Gedanken und Geschichte(n)

Warum Arbeit? 

Warum Arbeit? Nicht wozu — das wäre die brave, teleologische Variante, die sofort mit Funktionen und Zwecken antwortet und damit das Eigentliche verfehlt. Warum. Also: Wie kam es dazu, dass Arbeit so alternativlos erscheint? Welche Kräfte haben dafür gesorgt, dass ein Großteil der Menschheit den größten Teil ihres wachen Lebens mit etwas verbringt, das sie — wenn man ehrlich ist — eigentlich lieber lassen würde?

Die Unterscheidung zwischen warum und wozu ist keine akademische Spitzfindigkeit. Wozu fragt nach Funktion: Wozu arbeiten wir? Um zu essen, zu wohnen, um gesellschaftlich teilzuhaben. Nützliche Antworten, die aber das Rätsel nicht lösen, sondern nur verschieben. Warum fragt nach Herkunft und Notwendigkeit: Warum ist Arbeit die dominante Lebensform geworden? Warum gibt es so wenig Alternativen? Das ist eine genealogische Frage, eine strukturelle — und sie führt in deutlich interessantere Gefilde.

Die naheliegendste Antwort ist die ökonomische: Wir arbeiten, weil wir müssen. Die moderne Gesellschaft regelt den Zugang zu Ressourcen über Lohnarbeit. Wer nicht arbeitet, hat kein Einkommen; wer kein Einkommen hat, hat ein Problem. Das stimmt soweit — ist aber, wie gesagt, eher wozu als warum. Die tiefere Frage ist: Warum haben wir diese Form der Ressourcenverteilung gewählt, und warum erscheint sie so selbstverständlich?

Hier hilft ein Blick in die Kulturgeschichte, in die Bibel: Dort steht kurz nach der Erschaffung Adams: “Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.” Was heißt das laut Bibel? “Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.” Und dann, nach dem Sündenfall: “Zum Mann sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen / und die Pflanzen des Feldes wirst du essen. Im Schweiße deines Angesichts / wirst du dein Brot essen, / bis du zum Erdboden zurückkehrst; / denn von ihm bist du genommen, / Staub bist du / und zum Staub kehrst du zurück.

Nachdem Sündenfall wird Arbeit körperlich, davor ist sie geistig. Die Bibel kennt also zwei Arten von Arbeit, die englische Sprache hat das bis heute beibehalten: Work ist jede Art von Arbeit, labour ist die körperliche. Es ist auch kein Wunder das dieses Wort die Geburtswehen bezeichnet, die laut Bibel ja auch das weibliche Äquivalent zur körperlichen Arbeit des Mannes sein soll. 

Löst man die Genesis-Erzählung aus ihrem religiösen Kontext und liest sie strukturell, zeigt sich ein Muster, das sich quer durch Kulturen und Epochen zieht: Arbeit ist notwendig, aber sie ist kein Gut an sich. Sie ist Mühsal. Sie ist das, was man tut, weil man muss — nicht weil man will.

Die Griechen haben das konzeptuell sauber durchdekliniert. Ponos — Plage, Mühe, Anstrengung — war der negative Gegenbegriff zu scholē, der Muße. Muße war nicht Faulheit; Muße war die Bedingung der Möglichkeit von Philosophie, Politik und einem Leben, das des Lebens würdig war. Arbeit war Sache der Sklaven und Handwerker, der Menschen, die keine Zeit hatten, weil sie arbeiten mussten. Der freie Bürger arbeitete nicht — er dachte, debattierte, gestaltete die Polis. Das ist natürlich eine durch und durch elitäre und auf Sklavenarbeit gegründete Vorstellung. Aber als Diagnose trifft sie etwas Reales: An wem man den Status des Freien erkannte, war eben daran, dass er nicht arbeiten musste.

Diese Grundambivalenz — Arbeit ist notwendig, aber verhasst — zieht sich wie ein roter Faden durch die Kulturgeschichte. Sie wird nicht aufgelöst, sondern immer neu überlagert und rationalisiert. Max Weber hat in seiner berühmten Studie zur protestantischen Ethik gezeigt, was durch die Reformation mit dem Arbeitsbegriff passierte. Plötzlich wird Arbeit zur Tugend, zur Berufung, zum Zeichen göttlicher Erwählung. Der kalvinistische Kaufmann, der rastlos arbeitet und seinen Gewinn nicht genießt, sondern reinvestiert, ist für Weber der Archetyp des modernen kapitalistischen Menschen. Aber welche Arbeit ist die Arbeit des Kaufmanns? Kann die geistige Arbeit physisch werden? Und die körperliche Arbeit geistig?

Ist das eine Erklärung für die merkwürdige Spannung im deutschen Verhältnis zur Arbeit: Man klagt über sie, man will eigentlich nicht — und gleichzeitig definiert man sich über sie. Was machst du? ist in Deutschland fast immer: Welchen Beruf hast du? Die Antwort strukturiert die soziale Identität. Man ist Lehrer, Ingenieur, Krankenpfleger — nicht: Man taucht in seiner Freizeit, schraubt an seinem Oldtimer, pflegt die Schwiegermutter, die einen hasst. Die Tätigkeit ist zur Seinsweise geworden.

Vor diesem Hintergrund erscheint das deutsche Rentensystem in einem kulturhistorisch fast komischen Licht. Die Rente ist das säkularisierte Paradies. Der Zustand, auf den hin man arbeitet, ist — die Abwesenheit von Arbeit. Das Wort selbst verrät es: Ein Rentier ist jemand, der von seinen Erträgen lebt, ohne selbst Hand anzulegen. Das war jahrhundertelang das aristokratische Ideal. Bismarck hat es, mit einer gewissen Chuzpe, demokratisiert: Wer lang genug gearbeitet hat, darf am Ende auch Rentier sein. Das Paradies wird nicht verschenkt — man muss es sich erarbeiten. Aber es wartet.

Nur: Wer baut das Paradies, während alle darauf warten? Die Rentenversicherung ist kein angespartes Kapital, sondern ein Generationenvertrag. Die Arbeitenden heute finanzieren die Rentner heute. Das Paradies funktioniert nur, weil nicht alle gleichzeitig drin sind. Das ist das strukturelle Paradox der modernen Arbeitsgesellschaft: Das Ziel ist die Abwesenheit von Arbeit, aber das Ziel kann nur erreicht werden, wenn genug Menschen weiterarbeiten. Der Widerspruch ist systemimmanent.

Und nun betritt die eigentlich explosive Frage die Bühne: Was passiert, wenn Maschinen und Software einen Großteil der menschlichen Arbeit übernehmen? Historisch hat jede Automatisierungswelle neue Arbeit geschaffen — die Weber wurden durch Fabrikarbeiter ersetzt, nicht durch Muße. Aber künstliche Intelligenz ist möglicherweise qualitativ anders, weil sie erstmals kognitive Tätigkeiten übernimmt, nicht nur physische. Wenn das stimmt, könnte diesmal tatsächlich etwas Grundlegendes passieren.

Zwei Folgefragen stellen sich sofort. Erstens: Wer finanziert dann den Staat? Unser Steuersystem besteuert im Wesentlichen menschliche Arbeit. Wenn Maschinen produzieren, aber keine Löhne zahlen, bricht die Finanzierungsbasis weg. Eine Maschinensteuer oder eine radikale Umverteilung von Kapitalerträgen wären denkbare Antworten — aber sie setzen politischen Willen voraus, der derzeit kaum in Sicht ist. Zweitens, und das ist die philosophisch interessantere Frage: Was definiert Arbeit noch, wenn materielle Not als Zwang wegfällt?

Dann bleibt Tätigkeit — aber aus anderen Gründen. Gestaltungswillen. Neugier. Soziale Einbindung. Sinnsuche. Der Mensch als homo faber verschwindet nicht, er hört nur auf, Lohnempfänger zu sein. Das wäre die Rückkehr zu einer sehr alten Idee: Handeln als Selbstzweck, praxis im aristotelischen Sinne — nicht um eines äußeren Zwecks willen, sondern weil die Tätigkeit selbst erfüllend ist.

Genau das beschreibt Star Trek. Live long and prosper — das schönste Ideal der Popkultur — fasst es in vier Wörter: Leben ohne materielle Not, und darin aufblühen. Die Föderation hat kein Geld. Replikatoren haben Knappheit überwunden. Menschen arbeiten — aber Kirk muss nicht auf der Enterprise sein. Er will es. Das ist das Modell am Ende unseres Gedankengangs: Tätigkeit ohne Zwang, aber nicht ohne Sinn.

Allerdings — und hier war Star Trek ehrlicher als zunächst gedacht — zeigt die Serie durchaus einen Weg. Und der führt durch die Katastrophe. Erst die eugenischen Kriege, nuklearer Kollaps, gesellschaftlicher Zusammenbruch. Dann, aus der Asche, Zefram Cochrane — der den ersten Warp-Antrieb nicht aus Idealismus entwickelt, sondern weil er betrunken, pleite und schlicht auf der Suche nach einem Geschäftsmodell ist. Und dann der Deus ex machina: Die Vulkanier detektieren das Warp-Signal und landen. Ohne diesen externen Anstoß keine Utopie.

Das ist eine bemerkenswert nüchterne anthropologische Aussage. Die Menschheit schafft es offenbar nicht aus eigener Kraft und aus eigenem Willen in den paradiesischen Zustand. Sie braucht erstens den Zusammenbruch als Reinigungsmoment und zweitens den Zufall oder die äußere Intervention als Katalysator. Strukturell ist das kaum von religiösen Erlösungsnarrativen zu unterscheiden: Apokalypse, Neuanfang, Gnade von außen. Der säkulare Fortschrittsglaube sagt: Wir entwickeln uns kontinuierlich weiter, Stufe für Stufe, durch Vernunft und Technik. Star Trek sagt: Nein. Es braucht den Reset.

Was das für unsere aktuelle Situation bedeutet, mag man sich kaum ausmalen.

Geblieben ist am Ende dieser Überlegung eine einfache Erkenntnis: Arbeit ist nicht das Problem. Die Form, in der Arbeit organisiert ist, ist das Problem. Lohnarbeit, Fremdbestimmung, fehlende Sinnhaftigkeit — das ist es, was nervt. Die Tätigkeit selbst, das Gestalten, das Denken, das Beitragen — das ist zutiefst menschlich und würde auch in der Utopie nicht verschwinden.

Nur sollte man vielleicht nicht bis zur Apokalypse warten, um das herauszufinden.

In diesem Sinne: Live long and prosper.

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