Gedanken und Geschichte(n)

Schrecken, Helden, Demokraten – Mit Piraten durch die Weltgeschichte

Long John Silver, Captain Hook, Jack Sparrow – unser Bild vom Piraten ist ein Produkt der Popkultur: Dreispitz, Holzbein, Augenklappe, Papagei. Doch wer der Geschichte der Piraterie tatsächlich nachgeht, entdeckt eine Figur, die durch alle Epochen und Weltmeere geistert – vom Mittelmeer über die Ostsee bis zur Karibik und zum Indischen Ozean. Ein Streifzug.

Die Anfänge in der Antike

Einer der ältesten Hinweise auf Piraterie findet sich in ägyptischen Quellen aus dem 12. vorchristlichen Jahrhundert: Unter Ramses III. erschüttern die sogenannten „Seevölker“ den Nahen Osten und bringen mehrere Großreiche zu Fall. Ob es sich dabei wirklich um Piraten oder eher um wandernde Bevölkerungsgruppen handelte, die sich mit ansässigen Familien vermischten, ist bis heute unklar.

Handfester wird es im 5. Jahrhundert v. Chr.: Der athenische Feldherr Kimon erobert die Insel Skyros, deren Bewohner als Piraten galten – schlechte Ackerbauern, die sich laut Plutarch notgedrungen auf den Überfall von Handelsschiffen verlegten. Kimon vertreibt sie und macht, so die Überlieferung, „die Ägäis zu einem freien Meer“. Doch die Piraterie der Armen war nur die eine Seite der Medaille. Liest man Homers Odyssee gegen den Strich, erzählt Odysseus selbst ganz unbekümmert vom Plündern fremder Küsten – für griechische Adelige galt die Kaperfahrt als Bewährungsprobe, als Weg zu Ruhm und Ehre. Auch Thukydides bestätigt: Die Griechen hatten sich „auf die Seeräuberei verlegt“, und es waren gerade die Adeligen, die damit Ansehen gewannen. Das Verwerfliche an der Piraterie war also nicht die Tat selbst, sondern die soziale Herkunft des Täters – ein Klassismus, der sich in der Sage von den zu Delfinen verwandelten etruskischen Piraten sogar mit offenem Fremdenhass verband. Bezeichnend übrigens: Das Wort „Pirat“ leitet sich vom griechischen „peiran“ ab – „erproben“, „wagen“.

Caesar, Pompeius und das Ende der Piraterie im Mittelmeer

Um 75 v. Chr. gerät ein junger Römer in die Gefangenschaft kilikischer Piraten. Statt Angst zeigt er Arroganz: Als die Piraten zehn Talente Lösegeld fordern, verlangt er selbst fünfzig – und verspricht, nach seiner Freilassung zurückzukommen, um sich zu rächen. Genau das tut er: Caesar lässt die Piraten später gefangen nehmen und hinrichten. Die Anekdote zeigt, wie sehr die Piraterie der Kilikier zum echten Problem der römischen Republik geworden war. 67 v. Chr. erhält Pompeius vom Senat den uneingeschränkten Oberbefehl über das gesamte Mittelmeer, mit 120.000 Soldaten und 500 Schiffen. Anders als Caesar bietet er den Piraten keine Hinrichtung, sondern Land als Alternative an – nach nur drei Monaten ist das Mittelmeer piratenfrei. Diese Ruhe hält fast vierhundert Jahre, ehe mit dem Zerfall Roms die Vandalen aus Nordeuropa das Piratenhandwerk wiederbeleben und später arabische Seefahrer das Mittelalter hindurch die Küsten unsicher machen.

Sklaverei, Kirche und Lösegeld: Lübeck und die Barbaresken

Ein besonders bedrückendes Kapitel spielt in der Frühen Neuzeit: Nordafrikanische Kaperfahrer verschleppten europäische Seeleute in die Sklaverei. Zwischen 1580 und 1640 verlor allein Lübeck vierzig Schiffe, Hunderte Männer gerieten in Gefangenschaft. Diplomatische Verhandlungen scheiterten, weil Lübecker als Untertanen des „Erzfeindes“ Heiliges Römisches Reich galten und damit rechtlich als Sklaven statt als Kriegsgefangene behandelt wurden. Erst als der lutherische Superintendent der Stadt den Freikauf zur Gewissensfrage der ganzen Gemeinschaft erklärte, kam Bewegung in die Sache: 1629 entstand die „Sklavenkasse“, eine Pflichtversicherung aus Kaufmanns- und Seemannsbeiträgen, die ab 1633 systematisch Freikäufe finanzierte.

Wikinger, Störtebeker und die „Likedeeler“

Im Norden Europas entwickelt sich eine eigene Piratentradition: Ab dem 8. Jahrhundert überfallen die Wikinger die Klöster Irlands und Großbritanniens – der Angriff auf Lindisfarne 793 markiert ihren Eintritt in die europäische Geschichte. Sie reisen erstaunlich weit, wie der Fund einer indischen Buddha-Statue in Schweden zeigt, und lassen sich später sogar im Mittelmeer nieder.

In Deutschland bleibt vor allem eine Figur präsent: Klaus Störtebeker. Seine Geschichte ist eng mit der Hanse verknüpft, deren Handelsnetz von London bis Nowgorod reichte und naturgemäß Piraten anlockte. Zunächst waren es kleine Adelige, die vom Warenhandel profitieren wollten; schnell kamen arme Bauern, unzufriedene Kleriker und Bürgersöhne hinzu. An Bord entstand so eine Gemeinschaft von Gleichen, die der ständischen Ordnung des Mittelalters widersprach – ein egalitäres Ideal, das die spätere Piratenromantik entscheidend prägen sollte. Störtebekers Gruppe, die „Vitalienbrüder“, gab sich später den Namen „Likedeeler“ – die Beute Teilenden. Aus dieser Zeit stammt auch die Idee des „Round Robin“: eine Vereinbarung, bei der die Unterschriften im Kreis um den Text angeordnet wurden, sodass niemand als Erstunterzeichner erkennbar war – Ausdruck demonstrativer Gleichheit unter den Piraten.

Das Goldene Zeitalter der Karibik

Mit der spanischen Kolonisierung Amerikas wird die Karibik zum neuen Hotspot der Piraterie. 1523 macht der Franzose Jean Fleury mit der Kaperung eines Schiffes, das den Schatz Montezumas transportierte, den Reichtum der Neuen Welt europaweit bekannt. Es folgen englische Kaperfahrer wie John Hawkins und sein Neffe Francis Drake, die im Auftrag Elisabeths I. spanische Schiffe überfallen. Als Spanien sich aus vielen Gebieten zurückzieht, siedeln sich verarmte Auswanderer als „Bukaniere“ an – benannt nach ihrer Technik, Fleisch zu räuchern (frz. „bucan“). Sie schließen sich zur „Bruderschaft der Küste“ zusammen und imitieren zunehmend das Gewerbe ihrer Kundschaft: die Piraterie selbst.

Zu den bekanntesten Gestalten dieser Zeit zählt Henry Morgan, der 1671 sogar Panama erobert, später als Sir und Vizegouverneur von Jamaika reüssiert und 1687 als Alkoholwrack stirbt. Die Bahamas-Stadt Nassau entwickelt sich zu einem regelrechten Piratenstaat, in dem Gestalten wie Edward Teach alias Blackbeard das Sagen haben – bis der ehemalige Pirat Woodes Rogers 1717 im Auftrag der englischen Krone die Ordnung wiederherstellt, mit derselben Taktik wie einst Pompeius: Wer sich unterwirft, behält Land und Beute.

Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs verlieren viele Piraten ihre offiziellen Kaperbriefe und ihre Häfen. Es ist die Zeit staatenloser Einzelkämpfer wie Captain Avery, aber auch die Zeit, in der die Piraterie zum politischen Symbol wird. Sam Bellamy, Kapitän der „Whydah Galley“, bringt das Selbstverständnis vieler Piraten auf den Punkt, wenn er einem gekaperten Kapitän vorhält, die Reichen beraubten die Armen unter dem Deckmantel des Gesetzes, während die Piraten dasselbe offen und aus eigener Courage täten. Aufklärer entdecken in solchen Aussagen frühe Beispiele für Demokratisierung und Individualisierung – Daniel Defoe lässt sich vom Piraten Alexander Selkirk zu seinem Robinson Crusoe inspirieren.

Wie sehr dieses romantische Bild von der Realität abweicht, zeigt der Augenzeugenbericht Alexander Exquemelins, der selbst als Vertragsknecht in die Piraterie geriet, misshandelt und beinahe zu Tode geschunden wurde. Sein Buch – so unbequem, dass ihn der inzwischen geadelte Henry Morgan deswegen verklagte – schildert Piraten nicht als freiheitsliebende Abenteurer, sondern als Menschen im permanenten Überlebenskampf: Hunger, Gewalt, rasch verprasste Beute, in Notzeiten sogar Erwägungen von Kannibalismus. Von der vermeintlichen „Piratenfreiheit“ bleibt in dieser Schilderung wenig übrig.

Der Niedergang – und andere Weltmeere

Mit dem Aufstieg der Nationalstaaten und einer erstarkenden US-Marine verschwindet die karibische Piraterie in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts weitgehend. Für die anarchisch-egalitäre Lebensweise der Piraten ist im Zeitalter geordneter Staatsmacht kein Platz mehr.

Doch das Phänomen lebt anderswo weiter, vor allem im Indischen Ozean und vor China – in ganz anderen Dimensionen als in der Karibik. Während dort nie mehr als etwa 5.000 Piraten gleichzeitig aktiv waren, befehligten chinesische Piratenführer teils Hunderte, ja Tausende Schiffe. Koxinga etwa, Sohn eines Piratenfürsten, vertreibt die Niederländer von Formosa und benennt die Insel in Taiwan um – ein Nachspiel, das bis heute politische Bedeutung hat. Die wohl eindrucksvollste Figur ist die Witwe Ching, die nach der Folterung ihres Mannes 1807 selbst eine Piratenflotte von über 60.000 Mann anführt und das chinesische Kaiserreich vier Jahrzehnte lang in Schach hält.

Und heute?

Piraterie ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Vor dem Horn von Afrika überfallen ehemalige somalische Fischer mit Kalaschnikows bewaffnet Containerschiffe – seit 1984 wurden über 5.000 Angriffe gemeldet, allein 2010 waren es 445. Auch vor Westafrika kommt es weiterhin zu Überfällen. Der Nimbus der Karibikpiraten aber fehlt diesen Männern völlig; ihre Not weckt eher Mitleid als Bewunderung.

Die Geschichte der Piraterie ist damit auch eine Geschichte darüber, wie sehr unsere Vorstellung von ihr von Literatur, Film und Ideologie geformt wurde – und wie weit sie sich von der oft brutalen Realität des Überlebenskampfes auf See entfernt hat. Schrecken, Helden, Demokraten: Alle drei stecken in dieser Figur, je nachdem, aus welcher Perspektive man auf sie blickt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert