Gedanken und Geschichte(n)

Warum in Wuppertal die Kirchen schließen

Ich bin im Dezember 1983 getauft worden, in der Friedhofskapelle an der Hugostraße. Sagt meine Mutter. Das Verwaltungsamt der Evangelischen Kirche sagt etwas anderes: Gemarker Kirche. Meine Mutter, darauf angesprochen, wurde laut: „Ich bin mein Lebtag noch nicht in der Gemarker Kirche gewesen!“

Ich neige dazu, ihr mehr zu glauben als den Akten. Und ich habe eine Vermutung, warum die Akten irren. Die reformierte Gemeinde Gemarke, die älteste Barmer Gemeinde, gegründet 1702, löste sich zum 1. Januar 1984 auf. In den letzten Wochen einer Gemeinde führt niemand mehr die Bücher mit letzter Gründlichkeit. Was verschwindet, verschwindet auch aus den Papieren. Das ist eine kleine Geschichte, aber sie enthält bereits das ganze Thema: Institutionen, die zu Ende gehen, hinterlassen Lücken – in Stadtbildern, in Biografien, in Ordnern.

Der Religionssoziologe Detlef Pollack hat sich die globalen Daten und die langfristigen Trends der Säkularisierung genau angesehen, und seine Kernthese ist eindeutig: Religion befindet sich weltweit im Sinkflug – gerade nicht nur im klassisch säkularen Westeuropa. In den USA bezeichnen sich mittlerweile rund 30 Prozent der Menschen als konfessionslos, eine bemerkenswerte Größenordnung, galt Amerika in der Soziologie doch lange als Paradebeispiel dafür, dass eine moderne, hochkapitalistische Gesellschaft zugleich tief religiös bleiben kann. Ähnlich dramatisch ist der Abbruch im tief katholisch geprägten Polen, wo Pollack von einem regelrechten Zusammenbruch der Bindung binnen fünfzehn Jahren spricht. Das alte Klischee, nach dem nur wir hier in Europa unseren Glauben verlieren, während der Rest der Welt in festen Traditionen verharrt, stimmt so einfach nicht mehr.

Den entscheidenden Bruch verortet Pollack in den 1960er- und 1970er-Jahren. Es geht dabei nicht um einen aktiven Hass auf die Kirche; Skandale und Kirchensteuer hält er ausdrücklich für Oberflächenphänomene. Der eigentliche Grund ist ein fundamentaler Wertewandel, eng gekoppelt an den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit: Mit wachsendem Wohlstand und größerer sozialer Sicherheit schwand die existenzielle Bedeutung traditioneller Solidargemeinschaften – der Staat oder die eigene Geldbörse übernahmen das. Damit verloren auch die alten Leitwerte an Zugkraft, Pflichterfüllung, Gehorsam, Autorität, also genau jene Werte, die das Fundament kirchlicher Strukturen bildeten. An ihre Stelle trat das Streben nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Pollacks Formel dafür: „Über meinen Glauben entscheide ich selbst.“

Daraus folgt sein zweites großes Argument: die Optionsvielfalt oder, umgangssprachlich, die Qual der Wahl. Niemand wacht am Sonntagmorgen auf und trifft eine bewusste, rebellische Entscheidung gegen Gott – es ist viel banaler. In einer vormodernen Gesellschaft war die Kirche das unangefochtene Zentrum des sozialen Lebens; es gab kaum Alternativen, um Gemeinschaft zu erleben. Heute konkurriert sie in einem gnadenlosen Aufmerksamkeitsmarkt mit dem Brunch, dem Fitnessstudio, dem Familienausflug oder dem simplen Bedürfnis auszuschlafen. Es ist wie beim Sonntags-„Tatort“: Als es drei Programme gab, war er ein gesellschaftliches Lagerfeuer; heute, bei 500 Serien auf Knopfdruck, hassen die Leute ihn nicht plötzlich – sie haben nur passendere Alternativen.

Diese Fragmentierung hat Folgen für die Verbliebenen. Pollack spricht von schwindender Plausibilität: Glaube ist strukturell auf Gemeinschaft angewiesen, religiöse Vorstellungen sind abstrakt und schwer greifbar. Erst die Bestätigung durch die Gruppe, gemeinsame Rituale und Gesang lassen ihn wirklich erscheinen. Werden die Reihen leerer, schwindet diese Bestätigung, und es entsteht eine Abwärtsspirale: Ein halbleerer Raum signalisiert unbewusst Relevanzverlust, was noch mehr Menschen fernbleiben lässt.

Der Wuppertaler Realitätscheck

Nach dieser Theorie müssten zuerst die großen, anonymen Volkskirchen an Bindungskraft verlieren, während kleine, eng vernetzte Gemeinschaften dem Druck besser standhalten. Die Wuppertaler Realität demontiert diese Annahme drastisch. Köbners Kirche in Unterbarmen, 1852 von Julius Köbner gegründet und damit die erste Baptistengemeinde im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen, zählte in den 60er Jahren noch rund 400 hochaktive Mitglieder – für eine Freikirche eine beachtliche Zahl, in der persönliche Bindung deutlich schwerer wiegt als die formale Mitgliedschaft in einer Landeskirche. Am 28. April 2024 war Schluss. Zuletzt verloren sich sonntags gerade noch zehn Menschen in einem Kirchenschiff, das für das Vierzigfache gebaut wurde. Man kann sich die Kälte des Raumes vorstellen – genau der Moment, in dem die physische Realität des Gebäudes den Glauben an die Zukunft der Gemeinschaft erdrückt.

Bei der evangelischen Kirche geschieht dasselbe in anderer Größenordnung: 2024 verzeichnete der Kirchenkreis Wuppertal 1.310 Austritte, 2025 waren es 1.007. Superintendentin Katharina Pött beschreibt eine Realität, die Pollacks Daten eins zu eins übersetzt: Religion sei endgültig Privatsache geworden, die unhinterfragte Weitergabe von Traditionen innerhalb der Familie finde praktisch nicht mehr statt. Die Folge ist eine finanzielle Kernschmelze. Die imposante Christuskirche in der Elberfelder Südstadt, deren Gemeinde binnen 15 Jahren mehr als ein Viertel ihrer Mitglieder verlor, schließt im Herbst 2027: Sie kostet jährlich rund 77.000 Euro Unterhalt, die nahe Johanneskirche nur 35.000 – bei 50 Gottesdienstbesuchern hier und doppelt so vielen dort wird das teurere Gebäude zum unhaltbaren Luxus.

Noch drastischer ist der Fall der Kirche am Kolk, mit 272 Jahren die älteste lutherische Kirche Elberfelds. Ihre Biografie ist gezeichnet von Widerständen: Im Zweiten Weltkrieg brannte sie aus, in den 70er Jahren beschädigte sie eine Gasexplosion auf dem Nachbargrundstück schwer, noch während der Restaurierung verwüstete sie ein Brandanschlag. Über Jahrzehnte baute die Gemeinde ihre Kirche aus den Trümmern wieder auf, getragen von zahllosen Spenden; Anfang 2023 wurde die Sanierung des Turms für zwei Millionen Euro abgeschlossen. Knapp ein Jahr später fasste das Presbyterium „schweren Herzens“ den Beschluss zur Entwidmung. Hier passt Pollacks Diagnose übrigens schlecht: Wer zwei Millionen in einen Turm investiert, hat nicht den Glauben verloren, er hat sich verrechnet.

Dieser Druck entsteht ohnehin nicht allein durch schwindende Kirchensteuern. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat beschlossen, bis 2035 treibhausgasneutral zu operieren – theologisch tief im Konzept der Bewahrung der Schöpfung verankert. In der Praxis erzwingt diese ethische Vorgabe enge Deadlines: Bis spätestens 2027 müssen die Gemeinden Pläne vorlegen, welche Gebäude sie behalten wollen, denn jedes weiter genutzte Haus muss bis 2035 emissionsfrei saniert sein. Bei Bauwerken des 18. und 19. Jahrhunderts mit Einfachverglasung, schlecht isolierten Dächern und massiven Raumhöhen geht das meistens gar nicht; die Sanierung verschlingt Summen, die in schrumpfenden Budgets schlicht nicht existieren. Im Klartext: Der Klimaschutz beschleunigt das Kirchensterben. Um die Schöpfung zu bewahren, müssen die Gemeinden ihre Gotteshäuser verkaufen.

Die katholische Kirche ist mit dem zentral gesteuerten Erzbistum Köln anders aufgestellt, und Stadtdechant Bruno Kurth verweist auf die alte Zusage von Kardinal Meisner, wonach keine Kirche aus rein finanziellen Gründen geschlossen werden dürfe: Die Kirche muss im Dorf bleiben. Gespart wird stattdessen an Verwaltungsgebäuden und Gemeindezentren. Verglichen mit dem Bistum Essen, wo fast 100 Kirchen profaniert wurden, wirkt Wuppertal wie eine Ausnahme – doch der Schutzschild ist eher kosmetisch. 891 Austritte im Jahr 2024, 780 im Jahr darauf, Sankt Petrus in Laaken bereits 2015 profaniert, das Gemeindezentrum von Sankt Ludger in Vohwinkel für Wohnraum abgerissen. Gravierender als die Gebäudeaufgabe sind die schleichenden Einschnitte: Aus Priestermangel, sinkenden Einnahmen und steigenden Energiekosten werden große Kirchenräume im Winter teilweise gar nicht mehr geheizt, und auf den Südhöhen rotieren die Gemeinden, weil ein Priester schlecht an drei Orten zugleich sein kann. Für die 80-jährige Witwe, die seit 50 Jahren jeden Sonntag in dieselbe Kirche geht, heißt das: im Dezember mit Mantel und Schal den eigenen Atem sehen – oder vor verschlossener Eichentür stehen, weil die Messe in einen Stadtteil verlegt wurde, den sie ohne Auto kaum erreicht. Das zerstört genau jene Verlässlichkeit, die für die Plausibilität des Glaubens im Alltag essenziell ist.

Was bleibt

Die Gebäude selbst lösen sich nicht in Luft auf. Es sind gewaltige, architektonisch dominante Bauwerke an zentralen Plätzen, und Wuppertal zeigt exemplarisch, wie eine Stadtgesellschaft versucht, diese leeren Hüllen mit neuem Sinn zu füllen – Stadtplaner sprechen von dritten Orten neben Zuhause und Arbeitsplatz, Baukultur NRW nennt Kirchen sogar „Vierte Orte“, weil sie Erinnerung, Stadtbild und Kontemplation zugleich tragen. Die Wichlinghauser Kirche wurde 2014 an die Diakonie verpachtet und zum Begegnungs- und Familienzentrum; Pfarrer Thomas Kroemer nannte das eine „bittere Entscheidung“, aber eine Lösung, „die kirchennah ist und dem Stadtteil gut tut“. Und ein Detail, das im Reden über Kirchenschließungen gern verrutscht: Entwidmet wurde dieses Haus nie – gerade deshalb war die Verpachtung möglich, es finden weiterhin Gottesdienste statt, und die Glocken läuten. Zwischen „umgenutzt“ und „entwidmet“ liegen eine Rechtslage, ein Eigentumsverhältnis und eine offene Tür; wir buchen zu schnell als Ende, was eine Formveränderung ist. Härter ist der Bruch bei der Kreuzkirche in der Nordstadt, immerhin die fünfte evangelische Kirche, die seit 2022 in Wuppertal aufgegeben wurde: Sie ging an eine Unternehmensberatung und wird Büro- und Schulungsort.

In Köbners Kirche wiederum zieht die französischsprachige Pfingstgemeinde Assemblée de Dieu ein – der Raum bleibt sakral, aber Kultur und Menschen sind komplett ausgetauscht. Das ist mehr als eine Kuriosität: Während der Baptistenbund schrumpft, ist der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden inzwischen der größte Freikirchenbund Deutschlands, fast die Hälfte seiner Gemeinden sind internationale Gemeinden. Wo Mitgliedschaft nicht Herkunft, sondern Entscheidung ist, passt Glaube offenbar besser in eine Gesellschaft, in der jeder über seinen Glauben selbst entscheidet – die Pfingstgemeinde ist die Form, die in die individualisierte Religionssphäre hineinpasst.

Bei alldem bleibt eine spürbare Melancholie. Pollack zitiert den britischen Schriftsteller Julian Barnes: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Bemerkenswert ist, wie stark auch völlig säkulare Menschen den Verlust spüren, wenn die Kirche im eigenen Viertel schließt. Denn diese Bauwerke sind über Jahrhunderte gewachsene, demokratische Begegnungsorte, architektonische und psychologische Ankerpunkte im Quartier. Sie repräsentieren einen Raum in der Mitte der Gesellschaft, der nicht dem puren Kommerz unterworfen ist: Man muss keinen Eintritt zahlen und keinen teuren Kaffee kaufen, um dort zu sein. Werden die Türen verriegelt, bricht ein Stück sozialer Infrastruktur weg. Die Anwohner vermissen nicht die Predigt, sondern den gemeinschaftlichen, schützenden Raum, den das Gebäude im Stadtbild symbolisierte.

Die Konfession spielt dabei fast keine Rolle – ob die Baptisten in Unterbarmen mangels Masse aufgeben, die Protestanten aus Klimaschutzgründen historische Perlen wie am Kolk verkaufen oder die Katholiken Gottesdienste zusammenstreichen und die Leute in kalten Kirchen sitzen lassen. Zurück bleiben mächtige bauliche Zeugnisse, die in einer Gesellschaft nach einer neuen Bestimmung suchen, der die Erfahrung großer, verbindender Gemeinschaft zunehmend fremd geworden ist. Und damit eine Frage, die weit in unseren Alltag hineinreicht: Wenn jahrhundertealte Kirchen zu Büros, Kletterhallen oder Begegnungsstätten werden – können diese weltlichen Räume tatsächlich den generationsübergreifenden Zusammenhalt ersetzen, den Religion einst stiftete? Oder geraten auch die neuen Nachbarschaftszentren im Überangebot moderner Möglichkeiten bald wieder an den Rand, während jeder für sich zu Hause streamt?

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