Eine Gemeindegeschichte Unterbarmens von den Anfängen bis heute

Beginnen wir ganz am Anfang und stellen uns die einfache Frage: Warum gibt es in Wuppertal eigentlich Oberbarmen, Barmen und Unterbarmen? Fährt man mit dem Zug durch das Tal, passiert man nach Langerfeld zuerst Oberbarmen, dann Barmen und schließlich Unterbarmen. Der Eindruck, es handle sich um drei eigenständige Orte, täuscht jedoch. Ursprünglich gab es nur ein Barmen, das sich in Ober- und Unterbarmen gliederte. Hochbarmen kam erst später als Bezeichnung hinzu.

Barmen wird erstmals 1070 urkundlich erwähnt. Zwar gibt es Stimmen, die meinen, es könne sich um ein anderes, nördlicher gelegenes Barmen handeln, doch Belege dafür fehlen. Wir bleiben also bei der Annahme, dass unser Barmen gemeint ist.

Im Mittelalter kam es zu Streitigkeiten zwischen den Herzögen von Berg und den Grafen von der Mark. Um 1400 setzte sich der Graf von der Mark durch und legte mit Hilfe der kurz zuvor eroberten Freigrafschaft Volmarstein die Grenzen fest. Diese Freigrafschaft umfasste das Kirchspiel Schwelm, zu dem auch Teile von Wichlinghausen und Oberbarmen gehörten. Das Kirchspiel Elberfeld existierte damals erst ein paar Jahrzehnte.

Die Grenzziehung folgte dem Verlauf bis zur Wupper bei der Mirke, direkt vor den Toren der Elberfelder Burg. Damit konnte man den Bergern gewissermaßen vor Augen führen: Gleich hinter eurer Burg beginnt unser Land. Etwa zwanzig Jahre später verschob der nun mächtige Herzog von Berg die Grenze weiter nach Osten, an den Leimbach. Diese Linie, vom Alten Markt durchs Fischertal, markierte fortan die Trennung zwischen Ober- und Unterbarmen. Zunächst war dies nur eine verwaltungstechnische Einteilung in den märkischen Akten, um die Zuständigkeiten zu klären: Oberbarmen als „Aver-” oder „Oberbarmen“ und Unterbarmen als „Niederbarmen“.

Diese Grenzziehung stand auch im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kirchspiels Elberfeld im 14. Jahrhundert. Die Höfe am Leimbach gehörten zwar formal oft zu Wichlinghausen, fühlten sich aber kirchlich und konfessionell eher Elberfeld verbunden – nach der Reformation in unserer Region wurden dort besonders viele Höfe reformiert, während in Wichlinghausen eigentlich der lutherische Glaube dominierte.

So gingen die Unterbarmer traditionell nach Elberfeld, die Oberbarmer hingegen nach Schwelm – bis ins 18. Jahrhundert. 1744 machte sich Wichlinghausen selbstständig, 1777 folgte Wupperfeld mit einer eigenen Gemeinde. Reformierte in Oberbarmen gehörten zur Gemeinde Gemarke, Lutheraner gingen nach Wichlinghausen oder Wupperfeld. Die Unterbarmer Lutheraner besuchten den Kolk, die Reformierten die heutige Citykirche in Elberfeld.

Oft wird in Chroniken behauptet, Kirchengemeinden seien gegründet worden, weil der Weg zu den bisherigen Kirchen zu beschwerlich gewesen sei. Das lässt sich aber widerlegen: Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Straßen erheblich ausgebaut, sodass man sehr bequem zwischen den Orten reisen konnte. So konnte man zum Beispiel innerhalb von zwei bis drei Tagen mit der Postkutsche von Wuppertal nach Berlin reisen. Und Goethe schaffte es von Elberfeld nach Düsseldorf in nur ein bis zwei Stunden mit dem Pferd. Die Allee in Unterbarmen wurde Anfang des 19. Jahrhunderts so gut ausgebaut, dass man bequem nach Elberfeld kam. Die Allee nach Elberfeld wurde ausgebaut, Händler wie der Vater von Hermann Enters konnten ihre Waren ohne Probleme in Elberfeld oder Wupperfeld verkaufen. Ich persönlich glaube immer, dass die in den Kirchenbüchern und in den Chroniken angegebene geographische Ferne, eigentlich ein Codewort für eine transzendentale Ferne ist, die vorhanden war. Der wahre Grund für neue Gemeinden lag meist in der wachsenden Bevölkerung, gerade durch Zuzug aus dem Märkischen und später aus Hessen, und in der Überlastung der bestehenden Pfarrer.

Die Gemeinde Unterbarmen wurde 1822, 8000 Seelen umfassend, ohne staatliche Zuschüsse gegründet. Das Finanzielle war eine private Angelegenheit, und der Hauptinitiator und Organisator war Caspar Engels, auch wenn er die Gründung selbst nicht mehr miterlebte, da er 1821 starb.

Wir haben aber Quellen, die belegen, dass er den lutherischen Pfarrer Leipoldt aus Wichlinghausen abgeworben hat. Zu dieser Zeit gab es in Wichlinghausen eine Dame namens Catharina Maria Leckebusch. Sie war eine pietistische Heilige, sehr krank und bettlägerig, aber sehr fromm. Viele Leute suchten bei ihr Rat und Beistand. Es gibt einen Briefwechsel zwischen ihr und Kaspar Engels, aus dem klar hervorgeht, dass sie den Pfarrer Leipoldt in Wichlinghausen halten wollte und Engels bat, ihn nicht abzuwerben. Das hat er aber tatsächlich getan. Pfarrer Leipoldt wurde dann mit 28 Jahren der erste lutherische Pfarrer von Unterbarmen.

Leipoldt war auch die Figur, die 1818 den Barmer Missionsverein mitbegründete. Er stammte aus Elberfeld und kannte daher die Idee des Missionsvereins. Als er Hilfsprediger in Wichlinghausen war, konnte er aufgrund des betagten Pfarrers relativ eigenständig agieren. Er nutzte diese Freiheit, um den Missionsinspektor der Basler Mission nach Barmen einzuladen. Dessen Vortrag muss so gut gewesen sein, dass an diesem Abend der Barmer Missionsverein gegründet wurde – auf Leipoldts Initiative hin.

Als Leipoldt später nach Unterbarmen wechselte, nahm er dieses Missionsstreben mit. Das führte schließlich 1828 zur Gründung der Rheinischen Missionsgesellschaft. Wichtig dabei ist, dass auch in Köln und Wesel Tochterorganisationen entstanden, die auf den Barmer Missionsverein zurückgingen. Das lag daran, dass der Barmer Missionsverein auf persönliche Kontakte setzte, um Spenden zu sammeln, was in der Regel erfolgreicher war als die bloße Übersetzungs- und Publikationsarbeit, auf die sich die Elberfelder Missionäre verlegten.

Die enge Verbindung zwischen Gemeinde und Mission prägte Unterbarmen nachhaltig: Missionare wurden in der Hauptkirche verabschiedet, Synoden tagten im Missionshaus. Bis in das 20. Jahrhundert hinein war die Verbindung zu spüren, wenn Missionare und später die Theologen der Kirchlichen Hochschule an Gottesdiensten und Gemeindekreisen teilnahmen und dort von ihren Erlebnissen und Forschungen berichteten.

Aber Leipoldt war in Unterbarmen nicht alleine. Er arbeitete mit dem reformierten Pfarrer Snethlage zusammen, der durch Heirat zur einflussreichen Familie Engels gehörte. Beide waren nicht nur engagierte Theologen, sondern auch ausgeprägte Führungspersönlichkeiten – echte Alphatiere. Jeder brachte Selbstbewusstsein, klare Vorstellungen und den Willen mit, etwas zu gestalten.

In einer normalen Gemeinde hätte das fast zwangsläufig zu Konflikten geführt. Doch der unierte Charakter Unterbarmens wirkte wie ein Puffer: Leipoldt konnte seine Gottesdienste eher lutherisch prägen, Snethlage die seinen eher reformiert, ohne dass sich die beiden in ihren Kernaufgaben ins Gehege kamen. Statt um die gleiche Kanzel zu konkurrieren, glänzte jeder auf seinem eigenen Terrain. Einzig beim Abendmahl gab es bis in das 20. Jahrhundert hinein oftmals wenig Beteiligung.

Das eigentlich Interessante am konfessionellen Unterschied in Unterbarmen ist, wie wenig er in den offiziellen Chroniken thematisiert wird. Wer die Gemeindegeschichten durchliest, findet kaum Hinweise darauf, ob es überhaupt Probleme gab – und wenn ja, wie sie sich äußerten. Man muss schon genauer hinschauen, um kleine Bemerkungen zu entdecken.

In der ältesten Gemeindegeschichte von 1922, die in drei Teile gegliedert ist, findet sich im Abschnitt über Gründung und Konsolidierung kein Wort zu möglichen Spannungen zwischen Lutheranern und Reformierten. Dabei liegt es nahe, dass es bei einem solchen Projekt zumindest Reibungspunkte gegeben haben muss.

Das einzige ausdrücklich erwähnte Problem betrifft jene 39 Familien, die zwar zur neuen Gemeinde Unterbarmen gehört hätten, aber nicht bereit waren, die reformierte Kirche in Elberfeld zu verlassen – und dies laut Gründungsurkunde auch nicht mussten. Mit der Zeit nahm ihre Zahl ab: einige zogen fort, andere traten schließlich doch der Gemeinde bei. Die Elberfelder allerdings machten sich einen Spaß daraus, diese „Restfamilien“ für das Presbyterium zu nominieren. Als es kaum noch Kandidaten gab, wählte man sogar den Sohn einer Witwe – einen jungen Mann, der das vorgeschriebene Mindestalter für Presbyter deutlich unterschritt. Die Landeskirche griff schließlich ein und untersagte diese Praxis.

Im zweiten Teil der Gemeindegeschichte findet sich ein bemerkenswerter Satz: „Die Unterschiede von lutherisch und reformiert, die in den ersten Jahrzehnten noch eine Rolle gespielt haben, haben keine Differenzen hervorgerufen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss: sie spielten sehr wohl eine Rolle – nur wird nicht überliefert, wie. Sicher ist, dass die Union beider Konfessionen in Unterbarmen dazu führte, dass man im Alltag zusammenarbeiten musste, gleichzeitig aber bestrebt blieb, das eigene Bekenntnis zu bewahren. Man könnte sagen: es war eher ein Nebeneinander als ein Miteinander – getragen von gegenseitiger christlicher Wertschätzung.

Diese besondere Konstruktion brachte im 19. Jahrhundert einige Eigenheiten mit sich, nach außen wie nach innen. Auf der Synode der Protestantischen Kirche im Wuppertal tagten Reformierte und Lutheraner zunächst gemeinsam, trennten sich dann für bestimmte Beratungen in ihre Konfessionsgruppen. Durch Unterbarmen – als unierte Gemeinde – wurde dieses Ritual aufgehoben: die Synode arbeitete ihre Tagesordnung komplett gemeinsam ab.

Nach innen gab es liturgische und musikalische Konsequenzen. Reformierte und lutherische Gemeinden hatten jeweils eigene Gesangbücher – für unierte Gemeinden existierte keines. Die Folge: Unterbarmer Gemeindeglieder mussten zwei Gesangbücher zum Gottesdienst mitbringen. Spätestens 1834 schaffte man Abhilfe und ließ bei Samuel Lucas in Elberfeld ein eigenes Unterbarmer Gesangbuch drucken.

Im Vorwort wird ausdrücklich betont, es sei für den kirchlichen Gebrauch bestimmt und solle „den häuslichen Gebrauch jener beiden anderen nicht überflüssig machen“. Während eine solche Neuausgabe sonst oft Anlass war, auch die Sammlung selbst zu erneuern, erklärten die Herausgeber, sie hätten bewusst „auf die kräftigen und salbungsreichen, schon seit der Väter Zeiten im Segen bewährten Lieder“ zurückgegriffen – auch wenn ein genauer Vergleich zeigt, dass manche Texte trotz aller Beteuerung durchaus verändert wurden. Das Gesangbuch blieb bis 1894 in Gebrauch und wurde dann durch eines ersetzt, dass in der Landeskirche genutzt wurde – auch hier mit Blick auf diejenigen Gemeindeglieder, die zuzogen und ein neues Gesangbuch hätten erwerben müssen, obwohl sie bereits eines besaßen.

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf die Mentalität zu werfen, die in Unterbarmen – und allgemein im Wuppertal – kirchliche Entwicklungen stark prägte. So groß der Gegensatz zwischen Lutheranern und Reformierten auch war, und so sehr er sich manchmal im Alltag bemerkbar machte – etwa, wenn Kirchen dicht nebeneinander gebaut wurden und ihre Glocken sich gegenseitig übertönten, um den Gottesdienst der jeweils anderen Konfession zu stören – gab es doch eine verbindende Strömung, die möglicherweise noch bedeutsamer war: den Pietismus.

Der Begriff wird oft benutzt, als wüsste jeder sofort, was gemeint ist, doch die wenigsten könnten ihn genau erklären. Das Wort leitet sich von „pietas“ – Frömmigkeit – ab. Pietisten suchten eine persönliche, individuelle Glaubenspraxis, unabhängig von den festen Strukturen der Landeskirche. Das konnte bedeuten, dass Menschen sehr fromm waren, ohne regelmäßig am kirchlichen Leben teilzunehmen. Ihre Frömmigkeit lebten sie oft im häuslichen Rahmen, durch Gebet und intensives Bibelstudium, mit dem Ziel, in unmittelbare Gemeinschaft mit Gott zu treten.

Solche pietistischen Einstellungen hielten sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Pfarrer Kellermann beschrieb seine Erfahrungen so: „Ich habe versucht, Gemeindeaufbau zu machen, aber das war Knochenarbeit. Unterbarmen-West war eigentlich Missionsgebiet.“

Die Kirche war im Vergleich zu anderen Gemeinden immer leer. Selbst in der Pauluskirche saßen, wenn es gut lief, nur 20 bis 25 Leute. Dabei waren die Leute sehr fromm: In fast allen Familien hingen Neukirchener Kalender, die auch fleißig abgerissen wurden. Aber zum Gottesdienst kamen sie nicht. In Unterbarmen-West musste man um jede Seele kämpfen. Beim Hausbesuch wurde man zwar freundlich empfangen, aber zum Gottesdienst kamen die Leute nicht. Höchstens an Heiligabend. Selbst an Ostern waren die Kirchen leer. Nur bei Beerdigungen war es immer voll.

In dieser inneren Frömmigkeit klang auch mittelalterliche Mystik nach. Kein Wunder, dass frühe Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert Schriften von Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen oder Meister Eckhart lasen – inspiriert von Visionen und religiösen Erfahrungen. Im Wuppertal waren solche charismatischen Persönlichkeiten keine Seltenheit. Die erwähnte Catharina Maria Leckebusch etwa, eine kranke, bettlägerige Frau aus Wichlinghausen, galt vielen als „Heilige“ und empfing Besucher, die bei ihr Rat und geistlichen Zuspruch suchten.

Ein anderes Beispiel ist Elias Eller, der Gründer von Ronsdorf, der in zweiter Ehe mit einer Visionärin verheiratet war. Der Wuppertaler Pietismus hatte seine eigenen Ausprägungen – und er verband Reformierte und Lutheraner oft stärker, als es die offizielle Kirchengeschichte vermuten lässt.

Der Laientheologe Samuel Collenbusch etwa schrieb scharf formulierte Briefe an Immanuel Kant, in denen er dessen Moralbegriff als „des Teufels“ bezeichnete, weil dieser – aus seiner Sicht – Gott aus der Moral ausschloss. Solche Strenge fand ihren Niederschlag auch in kirchlichen Organisationen.

So musste die Rheinische Missionsgesellschaft, die ursprünglich der streng reformierten Basler Mission zuarbeiten wollte, diese Verbindung bald lösen – der lutherische Einfluss in Barmen war den Baslern zu groß. In dieser Mischung aus pietistischer Frömmigkeit und konfessioneller Vielfalt lag auch das Fundament dafür, dass Unterbarmen über zwei Jahrhunderte hinweg eine unierte Gemeinde blieb.

Allerdings war diese Vereinigung eher eine strukturelle, keine konfessionelle. Das zeigt sich in einer Äußerung aus den 1960er-Jahren. Gegner der Gemeindetrennung 1964 sagten, die Gemeinde sei ohne „Verwässerung der reformatorischen Bekenntnisse“ gegründet und erhalten worden. Dieser Satz ist ein klarer Hinweis darauf, dass Reformierte und Lutheraner zwar zusammengearbeitet, aber sich konfessionell nicht wirklich vermischt haben. Übersetzt heißt das: man arbeitete zusammen, blieb aber im Herzen Lutheraner oder Reformierter.

Manchmal zeigte sich dieser Unterschied im Kleinen – und wurde zur Anekdote. Sigrid Lekebusch berichtet in ihrem Buch von einem streng reformierten Pfarrer, der Kerzen im Gottesdienst ablehnte. Als bei einem Gottesdienst die Beleuchtung ausfiel, musste er jedoch seine Predigt bei Kerzenschein lesen. Das sorgte für großes Schmunzeln in der Gemeinde, da der „Kerzenhasser“ seine Predigt im Schein einer „lutherischen Kerze“ halten musste.

Pietismus war zwar auf individuelle Frömmigkeit ausgerichtet, hatte aber immer auch einen gemeinschaftlichen und missionarischen Anspruch. Mission bedeutete nicht nur, den Glauben in die Ferne zu tragen, sondern auch im unmittelbaren Umfeld aktiv zu werden – verbunden mit einem klaren, oft strengen Verständnis von Bibelauslegung. Das hatte auch Folgen für Pfarrer, die in einer pietistisch geprägten Umgebung arbeiteten.

Ein Beispiel dafür liefert der spätere Pfarrer Philipp Nell, der 1879/80 als Hilfsprediger in Unterbarmen tätig war. In seinen Memoiren beschreibt er, wie ihn sein damaliger Chef, Pfarrer Thümmel, gleich zu Beginn anwies, den Schnurrbart abzurasieren und nur den restlichen Vollbart stehen zu lassen. Die Begründung: Mit Schnurrbart würde er „für einen Protestanten gehalten“. „Protestant“ bedeutete hier nicht einfach Nicht-Katholik, sondern war gleichbedeutend mit „Lutheraner“.

Ein Vollbart mit Schnurrbart galt als preußisch, kaisertreu und lutherisch – und stand für weltliche Männlichkeit. Ein Bart ohne Schnurrbart hingegen galt als Zeichen pietistischer Frömmigkeit. So musste Nell sein Markenzeichen – den vollen Bart – verändern, um der konfessionellen Empfindlichkeit vor Ort zu entsprechen. Diese skurrile Mode- und Glaubensregel hielt sich in Unterbarmen bis weit ins 20. Jahrhundert.

Das späte 19. Jahrhundert, in dem Philipp Nell als Hilfsprediger in Unterbarmen tätig war, war von zwei gewaltigen Gegensätzen geprägt. Auf der einen Seite standen erfolgreiche Kaufleute und Fabrikbesitzer, oft pietistisch geprägt und mit einem leicht reformiert-calvinistischen Einschlag. Sie waren überzeugt, dass ihr irdischer Erfolg Ausdruck göttlichen Wohlgefallens sei – und dass dieser Erfolg ihnen auch in der Ewigkeit zugutekommen würde.

Auf der anderen Seite erlebte Unterbarmen eine tiefe soziale Not. Mit Hermann Enters wohnte hier einer der schärfsten Beobachter und Chronisten der Verelendung der Arbeiterschaft. In seinen Schilderungen finden sich Bilder von Alkoholmissbrauch, Kinderarbeit und vielerlei weiterer Missstände. Sein Blick auf die gesellschaftliche Spaltung war klar: die wohlhabende, obrigkeitstreue Schicht der Pietisten auf der einen Seite – das kirchenkritische, oft kirchenferne Proletariat auf der anderen. Enters’ Vater war bekannt für seine Ablehnung der „obrigkeitshörigen Pietisten und Mucker im Wuppertal“. Bei Beerdigungen soll es zudem unter Anwesenden aus dem sozialdemokratischen Milieu vorgekommen sein, sich bei dem Verstorbenen mit „Auf Nimmerwiedersehen“ zu verabschieden, was in einem Protokoll des Presbyteriums von 1910 vermerkt wurde.

Die enge Verbindung zwischen Kirche und wohlhabender Bürgerschicht zeigte sich auch in persönlichen Beziehungen. Der reformierte Pfarrer Snethlage, Kollege von Leipoldt, war mit der Tochter von Caspar Engels verheiratet und Taufpate von Friedrich Engels. Solche familiären Verflechtungen zwischen Pfarrhäusern und Fabrikantenfamilien waren im Wuppertal keine Seltenheit. Sie zeigen die enge Verbindung, die es in unserer Region gab und die ich einmal „Bund zwischen Glaube und Geld“ genannt habe.

Leicht lässt sich daraus ein klares Gegensatzpaar konstruieren: hier die wohlhabenden, gläubigen Fabrikanten, dort das verelendete, kirchenkritische Proletariat. Doch so einfach war die Wirklichkeit nicht. Zum Selbstverständnis eines „guten Christen“ gehörte die Nächstenliebe – und diese blieb nicht nur Predigtwort, sondern wurde durchaus auch praktisch umgesetzt.

Bekannt ist heute oft das Beispiel der Familie Krupp, die Arbeiterhäuser errichten ließ und in patriarchaler Manier über das Wohl ihrer Beschäftigten wachte. Vergleichbares gab es auch im Wuppertal: im Bereich Laaken ist es belegt, ebenso bei der Familie Engels in Bruch. Das 1803 von Caspar Engels gegründete Mineralbad – eine Vorform des späteren Kurbads – war nicht privat, sondern für die Öffentlichkeit gedacht, um Arbeitern Erholung zu ermöglichen.

Auch das soziale Engagement anderer Wuppertaler Unternehmen folgte diesem Muster. In Barmen gründete die Firma Mittelsten Scheid eine Baugenossenschaft für Arbeiterwohnungen. Elberfeld entwickelte sein Armenfürsorgesystem mit den Armenpflegern, das später vorbildhaft wurde. Diese Fürsorge war stets von einem patriarchalen Zug begleitet – Hilfe gab es, aber eingebettet in moralische Belehrung und Kontrolle.

Dabei spielte der Gedanke der Nächstenliebe und der missionarische Eifer des Pietismus eine zentrale Rolle. Mission hieß nicht nur, das Evangelium in ferne Länder zu tragen, sondern auch vor der eigenen Haustür aktiv zu sein. In der Praxis bedeutete das, soziale Not durch religiöse Bindung zu bekämpfen: statt Branntwein die Bibel, statt Kartenspiel den Katechismus, statt sozialem Abstieg das Versprechen eines geistigen Aufstiegs.

Religion konnte so zum Halt in Zeiten der Not werden. Das zeigt sich nicht nur an Beispielen aus dem 19. Jahrhundert, sondern auch in späteren Krisenzeiten. In der Zwischenkriegszeit traten im Wuppertal ebenso wie anderswo charismatische Laienprediger auf, nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Landeskirchen eine Zeit prall gefüllter Gotteshäuser.

In Unterbarmen stellte sich die Situation anders dar. Bereits 1946 befasste sich das Presbyterium mit der Frage, ob die Hauptkirche, deren Mauern den Krieg überstanden hatten, überhaupt wieder aufgebaut werden sollte. Entscheidend war dabei nicht die Frage nach dem Wann, sondern nach dem Ob.

Der Grund war schlicht: Brauchte man die Hauptkirche überhaupt noch als Gottesdienststätte? Dies wäre nur dann der Fall gewesen, wenn die im Krieg unversehrt gebliebenen Gebäude – die Pauluskirche, die Lichtenplatzer Kapelle, die Hatzfelder Kapelle, das Gemeindehaus am Rott, das Gemeindehaus an der Hauptkirche sowie jenes an der Eichenstraße – nicht in der Lage gewesen wären, alle Gottesdienstbesucher aufzunehmen.

Doch genau das war problemlos möglich. Selbst wenn es im Gemeindehaus an der Hauptkirche zeitweise voller war als gewöhnlich, konnten alle unzerstörten Gebäude ohne Schwierigkeiten die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger fassen.

Es drängt sich jedoch die Frage auf, warum in den Nachbargemeinden – etwa in Wichlinghausen, Gemarke oder Wupperfeld – die Gottesdiensthäuser überfüllt waren, während dies in Unterbarmen nicht der Fall war. In den anderen Gemeinden zogen möglicherweise charismatische Prediger die Menschen an, oder die Not war so groß, dass viele wieder den Weg in die Kirche fanden.

In Unterbarmen könnte ein Grund darin liegen, dass die Gemeinde gleich doppelt von den Luftangriffen der Alliierten, die relativ spät im Krieg erfolgten, was manche Wuppertaler daran glauben ließ, dass die Stadt wegen ihrer „Frömmigkeit“ verschont bleiben würde, getroffen wurde. Der erste Angriff, der Barmen galt, begann an der Martin-Luther-Straße und endete in Oberbarmen. Der zweite setzte in Elberfeld ein und endete ebenfalls an der Martin-Luther-Straße. So wurde Unterbarmen bei beiden Angriffen schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Dadurch kam es zu einer hohen Zahl an Opfern, was für den vergleichsweise mageren Besuch der Kirchen eine Rolle spielen könnte. Zwar weiß niemand genau, wie viele Unterbarmer ihr Leben verloren, doch auf dem Unterbarmer Friedhof wurde ein Gräberfeld für 5.300 Opfer der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg angelegt. Ob in Unterbarmen tatsächlich so viele Menschen starben – und ob dies den Rückgang der Gottesdienstbesucher erklärt – bleibt offen. In Wuppertal selbst starben etwa 6500 Menschen durch die Luftangriffe. Eventuell war es die den Unterbarmern attestierte kirchenferne Frömmigkeit, die auch hier dafür sorgte, dass die Hauptkirche erst in den 1960er Jahren wieder vollständig aufgebaut wurde.

Aber kehren wir zurück ins 19. Jahrhundert. Die Ablösung des eigenen Unterbarmer Gesangbuchs durch ein neues Gesangbuch, das vor allem für die zahlreichen Zugezogenen gedacht war, lenkt den Blick auf ein Problem, das im 19. Jahrhundert das gesamte Wuppertal prägte: die Urbanisierung.

Zunehmend kamen Menschen aus allen Teilen Deutschlands in die Stadt – wie bereits erwähnt, viele aus dem hessischen Raum. Auffällig war zudem der Zuzug junger Frauen aus dem Ruhrgebiet, die hier bis zu ihrer Heirat Arbeit fanden. Nicht ohne Grund galt das Wuppertal als „Stadt der fleißigen Mädchen“, denn die Textilbranche bot vielen Frauen ein Auskommen – zumindest bis zur Eheschließung. In anderen Wirtschaftszweigen, etwa in der Metallverarbeitung oder in den Färbereien, waren zahlreiche Männer beschäftigt. Alle diese Menschen benötigten dringend Wohnraum.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel nach der Gründung des Kaiserreichs, ab den 1880er-Jahren. Überall im Wuppertal entstanden mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser – heute oft wegen ihres „Altbaucharms“ geschätzt – mit Jugendstilelementen und reich verzierten Fassaden. Auch in Unterbarmen führte das Wachstum dazu, dass mehr kirchliches Personal gebraucht wurde.

So kam es, dass Unterbarmen Ende des 19. Jahrhunderts, in den 1890er-Jahren, bereits acht Pfarrstellen besaß. In den 1870er Jahren zählte die Gemeinde etwa 30.000 Glieder, von denen rund zehn Prozent, mehrheitlich Frauen, regelmäßig den Gottesdienst besuchten. Diese Zahlen machten den Bau einer weiteren Kirche neben der Hauptkirche notwendig, zumal die Entwicklung hin zu noch mehr Zuzug absehbar war. Bis in die 1890er Jahre war die Zahl der Gemeindeglieder auf 40.000 gestiegen, so dass das Presbyterium 1896/97 bereits daran dachte, die Gemeinde zu teilen – allerdings nur in Bezirke, nicht eigenständige Gemeinden, weil „die Gemeinde mit ihren 40000 Seelen und acht Amtsbezirken zu einem ungesunden Kirchkörper heranwachse, dessen einheitliche Verwaltung und seelsorgerische Durchdringung immer schwieriger werden.“ Das Vorhaben wurde 1897 umgesetzt und fortan bestand die Gemeinde aus acht Amts- und drei Kirchbezirken, die alle einzeln verwaltet wurden.

Doch schon früher war das Problem des Wachstums erkannt worden. In den 1870er-Jahren blickte man daher auf ein Gelände am Haspel. Dort, zwischen mehreren Türkischrot-Färbereien – unter ihnen wohl die älteste des Wuppertals am heutigen Südufer der Wupper, nahe der Gerichtsinsel, also in etwa gegenüber dem Wicküler-Park – konnte man von der Familie Greeff ein Grundstück erwerben, auf dem sich bereits ein Pferdestall befand.

Zunächst nutzte man diesen Pferdestall bis 1875, um dort Bibelstunden abzuhalten. Das Presbyterium dachte zunächst daran, hier lediglich einen Betsaal zu errichten. Diese Pläne wurden jedoch bald verworfen, und man fasste den Entschluss, an dieser Stelle eine zweite Kirche zu bauen.

So entstand die heutige Pauluskirche, die am 24. Oktober 1882 – exakt 50 Jahre nach der Einweihung der Unterbarmer Hauptkirche – feierlich eingeweiht wurde. Die Bauzeit betrug nur 14 Monate.

Nach dem Bau der Pauluskirche verlief das Gemeindeleben in Unterbarmen weitgehend in gewohnten Bahnen – abgesehen davon, dass bald eine weitere Kirche hinzukam: Dank einer großzügigen Spende des Kirchenrats Ringel konnte auch die Christuskirche errichtet werden.

Damit verfügte die Gemeinde nun über drei Kirchen, mehrere Kapellen und Gemeindehäuser, in denen regelmäßig Gottesdienste und Bibelstunden stattfanden. Das Leben blieb stark kirchlich geprägt, auch wenn um die Jahrhundertwende bereits erste Anzeichen einer beginnenden Säkularisierung zu beobachten waren.

Pfarrer van den Bruck vermerkt in seiner Gemeindegeschichte, dass 1906 bereits 84 Erwachsene aus der Gemeinde austraten. 1907 waren es 42, 1908 stieg die Zahl auf 81, 1909 auf 59. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm diese Entwicklung deutlich zu: 1919 traten 1.152 Personen aus, 1920 waren es 416, 1921 noch 758.

Während frühere Austritte meist dazu führten, dass Freikirchen neue Mitglieder gewannen, stellte van den Bruck nun fest, dass die meisten den Kirchenaustritt „ins Nichts“ vollzogen – oder, wie er es ausdrückte, „ins Heidentum“.

Dieser sprunghafte Anstieg nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich aus der allgemeinen Lage der Zeit erklären. Das Kaiserreich war zusammengebrochen, die politische Ordnung befand sich im Umbruch, viele Menschen hatten im Krieg Angehörige verloren oder waren durch die Schrecken der Front und die Not der Heimat tief verunsichert. Die Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit der frühen Weimarer Jahre verstärkten das Misstrauen gegenüber Institutionen – auch gegenüber der Kirche. Für manche war der Austritt ein stiller Protest, für andere das Ergebnis einer religiösen Entfremdung, die schon vor dem Krieg begonnen hatte.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass wir zuvor festgestellt haben: In Zeiten der Not kommt es oft zu einer Hinwendung zur Religion. Tatsächlich war dies auch in den Zwischenkriegsjahren zu beobachten, etwa in der großen Resonanz auf die zahlreichen Laienprediger, die in den 1920er-Jahren unterwegs waren.

Doch neben dieser „Frömmigkeitskonkurrenz“ durch freie, nicht an eine Landeskirche gebundene Glaubensbewegungen gab es noch eine andere Strömung, die religiöse Themen für sich aufgriff: den Kommunismus.

Gerade in Unterbarmen war es für die Pfarrer eine besondere Aufgabe, sich mit dieser Strömung auseinanderzusetzen. Schließlich war die Gemeinde durch den Großvater von Friedrich Engels mitbegründet worden – und Engels selbst galt als einer der Heroen des Sozialismus und damit auch des Kommunismus.

Pastor Herkenrath bot daher über die Volkshochschule in Barmen Gelegenheiten zu direkten Begegnungen. Öffentliche Veranstaltungen mit Titeln wie Sozialismus und Christentum, Religion – Opium für das Volk oder War Luther ein Fürstenknecht? ermöglichten Diskussionen mit Kommunisten – besonders dann, wenn bewusst Wert auf eine freie Aussprache gelegt wurde.

„Es verstand sich von selbst“, so notierte Herkenrath in seiner Kirchenchronik, „dass man mit dem zu behandelnden Stoff gründlich vertraut zu machen hatte und in jedem Anwesenden den Bruder Mensch sah.“ Sachlichkeit sollte sich mit freiem Blick und offenem Herzen verbinden.

Die Gemeinde Unterbarmen war in weiten Teilen eine Arbeitersiedlung. So wurde etwa über den Bereich um die Christuskirche berichtet, dass die dort lebenden Arbeiter 1919 fast alle arbeitslos und zu 90 Prozent Kommunisten waren. 1932 erreichte die Kommunistische Partei dort den höchsten Stimmenanteil in ganz Wuppertal.

Trotz dieser klaren politischen Prägung versuchten die Pfarrer, den Dialog zu suchen. Immer wieder organisierten sie Diskussionsveranstaltungen mit freier Aussprache, die zahlreiche Besucher anzogen – fast alle allerdings in erster Linie, um zu schimpfen, weniger, um das Gehörte ernsthaft zu verarbeiten.

Pastor Peter Herkenrath gelang es dennoch, mit den Kommunisten in regelmäßigen Austausch zu treten, teils in eigens angemieteten Räumen. Als jedoch deutlich wurde, dass es keine Aussicht auf einen gemeinsamen Nenner gab, sagte die Kommunistische Partei weitere Gespräche ab.

Die Arbeiterbewegung hatte somit auch in der Unterbarmer Zwischenkriegszeit deutliche Spuren hinterlassen. Doch schon zeichnete sich am Horizont ein anderes, weitaus bedrohlicheres „Gespenst“ ab, das bald die Geschicke der Gemeinde bestimmen sollte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Gleichschaltung aller Organisationen – einschließlich der Kirchen – zum obersten Ziel. Dagegen stellte sich die Bekennende Kirche, die von Anfang an in vielen ihrer Vertreter eine klare Ablehnung gegenüber der Verstaatlichung der Kirche formulierte. Auch in Unterbarmen bekannte sich das Presbyterium 1934 zur Barmer Erklärung – sehr zum Unmut jener Gemeindeglieder, die sich den „Deutschen Christen“ zugehörig fühlten.

Die „Deutschen Christen“ waren eine kirchenpolitische Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche, die sich stark an den Ideologien des Nationalsozialismus orientierte. Sie wollten die Kirche im Sinne der NS-Ideologie „gleichschalten“, christliche Lehre mit nationalsozialistischen Grundsätzen verschmelzen und jüdische Einflüsse – bis hin zum Alten Testament – aus dem Glauben entfernen. Für sie stand nicht mehr Christus im Zentrum, sondern ein „arteigener“ Glaube, der Blut- und Rassegedanken betonte. Die Presbyter in Unterbarmen verlangten etwa, dass die von Hitler geschaffene Wende in jeder Predigt positiv hätte angemerkt werden sollen. Christus sollte in ihrer Vorstellung zu einer heldenhaften Figur aufgebaut werden, alle Zweifel, die ihn plagten, sollten verschwinden.

Seinen Höhepunkt fand die Auseinandersetzung zwischen dem bekenntnistreuen Presbyterium und den „Deutschen Christen“ im sogenannten Kampf um die Pauluskirche.

1935 hatten die Deutschen Christen in Unterbarmen in der Aula des Gymnasiums an der Siegesstraße eine eigene Gottesdienststätte eingerichtet. Doch bereits 1936 war ihnen dieser Ort nicht mehr genug. Die entsprechenden Presbyter beantragten die Nutzung der Pauluskirche für Gottesdienste im Sinne der Deutschen Christen. Auch das Gemeindehaus in der Pauluskirchstraße wollten sie für eigenen Konfirmandenunterricht verwenden. Die Genehmigung dazu hatten sie bereits vom Provinzialkirchenausschuss – einer Art damaliger Landeskirchenleitung – erhalten.

Das Presbyterium lehnte den Antrag ab. Daraufhin forderte der Provinzialkirchenausschuss in einem Schreiben, man möge sich „gefälligst“ dem Beschluss beugen. Doch die Unterbarmer blieben standhaft und verweigerten weiterhin die Übergabe der Pauluskirche. Schließlich setzte sich der Provinzialkirchenausschuss über das Presbyterium hinweg und verfügte, dass die Kirche ab Juni 1936 für Früh- und Hauptgottesdienste der Deutschen Christen zur Verfügung stehen sollte.

Am 28. Juni 1936 kam es zum Eklat: Die Deutschen Christen verschafften sich gewaltsam Zugang zur Kirche. Aus Barmen-Wupperfeld war Pfarrer Löwenstein gekommen, um einen Dankgottesdienst abzuhalten. Die Feier dauerte etwa anderthalb Stunden. Als um 9.30 Uhr der reguläre Gottesdienst beginnen sollte, verließen die Deutschen Christen das Gebäude und grinsten dem eigentlichen Gemeindepfarrer und anwesenden Presbyteriumsmitgliedern triumphierend ins Gesicht.

Eine Woche später, am 5. Juli 1936, setzten die Deutschen Christen den Gottesdienst demonstrativ auf 9.30 Uhr an – zeitgleich mit dem regulären Gottesdienst. Bevor der Küster die Kirche öffnen konnte, gelangten sie mit einem Nachschlüssel hinein und hinderten den Pfarrer sowie Presbyteriumsmitglieder mit Gewalt am Betreten des Gebäudes. Der Tumult war so groß, dass der Polizeipräsident einschritt und aus Angst vor weiteren Zusammenstößen Gottesdienste in der Pauluskirche vorerst generell untersagte.

Das Presbyterium beschloss daraufhin, die regulären Gottesdienste im Gemeindehaus an der Paulusstraße abzuhalten, während die Deutschen Christen die Pauluskirche bis zum Ende des Krieges 1945 weiter nutzten.

In diesem Zusammenhang ist eine Frage bis heute bemerkenswert: die Rolle des Küsters. Die Pauluskirche wurde von den Deutschen Christen genutzt, doch der Küster Gustav Kraus erhielt sein Gehalt weiterhin vom bekenntnistreuen Presbyterium. Welche Haltung er selbst zu den politischen und kirchlichen Fronten hatte, ist nicht überliefert. Doch es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein überzeugter Anhänger der Barmer Theologischen Erklärung den Gottesdienstbetrieb der Deutschen Christen tatkräftig unterstützte – zumindest ohne innere Distanz.

Seine Person ist nicht nur wegen dieser unklaren Position interessant: Kraus wird in Chroniken und im Internet immer wieder erwähnt, weil er zusammen mit seinem Schwiegersohn am 25. Juni 1943 einen Brand in der Pauluskirche löschte und damit verhinderte, dass das Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Seine eigene Habe indes wurde ein Opfer der Flammen. Sollte es sich dabei tatsächlich um jemanden gehandelt haben, der den Deutschen Christen nahestand, dann hätte ausgerechnet er das Gotteshaus für die Nachkriegszeit gerettet – ein Treppenwitz der Geschichte.

Der Wiederaufbau der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich innerhalb der neuen bundesrepublikanischen Ordnung zunächst ohne größere Besonderheiten. Eine entscheidende Zäsur brachte jedoch die in den 1950er-Jahren von der Landeskirche vorgesehene Neuregelung der Gemeindestrukturen: Gemeinden mit mehr als fünf Pfarrstellen sollten geteilt werden. Unterbarmen verfügte zu diesem Zeitpunkt bereits über zwölf Stellen und hatte eine Teilung bisher abgelehnt.

Als das Presbyterium schließlich eine 13. Pfarrstelle beantragte, nutzte die Kirchenleitung die Gelegenheit und knüpfte die Genehmigung an die Bedingung, die längst überfällige Teilung der Gemeinde vorzunehmen. 1964 war es so weit: Die altehrwürdige Gemeinde Unterbarmen wurde in vier eigenständige Gemeinden zerschlagen – Unterbarmen-Mitte mit der Hauptkirche, der „Wilde Westen“, der „Sonnige Süden“ und der „Rotter Osten“.

Die Pauluskirche bildete das Zentrum des „Wilden Westens“ und war die kleinste der neu entstandenen Gemeinden. Ihre Lage war problematisch: Das Gebiet war durch die B7 und den Bahndamm zerschnitten, was viele Eltern dazu veranlasste, ihre Kinder lieber nach Unterbarmen-Süd zur Jugendarbeit oder zum Konfirmandenunterricht zu schicken – der Weg zum Gemeindehaus an der Pauluskirchstraße oder zur Kirche selbst galt als zu gefährlich.

Die Teilung, die 1964 für erheblichen Wirbel gesorgt hatte, erwies sich rückblickend als wenig sinnvoll. Die Zahl der Gemeindeglieder ging – wie überall im Wuppertal und bundesweit – kontinuierlich zurück. Hinzu kam, dass durch Zuzug die Zahl evangelischer Christen weiter sank: Viele zogen fort, während neue Bewohner anderer Konfessionen oder Religionen – katholische Italiener, orthodoxe Griechen und Serben, später auch Russen und Muslime – in den Stadtteil kamen. Zu diesen Gemeinschaften bestanden naturgemäß keine kirchlichen Bindungen, wenngleich das Presbyterium Kontakte pflegte: durch ökumenische Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde oder Besuche in der neu errichteten Moschee.

Die sinkenden Mitgliederzahlen führten auch zu sinkenden Einnahmen. Schon bald wurde dies spürbar: Zwar war 1964 die Verwaltung zunächst auf die vier neuen Gemeinden verteilt worden, doch keine zehn Jahre später wurden die Strukturen wieder zusammengelegt, um Personal zu bündeln und Kosten zu sparen.

In Unterbarmen-West stellte sich bald die Frage, ob die Pauluskirche angesichts des Mitgliederschwunds noch zu halten sei. 1995 gründete sich daher der Freundeskreis Pauluskirche, der bis heute die Federführung bei der Programm- und Veranstaltungsplanung übernommen hat. Im selben Jahr begannen in der Kirche die „Unikonzerte“, ein Vorgang, der auf die erfolgreiche Vermietung der Kirche seit 1991 zurückging, die die Tür für weitere Kooperationen zu ließ.

Die Pauluskirche war – so heißt es in einem zeitgenössischen Bericht – die einzige Kirche in Deutschland, die durch die Vermietung ihres Kirchraums an eine Universität Einnahmen erzielte. Bis 2002, und nach einer Pause nochmals von 2009 bis 2016, fanden hier Lehrveranstaltungen der Bergischen Universität Wuppertal statt, vor allem aus den Bereichen Architektur und Gestaltung – begünstigt durch die unmittelbare Nähe zum Campus Haspel.

Doch alle Bemühungen zur finanziellen Konsolidierung des Gemeindelebens führten letztlich nicht zum gewünschten Ziel. Wie viele andere Gemeinden musste auch Unterbarmen Anfang des neuen Jahrtausends über eine Fusion nachdenken. 2006 wurde sie Wirklichkeit: Die drei Gemeinden Unterbarmen-Mitte, Unterbarmen-West und Unterbarmen-Ost schlossen sich erneut zur Gemeinde Unterbarmen zusammen. Einzig Unterbarmen-Süd blieb eigenständig.

Diese Entwicklung wird heute durch die von Landeskirche und Kirchenkreis vorangetriebenen sogenannten „Weggemeinschaften“ fortgeführt – ein Begriff, der das ungeliebte Wort „Fusion“ vermeidet, aber ähnliche Ziele verfolgt. In diesem Rahmen bilden die Gemeinden Unterbarmen, Unterbarmen-Süd, Gemarke-Wupperfeld, Ronsdorf und Dönberg eine Weggemeinschaft, in der über verschiedene Formen der Kooperation beraten wird. In Wuppertal ist aus einem solchen Prozess bereits eine neue Gemeinde entstanden – Cronenberg-Küllenhahn. Und im Osten Barmens wird bis 2028 eine weitere große Gemeinde aus Wichlinghausen-Nächstebreck, Schellenbeck-Einern und Langerfeld hervorgehen.

Welche Entwicklung Unterbarmen in den kommenden Jahren nehmen wird, ist derzeit noch offen – fest steht nur: Veränderung bleibt.

Am Beispiel der Pauluskirche lässt sich dabei etwas erkennen, das man „adaptive Beharrlichkeit“ nennen könnte. Die Kirche ist ein kraftvoller, greifbarer Knotenpunkt, der zeigt, wie historische Strukturen aktiv bewahrt, kreativ umgenutzt und kontinuierlich in die Gegenwart integriert werden können, um den aktuellen Bedürfnissen der Gemeinschaft zu dienen.

Hinsichtlich ihres sozialen und kulturellen Engagements ist die Pauluskirche innerhalb Unterbarmens etwas Besonderes. Dennoch verlagerte sich der Fokus vom institutionellen Aufbau und Erhalt – auch wenn dies mit dem Freundeskreis weiterhin präsent ist – hin zu aktiver Sozialarbeit, kultureller Integration und vielfältiger Gemeinschaftsbildung, die zeitgenössische gesellschaftliche Bedürfnisse aufgreift.

Das deutet auf ein erweitertes Verständnis von „Glaube in Aktion“ hin, das über traditionelle Formen der Wohltätigkeit hinausgeht und sich unmittelbar mit aktuellen sozialen Herausforderungen auseinandersetzt. So bleibt die Pauluskirche ein Ort, an dem sich historisches Erbe und lebendige Gegenwart verbinden – ein sichtbares Zeichen fortgesetzten, aber immer wieder angepassten Engagements für das Wohl der gesamten Gemeinschaft.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Hier kann man den Beitrag nachhören.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert