Neues Gesprächsformat im Stadtteilzentrum Wiki: Der Denk.Raum.Wiki startet im Juni
Ab Juni 2026 lädt der Wuppertaler Historiker, Germanist und Dozent Heiko Schnickmann zu einem neuen offenen Gesprächsformat ins Stadtteilzentrum Wiki in Wichlinghausen ein. Der Denk.Raum.Wiki versteht sich als niedrigschwelliger Treffpunkt für Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam über gesellschaftlich relevante Themen nachdenken und neue Denkräume öffnen wollen – ohne Agenda, ohne Podium, ohne Konsumzwang.
Den Auftakt macht am 11. Juni 2026 um 18:30 Uhr ein Impulsabend zum Thema Medien, Macht und Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie massenmediale Logik unsere Wahrnehmung konstruiert – und was eine Gesellschaft braucht, in der immer mehr Menschen in ihrer eigenen Informationswelt leben. Der diesjährige Tod von Jürgen Habermas, dem großen Denker des Strukturwandels der Öffentlichkeit, verleiht dem Thema besondere Aktualität. Was Habermas für die bürgerliche Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts beschrieb – den Ort, an dem vernünftige Bürger miteinander streiten und Meinung bilden –, war in Wuppertal einst die Elberfelder Lesegesellschaft. Der Denk.Raum.Wiki knüpft an genau diese Tradition an: bescheiden, lokal, aber mit dem gleichen Anspruch. „Das erste Thema eines neuen Mediums über Medien zu machen“, sagt Schnickmann, „ist vielleicht selbstreferenziell – aber ich finde es sehr gewinnbringend.“
Der Denk.Raum.Wiki ist kein Expertenforum und keine Podiumsdiskussion. Ein kurzer Impulsvortrag von maximal zehn Minuten eröffnet den Abend – die Diskussion gehört den Teilnehmenden. „Ich bin kein Experte für die Themen, die ich auswähle. Ich interessiere mich für sie. Und dann rede ich möglichst wenig und die anderen möglichst viel.“ Das Format setzt auf den dritten Ort: einen Raum jenseits von Zuhause und Arbeit, an dem Begegnung ohne besonderen Anlass möglich ist. „Gesellschaft findet vor Ort statt“, ist Schnickmann überzeugt. „Im Quartier. Im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.“ Das Programm bis Dezember umfasst weitere Themenabende – darunter im Juli ein Blick auf 250 Jahre USA und im Oktober die Frage, wie Integration in Deutschland wirklich läuft.
Das Projekt wird von niemandem gefördert und verfolgt keine institutionelle Agenda. Die Diakonie Wuppertal stellt dankenswerterweise den Raum zur Verfügung und beteiligt sich an den Druckkosten. Planung und übrige Kosten trägt Schnickmann selbst – aus der Überzeugung, dass ein wirklich freier Austausch auch finanziell unabhängig sein sollte.
Interview
Herr Schnickmann, Sie sind Historiker, Dozent und Autor – und jetzt auch Gastgeber eines offenen Gesprächsabends. Wie kam es dazu?
Es gibt einen Anlass und einen Grund, die ich gerne auseinanderhalte. Der Anlass war ein Gespräch mit Leo Schmitz, der mir sagte, er würde gerne zu meinen Veranstaltungen kommen, aber es klappe irgendwie nie. Und da dachte ich: Wenn es nicht nur ihm so geht, sondern anderen Menschen auch, dann muss ich vielleicht einfach häufiger und niedrigschwelliger präsent sein. Der Grund ist tiefergehend. Ich habe ein Buch über Wut gelesen, in dem stand, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, ihre Stimme werde nicht gehört. Und gleichzeitig beklagen wir das Kneipensterben – den Verlust des dritten Ortes, an dem man sich trifft, ohne dass es einen Grund dafür braucht. Wenn die Kneipe stirbt, fällt dieser Ort weg. Den Denk.Raum.Wiki verstehe ich als ein Angebot, diesen Raum neu zu öffnen.
Warum das Stadtteilzentrum Wiki in Wichlinghausen?
Das hat eine ganz schlichte Logik: Ich bin Wichlinghauser, ich wohne gerne hier, und das Wiki ist fünf Minuten von meiner Haustür entfernt. Ich habe ein Zeitfenster bis zwanzig Uhr – danach unterrichte ich online in Casablanca – also bleibt mir eine Stunde zwischen achtzehn Uhr dreißig und etwa zwanzig Uhr. Das klingt wenig, aber eine Stunde reicht, wenn man Lust hat zu reden. Und ich merke bei meinen Veranstaltungen immer wieder: Die Menschen kommen oft gar nicht wegen des Themas, sondern weil sie miteinander reden wollen. Das Wiki ist seit zehn Jahren da, und ich finde, man kann es ruhig mit noch einem Angebot füllen.
Sie tragen Planung und Kosten weitgehend selbst. Ist das Überzeugung oder Notwendigkeit?
Beides, ehrlich gesagt. Natürlich wäre es schön, für etwas bezahlt zu werden, das einem Spaß macht. Aber das Fehlen eines Geldgebers hat auch einen eigenen Reiz – gerade bei einem Format, das von freiem Austausch lebt. Denn Unabhängigkeit ist nicht immer so unabhängig, wie sie klingt, wenn irgendwo eine Institution mitfinanziert und mitreden will. So gesehen ist es vielleicht sogar ein Vorteil. Die Diakonie Wuppertal stellt uns den Raum zur Verfügung und beteiligt sich an den Druckkosten – das ist eine großzügige Geste, für die ich dankbar bin. Und vielleicht findet sich irgendwann jemand, der das Format finanziert, ohne hineinreden zu wollen. Ich glaube es aber nicht.
Den Auftakt macht ein Abend über Medien, Macht und Gesellschaft. Warum dieses Thema?
Der Denk.Raum.Wiki ist in sich selbst ein Medium – ein soziales Medium sogar, allerdings ohne technische Abhängigkeit. Und wir sehen gerade, welche Probleme entstehen, wenn man sich auf Plattformen verlässt, deren Regeln woanders gemacht werden. Der Denk.Raum.Wiki funktioniert über persönliche Begegnung. Wenn jemand nicht kommen mag, bleibt er weg – ohne Konsequenzen für alle Beteiligten. Das ist ein Luxus, den soziale Medien nicht bieten. Außerdem begleiten mich Medien seit der Schulzeit, nicht als Konsument, sondern als jemanden, der sich fragt: Wie schreiben Medien? Was sagt der Diskurs über sie? Und der diesjährige Tod von Jürgen Habermas, dem großen Denker des öffentlichen Raums und des Strukturwandels der Öffentlichkeit, hat das Thema noch einmal sehr gegenwärtig gemacht. Das erste Thema eines neuen Mediums über Medien zu machen – das ist vielleicht selbstreferenziell, aber ich finde es sehr gewinnbringend.
Medien konstruieren Wirklichkeit, statt sie abzubilden – eine steile These.
Eigentlich keine neue. Die Überlegung, dass Wahrheit konstruiert wird, geht auf Michel Foucault und die französische Theorie zurück. Und im Grunde haben wir das alle schon im Deutschunterricht gelernt: Ein Ereignis passiert, eine Zeitung findet es gut, eine andere findet es schlecht. Das ist Interpretation. Was in der Literatur gilt, gilt in der Geschichtswissenschaft – und was dort gilt, gilt auch für unsere Gegenwart. Medien interpretieren immer. Das ist keine Kritik, das ist eine Beschreibung.
Was unterscheidet den Denk.Raum.Wiki vom Stammtisch oder der Podiumsdiskussion?
Der Stammtisch lebt von den vertrauten Gesichtern, die immer wiederkommen und deren Meinung man meist schon kennt. Das hat seinen Charme – aber es fehlt die Reibung. Das alte Bild des Stammtischs, an dem der Industrielle, der Pfarrer und der Gewerkschafter zusammensitzen, das gibt es kaum noch. Genau diese Reibung möchte ich wieder ermöglichen. Zur Podiumsdiskussion: Da reden Experten miteinander, das Publikum darf am Ende Verständnisfragen stellen. Das ist das Gegenteil von dem, was ich will. Beim Denk.Raum.Wiki gibt es einen kurzen Impulsvortrag von mir – fünf, maximal zehn Minuten. Ich bin kein Experte für die Themen, die ich auswähle. Ich interessiere mich für sie. Und dann rede ich möglichst wenig und die anderen möglichst viel.
Und wenn niemand redet?
Da vertraue ich auf meine Erfahrung als Dozent – nicht als derjenige, der sagt, was richtig und falsch ist, sondern als jemand, der einen Raum liest. Wenn jemand die Augen verdreht, will er etwas sagen. Das zu erkennen und den Raum dafür zu öffnen, das ist die Aufgabe. Und was das Risiko des offenen Formats betrifft – Risiko gehört zum Leben. Das wusste schon Christopher Pike, der erste Kapitän der USS Enterprise. Entweder man lebt das Leben mit Schürfwunden und allem, was dazugehört, oder man wendet sich von ihm ab.
Warum ist Ihnen der lokale Rahmen so wichtig?
Weil Gesellschaft vor Ort stattfindet. Deutschland ist ein Abstraktum. Das Schlagloch in meiner Straße ist konkret. Die Wiedereröffnung des Freibads Mählersbeck, dreißig Minuten zu Fuß, macht mich froh. Das sind die Dinge, die direkt vor meinen Augen passieren. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, Demokratie funktioniere am besten im Großen. Sie funktioniert im Kleinen. Im Quartier. Im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
Was wäre für Sie ein gelungener Abend?
Wenn Menschen kommen. Zwei, drei oder zehn – Hauptsache, sie trauen sich, etwas zu sagen. Ein Raum mit zehn Leuten an zwei, drei Tischen, die miteinander reden und beim Gehen denken: Beim nächsten Mal komme ich wieder. Das wäre gut.

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