Von Diven, Göttinnen und dem Patriachat

Ich schreibe diesen Text im Februar 2026. Versuchen Sie sich kurz zu erinnern, was Sie im Juni 2025 getan haben. Vor neun Monaten. Wissen Sie es noch genau? Ich weiß es nicht. Und neun Monate sind für uns eine überschaubare Zeit.

Stellen Sie sich nun vor, wir gingen nicht neun Monate, sondern fünftausend oder sechstausend Jahre zurück. Oder noch weiter: zehntausend Jahre, vor die neolithische Revolution, vor Sesshaftigkeit, vor Viehzucht und Ackerbau. In eine Zeit ohne Schrift, ohne medizinisches Wissen, ohne die Erklärungszusammenhänge, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Menschen wussten Dinge – sie kannten Pflanzen, Tiere, Jahreszeiten –, aber sie wussten noch nicht viel über sich selbst.

In dieser Welt lebt eine Gruppe von Menschen zusammen. Das wissen wir aus der Forschung: keine isolierten Kernfamilien, sondern Gemeinschaften aus mehreren Frauen und mehreren Männern, mit Hierarchien vielleicht, aber ohne das feste Paarmodell, das wir später für „natürlich“ halten. In dieser Gruppe bringt eine Frau ein Kind zur Welt.

Woher kommt dieses Kind?

Für uns ist die Antwort banal. Wir wissen ziemlich genau, dass diese Frau vor etwa neun Monaten Sex gehabt haben muss. Wir kennen die biologischen Abläufe, die hormonellen Prozesse, die Zellteilungen. Das Wunder des Lebens ist erklärbar geworden – und gerade dadurch ein anderes Wunder als früher.

Für Menschen vor zehntausend oder zwölftausend Jahren war das anders. Natürlich wird auch damals bemerkt worden sein, dass sich der Körper einer Frau verändert. Dafür braucht man keine neun Monate. Aber der Zusammenhang zwischen Sexualität und Geburt war nicht zwingend klar. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass er lange Zeit nicht verstanden wurde – zumindest nicht systematisch.

In der Vorstellungswelt dieser Menschen musste Geburt etwas grundsätzlich Anderes gewesen sein. Ein Ereignis ohne sichtbare Ursache. Ein Wunder.

Was folgt daraus? Wenn Menschen entstehen, ohne dass klar ist, wie – dann müssen sie gemacht worden sein. Von jemandem. Oder von etwas. Von Göttern. Und zugleich ganz offensichtlich von Frauen.

Menschen werden von Göttern gemacht. Und Menschen werden von Frauen gemacht.

Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Frauen mussten göttlich sein.

Und wie geht man mit Göttern um? Die alten Mythen kennen dafür zwei Grundreaktionen. Man verehrt sie, hofft auf ihren Beistand, versucht, sie gnädig zu stimmen. Oder man fürchtet sie, bekämpft sie, versucht, sie zu kontrollieren oder zu stürzen. Aufstand, Krieg und Ablehnung gehören zur Geschichte der Götter ebenso wie Opfer und Verehrung.

Vielleicht liegt hier ein möglicher Ursprung des Patriarchats – und zwar in beiden Richtungen. Auf der einen Seite der Gentleman, der Kavalier, der der Frau die Tür aufhält, ihr Blumen schenkt, sie schützt. Vielleicht aus einer tief sitzenden Ahnung heraus, dass diese Göttin ihm schaden könnte, wenn er sie missachtet. Auf der anderen Seite die patriarchale Ordnung, die Frauen systematisch herabsetzt. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Angst. Aus dem Wissen: Wenn man sie gleichstellt, wenn man ihre Macht anerkennt, könnten sie überlegen sein.

All das könnte zurückgehen auf einen sehr frühen Versuch, etwas Unbegreifliches zu erklären: Wie es möglich ist, dass Frauen Menschen machen.

Spuren dieser Vorstellung finden sich bis heute in unserer Sprache. Besonders schöne oder bewunderte Frauen nennen wir Göttinnen. Schauspielerinnen oder Sängerinnen werden als Diven bezeichnet. Im Englischen spricht man von goddesses. „Weck die Göttin in dir“ lautete einmal ein Werbeslogan. Dieses Göttliche haftet dem Weiblichen an – nicht dem Männlichen. Ausnahmen wie der „Halbgott in Weiß“ bestätigen eher die Regel, zumal sie geschlechtsneutral funktionieren.

Die Idee, dass Frauen einmal als Göttinnen betrachtet wurden, ist faszinierend. Und vielleicht erklärt sie auch, warum man irgendwann begann, sie zu unterordnen. Nicht weil sie schwach waren – sondern weil sie zu mächtig erschienen.

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