Am Abend des 24. Juni 2026 sind Dieter Klein und sein Mann Walter Elste bei einem Autounfall in Wuppertal-Elberfeld ums Leben gekommen. Mit Dieter verlieren wir einen profilierten Globalhistoriker – einen Mann, der ganz ohne Lehrstuhl und institutionellen Rückhalt im Alleingang ein fast vergessenes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte im Pazifik wieder ans Licht geholt hat. Ich schreibe diese Zeilen als jemand, der das Glück hatte, ihn ein Stück auf diesem Weg zu begleiten.
Kennengelernt haben wir uns eher zufällig: über die gemeinsame Mitarbeit am Lexikon zur Überseegeschichte und über unseren geteilten Wuppertaler Wohnsitz. Vor rund zehn Jahren habe ich Dieter dann angeschrieben, ob er bei uns einen Vortrag über August Engelhardt halten würde – der Beginn eines Kontakts, der sich, wie sich in meinem alten E-Mail-Verkehr mit ihm nachvollziehen lässt, über die Jahre zu einer echten Bekanntschaft entwickelte.
Diesen „Kokosnussapostel“ August Engelhardt hatte Dieter selbst eher zufällig entdeckt: Mitte des Jahres 1980, bei einer Briefmarkenauktion in Düsseldorf, zog der passionierte Sammler aus einem Stapel vergilbter Postkarten aus Deutsch-Neuguinea eine heraus, auf der ein Aussteiger von seinem selbstgewählten Paradies aus Sonne, Nacktheit und Kokosnüssen schwärmte. Was als philatelistischer Zufallsfund begann, wurde für Dieter über Jahrzehnte zur Lebensaufgabe: Briefe an Fachkolleginnen und -kollegen, jahrelange Archivrecherchen, schließlich sogar eine Reise ins ehemalige Deutsch-Neuguinea. Am Ende stand das bis heute maßgebliche Kapitel über Engelhardt und seinen „Sonnenorden“ in Hermann Hierys Standardwerk Die Deutsche Südsee 1884–1914 (2001) – verfasst nicht von einem Universitätsprofessor, sondern von einem Grundschullehrer im Ruhestand.
Es blieb nicht bei Engelhardt. Über zwei Jahrzehnte lang widmete sich Dieter auch dem Leben der „Queen Emma“ Coe, jener aus Samoa stammenden Kopra-Unternehmerin, die im deutschen Pazifik zu außergewöhnlichem Reichtum und Einfluss gelangte – Forschungen, mit denen er unter anderem im Münchner Museum Fünf Kontinente zu Gast war. Mit seiner Edition der Tagebücher der Missionarin Johanna Diehl (2005) erschloss er zudem eine weitere, sonst kaum zugängliche Quelle zur deutschen Kolonialzeit in Neuguinea.
Für Wuppertal selbst wurde eine seiner letzten großen Entdeckungen vielleicht die wichtigste: Dieter erwarb und erschloss den Nachlass von Martin Voigt, jenem Elberfelder, der von 1902 bis 1906 als oberster Postagent in Deutsch-Neuguinea tätig war und in zahllosen Briefen nach Hause vom kolonialen Alltag, von Krankheit und Tod berichtete. Mit seinem Vortrag „Ein Elberfelder in der Südsee“ holte Dieter 2021 dieses Stück Weltgeschichte zurück in die Stadt, aus der es stammte – ein Beleg dafür, dass Wuppertals eigene Geschichte tiefer in die globale Kolonialgeschichte verwoben ist, als man gemeinhin annimmt, und ein Thema, das auch für unsere Wuppertaler Globalgeschichte noch lange nicht auserzählt ist. Dass er diesen Vortrag in der Kirche hielt, in der sein Mann konfirmiert wurde, ist dabei eine ganz eigene Geschichte.
Im vergangenen Jahr saßen wir gemeinsam auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Globalgeschichte – und gingen dort, nach Jahren des Sie, endlich zum Du über. Dieter fuhr mich von Hagen aus nach Hause – genau in dem Wagen, mit dem nun der Unfall passierte. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Doch über Mail und das Handy waren wir dennoch in Kontakt.
Ich verabschiede mich von einem lieben Bekannten, der mit Geduld, Kenntnis, einem ganz besonderem Charme und ganz ohne akademischen Titel mehr zur Erforschung der deutschen Südsee beigetragen hat als mancher Lehrstuhlinhaber – und der nebenbei zeigte, wie eng Wuppertal, scheinbar am Rand der großen Weltgeschichte gelegen, tatsächlich mit ihr verbunden ist. Mein Mitgefühl gilt allen, die Dieter und Walter nahestanden.

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