Gedanken und Geschichte(n)

Schwein gehabt – Zur Kulturgeschichte des Schweins

„What pleases People about a pig? They are not bred for their colour, friendiness or as a source of labour, transport or milk.“ Christopher Lloyd trifft den Kern der Sache in einem Satz. Das Schwein hat keinen Charme, keine gesellschaftliche Eleganz, kein Prestige. Es ist schlicht: nützlich. Und genau darin liegt seine außerordentliche Geschichte.

Homer lässt seinen Odysseus beim treuen Sauhirten Eumaios landen, der ihm einen prachtvollen Schweinestall zeigt: hoch auf einem weitumschauenden Hügel, mit zwölf Kofen für je fünfzig tragende Mutterschweine, die Eber schlafen draußen. Diese detaillierte Schilderung ist Programm – das Schwein war in der Antike kein Randtier. Für das Alte Reich der Ägypter ist Schweinehaltung in großer Zahl innerhalb der Tempelanlagen nachgewiesen. Tierknochenfunde aus der Türkei belegen die Domestizierung bereits im achten vorchristlichen Jahrtausend, wenn auch in vergleichsweise kleiner Zahl.

Warum wurde ein so nützliches Tier zunächst so wenig gehalten? Wahrscheinlich war es die Konkurrenz zu den Getreidefeldern: Die Gefräßigkeit der Wildschweine ließ die Ackerbauern zuerst zur Jagd greifen, dann zum Halten. Aus dem Feind auf dem Feld wurde das Tier im Pferch. Paralell entwickelte sich im Fernen Osten eine eigene Domestizierung, vor vielleicht 10.000 Jahren. Darwin glaubte noch, die asiatischen Schweine seien eine eigene Art; genetische Untersuchungen zeigen heute, dass beide Stränge zur eurasischen Wildschweinart sus scrofa gehören, deren Vorfahren sich allerdings vor 500.000 Jahren getrennt hatten.

In der abendländischen Tradition verbindet sich mit dem Schwein stets ein Widerspruch: ungeheuerlicher Nutzen, schlechtes Image. Varro empfahl, dass auf jedem römischen Gut Schweine zu halten seien. Plinius lobte das Tier für seine nahezu unerschöpflichen kulinarischen Möglichkeiten. Apicus wollte aus Schweineleber Wurst machen. Gleichzeitig stand das Schwein symbolisch für Völlerei, Wollust, Faulheit. Im mittelalterlichen Bildprogramm war es Attribut der Todsünden. Diese Spannung machte das Tier zum Werkzeug der Demütigung: Juden, denen das Schwein als unrein gilt, wurden über Jahrhunderte durch erzwungene Berührung mit dem Tier beschimpft.

Als unrein gilt das Schwein auch im Islam, als Symbol der Unreinheit schon in der levantinischen Tradition. Doch im Indien des Mogulreichs hielt der islamische Herrscher fette Schweine, die mit Zucker und Butter gemästet wurden – ausschließlich für den Verzehr. Der englische Gesandte Roe beschrieb seine Überraschung, als ihm ein solches Tier als Geschenk gebracht wurde. Die Erklärung: Goa, von wo die Schweine stammten, war europäisch geprägt; die Schweinezucht dort war Produkt des kulturellen Einflusses der Portugiesen, das als diplomatisches Geschenk weitergereicht wurde.

In der Neuen Welt setzte Christoph Kolumbus den Ausgangspunkt: Auf seiner zweiten Reise ließ er acht Schweine auf Hispaniola aus. Aus diesen acht Tieren sollen sich alle Schweine Amerikas entwickelt haben, so jedenfalls Las Casas. Ob das stimmt, sei dahingestellt – sicher ist, dass sich die Tiere im karibischen Klima mit Mais und tropischer Flora unglaublich schnell vermehrten. Ferdinand de Soto brachte beim Aufbruch Schweine mit nach Florida; als er drei Jahre später starb, hatte er siebenhundert. Indigene Gruppen begannen zunächst, die Tiere zu stehlen – unter drakonischen Konsequenzen –, übernahmen dann aber die Haltung vollständig. Die Tupinamba im heutigen Brasilien hielten Schweine schon nach weniger als hundert Jahren so selbstverständlich, dass der Jesuitenpater Cardim glaubte, es handle sich um einheimische Tiere.

In Südamerika, speziell in der Andenregion, entwickelte sich eine eigene Praxis. Anders als anderswo sperrte man die Tiere nicht ein, sondern ließ sie frei herumlaufen, um verdorbene Früchte und andere organische Abfälle zu vernichten – eine Übersetzung der europäischen Tradition, Schweine zur Waldmast in Wälder zu schicken. Diese Praxis hatte Folgen: Parasiten aus schlecht gewordenen Früchten übertrugen sich auf die Tiere und von dort auf den Menschen, ein Gesundheitsproblem, das erst im späten 20. Jahrhundert verstanden wurde.

In Ozeanien war die Sache komplizierter. Kapitän Bligh, bekannt aus der Meuterei auf der Bounty und weit weniger grausam als sein filmischer Ruf, notierte auf Tahiti, dass europäische Schweine die einheimische Rasse zu verdrängen schienen. Letztere ähnelten chinesischen Schweinen – und das kein Zufall. Genetische Untersuchungen belegen, dass die Schweine Polynesiens und jene Südostasiens sich über Jahrtausende gegenseitig beeinflusst haben, eine Tradition, die bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreicht. Blighs Beschreibung einer Verdrängung war also falsch: Tatsächlich hatten die Tahitianer europäische und einheimische Schweine miteinander gekreuzt. Sie übernahmen nicht einfach das Fremde, sie übersetzten es und integrierten es in ihre eigene Praxis. Das europäische Schwein war auf Tahiti übrigens Privileg des Adels und konnte nur gegen andere Prestigeobjekte – Beile, die Anwesenheit mächtiger Fremder – eingetauscht werden. Die wirtschaftliche Logik des Kapitals, die Bligh in jedes Tier projizierte, war auf Tahiti eine Fremdsprache.

Das Schwein ist also kein Tier mit Charme, kein Tier der Mythen und Götter. Es ist das Tier der Nützlichkeit, der Verwertbarkeit, des Pragmatismus. Genau darin liegt seine Stärke: Als Allesfresser, der keine Spezialnahrung benötigt und sich im Notfall selbst versorgen kann, reiste es auf jedem Schiff, bevölkerte jeden Kontinent und verwandelte das, was kein anderes Tier wollte, in Nahrung. Ob Tempelsau im Alten Reich, Sauhirt Eumaios‘ Liebling, Kolumbus‘ acht Pioniere oder Tahitis Adelsprivileg: Das Schwein hat immer seinen Platz gefunden – und meistens auf dem Teller geendet.

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