Erinnern Sie sich noch an den Geruch der städtischen Leihbücherei? Diese ganz eigene Mischung aus Bohnerwachs, tausendfach umgeblättertem Papier und der leicht statischen Aufladung der transparenten Schutzumschläge? Genau dort beginnt meine Geschichte. Ich war vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, als ich durch die Regale streifte, auf der Suche nach Abenteuern, die mich weit weg von den verregneten Nachmittagen bringen würden. Ich zog einen Band heraus: Yoko Tsuno.
Ich kannte Yoko natürlich. Die japanische Elektronikspezialistin mit dem Herz am rechten Fleck und dem schwarzen Gürtel in Aikido war in der Comic-Welt der 70er und 80er Jahre eine kleine Revolution. Eine Frau, die Technik verstand und Probleme löste, statt gerettet zu werden? Fantastisch. Ich lieh mir den Band „Wotans Feuer“ aus dem Zyklus der „Deutschen Abenteuer“. Doch was ich dann beim Umblättern sah, ließ mich fast das Buch fallen lassen.
Da war kein Raumschiff vom Planeten Vinea. Da war keine futuristische Megacity. Da war Wuppertal.
Es ist ein surrealer Moment, wenn die Fiktion plötzlich in die eigene Realität einbricht. Roger Leloup, der belgische Schöpfer der Serie, hatte meine Heimatstadt nicht einfach nur als Kulisse gewählt; er hatte sie mit einer Präzision seziert, die an Besessenheit grenzte. In den Panels sah ich das vertraute Stahlgerüst der Schwebebahn, aber es wirkte durch Leloups Feder veredelt, fast wie ein technisches Kunstwerk.
Man muss wissen, dass Roger Leloup kein gewöhnlicher Zeichner ist. Er ist ein technischer Ästhet, ein Detail-Fetischist im besten Sinne. Bevor er Yoko Tsuno ihr eigenes Universum schenkte, arbeitete er im legendären Studio Hergé. Er war der Mann, der für Tim und Struppi die Flugzeuge entwarf (erinnern Sie sich an den Privatjet in Flug 714 nach Sydney?), die Panzer und die Autos. Er lernte dort die Ligne Claire, die „Klare Linie“, bei der jeder Strich sitzt und Schattenwurf keine Frage von Stimmung, sondern von Geometrie ist.
Seine generelle Verbindung zu Deutschland und die Inspiration für die deutschen Schauplätze stammen aus seiner Zeit beim Militärdienst, den er in den 1950er Jahren in Deutschland ableistete. Diese frühen Eindrücke legten den Grundstein für die „Deutschen Abenteuer“ seiner Heldin.
Für seine Wuppertal-Episoden reiste Leloup irgendwann Anfang der 1980er eigens an. Er schoss hunderte von Fotos. Er wollte nicht irgendeine Hochbahn zeichnen, er wollte unsere Bahn. Und hier wird es für den Kenner amüsant: Leloup zeichnete die Station Ohligsmühle so detailliert, dass man heute fast wehmütig wird. Er zeichnete nicht nur das Gerüst. Er zeichnete die Fahrkartenautomaten. Er zeichnete die orangefarbenen Entwerter-Kästen. Er dokumentierte den profanen Akt des Ticketkaufens mit der gleichen Akribie, mit der er sonst außerirdische Raumstationen entwarf.
Doch die Reise ging weiter, weit über die Ohligsmühle hinaus. Leloup inszenierte eine Verfolgungsjagd durch das Tal, die für mich als Kind den absoluten Gipfel der Spannung darstellte. Da war der Alte Markt, pulsierend und lebendig, wo das Gerüst der Schwebebahn sich mächtig über die Kreuzung schob – eine Szenerie, die im Comic fast noch monumentaler wirkte als in der Realität.
Und schließlich meine Heimatstation: Oberbarmen. In der Geschichte wird dieser Ort zum dramatischen Schauplatz. Yoko trifft sich in einem automatisierten Schwebebahnzug mit Professor Zimmer, um Informationen über das tödliche Projekt „Wotans Feuer“ zu erhalten. Während die Bahn über die Wupper gleitet, tauschen sie Geheimnisse aus, beobachtet von finsteren Mächten. Die Fahrt endet schließlich in Oberbarmen, wo Yoko beim Aussteigen von bewaffneten Schurken erwartet wird, die sogar ihre Freundin Ingrid bedrohen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, die eigene Endhaltestelle, an der man sonst nur auf den Bus wartet, plötzlich als Kulisse für internationale Industriespionage zu sehen. Die Wagenhalle, die Gleise, die Hektik – Leloup hat die Atmosphäre des Wuppertaler Ostens perfekt eingefangen.
Für uns Wuppertaler ist das heute ein Glücksfall. Da die Stationen modernisiert und umgebaut wurden, sind Leloups Comics unfreiwillig zu historischen Dokumenten geworden. Sie konservieren den städtebaulichen Zustand der frühen 90er Jahre, eingefroren in perfekter Tusche. Wenn Yoko Tsuno unter dem Gerüst herjagt oder im Waggon kämpft, dann ist das mehr als Action. Es ist eine Verbeugung vor der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts durch einen Meister der Popkultur des 20. Jahrhunderts.
Die Schwebebahn war für Leloup mehr als ein Verkehrsmittel. In seinen Panels wirkt sie wie ein mechanisches Wesen, das den Takt der Stadt vorgibt. Sie ist schwer, aus Stahl und Nieten, und bildet den perfekten Kontrast zu Yokos filigraner Erscheinung. Vielleicht ist es genau das, was mich damals in der Bibliothek so fasziniert hat: Dass das Alltägliche, das Quietschen der Räder über der Wupper, plötzlich Teil eines großen, internationalen Abenteuers war.
Wenn ich heute an der Ohligsmühle stehe oder in Oberbarmen aussteige, muss ich oft schmunzeln. Die alten Entwerter sind weg, die Stationen sehen anders aus. Aber in meinem Kopf sehe ich Yoko, Vic und Knut, wie sie über die B7 hetzen. Roger Leloup hat Wuppertal nicht nur gezeichnet, er hat es geadelt. Und dafür gebührt ihm, dem Meister der klaren Linie, mein ewiger Dank – und der meines zehnjährigen Ichs in der Stadtbibliothek.


