Wuppertal trauert um eine seiner profiliertesten Töchter. Rita Süssmuth, die gestern im Alter von 88 Jahren verstarb, war nicht nur Bundesministerin und Bundestagspräsidentin. Getragen von ihrem tiefen katholischen Glauben und einem christlichen Menschenbild, das keine Grenzen kannte, wurde sie zur entscheidenden Architektin der deutschen Integrationspolitik.
Es war Süssmuth, die gegen den Widerstand ihrer eigenen Partei die Lebenslüge der alten Bundesrepublik beendete. Mit dem Mut einer Frau, die ihre christlichen Werte über politisches Kalkül stellte, erklärte sie den Satz „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ für beendet. Als Vorsitzende der nach ihr benannten Kommission ebnete sie den Weg für das Zuwanderungsgesetz von 2005 und schuf damit das Fundament der Integrationskurse. Sie wollte Professionalität statt Improvisation.
Doch zur ehrlichen Würdigung ihres Erbes gehört auch der Blick auf die Schattenseiten des von ihr mitentworfenen Systems. Während Rita Süssmuth die gesellschaftliche Anerkennung der Zuwanderung vorantrieb, blieb das von ihr initiierte Kursmodell einem neoliberalen Zeitgeist verhaftet, der bis heute schmerzhafte Folgen hat. Man entschied sich bewusst für das sogenannte „VHS-Modell“ – ein System, das massiv auf Honorarkräften und Freiberuflichkeit basiert. Was als flexible Lösung gedacht war, hat sich für Tausende von Lehrkräften an der Basis zu einer Falle aus prekären Bedingungen entwickelt.
Die bittere Realität ist: Das System Süssmuth beruht bis heute auf einem Sparkurs des Staates. Viele Lehrkräfte müssen von Honoraren leben, die – selbst nach den jüngsten Anpassungen auf rund 42 Euro pro Unterrichtseinheit – nach Abzug der kompletten Sozialversicherungsbeiträge und der unbezahlten Vorbereitungszeit oft kaum für ein auskömmliches Leben reichen. Es ist ein System, das von der hohen Belastung und der sozialen Unsicherheit derer lebt, die das Fundament unserer Gesellschaft legen. Die mangelnde Planbarkeit und die instabile Auftragslage führen dazu, dass trotz des hohen politischen Anspruchs an die Bildungsqualität die Lehrkräfte oft die Hauptlast dieser „Flexibilität“ tragen.
Rita Süssmuth hat Deutschland modernisiert und uns gelehrt, dass Integration eine gemeinsame Aufgabe ist. Dass sie als gläubige Katholikin dabei stets den Menschen im Blick hatte, bleibt ihr großes Verdienst. Doch ihr Tod sollte uns auch daran erinnern, dass die Arbeit für die Integration mehr wert sein muss als ein billiges Honorarmodell. In Gedenken an die Frau aus der Liegnitzer Straße ist es an der Zeit, ihren Mut aufzubringen und die strukturellen Fehler zu korrigieren, damit Bildung nicht länger auf prekären Verhältnissen aufgebaut wird.


