Der Dönberg – Geschichten aus einem Dorf auf der Höhe

Wer heute über den Dönberg spaziert, durch Wälder, vorbei an Feldern und alten Häusern, ahnt kaum, wie viele Geschichten hier verborgen liegen. Manche sind historisch gut belegt, andere stammen aus der Volksüberlieferung und tragen das, was man im Bergischen gern „Dönekes“ nennt – kleine Anekdoten, die ein Stück Wahrheit mit einer Portion Fantasie mischen. Gemeinsam ergeben sie ein farbiges Bild der Dönberger Vergangenheit.

Frühe Besiedlung: Siebeneik

Die Geschichte beginnt im späten 11. Jahrhundert. Damals taucht in Urkunden der Hof Siebeneik auf, der älteste nachweisbare Hof im Dönberger Raum. Sein Name leitet sich von sieben mächtigen Eichen ab, die das Land prägten. Die meisten Bäume wurden bald nach der Besiedlung gefällt, nur eine hielt sich bis ins 19. Jahrhundert. Als sie schließlich umstürzte, war sie über zwei Meter dick. Zeitzeugen berichteten, ein ehemaliger „langer Kerl“ – ein zwei Meter großer preußischer Soldat – habe nicht einmal über den gefällten Stamm hinwegblicken können. Die Geschichte machte Eindruck und verankerte den Hof Siebeneik dauerhaft im Gedächtnis der Bewohner.

Kattenbruch: die ältesten Häuser

Von unten, aus Elberfeld und dem Deilbachtal, kroch die Besiedlung allmählich den Berg hinauf, bis sie sich oben traf. Zu den ältesten Gebäuden auf der Höhe zählen die Häuser am Kattenbruch, von denen einige um 1700 entstanden. Hier zeigt sich ein zweiter Strang der Dönberger Geschichte: der frühe Bergbau. Im 18. Jahrhundert wurde an dieser Stelle ein kleiner Stollen in den Berg getrieben – ein Versuch, Kohle direkt am Dönberg zu gewinnen. Er erwies sich als wenig ertragreich, sorgte aber dafür, dass Häuser absackten und nächtliche Unruhe entstand.

Sprachlich liegt hier vielleicht der Schlüssel zu einer bekannten Sage: „Pott“ bedeutet im Bergischen sowohl Grube als auch Topf. So könnte aus einem Kohlenpott, der Reichtum versprach, die Legende vom „Goldtopf der Räuber“ entstanden sein. Ob Räuber, Geheimgänge oder einfach enttäuschte Bergleute – die Geschichte vom Kattenbruch verwebt nüchterne Akten mit phantastischen Bildern.

Hexenmeister und Räuberbanden

Das 17. Jahrhundert brachte Unruhe. In der Nähe des Suurenes, des Sauren Hauses, einem Hof am Dönberg, lebte die Familie H., die als Hexenfamilie verschrien war. Vater, Mutter und Tochter galten als Außenseiter, der Sohn etwas weniger. Der Bauer des Suurenes erzählte, er habe den „Hexenmeister“ beim Holzklau ertappt – doch dieser sei ihm im Wald spurlos entkommen, als er über eine Wurzel stolperte. Bald entstanden Legenden über übernatürliche Kräfte und nächtliche Begegnungen.

Dazu kamen die Buschknebler, eine Räuberbande im Dreißigjährigen Krieg. Sie plünderten in Barmen, entführten Menschen und knebelten sie im Dönberger Busch, damit niemand die Schreie hörte. Der bekannteste Fall war die Verschleppung von Heinrich Imbert, nachdem die Bande sogar eine Schule in Brand gesteckt hatte. Später erzählte man, die Buschknebler seien gefasst und hingerichtet worden – obwohl sie niemanden getötet hatten.

Bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein blieben die Wälder Rückzugsorte für Räuberbanden. Immer wieder wurde erzählt, sie hätten Gold vergraben. Ob Kohlenpott oder Schatztruhe – die Sage vom verborgenen Reichtum hält sich bis heute.

Bildung und soziale Strukturen: Neuenbaum und das Schulbüschchen

Mitten in dieser Welt aus Höfen, Hexen und Räubern taucht ein anderer Name auf: Neuenbaum. Dort, wo heute das Landhaus Ewich steht, lag früher ein Hof, der auch „Schulbüschchen“ oder im Dialekt „Skoalbüschken“ genannt wurde. Der Name wirft Fragen auf, denn keine der beiden Dönberger Dorfschulen lag in der Nähe. Wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine Schenkung oder Erbschaft handelte, deren Ertrag einer Schule zugutekam.

„Busch“ bezeichnete ein Waldstück, das durch Holzeinschlag Einnahmen brachte. Wer nachhaltig wirtschaften wollte, musste nicht nur Bäume fällen, sondern auch neue pflanzen. In einer Region, die durch Rodung geprägt war, konnte das auffallen – und so verband sich der Gedanke an Schule, Erbschaft und Wald zum Namen „Schulbüschchen“. Hier zeigt sich, wie eng soziale Strukturen, wirtschaftliche Notwendigkeiten und Sprache miteinander verwoben waren.

Alltagskultur und Spitznamen: Schmeer-Emma, Kohlentreiber und Westfalenweg

Neben den großen Geschichten lebte der Dönberg von seinen kleinen Anekdoten. An der Straße Sonnenblume stand einst ein Gasthaus, das offiziell „Zur Sonnenblume“ hieß. Doch alle nannten es nur nach seiner Wirtin: Schmeer-Emma. Sie war berühmt für ihre dicken Butterstullen, im Bergischen „Platz“ genannt, die sie großzügig mit „Schmeer“ bestrich. Aus der Sonnenblume wurde so die Schmeer-Emma – ein Name, der länger hielt als das Lokal selbst.

Nicht weit entfernt liegt der Westfalenweg, eine Hauptstraße, die früher von den Kohlentreibern benutzt wurde. Diese sammelten die Kohle in den umliegenden „Pötten“ – kleinen Gruben – und brachten sie auf klapprigen Pferdewagen nach Barmen und Elberfeld. Sie waren rau, tranken viel und gaben den Höfen auf ihren Wegen Spitznamen, die oft lustiger und einprägsamer waren als die offiziellen Besitzernamen. So blieben Bezeichnungen wie „Sonnenblume“ oder „Zuckerloch“ bis heute haften.

Kirchenbau und Missionsgesellschaft

Im 19. Jahrhundert veränderte sich das Bild des Dönbergs grundlegend. 1832 entstand die erste evangelische Kapelle – gegen alle Widerstände und ohne Geld. Der Zimmermann Franz Kirchhoff, 1748 in Lünen geboren, war aus Westfalen vor dem Militärdienst geflohen und hatte sich hier niedergelassen. In hohem Alter beteiligte er sich am Bau. Spenden kamen von überallher: 30 Taler aus Königsberg, 100 Taler von einem Langenberger Prediger, Fenster aus Elberfeld. Am 8. Juli 1832 konnte die Kapelle eingeweiht werden.

Doch schon bald war sie zu klein. 1835 folgte ein Anbau, 1845 ein Neubau, der 1846 fertiggestellt wurde. 1882 erhielt die Kirche ihren Turm. Zunächst gehörte sie der Rheinischen Missionsgesellschaft, die hier ihre ersten Bibelstunden abgehalten hatte, bevor sie 1869 in Gemeindebesitz überging. Damit wurde die Kirche zum Mittelpunkt des evangelischen Lebens auf dem Dönberg.

Tod und Erinnerung: der Friedhof

1859 legte die Gemeinde einen eigenen Friedhof an, nur wenige Jahre nach dem Kirchenbau. Er wurde mehrfach erweitert: 1908, 1954, und erhielt 1943 eine erste Leichenhalle. Zuvor wurden die Toten in der Kirche oder im eigenen Haus aufgebahrt. 2001 entstand die heutige Leichenhalle, die dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.

Besonders erinnert wird an Pfarrer Albert Jonghaus, geboren 1865, seit 1900 Pfarrer in Dönberg. Er war Asthmatiker, unverheiratet, und lebte mit seinen Schwestern. Ein heftiger Streit um die Friedhofsordnung belastete ihn: Viele Gemeindeglieder meinten, mit dem Kauf einer Grabstätte auch Landbesitz zu erwerben. Die Gemeinde widersprach: Es handle sich nur um ein Nutzungsrecht. Der Streit eskalierte, Jonghaus erkrankte schwer und starb schon 1903 mit 38 Jahren.

1904 erhielt er ein Grabmal für 260 Mark, etwa 1.500 Euro in heutiger Kaufkraft. Anfang der 1990er-Jahre meldete die Gemeinde dieses Grab als einziges denkmalwürdiges Objekt des Friedhofs. So spiegelt sich in einem schlichten Grab die Verbindung von Gemeindegeschichte, Besitzfragen und menschlicher Tragik.

Katholische Entwicklung: Maria Hilf

Parallel dazu entstand am Dönberg auch eine katholische Infrastruktur – gestiftet von der Familie von Wendt, den Schlossherren von Hardenberg. Ende des 19. Jahrhunderts errichteten sie Kirche, Schule, Pfarrhaus und Küsterhaus. Das Küsterhaus beherbergt heute das Hospiz.

Eine Anekdote zeigt, wie sich katholischer Pragmatismus mit altem Hexenglauben verband. Ein Bandwirker war überzeugt, sein Webstuhl sei verhext – er wollte nicht mehr laufen. In seiner Verzweiflung hatte er sogar mit einer Pistole in den Webstuhl geschossen. Schließlich bat er den Küster um Hilfe. Der prüfte die Maschine, fand lose Schrauben, zog sie fest – und der Webstuhl funktionierte wieder. Für den Bandwirker war die Enttäuschung groß: Er hätte lieber eine richtige Spukgeschichte gehabt. Überzeugt blieb er dennoch, die Tochter der Hexenfamilie habe ihn mit einem bloßen „Guten Morgen“ verhext.

Industrialisierung in klein: die Huxholdts Fabrik

Der Dönberg war nie ein Industriestandort wie Elberfeld oder Barmen. Doch in den 1870er-Jahren entstand mit der Huxholdt Fabrik eine kleine Manufaktur. Gegründet von Gustav Huxholdt, einem Schreiner aus Barmen-Hatzfeld, der durch seine Heirat mit Henriette Winterberg hier Fuß fasste, wurde sie zur einzigen Textilfabrik des Ortes.

Tochter Caroline arbeitete noch 1922 als Weberin; möglicherweise wanderte sie 1926 in die USA aus. Nach dem Tod des Vaters führten Mutter und Tochter den Betrieb eine Zeitlang fort. Später übernahm die Familie Bahrmann das Gelände. Heute steht hier ein Elektrobetrieb – Symbol für den Wandel von Textil zu Technik.

Fazit

Der Dönberg zeigt in kleiner Form die ganze Breite bergischer Geschichte: frühe Höfe und Rodungen, Hexenglaube und Räubersagen, Spitznamen und Wirtshausgeschichten, evangelische und katholische Prägungen, schließlich den Schritt in die Industrialisierung. Zwischen Akten und Anekdoten, zwischen Pott und Topf, zwischen Butterbrot und Goldschatz entsteht ein Ort, der bis heute reich an Geschichten ist – und der noch immer auf Spaziergängen entdeckt werden will.

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