Wir Menschen neigen dazu, den Hund zu vermenschlichen. Charles Darwin schrieb, wie ein Hund einen Stock fortträgt, dann wartet, bis sein Herr herankommt, um ihn aufzuheben – und dann läuft der Hund im Triumph damit fort und wiederholt das Stückchen, ganz offenbar ein Scherz. Diese Beobachtung ist Jahrtausende alt, und sie zeigt, warum die Mensch-Hund-Beziehung die älteste ihrer Art überhaupt sein dürfte.
Die Archäologie belegt den gemeinsamen Weg weit vor aller Geschichte. Die ältesten gesicherten Funde aus dem Spätpaläolithikum reichen 13.000 bis 7.000 Jahre vor Christus zurück, einzelne Indizien sogar bis 40.000 vor Christus. Im israelischen Ain Mallaha wurde ein Grab gefunden, in dem dem Bestatteten ein Welpe beigelegt war. Noch näher liegt ein Fund aus Bonn-Oberkassel: In einem rund 13.000 Jahre alten Doppelgrab lagen die Überreste eines Hundes – kein Wolf, das belegt der Kieferknochen. Genetische Untersuchungen legen nahe, dass die Verbindung vor 15.000 Jahren in Ostasien ihren Ausgangspunkt nahm.
Wie es zum ersten Kontakt kam, bleibt Spekulation. Wahrscheinlich war es ein Welpe eines Wolfes oder Schakals, den ein Mensch aufzog. Wolf und Mensch teilten das gleiche Problem: Beutetiere, die stärker waren als sie selbst. Die Wölfe lösten es mit dem Rudel, der Mensch mit Waffen und Treibjagd. Mit dem Übergang zur sesshaften Lebensweise wandelte sich der Jagdgefährte zum Wach- und Hütetier. Aus der Gemeinschaft folgte die Spezialisierung: Mesopotamische Reliefs zeigen hüfthohe, bullige Tiere, die offenkundig für den Kampf gezüchtet wurden. Assyrische Abbildungen aus dem Palast in Ninive zeigen Jagdhunde, muskulös und wohlgenährt, was für eine kostspielige und zeitintensive Haltung spricht – und für die Macht desjenigen, der sie sich leisten konnte.
In der griechischen Literatur tritt der Hund als treuer Begleiter auf. Homers Argos, der seinen Herrn Odysseus nach zwanzig Jahren erkennt, mit dem Schwanz wedelt, die Ohren senkt – und nach diesem letzten Zeichen der Erkennung stirbt – ist eines der berührendsten Tierporträts der Weltliteratur. Xenophon verfasste mit seinem Kyneketikos ein ganzes Lehrwerk über Hundehaltung und Jagd; die griechische Hundezucht wurde von den Molossern fortgeführt und gelangte schließlich bis zu Alexander dem Großen, der in Indien erhaltene Tiere mit seinen griechischen Hunden kreuzen ließ.
Rom übernahm diese Tradition und steigerte sie. Cicero schrieb dem Hund nahezu menschliche Eigenschaften zu. Eine römische Grabinschrift für eine Hündin, die bei der Geburt ihrer Welpen starb, verdeutlicht das: Selbst im Tod wurde das Tier vermenschlicht, denn sein Ende erinnert an das vieler Frauen der Antike. Plinius der Ältere, Varro, Grattius Faliscus – die Schriftquellen sind reich. Für den Römer war der Hund Nutztier, Statussymbol und Seelengefährte zugleich.
Im Mittelalter blieb die Bewertung ambivalent. Das Alte Testament behandelt den Hund als unreines Tier, das öffentliche Kopulieren der Männchen galt als Symbol der Luxuria, und in der Offenbarung des Johannes stehen die Hunde vor den Toren des himmlischen Jerusalems zusammen mit Zauberern und Mördern. Doch gleichzeitig wurde der Hund als Symbol der Treue geschätzt. Der heilige Patrick missionierte Irland – auf einem Schiff, das britische Wolfshunde transportierte, auf die er einen beruhigenden Einfluss hatte. In der Legende des Greyhound Guinefort aus dem Lyoner Raum wurde ein zu Unrecht getöteter Windhund von der Bevölkerung als Heiliger verehrt, weil er ein Kind gegen eine Schlange verteidigt hatte. Die kirchlichen Autoritäten missbilligten den Kult, das Volk pflegte ihn trotzdem.
Die Literatur des Hochmittelalters kennt sowohl das edle Jagdtier als auch das zärtliche Schoßhündchen. In Gottfrieds Tristan schenkt der Held der Königin Isolde das Fabelwesen Petitcrü aus Avalon, das mit einem Zauberglöckchen tönt – aber es ist die Bracke Hiudane, mit der Tristan in die Wildnis zieht, denn die Anforderungen der Minnegrotte verlangen ein Jagdtier, nicht einen Salontiger.
Hunde fungierten im Überseehandel der Frühen Neuzeit als diplomatische Geschenke. Olfert Dapper schildert, wie ein portugiesischer Hund dem König Angolas dargebracht wurde, der das Tier liebte – bis es ihn bei einem öffentlichen Essen störte und auf Befehl erschlagen wurde. Auf Tahiti aß man bei besonderen Gelegenheiten Hunde, und auf dem nordamerikanischen Kontinent tauschten Europäer und Indianer Hunde als Geschenke. Beim japanischen Shogun Tokugawa Tsunayoshi führte der Umgang mit streunenden Hunden zu einer staatlichen Krise: Weil er deren Tötung verbot, eskalierten die Spannungen mit dem Adel, bis auf die Erschlagung eines Hundes schließlich die Todesstrafe stand.
Heute sitzt der Hund in der urbanisierten Gesellschaft ohne seine angestammten Funktionen als Jagd-, Hüte- oder Wachtier trotzdem in Millionen von Wohnungen. Das mag damit zusammenhängen, was auf einem viktorianischen Grabstein in Edinburgh zu lesen ist: „Greyfriars Bobby – may his loyalty and devotion be a lesson to us all.“ Seit mindestens 15.000 Jahren begleitet uns dieses Tier. Es hat dabei auf uns abgefärbt – und wir auf es.

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