Endlich Sommerferien! Die Taschen und Rucksäcke sind prall gefüllt, die Schlafsäcke stramm zusammengerollt und die Vorfreude auf die kommenden Wochen steigt bei allen Beteiligten rasant ins Unermessliche. Für unzählige Kinder und Jugendliche in ganz Wuppertal heißt es jetzt endlich wieder: Ab auf Freizeit! Doch woher kommen diese Freizeiten eigentlich?
Raus aus dem gewohnten Alltag, weg von den Eltern und mit Anlauf rein in das große Sommerabenteuer mit Gleichaltrigen. Ob nun ins wilde Zeltlager direkt an einem idyllischen See, hoch hinauf in die rauen Berge oder an den stürmischen Strand des Atlantiks – diese betreuten Ferienfahrten sind für unglaublich viele junge Menschen der absolute und unangefochtene Höhepunkt des gesamten Jahres. Es geht bei diesen dynamischen Gruppenreisen um weitaus mehr als bloß um einen simplen Urlaub zur reinen Erholung. Eine echte Freizeit ist ein prägendes pädagogisches Erlebnis, eine bewusst gewählte Auszeit, bei der das gemeinschaftliche Erleben und das soziale Miteinander stets im absoluten Mittelpunkt stehen.
Einer, der aus purer Notwendigkeit heraus Fahrten organisierte, an die sich viele Jugendliche später mit leuchtenden Augen erinnerten, war der Wichlinghauser Pfarrer Walter Posth. Der 1914 in Köln-Mülheim geborene spätere Landesjugendpfarrer landete unmittelbar nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 im zerstörten Wuppertal. Inmitten der grauen Trümmer erkannte er sofort, dass die Jugendlichen vor Ort nach all den Entbehrungen dringend einen radikalen Tapetenwechsel und vor allem vernünftige Mahlzeiten brauchten. Kurzerhand und völlig unbürokratisch organisierte er die allererste große Fahrt nach Herchen an der Sieg. Mit vierzig aufgeregten Jugendlichen startete die Truppe auf einem hastig organisierten LKW, für dessen Nutzung erst mühsam eine spezielle Sondergenehmigung der Alliierten-Militärregierung beschafft werden musste. Einquartiert in rustikalen Privatquartieren bei örtlichen Bauern, erlebten die Jugendlichen auf dieser vierzehntägigen Tour das wohl prägendste und emotionalste Highlight jener mageren Zeit: Sie konnten sich dort “endlich einmal wieder satt-essen”, wie Posth in seinen Memoiren schrieb.
Schon bald darauf führte eine weitere Freizeit tief hinein ins landschaftlich reizvolle Siegerland. An dieser Freizeit konnten sowohl Jungen als auch Mädchen teilnehmen, allerdings wurde sie räumlich getrennt. Die Mädchen verbrachten die Zeit in Röttchen auf der Höhe, die Jungen des CVJM im Vereinshaus in Rengsdorf im Tal. Luxus oder Bequemlichkeit suchte man an beiden Orten vergebens: Geschlafen wurde in kratzigem Stroh, und die täglichen Mahlzeiten wurden in mühevoller Kleinarbeit aus knappen Lebensmittelmarken sowie den spontanen Spenden der lokalen Landwirte zusammengekratzt.
Nach der Währungsreform 1948, bei der die DM eingeführt wurde, kam es zu einer großen Reise mit rund achtzig Jugendlichen auf die Nordseeinsel Baltrum. Dank einer äußerst großzügigen Spende aus der Schweiz besaß die Reisegruppe plötzlich einen kompletten Eisenbahnwaggon voller wertvoller Kartoffeln. Damit dieser kulinarische Schatz auf der weiten Reise quer durch das Land nicht von hungrigen Dieben geplündert wurde, übernahm der Helfer Hermann Dohm den bewaffneten Begleitschutz. Er eskortierte zwanzig Zentner dieser Kartoffeln sicher aus dem Zug und dem Schiff bis auf die Insel und sicherte so im Alleingang das Überleben der hungrigen Gruppe – ein geradezu heldenhafter Einsatz, der dem unermüdlichen Helfer im Nachgang sogar prompt einen hauptamtlichen Job als Geschäftsführer des Elberfelder Erziehungsvereins einbrachte.
Doch woher kommt eigentlich die Idee, Kinder in Gruppen verreisen zu lassen? Die Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals entstand durch die Industrialisierung die Kinderverschickung, die dazu diente, unterprivilegierte Stadtkinder zur Kräftigung aufs Land zu schicken. Der Begriff selbst wurde 1913 im Umfeld des Evangelischen Verbandes für die weibliche Jugend geprägt. Zu dieser Zeit organisierte Hulda Zarnack – inspiriert durch schwedische Jugendferienlager – eine Reise für junge Frauen. Bei den Vorbereitungen für eine Winterreise ins thüringische Tambach suchte das Team einen Namen. Eine Kollegin schlug das Wort Freizeit vor, das dann als Bezeichnung für diese Art der Ausflüge bestehen blieb. Bis in die 1960er Jahre hinein wurden Freizeiten fast ausschließlich als kirchliche beziehungsweise religiöse Veranstaltungen verstanden, deren gemeinsames Merkmal das „Hören auf das Wort Gottes“ war, obwohl auch die säkular-romantische Wandervogel-Bewegung in den 1920er Jahren Impulse für diese Art der kirchlichen Jugendarbeit gab, die sich inhaltlich jedoch erheblich von den Wandervögeln unterschied.
Evangelische Freizeiten sind durch eine „pädagogische Ausrichtung und eine gemeinschaftlich gelebte christliche Spiritualität“ (Wolfgang Ilg) gekennzeichnet. Glaube und Alltag kommen hier eng in Berührung, was eine Art „Kirche auf Zeit“ entstehen lässt. Genau diese Mischung beschreibt Posth für die von ihm unternommene Fahrten: Das Programm bestand wie selbstverständlich aus der Kombination von Bibelarbeiten, gemeinsamen Ausflügen in die Natur und der tiefen Gemeinschaftserfahrung in der Gruppe.
Wer in den kommenden Tagen seinen Rucksack schnürt, in den Bus steigt und sich auf unvergessliche Wochen am Lagerfeuer freut, wandelt unbewusst auf den Spuren einer faszinierenden Geschichte. Eine Historie, die einst mit schwedischen Zeltlagern vor dem Ersten Weltkrieg begann und durch Pioniere wie Posth für alle greifbar gemacht wurde.
Mehr dazu beim Kirchenkreis Wuppertal.

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