Was haben der Lutherstift und Bismarck miteinander zu tun? Wenig bis gar nichts mag man im ersten Moment denken, aber das ist falsch. Das heutige Seniorenheim und der erste deutsche Kanzler verbindet eine interessante Geschichte, die einiges über Elberfeld aussagt.
Armenhaus und Rettungshaus: Zwei Anfänge in unterschiedlichen Ecken von Elberfeld
Die lutherische Gemeinde Elberfeld gründete 1846 ein Armenhaus in der Ludwigstraße 26 als eine erste institutionelle Antwort auf die soziale Not der rasch wachsenden Industriestadt. Das ist der Beginn des heutigen Lutherstifts. Wesentlich prägender war aber die dreizehn Jahre später folgende Gründung eines zweites Hauses, das sich im äußersten Süden Elberfelds befand: das Rettungshaus. Die Cholera-Epidemie von 1858 hatte viele Kinder zu Waisen gemacht, und die Gemeinde kaufte 1859 das Hackenberg’sche Gut zur Errichtung eines Rettungshauses. Dieses befand sich „Am Hettchen“, (heute Vorm Holz / Am Heidchen am Grifflenberg). Den Anstoß gaben Pfarrer Christian Barner und Hanna Faust. Diese Frau, besser bekannt als Tante Hanna vom Arrenberg, stammte aus einem bergischen Kaufmannshaushalt, wirkte aber nach einem persönlichen Bekehrungserlebnis unter Armen, Kranken sowie Gefangenen am Arrenberg und erlebte so die Folgen der Cholera-Epidemie jeden Tag mit.
Das Haus wurde neben den persönlichen Kontakten, die Tante Hanna pflegte und monetär zu nutzen wusste, auch durch einen Spendenaufruf im Kirchlichen Anzeiger finanziert. Im Mai 1860 wandte sich das zum Bau des Hauses eingerichtete Komitee zusätzlich öffentlich an die Gemeindeglieder und bat um entbehrliche Haus- und Küchengeräte: „Wer willig ist, etwas dafür abzugeben, möge dieß nur bei einem der Herren Pastoren anzeigen; die Sachen wollen wir dann selbst in den Häusern der Geber abholen lassen.“ Der lutherische Armen-Nähverein traf sich regelmäßig, um Wäsche und Textilien für das Haus zu fertigen. Am 17. Juni 1860 wurde das erste Rettungshaus mit eigener Schule für zwölf Kinder eingeweiht. Erster Hausvater war Wilhelm Busch. Der Weg vom Grifflenberg war mit Ehrenbogen und Laubgewinden geschmückt, der Homborn’sche Gesangverein sang, die Glocken läuteten. Die Elberfelder nannten das Haus bald „Haus in der Sonne“.
Das Haus wuchs schnell. Bereits 1863 beschloss das Kuratorium einen weiteren Spendenaufruf für einen Neubau, 1865 erfolgte die Grundsteinlegung, 1866 die Einweihung des Neubaus an der neben dem Ursprungsort liegenden Blankstraße. Als in diesem Jahr der Rentier Johann Jacob Lüttringhausen im Alter von 90 Jahren verstarb, vermachte er dem Rettungshaus 300 Taler – eines von vielen Legaten, die das Haus über Jahrzehnte trugen.
Der Skandal um Hausvater Moser
Im Herbst 1892 wurde bekannt, dass der Hausvater des Waisenhauses, Georg Moser plötzlich geflohen war. Moser hatte die ihm anvertrauten Kinder über Jahre sexuell missbraucht und setzte sich nach Amerika ab, um der Strafverfolgung zu entgehen. Der Kirchliche Anzeiger der lutherischen Gemeinde umschrieb die Taten mit dem Euphemismus „Vergehen gegen die Sittlichkeit an den von ihm zur Erziehung anvertrauten Kindern“. Im Dezember 1892 hatten die Pfarrer Barner und Keßler nach längerer Suche einen Nachfolger für den „davongelaufenen Moser“ gefunden.
Von der Blankstraße zum Hombüchel: Der Umzug in die Nordstadt
1921 gründete sich ein „Verein der Freunde des Rettungshauses“, dessen Spenden auch aus den USA und England kamen. Zwei Jahre später beschloss das Kuratorium die Zusammenlegung von Rettungshaus und Lutherischem Gemeindestift. Im Dezember 1923 zogen die Bewohner der Ludwigstraße in die Blankstraße. Damit endete die Trennung der beiden Einrichtungen nach über sechs Jahrzehnten und beide wurden unter einem Dach vereint.
Doch auch die Blankstraße war auf Dauer zu eng. Im April 1929 wurden die Besitzungen in der Südstadt an die Stadt Elberfeld verkauft und gleichzeitig erwarb man den Gutshof Peters Katernberg mit 84 Morgen. Im Mai 1929 beschloss der Verwaltungsrat den Kauf des Bethesda-Krankenhauses an der Schusterstraße, das die Evangelische Gemeinschaft durch ihren Neubau an der Hainstraße frei gemacht hatte.
Am 30. Juni 1930 versammelte sich eine kleine Feiergemeinde zum Abschied vom alten „Haus in der Sonne“ an der Blankstraße. Mehr als 500 Kinder seien in 70 Jahren durch das Haus gegangen, rechnete Pastor Buddeberg vor. Der Weg von der Blankstraße zum Hombüchel ist topografisch kein kurzer: Er führt vom Südrand Elberfelds, wo das Rettungshaus einst an den Grifflenberg grenzte, durch das Zentrum hindurch hinauf in die Nordstadt auf den Ölberg. Das Armenhaus in der Ludwigstraße hatte schon nördlich des Zentrums gelegen; mit dem Umzug 1930 zog die gesamte Einrichtung noch weiter nach Norden, auf die Höhe über der Stadt.
Am 9. September 1930 wurde das umgebaute Bethesda-Krankenhaus am Schusterplatz als „Lutherstift“ eröffnet. Die Umbauarbeiten waren in nur fünf Monaten abgeschlossen worden. Das Stift umfasste nun Abteilungen für 25 Kinder und 80 alte Menschen, ein Feierabendhaus für Rüstige, eine Siechenstation und ein Schwesternheim. Alle Räume waren in hellen Farben gehalten, mit Rundfunkanschluss auf allen Etagen und weitem Blick von den Veranden über das Wuppertal bis nach Cronenberg. Fräulein Kursch, langjährige Hausmutter des Rettungshauses, leitete die Gesamtverwaltung; Pflege und Betreuung lagen bei den Kaiserswerther Diakonissen, von denen einige über Jahrzehnte ihren Dienst im Stift verrichteten, bis dieser in den 1960er Jahren endete. Den Gutshof Peters Katernberg nutzte das Stift als Versorgungsbasis; was nicht sofort verbraucht werden konnte, wurde eingemacht und konserviert. Da essen aber nicht alles ist, bat das Lutherstift 1931 die Bevölkerung über die Tagespresse um Bücher für eine neu zu gründende Bibliothek, da die Mittel für Ankäufe fehlten.
Kirchenkampf und Euthanasie-Morde
Während des Kirchenkampfes in der NS-Zeit fanden im Lutherstift die lutherischen Gottesdienste der Bekennenden Kirche statt. Das Haus am Hombüchel war damit nicht nur Pflegeeinrichtung, sondern auch Versammlungsort des kirchlichen Widerstands gegen die Gleichschaltung. Dennoch konnte man nicht verhindern, dass die Nazis auch im Lutherstift ihre Verbrechen begangen.
In der zweiten Mordphase der NS-Euthanasie ab 1943 wurden Bewohnerinnen des Lutherstifts zunächst in die „Heil- und Pflegeanstalt“ Langenfeld-Galkhausen überwiesen, von dort in mehrtägigen Eisenbahntransporten nach Meseritz-Obrawalde deportiert und dort durch Vergiftung oder Injektion getötet. Die Sterbeurkunden trugen Einträge wie „Altersschwäche“ oder „allgemeiner Kräfteverfall“. Namentlich bekannt sind drei Bewohnerinnen des Lutherstifts, die in Meseritz-Obrawalde ermordet wurden: Emma Becker (15. Mai 1944), Mathilde Weber (8. Juli 1944) und Jakobine Plett (8. Juli 1944).
Wiederaufbau, Wachstum und Wandel: Die Bundesrepublik
Das Lutherstift überstand den Zweiten Weltkrieg ohne Bombenschäden. In den Kriegsjahren hatte der Gutshof Peters Katernberg die Verpflegung der Einrichtung sichergestellt; nach 1945 normalisierte sich der Betrieb schrittweise. 1955 beschloss der Verwaltungsrat den Bau eines Pflegeheims im Garten des Lutherstifts. Nach Grundsteinlegung im April 1959 und Richtfest im August desselben Jahres wurde der Neubau am 11. März 1961 – dem 415. Todestag Martin Luthers – feierlich eingeweiht. Das neue Gebäude bot 95 Plätzen für alte und kranke Menschen sowie einen eigenen Kirchsaal. 1966 erhielt er eine Orgel der Firma Walcker aus Ludwigsburg mit neun Registern, zwei Manualen und Pedal – zuvor hatte die persönliche Hausorgel des Wuppertaler Generalmusikdirektors Hanns-Martin Schneidt dort gestanden.
Den Gutshof Peters-Katernberg, der die Einrichtung seit 1929 versorgt hatte, verkaufte das Lutherstift 1960. Das Gelände gehört heute der Bayer AG, die dort ein Forschungszentrum, einen Kindergarten und einen verpachteten Reitstall betreibt.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Lutherstift erheblich. 1986 gründete sich ein Förderverein, dessen Beiträge vollständig den Bewohnerinnen und Bewohnern zugutekommen. 1987 gab sich die Einrichtung eine neue Satzung als selbstständige kirchliche Stiftung unter dem Namen „Lutherstift Seniorenzentrum Elberfeld“. 1988 bezogen rund 150 Bewohnerinnen und Bewohner das vollständig umgebaute ehemalige Bethesda-Krankenhaus, das 1989 mit einer neuen Cafeteria eingeweiht wurde. 1995 erweiterte das Lutherstift sein Angebot um Essen auf Rädern, Ernährungsberatung und ambulante Pflege. Nach einem umfangreichen Umbau des Pflegeheims, einer neuen Küche und einem Wintergarten folgte 1996 die festliche Einweihung des erneuerten Hauses.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends lebten 239 überwiegend stark pflegebedürftige Menschen im Lutherstift. Das Haus hatte sich längst als Begegnungsstätte in der Nordstadt etabliert. 2011 feierte das Lutherstift sein 165-jähriges Bestehen mit einem bemerkenswerten Kulturprojekt: Unter dem Motto „Traumtanzen“ arbeiteten Bewohnerinnen und Bewohner mit dem brasilianischen Tänzer und Choreographen Milton Camilo, die Australierin Jo Ann Endicott – langjährige Tänzerin des Pina-Bausch-Ensembles – las aus dem Seniorentanz-Theaterprojekt „Kontakthof mit Damen und Herren über 65″. Das war kein Zufall: Der Lutherstift öffnete seine Türen für kulturelle Angebote jeglicher Art. Regelmäßige Musik- und Literaturveranstaltungen fanden und finden sich im dortigen Programm. Der damalige Geschäftsführer Wolfgang Paul brachte die Haltung des Hauses auf den Punkt: „365 Tage haben wir die Türen geöffnet und sind froh, dass es so angenommen wird.“
Der jüngste große Umbau- und Erweiterungszyklus lief von 2018 bis April 2022 und wurde vom Wuppertaler Architekturbüro Gruppe 3 in sechs Bauabschnitten im laufenden Betrieb realisiert. Ausgangspunkt war die Anpassung an das Wohn- und Teilhabegesetz. Das Lutherstift umfasst heute drei Gebäudeteile, die auf dem Ölberg ein zusammenhängendes Pflegeensemble mit Platz für 188 Bewohnerinnen und Bewohner bilden. Das Haupthaus am Schusterplatz ist durch eine Klinkerfassade geprägt, das Haus Ölberg erhält hofseitig eine helle Putzfassade mit Loggien; ein transparentes Zwischengebäude in Pfosten-Riegel-Bauweise verbindet die Baukörper.
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Und was ist nun mit Bismarck? Der trat 1867 in Barmen-Elberfeld für das Parlament des Norddeutschen Bundes an, gewann aber erst im zweiten Wahlgang und lehnte das Mandat ab. Seine Wahlmänner des 32. Bezirks aber trafen sich im „Rettungshaus vor‘m Holz“ am Grifflenberg, denn dort fungierte lange Zeit auch als Wahllokal.

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