Gedanken und Geschichte(n)

Vergöttert, herausgefordert und geschlachtet – Das Rind

Vor dem Gebäude der Frankfurter Börse stehen zwei Tiere aus Bronze: ein sich duckender Bär und ein stolzer Bulle. Der Bär drückt die Kurse nach unten, der Stier reißt sie nach oben. Diese Symbolik ist keine Frankfurter Besonderheit, sie ist weltweit im Finanzwesen bekannt. Und sie ist uralt. Wenn wir in ein Rind schauen, schauen wir in einen Spiegel unserer eigenen Vorstellungen von Gott, Geld und Fortschritt.

Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass sich die zwei Unterarten unserer heutigen Rinder zwischen 610.000 und 850.000 Jahren vor der Gegenwart trennten. In Europa wurden sie vor etwa 8.000 Jahren domestiziert, in Asien 4.000 Jahre später, unabhängig voneinander. In Ostafrika hatte das europäische Rind Bos taurus bereits einen besonderen Platz eingenommen, bevor asiatische Zeburinder durch die arabische Expansion hinzukamen. Der Auerochse – der wilde Ahnherr – galt als eines der gefährlichsten Tiere überhaupt; seine Domestizierung folgte einer Logik der Nahrungsversorgung, seine Aggressivität schuf zugleich eine Symbolik der Stärke.

Im Gilgamesch-Epos, einer der ältesten Dichtungen der Menschheit, ist der Stier eine kosmische Waffe: Die Göttin Ischtar verlangt den Himmelsstier, um Gilgamesch zu erschlagen. Sein Schnauben öffnet riesige Gräben im Boden, hunderte Männer stürzen hinein und sterben. Der Auerochse als Monster, bezwingbar nur durch göttliche Hilfe oder Heldenmut – diese Ur-Angst schwingt noch heute mit, wenn der Bulle als Symbol für Marktmacht dient.

In Memphis, dem religiösen Zentrum Ägyptens, war der Apisstier ein Gott, den man anfassen konnte. Nicht irgendein Stier – die Priester suchten nach einem Tier mit genau 29 heiligen Merkmalen. Tiefschwarz musste er sein, mit einem weißen quadratischen Fleck auf der Stirn, einer adlerähnlichen Zeichnung auf dem Rücken, einem Skarabäus-ähnlichen Auswuchs unter der Zunge. Wurde ein solches Tier gefunden, zog es in einen prunkvollen Tempel, lebte in Luxus, diente als Orakel. Mit 25 Jahren wurde es rituell ertränkt; sein Tod versetzte das ganze Reich in Staatstrauer, sein Körper mumifiziert und in einem Steinsarkophag von bis zu 80 Tonnen beigesetzt. Das Serapeum in Sakkara bewahrt diese Gräber.

Die griechische Mythologie nimmt dieses Bild und bricht es. Zeus verwandelt sich in einen weißen Stier, um die phönizische Prinzessin Europa zu entführen – sanftmütig erscheinend, dann doch das Meer durchquerend. Kreta wird zum Ort dunklerer Geschichten: Der Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, im Labyrinth gefangen, ist das Symbol einer Ordnung, die aus den Fugen geraten ist. Wo Ägypten im Rind Ordnung und Fruchtbarkeit sah, zeigt Griechenland das Tier als Bedrohung, die bezwungen werden muss.

Die Römer übernahmen die Wirtschaftsperspektive: Varro erklärt, das Wort pecunia, Geld, leite sich von pecus, Vieh, ab. Plinius schwärmt vom Stier, der einen „edelmütigen Anblick“ biete. Bei den irischen Kelten handelt das berühmteste Epos gar nicht von heroischen Schlachten, sondern von einem Rinderraub. Königin Medb führt einen Krieg, weil ihr bester Stier sich geweigert hat, einer Frau zu dienen. Am Ende kämpfen die beiden legendären Stiere selbst einen ganzen Tag und eine Nacht – und beide sterben, ein Bild für die Sinnlosigkeit eines Konflikts, in dem das wertvolle Gut zerstört wird, um das man kämpft.

Mit der spanischen Expansion gelangte das Rind nach Amerika. Jean de Léry fand Mitte des 16. Jahrhunderts in Brasilien kaum domestizierte Tiere; Caspar Schmalkalden traf neunzig Jahre später allgegenwärtige Rinderherden an. Das Rind wurde Motor der Zuckerproduktion, Ochsenmühlen trieben die Zuckerverarbeitung an. Weidewirtschaft bedeutete großflächige Landnahme. Alexander von Humboldt fasste das Ergebnis pointiert: Der Mangel milchgebender Haustiere in Amerika habe das Hirtenleben unmöglich gemacht. Er irrte in der Schlussfolgerung – die amerikanischen Ureinwohner hatten hochkomplexe Systeme der ökologischen Anpassung entwickelt, die keine Domestizierung erforderten –, aber er erkannte die Wucht der Transformation.

In Ostafrika hielten die Massai keines ihrer Rinder für das Schlachten. Nur natürlich verstorbene Tiere wurden als Nahrung genutzt. Ein Häuptling muss sich als Viehbesitzer ausweisen, die Kriege zielten auf die Eroberung von Rindern, alle Nahrung musste von den Rindern kommen – kurz: Für die Massai gibt es nichts, was mit ihren Rindern vergleichbar wäre. Als Vasco da Gama die Küste Ostafrikas anlief und Ochsen gegen Armbänder tauschte, war die Freude auf beiden Seiten groß, die Bewertung des Tauschguts aber grundverschieden.

In Indien galt die Kuh als heilig – genauer: die Kuh der Unterart Bos indicus. Ihre Heiligkeit erklärt sich aus der zentralen Rolle der Milch im Hinduismus: Der Milchozean steht am Anfang der Schöpfung, in der Kuh versammeln sich Millionen von Gottheiten. Europäische Kühe wurden daher als Schlachtvieh nach Indien verschifft. In Japan war das Töten eines Rindes bis ins 19. Jahrhundert in manchen Provinzen mit der Todesstrafe belegt. Heute gilt das Kobe-Rind als eines der besten Fleischprodukte der Welt.

Das Fazit ist ein Paradoxon: Das Tier, das uns zur Zivilisation verhalf, das unser erstes Kapital war, das Götter und Schlachtfelder bevölkerte, steht heute als Klimakiller am Pranger. Die massenhafte Haltung von Milliarden Tieren trägt erheblich zur Erwärmung der Atmosphäre bei. Das Problem aber ist nicht das Rind. Das Problem ist unsere Entfremdung von ihm. Wir haben das heilige Tier in eine industrielle Logik gepresst und dabei den Respekt vor der Urkraft verloren, die schon die Autoren des Gilgamesch-Epos tief beeindruckte.

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