spiegeln – und welche Konflikte daraus entstehen.
In Berlin passiert es nach Jahrzehnten andauernder Diskussion endlich. Die Mohrenstraße, benannt nach Menschen aus Afrika, die dort im 18. Jahrhundert untergebracht waren, wird umbenannt, denn der Name sei rassistisch, so die Begründung für die als längst überfällig angenommene Umbenennung. Neuer Namenspatron soll der Philosoph Anton Wilhelm Amo werden, ein Philosoph des frühen 18. Jahrhunderts, der als Hofmohr nach Braunschweig kam und sich zum Dozenten in Jena und Wittenberg hoch arbeitete, bis er aufgrund rassistischer Anfeindungen zurück in das heutige Ghana ging.
Im Zuge dieser Diskussion ist auch die Mohrenstraße bei uns in Wuppertal in das Blickfeld gekommen. Hier ist es aber einzig der Name selber und keine problematische Geschichte, der das Problem darstellt. Auch in anderen Städten ist die Umbenennung von Straßennamen mit problematischer Bezeichnung Grund für Umbenennungen oder zumindest eine Diskussion darüber geworden. Der Historiker und Sprachwissenschaftler Dietz Bering hat in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung für dieses jetzt aufkommenden Phänomen vom „Sturm auf die Straßennamen“ gesprochen.
Die Umbenennung von Straßen als Zeichen von politischer Einflussname hat in Deutschland Tradition. So wurden zahlreiche Namen im Dritten Reich neu vergeben. Im Zuge der Entnazifizierung nach 1945 wurden Straßen dann oft wieder umbenannt, um diesen nationalsozialistischen Charakter wieder zu entfernen.
Ein Beispiel dafür ist etwa die Alfredstraße, die südlich des Klingelholl verläuft und dann in die Westkotter Straße mündet. Ursprünglich mal als Hopfenstraße 1898 angelegt, benannten die Nazis die Straße zu Ehren von Felix Alfarth um, der beim Hitler-Putsch 1923 starb und so zum Märtyrer der Nazis werden sollte. Nach 1945 wurde die Straße in Alfredstraße umgetauft. Warum aber nicht wieder zurück in die Hopfenstraße? Der Grund dafür mag damit zusammenhängen, dass in ihrer unmittelbaren Nähe noch weitere Straßen mit männlichen Vornamen existieren. Neben der Hugostraße, benannt nach Hugo Greef, dessen Haus im Nordpark man heute vor allem als Turmterrassen kennt, befinden sich dort auch noch die Alarichstraße, die Theoderichstraße, der Totilaweg und die Tejastraße. Bis 1935 trugen diese Straßen allesamt andere Namen. Der Totilaweg hieß Erholungshof, die Theoderichstraße Erholungsstraße. Die Alarichstraße kannte man als Flötenstraße und die Tejastraße war 1921 als Katholische Kirchstraße eingeweiht worden. Dass die Machthaber 1935 diese Namen aussuchten, hatte einen Grund, denn dahinter verbergen sich allesamt germanische Feldherren und Könige, die zur Zeit der Völkerwanderung, also etwa im 5. und 6. Jahrhundert, lebten, kämpften und starben. Dass sie nach diesen vier Männern gerade hier Straßen benannten, hatte wohl eine erzieherische Funktion, denn die Wahlergebnisse der Wahl vom März 1933 zeigen klar, dass in diesen Bereichen die NSDAP weniger Stimmen bekommen hatte als Kommunisten und Sozialdemokraten zusammen. Die Viertel, die hier umbenannt wurden, waren politisch also vor allem dem linken Spektrum zugetan. In den Augen der Nazis hatte es daher durchaus Sinn, den Menschen, die dort wohnten, durch Straßenumbenennungen die Größe des Deutschtums noch einmal vor Augen zu führen. Bei der Umbenennung der Straßen nach 1945 ließ man diese Straßen bestehen, weil ein direkter Zusammenhang zum Dritten Reich durch die Namen selber nicht gegeben war, anders als eben bei der Alfarthstraße.
Doch geht man mit Straßennamen kritisch ins Gericht, dann bleibt auch so mancher Stadtbezirk nicht verschont. Der Sedansberg und die Sedanstraße müssten in den Augen derjenigen, die Straßennamen umbenennen wollen, recht problematisch erscheinen, denn mit ihnen ist der Sieg der Deutschen gegen die Franzosen bei der Schlacht von Sedan Anfang September 1870 gemeint, dem zu Ehren man 1874 die Straße mit diesem Namen einweihte. Der Sedantag wurde der inoffizielle nationale Feiertag des Deutschen Kaiserreichs. Mit dem Namen ist also zum einen Krieg, zum anderen Nationalismus verbunden. Eine Umbenennung in den alten Namen, den der Hügel trug, bevor es die Sedanstraße gab, nämlich Mottenberg oder Am Ottenberg wäre also durchaus im Bereich des Möglichen.
Auch die Seydlitzstraße dürfte in einer Gesellschaft, in der der Pazifismus ein hohes Gut ist, ein Problem darstellen. Diese ist benannt nach Friedrich Wilhelm von Seydlitz, einem preußischen General der Kavallerie. Er kämpfte im Siebenjährigen Krieg und wurde mit 36 Jahren zum jüngsten Generalmajor in der Geschichte Preußens.
So zeigt sich, dass in Straßennamen immer auch ein wenig Erziehung und Gedenken steckt, was aber auch zu Problemen führen kann, wenn sich Meinungen ändern. Die Umbenennung von Straßennamen ist dabei insofern aber problematisch, weil von ihr auch immer die Anwohner betroffen sind. Sie müssen Zeit und bisweilen auch Geld investieren, um diese Änderungen vorzunehmen. Daher ist ein Abwegen der Interessen immer nötig und der Einzelfall zu prüfen.


