Gedanken und Geschichte(n)

Die Antwort

Mehr Geld und …?

Die staatliche Architektur der deutschen Integrationspolitik steht an einem historischen Wendepunkt. Jahrelang wurde das System auf der systematischen Ausbeutung von Honorarkräften, einer starren bürokratischen Ordnungspolitik und der Auslagerung hoheitlicher Aufgaben an private Träger und Testkonzerne aufgebaut.

Das Resultat ist ein kostenintensiver, ineffizienter Apparat, der an der Heterogenität der Zuwanderer oftmals scheitert und hochqualifiziertes Personal durch prekäre Arbeitsbedingungen aus dem Beruf drängt. Um diesen strukturellen „Murks“ nicht nur kosmetisch zu korrigieren, sondern die Integrationsinfrastruktur so aufzustellen, dass sie den Wohlstand der Bundesrepublik langfristig sichert und dem eklatanten Arbeitskräftemangel begegnet, bedarf es eines radikalen Paradigmenwechsels. Ein solches zukunftsfähiges Gesamtkonzept muss an den Wurzeln ansetzen: bei der sozialen Absicherung der Lehrkräfte, einer flexiblen und wissenschaftlich fundierten Unterrichtsgestaltung, einer durchgängigen sprachlichen Bildung über alle Lebensphasen hinweg, einer nachhaltigen Arbeitsmarktintegration sowie der echten strukturellen Einbindung der Zivilgesellschaft.

Die absolute Basis für jede erfolgreiche Bildungsarbeit ist das pädagogische Personal. Wer die Integration der Millionen von Zuwanderern ernst meint, muss zwingend bei den Dozentinnen und Dozenten anfangen und die unwürdige Praxis der Solo-Selbstständigkeit und der unzureichend bezahlten Honorarverträge beenden. Eine zentrale und institutionell verankerte Lösung, die in Fachkreisen diskutiert wird, ist die direkte Anstellung der Lehrkräfte durch das BAMF auf der Basis des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD). Ein solches Modell würde die staatliche Verantwortung für das Gesamtprogramm Sprache endlich auch arbeitsrechtlich abbilden und die Lehrkräfte über die gesetzlich geregelte Arbeitnehmerüberlassung den Kursträgern vor Ort zur Verfügung stellen. Dies würde das System von dem enormen ökonomischen Druck befreien, unter dem die Träger derzeit leiden, und den Lehrkräften die finanzielle Planbarkeit, soziale Absicherung und professionelle Anerkennung garantieren, die für einen qualitativ hochwertigen Unterricht unabdingbar sind.

Der Sprachwissenschaftler Christoph Schroeder fordert in diesem Zusammenhang vollkommen zu Recht eine verpflichtende und viel engere Zusammenarbeit der Träger, um ein garantiertes Kursangebot zu realisieren, welches durch seine Verlässlichkeit die flächendeckende Festanstellung der Dozenten überhaupt erst ökonomisch erlaubt. Nur durch einen solchen sicheren tariflichen Rahmen kann der massive „Brain Drain“ hochqualifizierten Personals, das derzeit völlig zermürbt in andere Branchen oder das reguläre Schulsystem abwandert, gestoppt werden. Die Dozenten dürfen nicht länger als rein fiskalische Verfügungsmasse betrachtet werden, sondern müssen als das anerkannt werden, was sie sind: unverzichtbare staatliche Akteure an der vordersten Front der gesellschaftlichen Eingliederung.

Parallel zur arbeitsrechtlichen Absicherung muss eine vollständige Abkehr von der starren, ordnungspolitisch motivierten Fixierung auf das Sprachniveau B1 erfolgen. Die Realität in den Klassenzimmern zeigt eindrücklich, dass das einheitliche Ziel, alle Zuwanderer – ungeachtet ihrer Vorbildung und Traumatisierung – innerhalb von zumeist 600 Stunden auf das B1-Niveau zu peitschen, völlig wirklichkeitsfremd ist. Ein Blick auf lokale Prüfungsergebnisse, wie etwa die des Trägers Prisma in Schwerte, demaskiert diese bildungspolitische Illusion: In verschiedenen Kursgruppen erreichen dort oftmals über die Hälfte der Teilnehmer (beispielsweise 56 Prozent oder 58 Prozent) lediglich das Niveau A2, während in anderen Konstellationen bis zu 67 Prozent der Prüflinge das Ziel komplett verfehlen und überhaupt kein verwertbares Zertifikat erhalten. Obwohl der Deutsch-Test für Zuwanderer (DTZ) testtheoretisch als skalierte Prüfung konzipiert ist, die gleichzeitig A2- und B1-Kompetenzen messen soll, wird politisch fast ausschließlich das B1-Zertifikat als Nachweis einer gelungenen Integration gewertet.

Dieser Druck führt zu dem fatalen „Teaching to the Test“, bei dem nur noch für das Prüfungsformat gedrillt wird, anstatt echte, alltagstaugliche Kommunikationsfähigkeit aufzubauen. Um dieses System zu heilen, bedarf es, wie von Schroeder gefordert, einer unabhängigen und vor allem auch sprachwissenschaftlichen Begleitung des gesamten Sprachkursangebots. Anstatt die Testentwicklung und Lehrplangestaltung isolierten Großkonzernen zu überlassen, muss die Wissenschaft einbezogen werden, um das Kursangebot flexibel und modular zu gestalten. Die kommunale Ebene muss bei der Revision des Kursangebots wesentlich stärker eingebunden werden, da Städte und Gemeinden am besten beurteilen können, welche spezifischen, niedrigschwelligen Formate vor Ort benötigt werden. Für lernungewohnte Menschen muss das A2-Niveau offiziell als realistischer und ausreichender Zwischenschritt anerkannt werden, der ohne Sanktionen in Bezug auf den Aufenthaltsstatus in weiterführende, berufsbezogene Maßnahmen münden darf.

Damit Integration jedoch nicht als isolierte Reparaturmaßnahme im Erwachsenenalter stecken bleibt, muss die Bundesrepublik eine durchgängige sprachliche Bildung etablieren, die das gesamte Bildungssystem vom Elementarbereich bis zur Berufsschule durchzieht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge selbst empfiehlt in seinem bundesweiten Integrationsprogramm nachdrücklich, die „Bildungssprache Deutsch durchgängig“ zu fördern und frühe Grundlagen bereits in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen zu legen. Sprachförderung darf kein Randthema des Nachmittagsunterrichts bleiben, sondern muss in das Zentrum der gesamten Institutionen rücken. Dies erfordert zwingend eine massive Aus-, Fort- und Weiterbildung des gesamten pädagogischen Personals für die frühkindliche und schulische sprachliche Bildung. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, dass angehende Erzieherinnen und Lehrkräfte aller Fachrichtungen während ihres Studiums verpflichtende Module in „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) absolvieren, um die sprachlichen Hürden im Fachunterricht professionell begleiten zu können.

Zudem muss die Rolle der Eltern mit Migrationshintergrund fundamental neu bewertet werden. Anstatt sie als defizitär zu betrachten, müssen ihre Bildungs- und Erziehungskompetenzen gestärkt werden, indem sie partnerschaftlich in die sprachliche Bildung ihrer Kinder einbezogen und von den Bildungseinrichtungen aktiv unterstützt werden,.

Ein Schlüssel zur Bewältigung dieser pädagogischen Mammutaufgabe liegt in der Diversifizierung des Lehrkörpers selbst. Angesichts eines drohenden, dramatischen Lehrkräftemangels – Prognosen des Philologenverbandes gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren bei rund 210.000 Lehramtsabsolventen bis zu 80.000 Lehrerstellen nicht adäquat durch voll ausgebildete Lehrkräfte besetzt werden können – muss das Potenzial von Akademikern mit Zuwanderungsgeschichte systematisch gehoben werden. Lehrkräfte mit Migrationshintergrund sind weit mehr als Lückenbüßer; sie fungieren als essenzielle Rollenvorbilder für Kinder mit Migrationshintergrund, machen Vielfalt an den Schulen bewusst und bringen wertvolle interkulturelle Kompetenzen in den pädagogischen Alltag ein. Durch ihre eigenen integrationsspezifischen Erfahrungen haben sie oftmals einen weitaus sensibleren Blick für die verborgenen Ressourcen der Schülerinnen und Schüler sowie für drohende Konflikte. Um dieses Potenzial zu nutzen, müssen die massiven bürokratischen Hürden bei der Anerkennung ausländischer Studien- und Lehramtsabschlüsse abgebaut und zielgerichtete Ansätze zur Steigerung des Anteils von Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund flächendeckend umgesetzt werden.

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist die nächste kritische Nahtstelle, die über den langfristigen gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheidet. Am Übergang von der Schule zur Ausbildung müssen gezielt berufsvorbereitende Deutschkenntnisse vermittelt werden, um die Ausbildungschancen junger Migranten substanziell zu stärken. Die Sprachliche Bildung für den Beruf und die berufliche Weiterbildung, die sogenannte berufsbezogene Deutschförderung, muss massiv ausgebaut und eng mit der fachlichen Qualifizierung verzahnt werden. Es reicht nicht aus, Menschen nach einem allgemeinen Integrationskurs sich selbst zu überlassen; vielmehr bedarf es einer systematischen Feststellung der tatsächlichen Deutschkenntnisse im beruflichen Kontext, einer präzisen Sprachbedarfsermittlung für spezifische Branchen und einer soliden Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals, das in diesem hochspezialisierten Bereich unterrichtet.

Diese nachhaltige Arbeitsmarktintegration steht im direkten Widerspruch zu politisch kurzatmigen Programmen wie dem erwähnten „Job-Turbo“. Eine weitsichtige Wirtschafts- und Migrationspolitik, die darauf abzielt, den Engpass an Arbeitskräften zu beheben und den Wohlstand langfristig zu sichern, muss den Geflüchteten und Migranten die notwendige Zeit für einen grundständigen Spracherwerb und die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Qualifikationen zugestehen. Deutschland braucht qualifizierte, dauerhafte Zuwanderer – seien es Spitzenkräfte der Wirtschaft, Wissenschaftler, Existenzgründer oder Auszubildende –, deren Integration nicht dem Zufall überlassen wird, sondern die durch gezielte Programme, wie etwa Auswahlverfahren durch Universitäten oder regionale Ausbildungskonferenzen, gesteuert und gefördert werden. Dabei dürfen die Herkunftssprachen der Zuwanderer nicht länger als Hindernis, sondern müssen als wertvolle Kompetenzen für eine globalisierte Welt begriffen werden, indem Mehrsprachigkeit aktiv gefördert und ökonomisch genutzt wird.

Ein derart umfassender Ansatz der Integration kann jedoch nicht allein vom Staat und seinen Institutionen verordnet werden; er bedarf des starken und verlässlichen Fundaments der Zivilgesellschaft. Hierbei spielen Migrantenorganisationen eine absolut überragende Rolle. Da sie das Vertrauen der Zuwanderer genießen und Menschen oftmals dort erreichen, wo staatliche Regeldienste an bürokratischen oder kulturellen Barrieren scheitern, müssen sie als gleichberechtigte Akteure der Integrationsförderung massiv gestärkt werden. Bislang scheitern viele dieser oft ehrenamtlich geführten Vereine an den strengen Trägerkriterien oder müssen sich von einem kurzfristigen Förderprojekt zum nächsten hangeln. Die Lösung liegt in einem Auf- und Ausbau tragfähiger, dauerhafter Strukturen für die Integrationsarbeit dieser Organisationen. Anstatt sie nur als Bittsteller für temporäre Töpfe zu behandeln, muss der Staat ihnen eine verlässliche Grundausstattungs- und Infrastrukturförderung gewähren, die ihnen Räumlichkeiten und festes Personal garantiert. Nur wenn diese Vereine finanzielle Planungssicherheit haben, können sie ihre wertvolle Expertise für die sprachliche und gesellschaftliche Eingliederung kontinuierlich entfalten.

Gleichermaßen muss die gesamte Mehrheitsgesellschaft in die Pflicht genommen werden. Gesellschaftliche Teilhabe erfordert eine konsequente interkulturelle Öffnung aller Institutionen, Ämter, Schulen und Vereine. Antidiskriminierungsmaßnahmen und die gezielte Förderung des bürgerschaftlichen Engagements – insbesondere die Einbindung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die interkulturelle Öffnung der klassischen Jugendverbandsarbeit – sind unerlässlich, um das Gefühl der Zugehörigkeit zu stärken. Integration darf nicht länger als eine einseitige Bringschuld der Zuwanderer missverstanden werden, bei der das Nichtbestehen eines Multiple-Choice-Tests über den Wert eines Menschen entscheidet.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren: Wenn Deutschland nicht Gefahr laufen will, durch demografische Überalterung, eklatanten Fachkräftemangel und eine erodierende soziale Infrastruktur ökonomisch und gesellschaftlich „vor die Hunde zu gehen“, muss der Staat Integration endlich als strategische Kernaufgabe und lohnende Zukunftsinvestition begreifen. Das aktuelle System, das seine eigene teure Verwaltungsbürokratie durch die Ausbeutung seiner Lehrkräfte finanziert, das auf unrealistische Prüfungsziele starrt, während die tatsächliche Sprechfähigkeit verkümmert, und das das Potenzial von Migranten und ihren Organisationen durch Misstrauen und bürokratische Hürden systematisch ausbremst, hat ausgedient. Der Weg in eine erfolgreiche, moderne Einwanderungsgesellschaft führt unweigerlich über gut bezahlte, fest angestellte Pädagogen, eine durchgängige und wissenschaftlich flankierte sprachliche Bildung von der Kita bis zum Meisterbrief, ein pragmatisches und bedürfnisorientiertes Einwanderungsrecht und eine stark finanzierte, interkulturell geöffnete Zivilgesellschaft. Nur wenn diese Lösungsansätze nicht länger als politische Absichtserklärungen in Schubladen verstauben, sondern mit mutiger finanzieller und struktureller Konsequenz flächendeckend in die Realität umgesetzt werden, kann Deutschland sein immenses Potenzial als vielfältiges und wirtschaftlich starkes Einwanderungsland in der Mitte Europas dauerhaft entfalten.

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