Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Friedrich Merz,
sehr geehrte Mitglieder des Bundeskabinetts,
ich möchte Ihnen danken. Ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mir das Vertrauen in die Politik zurückgebracht haben, denn Sie haben es durch die vereinten Kräfte Ihres Kabinetts geschafft, uns erfolgreich von der Work-Life-Balance zu trennen, wie Sie, Herr Bundeskanzler, es versprochen haben. Lassen Sie mich kurz rekapitulieren, wie mein Leben dadurch vollkommen aus der Balance geraten ist.
Ein besonderer Dank gilt dem Innenminister, Herrn Alexander Dobrindt. Dadurch, dass die Integrationskurse verlangsamt wurden und zum großen Teil nicht stattfinden, musste ich mich aus meiner Komfortzone herausbegeben. Mein Träger musste sich ein neues Konzept überdenken, das nun darin besteht, dass ich online Deutschkurse für Menschen in Marokko betreuen darf. Da Marokkaner nicht so viel verdienen, darf ich nun für weniger Geld deutlich mehr arbeiten. Gestern war es mir so beispielsweise möglich, beachtliche 13 Stunden für meine Arbeit und den Arbeitsweg aufzuwenden, um die dortige Infrastruktur zu nutzen.
Dass solche langen Tage überhaupt möglich sind, verdanke ich dem Verkehrsminister, Herrn Patrick Schnieder. Die von seinem Ministerium organisierte Generalsanierung der Deutschen Bahn in Nordrhein-Westfalen sorgt zuverlässig dafür, dass mein Arbeitsweg von Wuppertal nach Schwerte jeden Morgen länger dauert – ab nächster Woche sogar um eine ganze Stunde.
Diese wundervolle Belastung lässt sich glücklicherweise nahtlos in meinen familiären Alltag integrieren: Unseren Sohn bringe ich morgens vor meiner langen Reise nach Schwerte in die Kindertagesstätte. Da ich von 7:00 Uhr morgens bis 20:00 Uhr am Abend für die Arbeit unterwegs bin, holt seine Mutter ihn nachmittags ab. Sie arbeitet übrigens in der Nachtschicht im Lager bei Amazon und verdient dort netto sogar mehr als ich mit meiner Lehrtätigkeit. Eine absolut perfekte Aufteilung!
Nun könnten Sie natürlich fragen, warum ich das Arbeiten dann nicht einfach sein lasse oder reduziere, also in Lifestyle-Teilzeit gehe. Hier kommt die Arbeits- und Sozialministerin, Frau Bärbel Bas, ins Spiel, der hier auch herzlich gedankt sei. Als Honorarkraft werde ich durch das Sozialgesetzbuch gezwungen, in die Rentenkasse einzuzahlen, was einem aber niemand sagt. Dies führt dazu, dass die Kasse nun jeden Monat 2.000 Euro für nicht eingezahlte Zeiten von mir fordert und bei Nichtzahlung ein Vollstreckungsverfahren droht. Da ich als Honorarkraft nicht bezahlt werde, wenn ich nicht arbeiten gehe, ist dies meine stärkste Motivation, auf keinen Fall zu Hause zu bleiben. Politik aus einer Hand zahlt sich eben aus.
Ich werde also auch künftig krank zur Arbeit gehen, denn ohne Arbeit verdiene ich kein Geld und kann die Rentenkasse nicht glücklich machen. Das hat für den Staat einen wunderbaren Nebeneffekt: Wenn ich weiterhin jeden Tag 13 Stunden aufbringe, ist davon auszugehen, dass dies meiner Gesundheit abträglich ist. Durch ein sozialverträgliches Frühableben werde ich das ganze Geld, das ich in die Rente einzahle, trotz aller theoretischen Ansprüche gar nicht erst nutzen. Ich diene dem Renten- und Krankenkassensystem so am allerbesten – ein Win-Win für beide Systeme!
Zu guter Letzt danke ich der Wirtschaftsministerin, Frau Katherina Reiche. Ich trage maßgeblich zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft bei, indem ich der marokkanischen Oberschicht, die ihre Kurse privat finanzieren kann, Geld abnehme und es hier in Deutschland für meinen Lebensunterhalt und die Rentenkasse ausgebe. Wir exportieren deutsches Wissen nach Marokko und setzen den feuchten Traum der Wirtschaft um. Ich bereite deutschsprechende Fachkräfte mit akademischem Hintergrund darauf vor, in Deutschland in Berufe zu wechseln. Ein Großteil meiner Teilnehmer möchte in medizinische Berufe gehen, aber ich unterrichte auch zukünftige Fachkräfte in den Bereichen IT und Logistik.
Ich erbringe im Kleinen also exakt die Leistung, die Sie sich als Bundeskabinett vorgestellt haben. Das ist total großartig für mich, für meine Familie und natürlich für dieses Land und für Sie als Regierung. Ich bin mir sicher: Wenn mein Sohn dann irgendwann so weit ist, wird er gut und gerne für dieses Land sterben, um es zu verteidigen.
Mit freundlichen Grüßen
Heiko Schnickmann

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