Gedanken und Geschichte(n)

Der Fall Martha und Henry: Exotik als Überlebensstrategie

Es beginnt mit einem Foto: Darauf zu sehen sind zwei Menschen, ein Mann und eine Frau. Beide in der Kleidung des späten Kaiserreichs gewandet. Sie schauen in die Kamera und sie sind schwarz. Unter dem Foto der Hinweis: Martha und Henry. Die Bildunterschrift belegt, dass es sich um Servicekräfte handelt, die ihre feste Wohnung in der Flurstraße in Vohwinkel hatten. Die Flurstraße gab es erst seit 1903. Sie war parallel zur Bahnstraße angelegt worden und die Adressbücher zeigen, dass hier sehr viel Bahnpersonal (Zug und Schwebebahn) arbeitete. Einen Henry findet man nicht, eine Martha wäre nur als Alleinstehende oder Witwe aufgeführt worden. Eine kurze Recherche ergibt: Es gibt noch ein Foto, das online in Köln zugänglich ist. Es zeigt wieder Martha und Henry, diesmal wohnhaft im Kipdorf 90 in Elberfeld. Das Foto ist zeigt die Adresse in rot und sie ist schief auf die Postkarte gedruckt worden. Ein Nachtrag. Und schon wieder die selber Phrase „Das beliebte Paar aus West-Indien“. Was ist hier los?

Die Spur der beiden lässt sich anhand historischer Tageszeitungen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erstaunlich gut nachzeichnen. Martha und Henry waren ein Geschwisterpaar, das offensichtlich als reisende Attraktion durch das Rheinland, Westfalen und das Ruhrgebiet zog. Sie tauchen immer wieder in den Werbeanzeigen unterschiedlichster Gaststätten und Veranstaltungsorte auf, wo sie gebucht wurden. So kündigte das „Bahnhof Hotel“ in Hohenlimburg 1909 ein Schlachtfest an, bei dem explizit „Martha und Henry aus Jamaika“ bewirteten. Ein Wirt in Wald bewarb im selben Jahr „die beliebte Negerbedienung aus West-Indien, die Geschwister Henry und Martha“. Auch 1911 in Viersen in der Restauration „Zum Adler“ und in Bochum im „Westend“ gehörten sie zum begehrten Unterhaltungsprogramm. Um die Neugier der Gäste zu wecken, nutzten die Auftraggeber reißerische Schlagworte: Martha wurde als „schönste Negerin des Kontinents“ präsentiert, Henry als Polyglott, der durch „langjährige Reisen in aller Herren Länder sämtliche Weltsprachen“ beherrsche.

Das Phänomen schwarzer Servicekräfte war im Deutschen Kaiserreich nicht völlig neu, beschränkte sich aber in der Regel auf junge afrikanische Diener in direkter persönlicher Abhängigkeit. Ein genauerer Blick auf die Postkarten offenbart jedoch für Martha und Henry eine völlig andere Funktion und Arbeitsweise: Die Karte war ihre Visitenkarte als Serviceduo – gerichtet an potenzielle Arbeitgeber, nicht an die Gäste. Der Grunddruck zeigt sie als Paar – professionell, seriös und ansprechend.

Die Adresse auf den Karten wurde jeweils aktuell nachgedruckt – je nachdem, wo sie gerade logierten oder erreichbar waren. Daher stammt der verrutschte rote Druck, und daher rühren auch die wechselnden Adressen zwischen Elberfeld und Vohwinkel. Das erklärt auch schlüssig, warum die Adresse eine Privatunterkunft war und kein Lokal – Gastronomen und Veranstalter schrieben ihnen zwecks Akquise dorthin, nicht die Gäste.

Servicekräfte waren im Kaiserreich oftmals Wanderer zwischen den Orten. Zu bestimmten Saisons fanden sich in den Kurbädern ein oder suchten die großen Regionen auf, in denen sich um das Jahr 1900 herum nicht nur viele Menschen fanden, sondern auch viele neue Restaurationen. Martha und Henry, deren Nachnamen wir nicht kennen, hatten in dieser Masse von umherziehenden Servicekräften ein Alleinstellungsmerkmal: Ihre Herkunft und Hautfarbe, die sie lukrativ einsetzen konnten, weil in der damaligen Zeit ihre Herkunft als exotisch galt.

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