Gedanken und Geschichte(n)

Wut – Mein Beitrag zur Literatur Biennale Wuppertal

Am 7. Mai begann die Wuppertaler Literatur Biennale. Thema ist Wut. Das kann ich auch.

Ich bin wütend. Ich bin wütend auf ein Rentensystem, das mir ironiefrei verspricht, im Alter nichts für mich übrig zu haben. Ein System, das mich heute schon fast zwanzig Prozent abführen lässt, damit ich später die hohle Hand bekomme.

Ich bin wütend, dass niemand sagte, dass auch ein Selbstständiger einzahlt, ob er will oder nicht. Wütend, dass die Rentenkasse sechs Jahre lang schweigend zugeschaut hat, bevor sie aufwachte: Ach ja, da war noch jemand. 

Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich nicht gefragt habe. Weil ich geglaubt habe, Regeln würden irgendwann von selbst Sinn ergeben. Ich bin wütend auf ein System, das mich gleichzeitig Arbeitgeber und Arbeitnehmer nennt und ich will einfach nur unterrichten.

Ich bin wütend auf einen Arbeitsmarkt, der mir ins Gesicht sagt: Für 17,50 Euro brutto pro Stunde kannst du hier Deutsch unterrichten – und dann so tut, als sei das ein Angebot und kein Hohn. Ich bin wütend auf ein BAMF-System, ein System, das mich nicht einstellen will zu einem fairen Lohn und gleichzeitig vorgibt, Integrationsarbeit sei gesellschaftlich wichtig.

Ich bin wütend, weil das alles kein Versehen ist. Es ist gebaut. Es ist gewollt. 

Aber es gibt Meinungsfreiheit.

Ich  bin wütend auf die Ausländerbehörde. Wütend, weil sie meiner Frau keinen deutschen Pass gibt, als wäre Staatsbürgerschaft ein Gnadenakt und kein Rechtsanspruch. Wütend, weil dort niemand sagt, wann etwas kommt, was fehlt, was passiert – alles bleibt hinter Glas, hinter Türen, hinter einem Sicherheitsbeamten. Und irgendwann entscheidet irgendwer, heute nicht zu entscheiden.

Ich bin wütend, weil wir nicht nach London reisen können, weil eine Behörde schweigt. Wütend auf die Behörde in Kinshasa, die Pässe ausstellt, die in Deutschland behandelt werden, als wären sie Spielgeld. Wütend auf die Botschaft in Berlin, die keine ausstellt.

Ich bin wütend auf ein System, in dem meine Frau den Bundestag mitfinanziert, aber politisch nicht mitbestimmen darf. Ich bin wütend auf ein Land, das sie wie eine Bürgerin zweiter Klasse behandelt, die nicht frei reisen kann, obwohl sie hier lebt, arbeitet, Steuern zahlt, Familie hat.

Ich bin wütend, weil etwas nicht funktioniert und wir es trotzdem bezahlen müssen. Wütend auf dieses schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis aus hohen Steuern und miesem Service, der sich anfühlt wie eine ständige Bitte um Erlaubnis, überhaupt existieren zu dürfen. 

Aber wir leben in einer Demokratie.

Ich bin wütend auf die Deutsche Bahn. Wütend, weil mein Zug regelmäßig zu spät kommt, während die Wirtschaftsweisen davon faseln, dass Feiertage dem Wachstum schaden. Ich bin wütend, dass ICEs immer überholen dürfen, als seien sie adelige Kutschen auf einer Reichsstraße, vor denen alle anderen gefälligst in den Straßengraben springen. Ich bin wütend, dass Güterzüge noch vor diesen Kutschen Vorfahrt haben, weil Produkte wichtiger sind als diejenigen, die sie machen.

Ich bin wütend darauf, dass der Fernverkehr wie ein Heiligtum behandelt wird, weil jedes kleine Pisselsdorf im Ruhrgebiet unbedingt einen ICE-Anschluss braucht, damit sich dort irgendwer wichtig fühlen kann. Ich bin wütend, weil ich den Pendlerverkehr für unendlich viel bedeutender halte. Den brauchen Millionen Menschen jeden einzelnen verdammten Tag, um ihr Leben und dieses Land am Laufen zu halten. Und trotzdem wird er behandelt, als wäre er ein lästiges Hintergrundrauschen.

Ich bin wütend, dass seit dreißig Jahren nichts investiert wurde, und dass man jetzt so tut, als könne man dieses Loch mit einem Bruchteil stopfen, als würde ein Flicken reichen für ein zerrissenes Netz. Ich bin wütend auf einen Staat, der meint, eine schwarze Null sei wertvoller als ein funktionierendes Land. 

Aber wir haben sauberes Trinkwasser und fließenden Strom.

4.

Aber ich will kein Aber mehr.

Das Fundament unseres Staates ist in Gefahr. Das sollen wir schützen, hört man immer wieder. Meistens von denen, die kaputte Fenster nicht reparieren, die das lecke Dach ignorieren, die von den rissigen Wänden nichts wissen wollen. 

Dann mach es doch selbst! Engagier dich. Ja, wann denn? Nach neun Stunden Arbeit und zwei Stunden Zugfahrt? Beim Ausfüllen der Formulare für irgendeine Behörde? Wenn mein Sohn nach seinem Papa und meine Frau nach ihrem Mann ruft? Und warum eigentlich? Interessiert mich das wirklich? Nein. Ich will meine Zeit mit schönen Dingen verbringen. Für diesen ganzen politischen Quatsch gibt es Menschen, die das machen können und wollen. Sie machen es nur schlecht.

Und wenn nichts läuft, wenn wir uns abgehängt fühlen, nicht gesehen, nicht respektiert – dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich einer denkt: Vielleicht probiere ich die Alternative. Die kann zwar auch nichts, aber sie verspricht, das Haus einzureißen, das man längst nicht mehr als Heimat empfindet. Und dann ist diese Wut endlich raus. 

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