Ferdinand Heydrich (1827–1903) — vom Arztsohn an der Bredde zum Unternehmer in Matanzas
Wer heute in Matanzas, der Hafenstadt östlich von Havanna, den Wasserhahn aufdreht, benutzt eine Anlage, die ein Barmer gebaut hat. Der Aquädukt von 1872 versorgt die Stadt bis heute; 2005 wurde er zum kubanischen Nationaldenkmal erklärt. Sein Erbauer hieß Ferdinand Heydrich, kam am 26. Januar 1827 in Barmen zur Welt und starb am 1. April 1903 in Matanzas, wo man ihn längst Fernando nannte. Sein Name ist in Wuppertal so gut wie vergessen. In Cuba ist er es nicht.
Bredderstraße 67
Die Familie war zwischen zwei Landschaften verwurzelt. Der Vater, Friedrich Christian Gottlieb Heydrich, stammte aus Rüdershausen bei Göttingen; die Mutter, Friederica Helena Klein, kam aus Elberfeld. Dass der spätere kubanische Namenszusatz „Klein“ schlicht der Mädchenname der Mutter ist — nach spanisch-kubanischer Konvention folgt dem Vaternamen der Muttername —, klärt eine Frage, an der die deutschsprachige Überlieferung lange herumgerätselt hat.
Interessanter ist, was der Vater war. Der „Barmer Wohnungs-Anzeiger“ von 1859 verzeichnet ihn als „Heydrich, Christ. Friedr., Sanitätsrath. Dr. med., Bredderstr. 67.“ Ein praktizierender Arzt also, mit Ehrentitel, wenige Monate vor seinem Tod im Dezember desselben Jahres. Der Sohn schlug einen anderen Weg ein: Er wurde Handlungsgehilfe, kaufmännischer Angestellter — in der Textilstadt Barmen der naheliegende, aber eben nicht der väterliche Berufsweg.
1852, mit 25 Jahren, wanderte er aus. Als Ziel verzeichnet der Bestand „Auswanderer aus dem Rheinland“ im Landesarchiv NRW nicht etwa Cuba, sondern Wolverhampton in England. Wie lange er dort blieb und wann er weiterzog, ist bislang unbekannt — eine der Lücken, die noch zu füllen wären.
Maschinen für die Zuckermühlen
In Cuba verkaufte Heydrich schwere Maschinen. Es war der richtige Artikel zur richtigen Zeit: Die Zuckerindustrie der Insel modernisierte sich in diesen Jahrzehnten von Grund auf, und wer Mühlenausrüstung liefern konnte, verdiente daran erheblich. Der Historiker Miguel A. Bretos beschreibt in seinem Buch über Matanzas, wie Heydrich auf diesem Weg zu beträchtlichem Wohlstand kam.
Mit diesem Vermögen kehrte er zunächst nach Deutschland zurück — als reicher Mann, mit dem Plan, im Süden des Landes Baumwolle anzubauen. Das Vorhaben scheiterte. Es ist die kurioseste Episode dieses Lebenslaufs und zugleich die Weiche: Danach ging Heydrich endgültig nach Cuba zurück, und erst dort begann das Werk, für das man ihn heute kennt.
Deutsche Kaufleute im Kolonialkrieg
1868 begann der Zehnjährige Krieg, der erste der drei kubanischen Unabhängigkeitskriege gegen Spanien. Die deutschen Kaufleute auf der Insel mussten sich verhalten, und sie taten es eindeutig. Im Oktober 1869 bildete sich im „Club Alemán“ von Havanna ein fünfköpfiges Komitee — Georg Rasch, P. J. Niese, Gustav Rohlsen, A. Felix Lienau und Ferdinand Heydrich —, das eine deutsche Freiwilligenmiliz aufstellte, die „Compañía de los Alemanes“. Der Kölner Historiker Michael Zeuske hat den Vorgang aus den Archivquellen rekonstruiert.
Die Begründung gegenüber Berlin war von entwaffnender Offenheit. „Die Interessen, welche der deutsche Handelsstand hier am Platze representirt“, heißt es in einem Schreiben vom September 1869, „sind zum größten Teile mit denen der spanischen Bevölkerung identisch“. Am 23. Februar 1870 marschierten mehrere hundert Mann, uniformiert nach preußischem Vorbild, bei einer Militärparade in Havanna mit — angeführt vom Generalkapitän persönlich. England und die USA protestierten diplomatisch. Bismarck hatte der Aufstellung nur unter der Bedingung strikter Neutralität zugestimmt; faktisch stand die deutsche Kaufmannschaft auf der Seite der Kolonialmacht, weil dort ihr Eigentum lag.
Genau an dieser Stelle wird Heydrich als Person greifbar. Als Bismarcks Depesche mit der Formel „strictest neutrality“ im März 1870 in Havanna eintraf, übergab Konsul Louis Will den Auszug an Heydrich — den er ausdrücklich als „jefe“, als Leiter der Kompanie, bezeichnet. Heydrich berief die Delegierten ein und verfasste am 26. März 1870 einen langen, von den Kollegen ausdrücklich bevollmächtigten Brief an den Konsul. Der spanische Historiker Luis Álvarez Gutiérrez hat ihn aus den Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes ediert.
Heydrichs Argument ist bemerkenswert: Die Wache sei ihrem Wesen nach eine Feuerwehr. „Der Ausländer ist gleich dem Einheimischen berufen, wie bei einer Feuersnoth Hülfe zu leisten, so einen unberechtigten Angriff auf Leben oder Eigenthum mit bewaffneter Hand abzuwehren.“ Uniformen und militärische Gliederung seien reine Zweckmäßigkeit, vergleichbar dem Erscheinungsbild einer Feuerwehr. Der Aufstand sei ohnehin „praktisch niedergeschlagen“. Man wird das für eine geschickte Schutzbehauptung halten dürfen — aber es ist eine, die ein Kaufmann aus Barmen dem Auswärtigen Amt in Berlin selbstbewusst und in sauber gebautem Argument vorlegte.
Das Aquädukt
Die Idee, Matanzas mit Quellwasser zu versorgen, war alt und mehrfach gescheitert. Seit 1845 hatten es Manuel del Portillo, der Ingenieuroberst Francisco de Albear y Lara, Andrés del Portillo und zuletzt der mexikanische Ingenieur Juan F. Sánchez y Bárcena versucht; Bárcenas Gesellschaft gab kurz nach Baubeginn mangels Mitteln auf. So schildert es Adolfo Dollero in seinem Bericht über die Provinz Matanzas von 1919.
1871 erhielten Heydrich — bei Dollero ausdrücklich als „alemán“ bezeichnet — und sein Partner G. Faura y Casanellas im Namen einer Kapitalgebergruppe die Konzession, befristet bis 1912. Zwischen 1870 und 1872 entstand die Leitung von den Quellen Bello y Benavides in die Stadt; am 2. Juni 1872 war sie fertig. 1887 kam eine zweite Konzession hinzu, zusätzlich Wasser aus dem Río de Cañas zu entnehmen.
Dollero hat die Anlage selbst besichtigt — 14 Kilometer im Ford „auf einem nicht immer guten Weg“ hinaus zur ältesten Quelle. Ursprünglich, notiert er, sei das Wasser in einer schlicht in den Boden gegrabenen Grube gestaut worden; erst später habe man die Wände zementiert. Sein Gastgeber war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon der Sohn Alfredo, der die Firma nach dem Tod des Vaters weiterführte. Als der ihm erklärte, weshalb die Rohre nicht wöchentlich gespült würden, setzte Dollero ein trockenes „Relata refero“ darunter: Ich gebe nur wieder, was mir berichtet wurde.
Sisal, ein Haus namens „Bismarck“, sechs Kinder
Das zweite Unternehmen war landwirtschaftlich-industriell. Mit „Heydrich y Raffoler & Cie.“ gehörte Heydrich zu den Pionieren des Henequén-Anbaus in Cuba — jener Agave, aus deren Fasern Sisal gewonnen wird. Nach längerem Rechtsstreit erhielt er ein Patent auf ein neues Verarbeitungsverfahren und produzierte ab etwa 1890. Die Wirtschaftshistoriker Antonio Santamaría García und Alejandro García Álvarez ordnen den Betrieb in einen größeren Zusammenhang: Die Seilerei schuf Nachfrage nach Agaven auf Böden westlich von Havanna, die der Zuckerrohranbau erschöpft hatte. Bemerkenswert ist eine Fußnote dieser Studie: Obwohl die Eigentümer Deutsche waren, stammte der Großteil des Kapitals aus den USA.
Privat hatte Heydrich María de la Candelaria Martínez Valdez geheiratet, Tochter einer Familie mit Wurzeln in Cádiz; sechs in Cuba geborene Kinder sind belegt. Im damals exklusiven Villenviertel Alturas de Simpson ließ er sich ein Anwesen bauen und nannte es „Bismarck“ — nach dem Kanzler, mit dem er 1869/70 in der Neutralitätsfrage korrespondiert hatte. Beerdigt wurde er auf der Necrópolis de San Carlos Borromeo, unter einem säulenförmigen Grabmal.
Die Nachkommen blieben nicht auf der Insel. Sohn Emilio Silvestre gründete 1923 in Barcelona die Farben- und Lackfabrik „Colores Hispania“; das Werk im Stadtteil Poblenou wurde 1937 von der Belegschaft kollektiviert und steht heute unter Denkmalschutz. Sohn Alfredo Nicasio war US-Konsul in Matanzas. Und ein Urenkel wurde in Cuba selbst bekannt: der Bildhauer Juan Esnard Heydrich (1917–1998), Lehrer an der Kunstschule von Matanzas, wegen seines Widerstands gegen Batista inhaftiert, später Schöpfer von Büsten José Martís und Camilo Cienfuegos‘. Das kubanische Online-Lexikon EcuRed erklärt sein Talent mit der Herkunft: Sein Urgroßvater mütterlicherseits habe Steinarbeiten gefertigt. Gemeint ist, ohne dass der Name fiele, Ferdinand Heydrich — der neben allem anderen eben auch Bildhauer war.

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