Gedanken und Geschichte(n)

Der Pragmatiker mit Ordnungssinn – Klaus Brauda zum 125.

„Bauen wir das Wohnungsamt stufenweise ab […] Hauptsache, der Papierkrieg hört auf.“

Wer diesen Satz einem Sozialpolitiker der frühen Bundesrepublik zuschreiben würde, läge nicht falsch – und läge doch daneben. Denn der Mann, der ihn 1953 sagte, war zugleich einer der schärfsten Verfechter einer marktwirtschaftlichen, staatsskeptischen Ordnung in der jungen Wuppertaler CDU. Am 9. August 2026 wäre Dr. Klaus Brauda 125 Jahre alt geworden. Ein guter Anlass, an einen Politiker zu erinnern, der sich mit keiner einfachen Etikettierung zufriedengeben lässt: Pragmatiker im Tagesgeschäft, Ordoliberaler im Kopf.

Ein Leben zwischen Jura, Handel und Trümmern

Nikolaus Meron Klaus Brauda wurde am 9. August 1901 im französischen Asnières geboren und starb am 16. Januar 1970. Er studierte Rechts- und Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und Berlin, promovierte zum Dr. jur. und arbeitete in den Jahren der Weimarer Republik als Handelsvertreter, Makler und Großhändler – eine Berufsbiografie, die ihn schon früh näher an die Praxis des Wirtschaftens brachte als an die Theorie. Nach dem Krieg übernahm er als geschäftsführender Gesellschafter die Graphischen Betriebe seines Schwiegervaters Otto Dahmann in Wuppertal und baute sie aus den Trümmern zu einer modernen Großdruckerei mit 150 Beschäftigten wieder auf – jenem Unternehmen, das 1957 nicht zufällig das berühmte CDU-Wahlplakat „Wohlstand für alle“ mit Ludwig Erhard druckte.

Der Pragmatiker: Netzwerke, Kompromisse, Verwaltungsabbau

Braudas politischer Stil war der eines Mannes, der Dinge zum Laufen bringen wollte, nicht der eines Ideologen im Elfenbeinturm. Das zeigt sich am deutlichsten an seinem wichtigsten Vermächtnis, dem 1953 begonnenen „Brauda-Plan“: einem Wohnungsbauprogramm für 830 Sozialwohnungen im kriegszerstörten Wuppertal, wo damals noch 60.000 Menschen eine Wohnung suchten und 1.400 Familien in Bunkern lebten.

Der Plan war ein pragmatischer Mittelweg – weder rein staatlich subventionierter sozialer Wohnungsbau noch unrentabler privater Wohnungsbau, sondern eine Mischfinanzierung aus privatem Mieterdarlehen, städtischen Einsparungen und staatlichen Wiederaufbaudarlehen. Und er war explizit gegen Bürokratie gerichtet: Brauda forderte, das städtische Wohnungsamt schrittweise abzubauen, um die eingesparte Million Mark direkt in den Wohnungsbau zu stecken. Seine Devise dazu ist der so pointierte wie programmatische Satz vom Anfang: „Bauen wir das Wohnungsamt stufenweise ab […] Hauptsache, der Papierkrieg hört auf.“

Pragmatisch war auch, wie er das Projekt politisch absicherte. Er nutzte seine Verbindung zum nordrhein-westfälischen Wiederaufbauminister Dr. Otto Schmidt – seinem Wuppertaler Parteifreund der ersten Stunde und einstigem Oberbürgermeister der Stadt – um die nötigen öffentlichen Mittel fließen zu lassen. Die beiden kannten sich nicht nur aus der Politik, sondern auch als Nachbarn: Schmidt, von Beruf Rechtsanwalt und Presbyter der lutherischen Kirchengemeinde Wichlinghausen, wohnte Am Diek 40, nur wenige Häuser von Brauda entfernt, der in der historischen Villa Wuppermann Am Diek 58 lebte. Der eigentliche Gründerkreis der Wuppertaler CDU traf sich 1945, initiiert von Pfarrer Hermann Lutze, in der Villa des Fabrikanten Halstenbach am Diek 47 – neben Schmidt und Brauda saßen dort auch der Industrielle Ernst Plutte und der Hausherr selbst am Tisch. Wie eng dieses Netzwerk tickte, zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 1947: Konrad Adenauer besuchte die Wuppertaler Parteifreunde nur unter der Bedingung, dass man ihm für die Rückfahrt nach Rhöndorf das Benzin für seinen Opel besorgte.

Pragmatisch, aber keineswegs konfliktscheu, agierte Brauda auch im innerparteilichen Machtkampf mit den christlichen Gewerkschaftern. Im April 1946 griff er den Gewerkschaftsführer Jakob Kaiser scharf an, weil dieser den Anspruch erhob, „einzig und allein die Interessen der Arbeitnehmer in der C.D.U. und durch die C.D.U. vertreten zu müssen“ – ein Angriff, dem Konrad Adenauer in einem Antwortbrief ausdrücklich zustimmte. Von 1946 bis 1950 war Brauda Bürgermeister von Wuppertal, saß im nordrhein-westfälischen Landtag und blieb bis in die 1960er Jahre eine der prägenden Figuren der Wuppertaler CDU.

Der Ordoliberale: Ordnung statt Wettbewerb um jeden Preis

Hinter diesem pragmatischen Handeln stand ein klar konturiertes wirtschaftspolitisches Weltbild. Schon im Sommer 1945 gehörte Brauda zum protestantischen Gründerkreis der Wuppertaler CDU, der die „Barmer Richtlinien christlich-demokratischer Gemeinschaftsarbeit“ verfasste – bewusst als konservativ-liberaler Gegenentwurf zu den eher sozialistisch geprägten Kölner Leitsätzen, die unter dem Einfluss des Dominikanerpaters Eberhard Welty für einen „christlichen Sozialismus“ warben. Die Barmer Richtlinien forderten stattdessen „weitesten Raum für eine private Initiative“.

Dass ausgerechnet der Name „Barmen“ hier wieder auftaucht, ist vermutlich kein Zufall – und lässt sich sogar amtlich verorten. Die Gedenktafel an der Villa Halstenbach Am Diek 47 weist das Haus ausdrücklich als „Treffpunkt der Bekennenden Kirche im Dritten Reich“ aus, mit engen Verbindungen zum Wichlinghauser Pfarrer Karl Immer und zu keinem Geringeren als Karl Barth, dem Hauptautor der Barmer Theologischen Erklärung von 1934. Laut derselben Tafel fanden in genau diesem Haus – direkt gegenüber der Villa Wuppermann Am Diek 58, in der Brauda selbst wohnte – nach dem Krieg auch die „Vorbereitungen zur Gründung der Rheinischen CDU“ statt, mit Otto Schmidt, der nur wenige Häuser weiter Am Diek 40 lebte, mit am Tisch. Ob bewusst zitiert oder nicht: Im Geist der Barmer Richtlinien lässt sich ein Echo der Barmer Erklärung durchaus hören – die Behauptung eines eigenständigen, dem Staat nicht einfach unterworfenen Raums. Nur dass es 1934 die Kirche war, die diesen Raum für sich beanspruchte, und 1945 die private wirtschaftliche Initiative.

Das ist der Kern seines ordoliberalen Denkens, wie es sich – aufschlussreicherweise – bei einer Jahreshauptversammlung der graphischen Betriebe in Westfalen-Lippe im Mai 1953 zeigte, wo Brauda seine Vorstellung der Sozialen Marktwirtschaft darlegte und sich dabei durchaus pragmatisch vom damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard abgrenzte. Soziale Marktwirtschaft, so Brauda, sei kein Freibrief für „mörderische Konkurrenzkämpfe“. Stattdessen plädierte er für eine „selbstgewollte Ordnung in der Unternehmerschaft“ und forderte, dass man bei der Begrenzung des Wettbewerbs ruhig „bis an die Kartellgrenze gehen“ dürfe. Das ist ordoliberales Denken in Reinform: Der Markt braucht private Initiative und Wettbewerb, aber ebenso einen verlässlichen Ordnungsrahmen – eine bewusst gesetzte, nicht dem Zufall überlassene Struktur, die Auswüchse verhindert, ohne den Markt selbst infrage zu stellen.

Diese Haltung erstreckte sich auch auf die soziale Absicherung – interessanterweise nicht nur der Arbeitnehmer, sondern auch der Unternehmer. Brauda vertrat die Auffassung, dass die Marktwirtschaft auch dem Unternehmer ein gewisses Maß an „Ruhe und Sicherheit“ gewähren müsse. Zu weitreichende Gewerkschaftsforderungen wie die 45-Stunden-Woche lehnte er ab, weil sie unweigerlich zu Rationalisierung und Freisetzung von Arbeitskräften führen würden – ein Argument, das zeigt, wie sehr er wirtschaftliche Ordnung und soziale Folgenabschätzung zusammendachte, statt sie gegeneinander auszuspielen.

Zwei Seiten derselben Münze

Auf den ersten Blick wirken der Verwaltungsabbau-Pragmatiker des Brauda-Plans und der Verfechter einer „selbstgewollten Ordnung“ wie zwei unterschiedliche Politiker. Tatsächlich sind sie derselbe: Braudas Ordoliberalismus war nie akademische Marktgläubigkeit, sondern die feste Überzeugung, dass private Initiative nur dann trägt, wenn sie in einen klugen, schlanken Ordnungsrahmen eingebettet ist – und dass es Aufgabe des pragmatischen Politikers ist, genau diesen Rahmen zu bauen, notfalls gegen die eigene Verwaltung, gegen konkurrierende Parteiflügel und gegen simple ideologische Lösungen von links wie von zu starrem Wirtschaftsliberalismus.

Der Brauda-Plan war die praktische Übersetzung dieser Idee in Beton und Mietverträge: privates Kapital der Mieter, staatliche Anschubfinanzierung, ein bewusst verschlankter Verwaltungsapparat, aber auch ein grundbuchlich abgesichertes Dauerwohnrecht, das dem Einzelnen Sicherheit gab, statt ihn dem freien Spiel der Kräfte auszuliefern. Genau diese Verbindung aus Ordnungsdenken und Tatkraft trug 1967 zum Ehrenring der Stadt Wuppertal bei und ließ Wuppertal 1993 einen Weg nach ihm benennen.

125 Jahre nach seiner Geburt lohnt sich der Blick auf Klaus Brauda gerade deshalb, weil er zeigt: Ordoliberales Denken und pragmatisches Regierungshandeln müssen kein Widerspruch sein. Sie können, richtig verstanden, dieselbe Antwort auf dieselbe Frage sein – wie man in einer zerstörten Stadt mit begrenzten Mitteln, klaren Regeln und viel gesundem Menschenverstand wieder Wohnraum, Ordnung und Vertrauen schafft.

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