Gedanken und Geschichte(n)

Der DTZ

Formalisierte Kenntnis

Die Architektur der sprachlichen und gesellschaftlichen Integration in der Bundesrepublik Deutschland stützt sich im Kern auf ein hochgradig standardisiertes und arbeitsteiliges Prüfungs- und Zertifizierungssystem.

Während das BAMF als staatliche Instanz die politischen und administrativen Rahmenbedingungen diktiert, ist die tatsächliche Messung der Sprach- und Orientierungskompetenzen an spezialisierte, formell gemeinnützige externe Testanbieter ausgelagert. Dieses System, das in seiner massenhaften Anwendung europaweit beispiellos ist, zielt darauf ab, die Integrationserfolge durch objektive, valide und reliable Prüfungsverfahren messbar zu machen. Der erfolgreiche Abschluss – dokumentiert durch das „Zertifikat Integrationskurs“ – entscheidet für die Zuwanderer über fundamentale Lebensperspektiven, da das Erreichen des B1-Sprachniveaus und das Bestehen des Orientierungskurstests zwingende rechtliche Voraussetzungen für die Erteilung einer Niederlassungserlaubnis und für die Einbürgerung darstellen. Eine detaillierte Betrachtung dieses ausdifferenzierten Testapparates offenbart jedoch ein zutiefst ambivalentes Bild: Einerseits besticht das System durch methodische Professionalität, europäische Vergleichbarkeit und den logistischen Kraftakt einer flächendeckenden Zertifizierung. Andererseits erzeugt genau diese Auslagerung in eine privatisierte Prüfungsindustrie eklatante strukturelle Reibungsverluste, teure Doppelstrukturen und eine verhängnisvolle pädagogische Eigendynamik in den Kursräumen, die das eigentliche Ziel der Integration – die spontane und authentische Kommunikationsfähigkeit im echten Leben – zunehmend zu untergraben droht.

Um die Dimensionen dieser Prüfungsindustrie zu begreifen, ist ein Blick auf die beiden zentralen Akteure und deren historische Genese unerlässlich. Über ein Jahrzehnt lang lag die alleinige administrative und konzeptionelle Federführung für den „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ) bei der telc GmbH, einem in Bad Homburg ansässigen Bildungsunternehmen, das als hundertprozentige Tochtergesellschaft des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV) agiert. Die historischen Wurzeln der telc GmbH reichen bis in das Jahr 1968 zurück, als in der Volkshochschullandschaft das erste standardisierte Sprachzertifikat entwickelt wurde. Im Jahr 2006 beauftragte das Bundesministerium des Innern (BMI) schließlich das Goethe-Institut und die telc GmbH gemeinschaftlich damit, den neu geschaffenen DTZ zu entwickeln, der das bis dahin gängige, aber für Zuwanderer zu unspezifische „Zertifikat Deutsch“ ablösen sollte. Die telc GmbH baute in der Folgezeit eine beispiellose Monopolstellung in der massenmarktlichen Abwicklung dieser Zertifizierungsverfahren auf und wuchs zu einem global agierenden Akteur heran, der heute über 90 verschiedene Prüfungsformate anbietet. Dass es sich bei der Administration staatlich verordneter Zwangstests um ein überaus lukratives Geschäftsmodell handelt, belegen die jüngsten Bilanzen des formell gemeinnützigen Unternehmens auf eindrucksvolle Weise. Mit Umsatzerlösen von 31,5 Millionen Euro, einem Jahresüberschuss von 14,1 Millionen Euro – was einer in der freien Wirtschaft geradezu astronomischen operativen Marge von über 44 Prozent entspricht – und historisch angehäuften Gewinnrücklagen von 53,5 Millionen Euro bewegt sich die telc GmbH in ökonomischen Sphären, die den Begriff der Gemeinnützigkeit für Außenstehende schwer fassbar machen. Um diese gewaltigen Überschüsse im Rahmen des strengen deutschen Gemeinnützigkeitsrechts und des Gebots der zeitnahen Mittelverwendung überhaupt rechtfertigen zu können, argumentiert das Unternehmen mit dem immensen Investitionsbedarf für die anstehende technologische Transformation, etwa der Entwicklung eigener digitaler Prüfungsplattformen und Remote-Tests.

Zum 1. Januar 2023 erfuhr diese institutionelle Landschaft einen massiven Paradigmenwechsel, als das BAMF der telc GmbH die Durchführung des DTZ entzog und die Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung e. V. (g.a.s.t.) mit dieser Aufgabe betraute. Der Verein g.a.s.t., getragen von Institutionen wie der Hochschulrektorenkonferenz und dem DAAD, war bis dahin primär für den „Test Deutsch als Fremdsprache“ (TestDaF) bekannt und operierte als elitärer akademischer Gatekeeper für internationale Studierende. Mit der Übernahme des DTZ musste g.a.s.t. sein Tätigkeitsfeld radikal auf die massenhafte Basisintegration ausweiten, was eine enorme logistische Neuausrichtung erforderte. Seitdem ist der Verein alleinverantwortlich für die 14-tägliche Terminorganisation, die Pflege der Aufgabendatenbank, den hochsicheren Versand der versiegelten Prüfungsunterlagen via Express-Dienstleister an rund 3.000 zugelassene Prüfstellen in ganz Deutschland sowie die zentrale, teils maschinelle Auswertung der hunderttausenden Antwortbögen. Die telc GmbH fokussiert sich seither ihrerseits auf das wachsende und ebenso lukrative Segment der berufsbezogenen Deutschsprachförderung und administriert den „Deutsch-Test für den Beruf“ (DTB). Für das Integrationskurssystem bedeutet dies, dass nun gleich zwei hochprofessionelle, millionenschwere Testanbieter die Geschicke der Sprachförderung dominieren.

Diese Auslagerung der Prüfungsinfrastruktur an externe Großanbieter hat unbestreitbare Vorteile, die vor allem in der angestrebten Qualitätssicherung und der absoluten Standardisierung liegen. Beide Organisationen sind an die strengen Minimalstandards der „Association of Language Testers in Europe“ (ALTE) gebunden. Die Prüfungsaufgaben werden nicht willkürlich am Schreibtisch entworfen, sondern durchlaufen aufwendige empirische Erprobungen (Pre-Tests) mit hunderten von Teilnehmenden, gefolgt von komplexen statistischen Itemanalyen nach dem sogenannten Rasch-Modell, um Schwierigkeitsgrade und Trennschärfen verlässlich zu ermitteln. Eine zentrale didaktische Errungenschaft des DTZ ist dabei seine Konzeption als „skalierte Prüfung“. Im Gegensatz zu binären Tests, die nur ein Bestehen oder Durchfallen zulassen, misst der DTZ die Fähigkeiten der Teilnehmenden gleichzeitig auf den Niveaustufen A2 und B1 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens (GER). Werden in den Bereichen Hören/Lesen und Schreiben unterschiedliche Niveaus erreicht, entscheidet die Leistung im mündlichen Ausdruck darüber, welches Gesamtzertifikat vergeben wird: Um das Gesamtziel B1 zu erhalten, muss das Sprechen zwingend auf B1-Niveau absolviert werden. Diese Skalierung sorgt dafür, dass auch lernschwierige oder bildungsfernere Migranten, die das hohe B1-Ziel verfehlen, am Ende des zermürbenden Kurses nicht mit leeren Händen dastehen, sondern durch ein A2-Zertifikat zumindest elementare Sprachkenntnisse offiziell bescheinigt bekommen, was Frustrationen abmildert und faire Rückmeldungen über den tatsächlichen Lernfortschritt ermöglicht.

Diesen unbestreitbaren testtheoretischen Errungenschaften steht jedoch in der Praxis ein fundamentaler struktureller Konstruktionsfehler gegenüber, der enorme personelle und finanzielle Ressourcen verschlingt: die Aufrechterhaltung einer flächendeckenden Doppelstruktur. Die harte institutionelle Trennung zwischen den Kursträgern, die den Unterricht vor Ort durchführen, und den externen Testmachern, die das Monopol auf die Zertifizierung halten, erzeugt einen massiven administrativen Wasserkopf. An jedem einzelnen Prüfungstag manifestiert sich diese Ineffizienz in den Schulen und Volkshochschulen: Ausländerbehörden und Jobcenter haben die Migranten in eigenen Akten erfasst, das BAMF führt eigene Kontrollregister, die lokalen Kursträger müssen die Teilnehmenden in aufwendigen Anmeldeverfahren in ihren Systemen verbuchen, und der Testanbieter g.a.s.t. generiert aus denselben Anmeldungen nochmals völlig eigenständige, hochsichere Datensätze. In den Verwaltungen der lokalen Bildungsträger müssen Mitarbeiter abends, am Wochenende und in ihrem Urlaub arbeiten, nur um die strikten Anmeldefristen und logistischen Vorgaben der Testanbieter und des BAMF punktgenau zu erfüllen. All dies wird durch den chronisch unterfinanzierten Kostenerstattungssatz des Bundes für die Träger nicht annähernd refinanziert. Während die externen Testkonzerne wie telc dank der millionenfachen staatlichen Prüfungsgebühren zweistellige Millionengewinne erwirtschaften, verbluten die ausführenden Schulen an der unbezahlten Administration der Prüfungslogistik und geben diesen ökonomischen Druck in Form von prekären Honorarverträgen oder Arbeitsverdichtung an die Lehrkräfte weiter. Zudem zwingen die Testanbieter die Lehrkräfte, sich durch kostenpflichtige, zeitintensive und meist nur drei Jahre gültige Lizenzierungstrainings immer wieder aufs Neue für die Abnahme der Tests zu legitimieren. Dass ausgerechnet die Dozenten an der Basis, die tagtäglich den Mangel verwalten, durch ihre Zwangsfortbildungen das Geschäftsmodell der florierenden Testindustrie weiter querfinanzieren müssen, offenbart die tiefe soziale Schieflage dieser Auslagerungsarchitektur.

Noch gravierender als die finanzielle Ineffizienz sind jedoch die pädagogischen Verwerfungen, die das externe Test-Regime im Klassenzimmer auslöst. Die Konfrontation eines extrem heterogenen Teilnehmerfeldes – vom studierten Ingenieur bis zum primären Analphabeten – mit einem standardisierten, zentralistischen Hochleistungstest zwingt das gesamte System in eine verhängnisvolle Eigendynamik, die in der Sprachwissenschaft als „Teaching to the Test“ scharf kritisiert wird. Da der gesetzliche Auftrag verlangt, dass die Zuwanderer innerhalb von in der Regel 600 Unterrichtsstunden das anspruchsvolle B1-Niveau erreichen sollen – ein Zeitrahmen, der für Menschen ohne formale Bildungserfahrung völlig utopisch ist –, bleibt den Dozenten im Unterricht schlichtweg keine Zeit für einen natürlichen, an den echten Bedürfnissen orientierten Spracherwerb. Um ihre Teilnehmer dennoch durch die für deren Aufenthaltsstatus existenziell wichtige Prüfung zu bringen, richtet sich der Unterricht ab der Mitte des Kurses oftmals fast ausschließlich auf das bloße Bestehen des DTZ aus. Sprachwissenschaftler wie Prof. Dr. Christoph Schroeder von der Universität Potsdam oder Ibrahim Cindark vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache kritisieren massiv, dass in den Kursen viel zu sehr auf den Test hingelernt wird.

Die Prüfung misst in der Folge oftmals nicht mehr die tatsächliche Sprachkompetenz, sondern die antrainierte Fähigkeit, ein spezifisches Testformat zu bewältigen. Da die Struktur der schriftlichen Prüfung bekannt ist, lernen zahllose Kursteilnehmer zu Hause intensiv standardisierte Redemittel, Beschwerdebriefe, Entschuldigungsschreiben oder Floskeln für die Wohnungssuche stur auswendig, um diese Textbausteine im Test dann punktgenau abzurufen. Im Lese- und Hörverstehen fokussieren sie sich auf antrainierte Schlüsselwörter. Die Diskrepanz zwischen der künstlichen Testsituation und der rauen Realität der spontanen Alltags- oder Berufskommunikation offenbarte eine empirische Studie von Cindark eindrucksvoll: Als Forschende mit ehemaligen Kursteilnehmern unvorbereitete, spontane Bewerbungsgespräche simulierten, in denen diese frei über ihre Interessen und beruflichen Ziele sprechen sollten, erreichten erschreckende sieben Prozent der Probanden in diesem realitätsnahen Setting das B1-Niveau. In den hochgradig trainierten und standardisierten offiziellen DTZ-Prüfungen des BAMF liegen die Quoten für das B1-Niveau hingegen historisch zumeist zwischen 50 und 56 Prozent. Dieser gewaltige Unterschied entlarvt den standardisierten Test in vielen Fällen als bildungspolitische Illusion. Er suggeriert der Politik und der Öffentlichkeit eine erfolgreiche Integration, während die Menschen in der unvorhersehbaren Realität des Arbeitsmarktes, in der Gespräche eben nicht nach einem vorher einstudierten Drehbuch ablaufen, oftmals scheitern. Die Testentwicklung, so die Warnung aus der Forschung, hat sich zunehmend von der Erforschung des tatsächlichen Lehrens und Lernens entkoppelt. Das externe Testsystem mutiert dadurch in den Augen von Kritikern zu einem bloßen methodischen Selektionsinstrument, mit dem der Staat den Aufenthaltsstatus verwaltet, das aber den individuellen Entwicklungsfortschritten der Menschen in einer hochliteralisierten Gesellschaft nicht gerecht wird. Forderungen aus der Wissenschaft, das formalisierte System flexibler zu gestalten, für lernungewohnte Teilnehmer offiziell auf das weitaus realistischere A2-Niveau herunterzugehen oder den Erfolg nicht als das Nonplusultra eines externen Testzertifikats zu definieren, prallen an den behördlichen und politischen Vorgaben jedoch regelmäßig ab.

Diese Problematik der reinen Anpassung und Instrumentalisierung setzt sich nahtlos im zweiten großen Prüfungsbaustein fort, dem Orientierungskurs und seinem Abschlusstest „Leben in Deutschland“ (LiD). Nachdem die Migranten den Sprachtest hinter sich gebracht haben, sollen sie in einem 100-stündigen Kurs (früher 45, dann 60 Stunden) mit der deutschen Geschichte, Rechtsordnung, Kultur und den Werten des demokratischen Zusammenlebens vertraut gemacht werden. Der LiD-Test besteht aus einem Multiple-Choice-Fragebogen mit 33 vorgegebenen Fragen, von denen für das Bestehen des Kurses 15 und für eine angestrebte Einbürgerung 17 korrekt beantwortet werden müssen. Auch hier zeigt sich die strukturelle Schwäche eines hochgradig formalisierten Prüfungsverfahrens. Die Vermittlung von demokratischen Grundwerten, Toleranz und politischer Mündigkeit ist ein tiefgreifender, machtsensibler und oft konfliktbehafteter Prozess, der zwingend den kritischen Diskurs, das Hinterfragen und das Aushalten von kulturellen Irritationen erfordert. Ein Testformat, das auf das Ankreuzen von vorgefertigten Antwortalternativen reduziert ist, steht diesem Ziel diametral entgegen.

Empirische Studien aus der Unterrichtspraxis, wie etwa von Rebecca Zabel, dekonstruieren die Wirkung dieses Testsystems schonungslos. Zabel belegt, dass die Teilnehmer im Orientierungskurs oftmals längst „kulturell orientiert“ sind, was bedeutet, dass sie genau wissen, welche moralischen und politischen Antworten der deutsche Staat von ihnen hören möchte. Der Orientierungskurs und der Multiple-Choice-Test verkommen dadurch zu einer kontrollierenden Funktion, in der die Migranten lediglich abgleichen, ob ihr Wissen dem offiziell geforderten staatlichen Wissen entspricht. Ein echter demokratischer Diskurs, bei dem die Zuwanderer aktiv an der Aushandlung von Bedeutungen mitwirken, wird durch die Testlogik im Keim erstickt. Den Lernenden bleibt laut Zabel lediglich die Option, die staatlich vorgegebenen Sachverhaltsentwürfe zu „akzeptieren“ oder sich „anzupassen“. Zabel wirft dem System vor, ein rein „assimilatives“ Integrationspotenzial zu entfalten, in dem die Integrationspolitik durch standardisierte Abfragen diktiert, wie die Dinge richtig zu sehen sind und wie über sie geredet werden muss, was letztlich Züge einer sanften Indoktrination trage. Wenn Migranten im Unterricht aus einer kulturellen Desorientiertheit heraus Widerstand gegen vorgegebene Wissensmuster leisten – was eigentlich der perfekte Ausgangspunkt für tiefgreifendes kulturbezogenes Lernen und demokratische Willensbildung wäre –, stört dies lediglich die Vorbereitung auf den starren Ankreuz-Test.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Auslagerung der Prüfungssystematik an externe Giganten wie die telc GmbH und g.a.s.t. e. V. ein in sich geschlossenes, ökonomisch hochprofitables und logistisch perfekt funktionierendes Ökosystem geschaffen hat. Der Staat kauft sich durch diese Konstruktion von der operativen Verantwortung frei und sichert sich durch ALTE-Standards und Skalierungsverfahren eine juristisch unangreifbare, europäisch vergleichbare und objektiv wirkende Datenbasis für seine Zuwanderungspolitik. Doch der Preis für dieses System ist hoch. Die Doppelstrukturen in der Verwaltung entziehen den Kursen an der Basis die dringend benötigten finanziellen Ressourcen. Die unerbittliche Logik der standardisierten Massenprüfung zwingt die Lehrkräfte in ein didaktisches Korsett, in dem das Trainieren von Testformaten und das Auswendiglernen von politisch korrekten Antworten den Raum für die Entwicklung echter, spontaner Kommunikationsfähigkeit und kritischer gesellschaftlicher Teilhabe verdrängen. Solange der Erfolg der Integration primär an der Fehlerquote eines Multiple-Choice-Bogens und dem Bestehen eines simulierten Prüfungsgesprächs gemessen wird, bleibt das System in einer formalistischen Schleife gefangen, die das Leben auf dem Papier meistert, an der Realität der Einwanderungsgesellschaft jedoch oftmals scheitert.

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