Gedanken und Geschichte(n)

Die (fast) vergessenen Zwangsarbeiterkinder

Als am 16. April 1945 die Amerikaner in Wuppertal einmarschierten, war der Krieg vorbei. Die weißen Fahnen wehten und in Wichlinghausen starben „2 namenlose Russenkinder“. Dieser stille, tragische Moment am Rande der sehnlich erwarteten Befreiung steht stellvertretend für ein dunkles Kapitel der Wuppertaler Stadtgeschichte, das lange Zeit buchstäblich unter der Erde verborgen lag. Auf dem lutherischen Friedhof an der Friedhofstraße endete in den letzten beiden Kriegsjahren 1944 und 1945 das viel zu kurze Leben von insgesamt 27 Säuglingen und Kleinkindern. Sie waren die wehrlosesten Opfer ihrer Zeit: Kinder von Zwangsarbeiterinnen, die zumeist aus der Sowjetunion deportiert worden waren, um hier unter Zwang die Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten.

Während die Frauen unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit verrichten mussten, waren viele ihrer Kinder in sogenannten Säuglingsbaracken, wie etwa dem firmeneigenen Hort der Metallwarenfabrik Kolb & Co., untergebracht. Die Überlebenschancen in diesen Einrichtungen waren durch Mangelernährung, fehlende Hygiene und bewusste Vernachlässigung erschütternd gering.

Wie unfassbar grausam die Realität aussah, schildert der überlieferte Bericht der ukrainischen Zwangsarbeiterin Tatjana Bilyk (geborene Titowa), deren kleiner Sohn Viktor genau dieses Schicksal erleiden musste. Sie berichtete später: „Als mein Sohn 6 Monate alt war, wurde ich in die Fabrik Kolb & Co. verlegt. Dort war ein Hort. […] Als ich mich weigerte, wegen meines Kindes Nachtschicht zu arbeiten, schlug mich der Lagerführer und zeigte mich bei der Gestapo an“. Tatjana Bilyk kam in ein Straflager und wurde von ihrem Kind getrennt. Die Rückkehr zu ihm schildert sie mit erschütternden Worten: „Als ich aus dem Straflager zurückkehrte, war mein Sohn schon zum Skelett abgemagert. Als ich ihn hochhob, war unter ihm schon ein Haufen Würmer“. Viktor starb qualvoll im Alter von nur 14 Monaten, wenige Wochen vor der Befreiung der Stadt.

Den toten Kindern wurde selbst im Tod jegliche Würde verwehrt. Es gab für sie keine kirchliche Bestattung, kein Geleit und keinen geistlichen Trost. Der historische Beweis dafür findet sich auf beklemmende Weise als „Negativbeweis“ in den originalen Beerdigungsregistern der Gemeinde. Wer die vergilbten historischen Akten aufschlägt, sieht dort akribisch geführte Spalten mit den Überschriften „Ob eine Grabrede gehalten worden“ oder „Ob eine Leichenpredigt gehalten worden“. Bei all diesen Säuglingen weisen die Spalten ausnahmslos gähnende Leere auf. Man findet dort lediglich kalte Striche, Nullen oder in der Spalte für die stille Beisetzung das lapidare Wörtchen „ja“. Ohne Glockengeläut, ohne Predigt und vollkommen klanglos wurden sie in der Stille verscharrt.

Jahrzehntelang blieb das „19. Feld links“ auf dem Friedhof unauffällig und überwachsen, bis das alte Beerdigungsbuch im Jahr 2013 wiederentdeckt wurde und den Opfern ihre Identität zurückgab. Aus dieser Erkenntnis erwuchs rasch der dringende Wunsch, einen dauerhaften Ort gegen das Vergessen zu schaffen. Gemeinsam mit dem Verein „Spurensuche NS-Geschichte in Wuppertal e.V.“ und vielen Spendern gestaltete der Friedhofsverband einen Gedenkplatz, der am 6. Oktober 2017 eingeweiht wurde. Bestimmendes Element sind heute 26 Naturstein-Stelen sowie eine erklärende Gedenktafel 16.

Die Begräbnis- und Gedenkstätte mahnt uns auf leise, aber unmissverständliche Weise. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der uns globale Konflikte und Kriege täglich schmerzhaft vor Augen führen, wie zerbrechlich der Frieden ist, verliert dieses Mahnmal nichts von seiner Erschütterung. Es steht als steinernes Bekenntnis dafür, dass die Erinnerung an erlittenes Unrecht wachgehalten werden muss – als fortwährende, dringliche Verpflichtung zur Mitmenschlichkeit in dunklen Zeiten.


Den Opfern ihren Namen zurückgeben Auf dem Friedhof an der Friedhofstraße ruhen Kinder, die fast vergessen waren. Die historischen Akten haben uns ihre Namen (teilweise in zeitgenössischer Schreibweise) überliefert. Wir nennen sie hier, um ihnen ihre Würde und ihren Platz in unserer Erinnerung zurückzugeben:

Anatoli Ewdoschenko, Lydia Smek, Antonia Fiodorowa, Galine Utjenkowa, Boris Hwosdewam, Boris Holoborotko, Luise Demora, Alexandr Tischomirow, Taissja Iwanowa, Lisa Reschuk, Alexander Apaltowa, Eduard Chestinskaja, Nona Stechko, Leonid Sapegin, Walentina Kritschenkowa, Peter Skibenko, Viktor Titowe (Sohn von Tatjana Bilyk), Wlodimir Kochan, Larissa Lewdikowa, Jana Stribz, Georg Brunila, Nikolay Trychleb, Heinz Ferd. Geysen, Nina Kuksowa. (Zuzüglich einer namentlich nicht benannten Totgeburt sowie der zwei Kinder, die lediglich als „unbekannt“ verzeichnet wurden).

Ein Kommentar

  1. Avatar von Manfred Rekowski
    Manfred Rekowski

    Mich hat die Frage, wie „meine“ Kirchengemeinde mit den zu Tode gekommenen Kindern der Zwangsarbeiterinnen umgegangen ist, seit längerem sehr beschäftigt. Heiko Schnickmann hat diese Frage beantwortet.
    Verstorbene in Würde zu beerdigen war „Christenpflicht“ und ein Akt der Barmherzigkeit. Dies wurde den Kindern der Zwangsarbeiterinnen verweigert.

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