Gedanken und Geschichte(n)

Die Dozenten

weiblich, migrantisch, arm

Die staatlichen Integrationskurse ruhen fast ausschließlich auf den Schultern von bundesweit über 20.000 aktiven Lehrkräften. Betrachtet man die demografische Zusammensetzung des Lehrkörpers, so fällt sofort eine massive geschlechtsspezifische Unwucht auf: Der Integrationsbereich ist extrem weiblich dominiert, wobei der Frauenanteil bei den aktiven Lehrkräften bei weit über 75 Prozent liegt.

Diese Dominanz wurzelt historisch in der Tradition der Fremdsprachenvermittlung durch Gouvernanten im 19. Jahrhundert, entfaltet in der heutigen Unterrichtsrealität jedoch eine hochgradig brisante und produktive soziokulturelle Dimension. In den Kursen sitzen zahlreiche Männer aus patriarchal geprägten Gesellschaften des Nahen Ostens oder Nordafrikas. Das offizielle Curriculum schreibt die Vermittlung von Gleichberechtigung und die Akzeptanz weiblicher Führungspersonen zwingend vor. Da der Kurs in der Regel von einer Frau geleitet wird, bleibt dieses Lernziel keine graue Theorie aus dem Lehrbuch; die Dozentin verkörpert die Gleichberechtigung in ihrer Autoritätsposition unmittelbar im Raum. Die männlichen Teilnehmer müssen die weibliche Führung praktisch aushalten und einüben, was zwangsläufig zu kulturellen Irritationen und traditionell gefärbten Rechtfertigungsstrategien führt. Genau diese Reibung ist jedoch der zwingend notwendige Auslöser für tiefergehende kulturbezogene Lernprozesse und echte gesellschaftliche Integration.

Neben dem Geschlecht ist der Migrationshintergrund ein weiteres prägendes Merkmal der Dozentenschaft. Das System der Integrationskurse fungiert faktisch als gigantisches Auffangbecken für hochqualifizierte Akademiker aus dem Ausland. Studierte Ingenieure, Philologen oder Übersetzer, deren ausländische Abschlüsse auf dem stark reglementierten regulären deutschen Arbeitsmarkt oder im staatlichen Schuldienst oft an massiven bürokratischen Anerkennungshürden scheitern, finden beim BAMF eine der wenigen Möglichkeiten, auf akademischem Niveau zu arbeiten. Um die Zulassung zu erhalten, müssen sie lediglich einen formal als gleichwertig anerkannten Hochschulabschluss, Deutschkenntnisse auf dem C1-Niveau sowie eine 140-stündige Zusatzqualifikation nachweisen. Dieser hohe Anteil an Dozenten mit eigener Zuwanderungsgeschichte ist ein pädagogisches zweischneidiges Schwert: Einerseits fungieren sie als höchst authentische Vorbilder für gelungene Integration, besitzen eine enorme interkulturelle Sensibilität und wissen aus eigener, schmerzhafter Erfahrung, was es bedeutet, sich die schwere deutsche Sprache als Erwachsener aneignen zu müssen. Andererseits berichten Praktiker auch von qualitativen Herausforderungen, da einige dieser Lehrkräfte mit starken Akzenten sprechen oder die deutsche Grammatik nicht in letzter Konsequenz fehlerfrei beherrschen, was angesichts des anspruchsvollen B1-Prüfungsziels zu Problemen bei der Vermittlung der korrekten Schriftsprache führen kann. Die deutschen Muttersprachler im Kollegium werden in Erfahrungsberichten derweil häufig als politisch eher linksliberal und überaus idealistisch beschrieben.

Unabhängig von ihrer Herkunft stehen all diese Lehrkräfte im Klassenraum vor einer fast unlösbaren didaktischen Herkulesaufgabe. Das BAMF-System verlangt, dass die Zuwanderer im allgemeinen Integrationskurs innerhalb von nur 600 Unterrichtsstunden das Sprachniveau B1 erreichen. Für die Dozenten bedeutet dies, dass sie ihre Teilnehmer in rasender Geschwindigkeit durch den Stoff peitschen müssen: Für die 42 Lektionen eines gängigen Lehrbuchs bleiben bei 120 Unterrichtstagen durchschnittlich nur 2,8 Tage pro Lektion. Alle drei Tage müssen rund 50 neue Vokabeln und zwei komplett neue Grammatikthemen eingeführt und verarbeitet werden. Für spielerisches Lernen, tiefergehende Wiederholungen oder das Eingehen auf die individuellen Traumata der oft kriegsgeflüchteten Teilnehmer fehlt schlichtweg die bezahlte Zeit. Erschwert wird dieser Druck durch die extreme Heterogenität der Lerngruppen: In denselben Kursen sitzen hochgebildete Akademiker aus Europa unmittelbar neben Menschen, die in ihrer Heimat nur wenige Jahre eine Schule besucht haben. Mit Letzteren müssen die Dozenten überhaupt erst grundlegende Lerntechniken einüben – etwa wie man einen Text markiert oder die abstrakte Systematik eines Buches versteht –, bevor sie auch nur im Ansatz erklären können, was ein Verb oder ein Nomen ist. Dieser immense Druck führt insbesondere bei lernungewohnten Frauen zu massiven Stresssymptomen, psychosomatischen Beschwerden, hohen Fehlzeiten und schließlich zu Kursabbrüchen. Die Lehrkräfte fangen diese Frustration und Verzweiflung der Lernenden täglich auf und fungieren in der Praxis oft als unbezahlte Sozialarbeiter, Therapeuten und Lebensberater.

Als ob diese pädagogische und emotionale Last nicht schon erdrückend genug wäre, werden die Dozenten von den Behörden einem Kontroll- und Verwaltungsregime unterworfen, das in krassem Widerspruch zu ihrem akademischen Selbstverständnis steht. Viele der Lehrkräfte haben geisteswissenschaftliche Fächer wie Germanistik oder Geschichte studiert und pflegen einen intellektuellen Habitus, der stark auf inhaltliche Autonomie und eine gewisse Distanz zu profanen, rein ökonomischen oder administrativen Zwängen ausgelegt ist. Die Konfrontation mit der extrem formalistischen „Bürokratie des Überlebens“ im BAMF-System löst bei ihnen tiefe Frustration aus. Die Dozenten müssen minuziös Anwesenheitslisten führen, ärztliche Entschuldigungen der Kursteilnehmer kontrollieren und sich ständig gegenüber der Behörde rechtfertigen. Die Absurdität und das tiefe institutionelle Misstrauen des BAMF gegenüber seinen eigenen Lehrkräften zeigten sich besonders drastisch während der pandemiebedingten Online-Unterrichtsphasen: Dozenten wurden gezwungen, als Anwesenheitsbeweis Screenshots der Zoom-Sitzungen an die Behörde zu übermitteln. Da in den Videokonferenz-Programmen die oft sehr langen Namen spanischer oder arabischer Teilnehmer technisch abgeschnitten wurden, weigerten sich die BAMF-Sachbearbeiter regelmäßig, diese Personen als anwesend anzuerkennen. In der Folge erhielten die Teilnehmer unentschuldigte Fehlstunden und den Trägern wurde das Geld gestrichen, obwohl die Dozenten mit ihrer Unterschrift die Anwesenheit rechtsgültig bestätigt hatten. Dass die finanzielle Existenz der Träger und der Aufenthaltsstatus der Migranten von der Willkür eines Sachbearbeiters abhängen, der eine Abkürzung nicht versteht, wird von den Lehrkräften als absolute Schikane und Demütigung empfunden. Es zwingt sie in einen permanenten inneren Konflikt zwischen ihrem pädagogischen Ethos und dem Zwang, sich als Verwalter des eigenen prekären Status betätigen zu müssen.

Die wahre Tragödie dieser Berufsgruppe liegt jedoch in den skandalösen, staatlich verordneten Arbeitsbedingungen. Rund 70 Prozent der Lehrkräfte in den BAMF-Kursen sind nicht fest angestellt, sondern arbeiten als freiberufliche Honorarkräfte. Das Bundesamt zahlt aktuell eine Honoraruntergrenze von 42,23 Euro pro erteilter Unterrichtseinheit. Was isoliert betrachtet nach einem passablen Stundenlohn klingen mag, entpuppt sich bei der Betrachtung der Gesamtarbeitslast als nackte Existenzfalle. Vergütet wird den Dozenten strikt nur die reine physische Anwesenheitszeit im Klassenraum. Die unzähligen Stunden, die für eine vernünftige Unterrichtsvorbereitung, das Korrigieren der Hausaufgaben und Tests sowie die ausufernde BAMF-Bürokratie anfallen, bleiben komplett unbezahlt. Um von dieser Tätigkeit am Monatsende überhaupt ein bescheidenes Nettoeinkommen erzielen zu können, sind zahllose Lehrkräfte gezwungen, vierzig bis fünfzig Unterrichtseinheiten pro Woche zu erteilen. Rechnet man die unbezahlten Zusammenhangstätigkeiten hinzu, summieren sich die tatsächlichen Arbeitszeiten dieser Akademiker auf 50 bis 60 Stunden pro Woche. Dieses Pensum führt unweigerlich zu chronischer physischer und psychischer Erschöpfung; viele Dozenten sind nach ihren Kursen schlichtweg ausgebrannt.

Da sie als Solo-Selbstständige gelten, tragen diese Lehrkräfte zudem das volle unternehmerische und soziale Risiko der staatlichen Integrationsaufgabe komplett auf ihren eigenen Schultern. Wenn sie krank werden, verdienen sie keinen Cent. Wenn gesetzliche Feiertage anstehen, gehen sie leer aus. Besonders dramatisch ist die Situation während der Schulferien: Da viele kommunale Volkshochschulen und Träger den Unterricht in den Ferienwochen aussetzen, stehen diese Dozenten teilweise bis zu drei Monate im Jahr völlig ohne Einnahmen da. Gleichzeitig sind sie gesetzlich verpflichtet, die immens hohen Beiträge zur gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung in voller Höhe (Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil) selbst abzuführen. Diese brutale Selbstausbeutung gipfelt in der völligen Absurdität des 100-stündigen Orientierungskurses: Dort müssen genau diese prekär beschäftigten Dozenten den Zuwanderern in allen Details die Errungenschaften, die Sicherheit und die Solidarität des deutschen Sozialstaates, der Krankenkassen und des Rentensystems erklären, während sie selbst von eben diesem schützenden System komplett ausgeschlossen sind. Bildungsexperten und Betroffene bezeichnen es vollkommen zu Recht als reine Farce, wenn der Staat diese Menschen offiziell als Schlüsselakteure der Integration feiert, sie aber in Wahrheit in die vollkommene soziale Schutzlosigkeit des privatwirtschaftlichen Sektors auslagert.

Doch auf Nachfrage von betroffenen Dozenten, warum diese absolute qualitative Obergrenze nicht auch für die 70 Prozent der freiberuflichen Lehrkräfte gelte, die aus reiner Existenznot 40 bis 50 Stunden unterrichten müssen, antwortete das BAMF mit zynischer Kälte: Freiberufliche Lehrkräfte könnten die Umstände ihrer Tätigkeit schließlich „frei aushandeln“ und seien an gesetzliche Regelungen zum Arbeitnehmerschutz schlichtweg nicht gebunden. Man nutzt die Scheinselbstständigkeit bewusst als arbeitsmarktpolitisches Schlupfloch, um die Flexibilität zu wahren und keine eigenen, teuren Beamten- oder Angestelltenstrukturen aufbauen zu müssen. Wenn Träger dann in der Praxis versuchen, Lehrkräfte fest anzustellen, scheitert dies oft an der völlig unzureichenden Refinanzierung durch das BAMF, was zu absurden Auswüchsen führt.

Die Konsequenzen dieser institutionellen Verantwortungsflucht sind fatal. Das System vergleicht man in der Bildungsforschung längst mit den allgemeinbildenden Schulen, da die pädagogischen Anforderungen nahezu deckungsgleich sind. Doch während Gymnasiallehrer mit 25 Stunden pro Woche verbeamtet werden, brennen die Integrationskursdozenten in der Prekarität aus. Das Resultat ist ein massiver und unaufhaltsamer Brain Drain: Sobald sich die geringste Möglichkeit bietet, verlassen die qualifiziertesten Lehrkräfte das BAMF-System und wechseln in den regulären Schuldienst oder andere Branchen. Dass es auch anders geht, beweisen einige wenige kommunale Leuchtturmprojekte, wie etwa die Volkshochschule Essen. Diese reagierte auf das Herrenberg-Urteil und stellte mit politischer Rückendeckung der Stadtverwaltung in einem Kraftakt ehemalige Honorarkräfte im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) fest ein. Die Auswirkungen auf die Lehrkräfte dort sind eklatant: Die Dozenten berichten, dass sie endlich als integraler Bestandteil eines Kollegiums wahrgenommen werden, Zugang zu bezahlten Weiterbildungen haben und nicht mehr in ständiger existenzieller Angst leben müssen. Sie haben nun die zeitlichen Kapazitäten, innovative Unterrichtsmethoden zu entwickeln, was sich direkt und positiv auf die Qualität des Unterrichts und das Lernklima der Migranten auswirkt.

Doch solche Beispiele bleiben in Deutschland die absolute Ausnahme. Solange der Bund als oberster Auftraggeber sich weigert, die Integrationskurse mit einer auskömmlichen Finanzierung auszustatten, die flächendeckende Festanstellungen nach Tarif ermöglicht, bleibt die gesamte deutsche Integrationspolitik ein auf Sand gebautes Provisorium. Wer Integration ernst meint, kann sie nicht auf der systematischen Ausbeutung und der Altersarmut derjenigen aufbauen, die sie täglich an vorderster Front umsetzen sollen. Die ungeschönte Wahrheit lautet: Bevor Deutschland die Millionen von Zuwanderern erfolgreich in seinen Arbeitsmarkt und seine Gesellschaft integrieren kann, muss der Staat endlich anfangen, die eigenen Lehrkräfte juristisch, finanziell und moralisch in sein System zu integrieren. Alles andere bleibt eine staatlich finanzierte Integrations-Illusion.

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