Gedanken und Geschichte(n)

Kleinvieh macht Weltgeschichte – Schaf und Ziege

„Kleinvieh macht auch Mist“ – ein Sprichwort der Bescheidenheit, ein Lob der kleinen Schritte. Wer es auf Schaf und Ziege anwendet, tut diesen Tieren eine gewaltige Untertreibung an. Denn historisch betrachtet macht Kleinvieh nicht nur Mist. Kleinvieh macht Weltgeschichte.

Man muss nicht weit reisen, um zu begreifen, wie tief diese Tiere in unsere Lebenswelt eingeschrieben sind. In Wuppertal trägt die Straße „Zur Schafsbrücke“ in Barmen noch den alten Dialektnamen Schopsbrögel. Über diese Brücke trieben die Bauern ihre Schafe, wenn Abgabentag war; das Ziel war der Dörner Hof, der feudale Oberhof. In Elberfeld erinnert die „Ziegenburg“ nicht an eine Festung, sondern an eine Weide auf der Hardt, auf der 1684 der Gemeindehirte von Elberfeld lebte, im Volksmund „Hippenhüter op der Haat“. Das Haus trug früher den Namen „Tyrol“ – weil die Hardt so steil war, dass man sich ein wenig wie in den Alpen fühlte.

Schaf und Ziege gehören zur Unterfamilie der Caprinae, sind sich anatomisch so ähnlich, dass selbst geübte Archäozoologen ihre Knochen kaum unterscheiden können, und erfüllten über Jahrtausende die gleichen Funktionen: Fleisch, Milch, Kleidung. Die Ziege wurde zuerst domestiziert, Ende des 9. Jahrtausends vor Christus im Fruchtbaren Halbmond, das Schaf folgte vor etwa 8.000 Jahren. Warum diese beiden? Weil sie handlich sind, anspruchslos, fruchtbar. Die Ziege vor allem ist ein Wunder an Genügsamkeit: Sie frisst das harte Gestrüpp, das andere Tiere verschmähen, und verwandelt es in hochwertige Proteine.

Der entscheidende Schritt aber war nicht das Fleisch – wer ein Tier schlachtet, hat einmalig Nahrung; wer es melkt, hat täglich Versorgung. Die Milch war der Treibstoff der Neolithischen Revolution. Und wer Milch hat, hat Besitz. Das hebräische Wort Mi-k-nä-h bedeutet sowohl Hornvieh als auch Besitz. Wo Besitz ist, entsteht der Wunsch nach Kontrolle und Verwaltung. Und hier vollzieht das Kleinvieh seinen größten Schritt in die Weltgeschichte: Es zwingt den Menschen zur Schrift.

In Uruk, dem heutigen Irak, vor 5.000 Jahren: Um Warenflüsse zu kontrollieren, nutzte man zunächst kleine Tonfiguren – Zählsteine in Formen für Getreide, Öl, Tiere. Fünf Schafe wurden verschickt, fünf Zählsteine in einen Tonbehälter gelegt. Irgendwann begann man, die Formen in weichen Ton zu drücken. Die dreidimensionale Figur wurde zum zweidimensionalen Zeichen. Das häufigste Zeichen auf frühen Keilschrifttafeln ist das Symbol für Schaf. Dieses Zeichen bedeutet auch: wimmeln, viel sein. Das Schaf war für den frühen Menschen das Synonym für Fülle. Ohne die Notwendigkeit, Schafe zu zählen, hätte die Menschheit vielleicht nie angefangen zu schreiben.

In der griechischen Mythologie trägt ein Widder das Goldene Vlies: Chrysomallos, Sohn des Poseidon und einer in ein Schaf verwandelten Prinzessin, konnte sprechen und fliegen. Das Vlies wurde Symbol für Macht, Reichtum und königliche Legitimation. Odysseus beschwört in der Odyssee Totengeister mit Schafsblut: Ein schwarzes Schaf und ein Widder werden über einer Grube geschlachtet, die Seelen steigen auf, trinken das Blut und können für einen Moment sprechen. Das Schaf als Mittler zwischen Leben und Tod.

Aus den derben Ziegenböcken und ihrer angeblichen Lüsternheit entwickelten die Griechen die Satyrn, halb Mensch, halb Ziege, Gefolge des Dionysos. Aus den Satyrspielen zu seinen Ehren entstand unsere Satire. Auch Varro und Columella verzeichneten in Rom pragmatisch die Haltungsregeln für Schafe und Ziegen. Zur Milch stellte Varro eine Qualitätshierarchie auf – die beste Milch käme von Eseln und Pferden, die nahrhafteste für Käse von der Kuh, Schaf und Ziege blieben die unverzichtbare Basisversorgung. Die Wolle des Schafes war zugleich Teil der sozialen Ordnung: Eine römische Braut trug eine Spindel mit Wolle, Symbol für Häuslichkeit und weibliche Tugend.

Im Mittelalter vollzog sich ein theologisches Schisma unter den Stalltieren. Das Lamm wurde Agnus Dei, Symbol für den leidenden, duldsamen Erlöser. Die Ziege dagegen erbte die Rolle des alttestamentlichen Sündenbocks und die Attribute der heidnischen Satyrn: Hörnern, Huf, Lüsternheit. Der Teufel sah aus wie eine Ziege. Dabei war sie wirtschaftlich unverzichtbar: als Kuh des kleinen Mannes, die auf Felsen klettert und Gestrüpp frisst, wo andere Tiere verhungern. Das Schaf hingegen wurde zum Motor der europäischen Hochkonjunktur. Zisterzienser bauten auf Wollhandel gegründete Wirtschaftsimperien. Die Transhumanz – im Sommer auf die Almen, im Winter ins Tal – ließ das Schaf ständig wandern.

Das Schaf gab dem Mittelalter aber auch sein Gedächtnis. Pergament ist die bearbeitete, getrocknete und gespannte Haut von Schafen und Ziegen. Im Kloster St. Gallen sind von den alten Urkunden 238 auf Schafshaut geschrieben, 234 auf Ziegenhaut, nur 122 auf Kalbshaut. Die geistige Elite des Mittelalters beugte sich tagaus, tagein über die Häute von Kleinvieh. Das Wort Gottes, die Philosophie der Antike, die Gesetze des Kaisers – all das wurde auf dem Rücken des Kleinviehs in die Zukunft getragen. Karls des Großen Schriftreform, die Karolingische Minuskel, brauchte einen gigantischen Materialausstoß: Das Kleinvieh trug die Hauptlast der Bürokratie des Abendlandes.

In der Frühen Neuzeit reisten Schafe und Ziegen auf Entdeckungsschiffen mit. An der Küste Südafrikas tauschte Vasco da Gama Schafe gegen Glasperlen – für die verhungerten Seeleute war die Ziege das Wertvollste der Welt, für die afrikanischen Händler das glänzende Glas das exotische Hightech. Alexander von Humboldt glaubte in Amerika, der Mangel an Milchvieh habe das Hirtenleben und damit die Zivilisation verhindert – ein europäischer Irrtum. Die Ureinwohner jagten Dickhornschafe, nutzten ihr Fell, aber sahen keinen Sinn darin, sie einzuzäunen und zu melken. Es war eine bewusste kulturelle Entscheidung. Das Konzept, Tiere zu besitzen und zu melken, um ein richtiges Leben zu führen, war eine rein europäische Brille.

Auf Madagaskar scheiterte die Mission am Tiersymbol. Europäische Missionare predigten Jesus als Lamm Gottes. Ein Stammeshäuptling fragte: Gibt es auf Gottes Thron auch einen Platz für eine Kuh? Die Missionare verneinten. Da schüttelte der Häuptling den Kopf. Eine Religion, die das majestätische Rind ignoriert und das mickrige Schaf verehrt, konnte nicht für stolze Rinderzüchter die richtige sein. Die Missionierung eines ganzen Stammes scheiterte an der Tiersymbolik.

Heute sind Schaf und Ziege zurückgekehrt – als ökologische Dienstleister. Ohne Schafe wäre die Lüneburger Heide längst ein Wald. Ohne Schafe wären unsere Nordseedeiche instabil, denn der goldene Tritt der Schafe festigt den Boden besser als jede Walze. Während die Hochleistungskuh im Stall mit Importfutter gemästet wird, ist das Kleinvieh dort, wo alles begann: draußen. Das Tier, das einst den Menschen zivilisierte, hilft uns nun, die Natur zu bewahren, die wir zivilisiert – und oft zerstört – haben.

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