Irgendwann am Beginn der Umbauarbeiten an der Mählersbeck erwähnte Hermann-Josef Richter, ehemaliger Vorsitzende des Nächstebrecker Bürgervereins, dass Fritz Schmitz, der Gründer und langjährige Eigentümer des Freibads Mählersbeck, Kommunist gewesen sei, aber zum Millionär wurde, worüber beide herzhaft gelacht hätten. Ein Kommunist mit Freibad? Begeben wir uns auf die Suche.
Die Anfänge des Freibads liegen in den natürlichen Gegebenheiten der Gegend Nächstebrecks. Beck, das dürfte bekannt sein, bedeutet Bach. Und Bäche gibt es in Nächstebreck genug. Mählersbeck, Junkersbeck, Hasenkamper Bach, Schellenbeck, Beuler Bach und alle münden in die Schwarzbach. Vor langer Zeit bildeten sie vorher einen Weiher bzw. einen Teich, oder wie man in Barmen sagte: einen Diek.
Die Straßennamen spiegeln also, was da war: Wasser, manchmal so viel, dass der ein oder andere Acker überschwemmt wurde und zum Beckacker wurde. Und was sich im Bereich Weiherstraße, Diek und Beckacker bis heute in den Straßennamen zeigt, das passierte auch weiter oben, wenn auch unbemerkt von denjenigen, die Straßen benannten. Dort, wo Junkersbeck und Mählersbeck sich vereinen, kam es regelmäßig zu Überschwemmungen, die einen kleinen Teich bildeten. Das Wasser wurde im 17. und 18. Jahrhundert zum Bleichen genutzt, so erfolgreich, dass die Besitzer der Höfe in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Barmens und Elberfelds aufstiegen. Allerdings hatten nicht alle Mitglieder der Familie Mähler so viel Glück. In den 1820 Jahren musste Peter Mähler seinen Hof in der Mählersbeck zwangsversteigern lassen – ein Unterfangen, das sich bis 1822 hinzog.
Gekauft wurde der Hof wohl von der Familie Schmitz, die ihn als Bauern bewirtschaftete. Friedrich Schmitz starb vor 1903, seine Witwe arbeitete weiter auf dem Hof, damals mit der Adresse Mählersbeck 196. 1906 ist sie verstorben und ihr Sohn, auch Friedrich, führte den Hof weiter – aber anders. Friedrich Schmitz, genannt Fritz, erkannte, dass es sinnvoller war, nicht gegen das Wasser, das sich regelmäßig sammelte, anzukämpfen, sondern es für andere Zwecke zu gebrauchen. Um daraus Kapital zu schlagen, betrieb er neben der Landwirtschaft eine ganz besondere Gastwirtschaft. Gleich zwei Teiche – einen auf dem Geländer des heutigen Schwimmbads, der andere dort, wo heute der Parkplatz Rohnberg liegt, waren vorhanden. Was lag also näher, als die Teiche und die Wirtschaft miteinander zu verbinden, um ein Alleinstellungsmerkmal zu haben, das Kunden anlocken sollte?
Und die kamen rasch – allerdings waren es nicht die bürgerlichen Anwohner Barmens oder Nächstebrecks, die sich in die durchaus nicht unumstrittene Grenzregion zwischen Rheinland und Westfalen trauten. Zahlreiche Zeitungsartikel des späten Kaiserreichs berichten von Überfällen, Messerattacken und anderen Straftaten, die sich im Bereich Mählersbeck, Tente und Beckacker aufgetan hatten. Nein, wer kam, waren die Arbeiter, sogar die organisierten Arbeiter. Und das kam nicht von ungefähr, denn Ende des 19. Jahrhunderts wuchs in der Arbeiterschaft der Wunsch nach eigenen Sportvereinen. Die bürgerlichen Clubs waren oft nationalistisch geprägt, standen Arbeitern distanziert gegenüber oder schlossen sie wegen ihrer politischen Haltung aus. Als Gegenmodell entstanden Arbeitervereine, in denen Gleichberechtigung und Solidarität galten. Am 15. Juni 1907 gründeten 17 Personen den „Arbeiter-Schwimm-Verein Barmen“, erster Vorsitzender wurde Johannes Wilbert. Gerade in Zeiten von Standesdünkel und Ausgrenzung war der eigene Verein auch ein Ort der Begegnung, Diskussion und der Einigkeit. Seit 1909 stand dem Verein das Bad Mählersbeck zur Verfügung, in dem er bald sportliche Erfolge feiern konnte: 1909 fand in Mählersbeck die erste Schwimmveranstaltung statt, 1912 trat die Frauenabteilung mit einem Kunstreigen auf, 1914 folgte das erste Kreis-Arbeiterschwimmfest. Die “Mä” wurde so zum Zentrum eines Arbeitervereins, über den über die Stadtgrenzen hinaus in der Presse berichtet wurde. Am 6. Juli 1913 fand dort ein großes Schau- und Wettschwimmen des Barmer Schwimmvereins statt. Die zweite Mannschaft des Kölner Schwimmvereins schlug dabei überraschend die erste Mannschaft des Elberfelder Schwimmclubs – mit fünf Sekunden Vorsprung und als einziges Team mit erfüllter Pflichtzeit. Auch das Hauptschwimmen sorgte für Spannung: Josef Schnitz aus Köln siegte knapp vor Roleff aus Elberfeld. Nur ein Jahr später, am 28. Juni 1914, wurde das Schwimmbad erneut zur Kulisse eines besonderen Ereignisses: Das Wasserfest des Barmer Schwimmvereins lockte die Wasserballmannschaft des Schwimmvereins Poseidon 1905 aus Köln nach Mählersbeck – zu einem Wettspiel gegen eine noch auszulosende Mannschaft.
Die sportlichen Aktivitäten forderten von den Schwimmern allerdings auch ihren Tribut. SO mancher übernahm sich auch. Der Anstreicher Karl Hahn aus Barmen erlitt 1912 während des Schwimmens einen Herzinfarkt und starb in der “Mä”.
Während im Ersten Weltkrieg die Schwimmmeisterschaften ruhten, entschied sich Fritz Schmitz das Landwirtsein aufzugeben und widmete sich ganz seiner Tätigkeit als Wirt, unterstützt von seiner Schwester Helene, genannt Leni, die zum guten Geist des Bades und der Wirtschaft wurde. Neben dem Schwimmbad wurde die Wirtschaft auch durch Schaustücke belebt. So fand in ihrem Saal 1918 eine Theateraufführung statt, deren Erlös für die Kriegsfürsorge gespendet wurden.
Nach dem Krieg erlebten die Wettbewerbe erneute Aufmerksamkeit, aber im Zentrum des Arbeiter-Schwimm-Sports ging es nicht nur darum. Die Zeiten waren unruhig, die Weimarer Republik nicht gefestigt und die Arbeiter hofften darauf, das System zu revolutionieren. Vor und nach den gezogenen Bahnen in der Mählersbeck politisierten die Arbeiter und mit ihnen Fritz Schmitz, der zwar Unternehmer war, aber auch Mitglied in der Kommunistischen Partei und für diese nach 1922 auch im Barmer Stadtrat saß.
Als solcher stand Fritz Schmitz der Weimarer Republik ablehnend gegenüber und verachtete alle rechten und militärischen Vereine und Parteien. Deutlich wird das an zwei Episoden, die für einiges Aufsehen sorgten. Am 11. März 1919 wurde in der Mählersbeck ein geheimes Waffenlager entdeckt und von Regierungstruppen aufgelöst. Das Lager diente dem Barmer Arbeiterrat zur Ausrüstung einer sogenannten „Sicherheitswehr“ – und offenbar auch radikaleren Gruppen, die als Spartakisten bezeichnet wurden. Bei früheren bewaffneten Aktionen, etwa der Besetzung der Bahnhöfe Barmen-Rittershausen und des Hauptbahnhofs, stammten die eingesetzten Waffen nachweislich aus der Mählersbeck.
Als sich der Arbeiterrat Ende Februar 1919 zur schrittweisen Reduzierung seiner Sicherheitskräfte bereiterklärte, begann ein auffälliger Abtransport von Waffen. In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar wurden zahlreiche Lastwagen so schwer beladen, dass sie stellenweise liegenblieben. Die Polizei erhielt keinen Zugang zum Lager – der Ort blieb abgeriegelt und wurde von schwer bewaffneten Posten kontrolliert. Teilweise war der Weg durch die Mählersbeck für Zivilisten gesperrt.
Am 22. Februar trafen Regierungstruppen ein. Kurz zuvor war es auffällig still geworden: Vertreter des Arbeiterrats erschienen nur kurz vor Ort, und viele Waffen wurden eilig über den Berg nach Wichlinghausen geschafft. Bei der Durchsuchung fanden die Soldaten nur noch eine überschaubare Menge an Waffen – aber eine eingerichtete Waffenmeisterei mit abgeschlossenem Lagerraum. Am nächsten Tag konnten sogar erneut zwei Autos beobachtet werden, wie sie mit Gewehren aus der Mählersbeck fuhren.
Auch später galt die Mä den rechten als linker Hotspot, mit dem nicht zu spaßen war. Während des Kapp-Putsches 1920 wurde das Freibad von den Putschisten erneut nach Waffen durchsucht – mit dabei war der kommunistische Stadtverordnete Hack, damals noch ein strammer Rechter, der Anfang August 1924 wegen kommunistischer Umtriebe verhaftet wurde.
Im selben Monat wurde der nationalkonservative General Erich Ludendorff – einer der umstrittenen Strippenzieher des Ersten Weltkriegs – zu einem Auftritt in Barmen, sodass sich sich am selben Wochenende der Widerstand der politischen Linken formierte. Die Arbeiterschaft antwortete mit einem großen Aufmarsch zur Fahnenweihe des Roten Frontkämpferbundes, der paramilitärischen Schutzorganisation der Kommunistischen Partei. Die zentrale Feier fand am Sonntag um 15 Uhr im Baderestaurant der Mählersbeck statt – unter reger Beteiligung von Arbeitergruppen aus dem gesamten Wuppertal.
Doch die Eskalation ließ nicht lange auf sich warten: Nach der genehmigten Veranstaltung versuchte der „Rote Kampfbund“, ein kommunistischer Jugendverband, im Anschluss einen unangemeldeten Demonstrationszug durchzuführen. Die Polizei schritt ein, stoppte den Aufmarsch in der Westkotter Straße und beschlagnahmte mehrere mitgeführte rote Fahnen.
Die Verbindung zwischen der Mä, ihrem Betreiber Schmitz und der politischen Auseinandersetzung in der damiligen Zeit war so groß, dass manchmal schon ein Zwischenfall im Alltag genügte, um politisch ausgenutzt zu werden – etwa durch Verleumdung. Eine gegen Schmitz und die Kommunisten eingestellte Zeitung veröffentlichte einen anonymen Bericht, der angeblich von auswärts eingereicht worden war, aus dem hervorging, dass der Bademeister mehrere Arbeiterkinder, die sich unerlaubt Zutritt verschafft hätten, zum Sprung in den Teich gezwungen habe, um sie anschließend mithilfe eines Hundes wieder hinauszutreiben. Schmitz habe dies mit „Händen in den Hosentaschen“ still beobachtet.
Die Vorwürfe wurden öffentlich zurückgewiesen: Mehrere Augenzeugen und Eltern der Kinder bestätigten schriftlich, dass es weder Übergriffe noch Hundebisse gegeben habe. Auch der angeblich passive Besitzer war zur fraglichen Zeit nachweislich auf einer Stadtverordnetensitzung.
Trotz all dieser politischen Verstrickungen der 1920er Jahre trat Fritz Schmitz in den 30ern kaum in politische Erscheinung. Das Schwimmbad lief und darauf konzentrierte er sich. Weiterhin fanden Sportveranstaltungen statt. Und das einzige, durch das die Mä auffiel, war eine zu niedrige Temperatur des Wassers.
Die Nachkriegszeit konnte Schmitz nutzen, um das Geschäft weiter auszubauen und konnte daher im Mai 1953 die Eröffnung seines modernisierten Strandbades überregional anpreisen. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich die Mä zu einer Institution – nicht nur als Freibad, sondern auch als Veranstaltungsort für Tanztees und ähnliches. Viele Wuppertaler erinnern sich bis heute daran und auch, dass manchmal die alte kommunistische Prägung doch noch durchkam. Wenn die Jugendlichen zu viel Quatsch machten und dann vom Rausschmeißer Hausverbot erhielten, war es Leni Schmitz, die dafür sorgte, dass sie trotzdem bleiben konnten.
Die Übergabe des Bades an die Stadt Wuppertal – und die damit einhergehende Verstaatlichung – im Jahre 1970 erscheint bei einer roten Vergangenheit nur folgerichtig.

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