Stell dir vor, du lebst in deiner eigenen Stadt. Du bist dort geboren, du arbeitest dort, du zahlst deine Steuern. Und trotzdem bist du – und mit dir jeder, der deinen Glauben teilt – für ein halbes Jahrhundert rechtlich dazu verdammt, lautlos zu sein. Du darfst kein Gebäude errichten, das auffällt. Vor allem aber darfst du keine Glocken läuten. Du darfst in deiner Heimatstadt akustisch schlicht nicht existieren.
Wir denken bei Unterdrückung meist an physische Gewalt. Doch die Kontrolle darüber, was im öffentlichen Raum zu sehen und vor allem zu hören ist, ist ein ungleich subtileres und mächtigeres Instrument. In Elberfeld lässt sich das auf wenigen hundert Metern studieren.
Wer in Elberfeld das Sagen hatte
Um zu verstehen, warum ausgerechnet Glocken zur Waffe wurden, muss man sich die Machtverhältnisse des späten 17. und 18. Jahrhunderts ansehen. Die absolute Macht lag in den Händen der Reformierten, also der Calvinisten. Stadtverwaltung, Rat und Bürgermeisteramt bildeten ein geschlossenes System, getragen von den sogenannten Meistbeerbten.
Der Begriff klingt nach exklusivem Club, und genau das war er auch: die Familien mit den größten Grundstücken, dem größten ererbten Vermögen und folglich den höchsten Steuerzahlungen. Dieses politische und wirtschaftliche Monopol war untrennbar an die Konfession geknüpft. Wer nicht reformiert war, war politisch ein Niemand.
Es ging also nicht um theologische Feinheiten und die Auslegung einzelner Bibelverse. Es ging um Karriere. Wer als ambitionierter Kaufmann nach Elberfeld kam und lutherisch war, hatte eine gläserne Decke über sich – und die bestand aus Panzerglas. Die Quellen berichten von prominenten Familien wie den Lüttringhaus oder den Frohwein, die keineswegs eine theologische Erleuchtung hatten, sondern schlicht pragmatisch konvertierten, um in den Zirkel der Meistbeerbten aufzusteigen. Wer lutherisch blieb, gehörte zu einer geduldeten, häufig verarmten Minderheit, oft zugezogene Arbeiter.
Diese Minderheit besaß keinerlei öffentlichen Raum. Wollten Lutheraner Gottesdienst feiern, standen ihnen stundenlange Fußmärsche in die Nachbarorte bevor, nach Schwelm oder nach Lüttringhausen. Erst 1687 gelang der Erwerb eines kleinen Grundstücks in der Schönen Gasse. Dann geschah jahrelang nichts. 1694 folgte die Erlaubnis zur privaten Religionsausübung – hinter verschlossenen Türen. Bis zu offiziellen öffentlichen Gottesdiensten dauerte es bis 1726.
Das entscheidende Statussymbol aber fehlte weiterhin: der Turm. Erst 1747, ein halbes Jahrhundert nach dem Grundstückskauf, erbarmte sich Kurfürst Karl Theodor und erlaubte den Bau eines Turms mit Geläut. Geweiht wurde die Kirche am 5. Juli 1752; die für das Bergische typische Zwiebelhaube bekam der Turm erst 1774.
Passiv-aggressive Nachbarn im 18. Jahrhundert
Man kennt das Phänomen aus Vorortsiedlungen: Leute, die ihre Hecken millimetergenau stutzen und gewaltige Zäune hochziehen, einfach um zu demonstrieren, wem das Grundstück gehört und wer die Regeln macht. Im 18. Jahrhundert ging es dabei nicht um Thujahecken, sondern um Kirchtürme und um das Recht, sonntagmorgens ohrenbetäubenden Lärm zu machen.
Die Kontrolle über die akustische Landschaft war reiner Machtbeweis. Bis 1747 mussten die Lutheraner sich buchstäblich nach den Glocken der Reformierten richten: Wenn deren Geläut den Sonntag einläutete, griffen auch die lutherischen Bürger schweigend nach ihrem Gesangbuch und machten sich auf den Weg. Eine feine, alltägliche Form der Demütigung. Entsprechend wurde die eigene Glocke, als sie endlich erlaubt war, für diese Gemeinde zu einem beinahe heiligen Fetisch – zur Bestätigung der eigenen Existenz.
Der Fluch der Glocken
Man könnte meinen, damit sei die Sache erledigt gewesen: Der Turm steht, die Glocke hängt, alles gut. Von wegen. Auf diesem Gebäude lag ein Fluch, und die Geschichte nimmt rasch komödiantische Züge an.
Drei Bronzeglocken der Gießerfamilie Voigt aus Isselburg besaß die Kirche seit ihrer Einweihung. Die größte musste 1757 und erneut 1783 vor Ort umgegossen werden, weil sie fehlerhaft war. 1808 sprang sie wieder. Was dann geschah, zeigt, wie tief das psychologische Trauma dieser Gemeinde saß. Das lutherische Konsistorium verfiel in blanke Paranoia und verdächtigte allen Ernstes das Metall selbst. Man vermutete Sabotage oder unreine Legierungen seitens der Gießer.
Die Angst, wieder verstummen zu müssen, war so gewaltig, dass die Gemeinde zu aufwendigsten Maßnahmen griff: Sie kaufte Zinn und Kupfer selbst ein, verpackte das Material in Fässer, versiegelte sie und schickte sie nach Leichlingen, wo die Gebrüder Rincker aus Wetzlar ohnehin gerade eine Kirchenglocke zu gießen hatten. Und Vertreter der Elberfelder Gemeinde reisten mit: Sie standen dabei, als ihre Fässer geöffnet und das Metall „in richtiger Mischung dem Ofen übergeben wurde“. Man muss sich diese ernsten lutherischen Männer vorstellen, wie sie in der fremden Gießerei stehen und den Handwerkern auf die Finger sehen, damit ja niemand etwas anderes in den Kessel wirft.
„Tadellos schälte sich die neue Glocke aus dem Mantel“, notiert der Chronist Fritz Jorde. Über den Namen sämtlicher Konsistorialen standen die der beiden Prediger Johann Christian Boeddinghaus und Hilmar Ernst Rauschenbusch. Ein langer Zug von Pferden führte die Glocke auf schwerem Wagen nach Elberfeld. Nach kaum Jahresfrist war sie wieder gespalten und verstummte.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hing im Turm eine mittlere Glocke, die gesprungen war und schwieg, wenn ihre Schwestern schwangen. Nur ein einziges Mal wurde sie gerührt: an jenem Tag, als ein Gattenmörder im Hof des Rathauses sein Haupt auf den Richtblock legte. Erlöst wurde die Gemeinde erst 1861, als W. Rincker aus Westhofen drei neue Glocken goss.
Zweimal Feuer, einmal Trotz
Was an dieser Gemeinde beeindruckt, ist ihre Sturheit. Dieser trotzige Überlebenswille zieht sich durch die Jahrhunderte.
In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1943 sank die Kirche am Kolk in Schutt und Asche. Es blieb eine Ruine. Die Stadt wollte sie sprengen, um die Morianstraße und damit die Zufahrt zum Hauptbahnhof zu begradigen – in Barmen war mit der Johannes- und der Friedenskirche genau das passiert. Dass es am Kolk nicht dazu kam, verdankt die Gemeinde ihrem Presbyterium und besonders Pfarrer Lothar Przybylski.
Dann traf es das Gebäude gleich zweimal hintereinander. Am 22. August 1973 explodierten beim benachbarten Juwelier Abeler Gasfeuerzeuge beim Befüllen: drei Tote, schwer beschädigtes Mauerwerk, sämtliche Kirchenfenster verloren. Kurz vor Abschluss der Instandsetzung, in der Nacht zum 14. März 1974, brannte die Kirche nach einer Brandstiftung vollständig aus. Der Täter wurde nie gefasst.
Die Gemeinde bekam nicht die erhoffte Unterstützung, und reformierte Pastoren der Stadt machten sich über den Turmhahn lustig, den „goldenen Gockel“. Dreihundert Jahre alte Konflikte verschwinden offenbar nicht einfach.
Auch der landeskirchliche Konservator argumentierte gegen einen richtigen Wiederaufbau, und zwar ausgesprochen rational: Die immensen Kosten seien vor der Öffentlichkeit kaum zu verantworten, „zumal in gut 200 Meter Entfernung auch eine große Kirche stünde, die reformierte Alte Kirche“. Rein pragmatisch gab es für dieses Gebäude keinen Bedarf. Nur greift hier keine Rationalität, sondern institutionelle Emotion.
Ein Pfarrer schafft Fakten
An diesem Punkt betritt der eigentliche Held der Geschichte die Bühne: Erhard Evers (1928–2018), seit 1973 Inhaber der ersten Pfarrstelle am Kolk. Kirchenkreis und Landeskirche stellten sich quer; eine Mehrheit der Dozenten der Kirchlichen Hochschule riet im Mai 1974 schriftlich, den Kolk nicht wie bisher als Predigtkirche, sondern innen als „mehrfach gegliedertes Begegnungszentrum im Sinne der modernen (sozialen) Entwicklung“ wieder aufzubauen. Evers baute trotzdem – ohne Genehmigung der Landeskirche. Bis Weihnachten 1975 stand die Kirche wieder. Präses Immer, „knurrig darüber, daß wir einfach aufgebaut und nicht einmal die Genehmigung unserer Pläne abgewartet hatten“, erteilte danach immerhin eine formale Nachgenehmigung und sagte sein Kommen zur Wiedereinweihung zu. Er blieb dort wortkarg und kühl und verabschiedete sich gleich nach dem Gottesdienst.
Evers war nicht nur stur, sondern auch ein Rechner. Die Seitenkurve der Turmzwiebel ermittelte er eigenhändig, um die beim Blick von schräg unten auftretende parallaktische Verkleinerung auszugleichen. Dahinter steckt ein reizvolles architektonisches Problem: Setzt man auf einen sehr hohen Turm eine Kuppel, wirkt diese durch die perspektivische Verzerrung von der Straße aus viel zu klein, fast wie ein Stecknadelkopf. Um das auszugleichen, muss man sie in der Realität absichtlich zu groß und zu bauchig bauen. Evers legte dafür das barocke Oval der Cassinischen Kurve zugrunde und vergrößerte die Silhouette von Turmzwiebel und Laterne um den Faktor 1,08 für alle Werte.
Er baute also heimlich eine gigantische optische Täuschung, um dem alten Rivalen zu zeigen: Wir sind noch da.
Zwei Millionen für ein Denkmal
2016 ergab eine Begutachtung massive Schäden am Turmmauerwerk: 20 Prozent der Mauer- und 90 Prozent der Ecksteine mussten ersetzt werden. Veranschlagt waren rund 1,5 Millionen Euro, die weder Gemeinde noch Kirchenkreis aufbringen konnten; es kamen Zuschüsse von Bund und Land sowie rund 60.000 Euro an Einzelspenden zusammen. Im März 2020 begannen die Arbeiten, Anfang 2023 waren sie abgeschlossen – gekostet hatten sie am Ende rund zwei Millionen Euro. Keine zwei Jahre später, 2024, wurde die Kirche am Kolk entwidmet.
Warum steckt man zwei Millionen Euro in einen Ort, um ihn unmittelbar danach aufzugeben? War das der letzte verzweifelte Akt einer Institution, die sich ihr Ende nicht eingestehen konnte?
Institutionen verhalten sich in solchen Momenten wie lebende Organismen mit ausgeprägtem Selbsterhaltungstrieb. In diesen zwei Millionen steckte nicht nur Geld für Steine und Mörtel, sondern dreihundert Jahre Kampf. Es war der Preis dafür, die Erinnerung an die Unterdrückung des 18. Jahrhunderts, an die zerbrochenen Glocken und an den trotzigen Architekten am Leben zu erhalten. Die Kirchenbänke waren längst leer; die Sanierung war weniger ein Bauprojekt für die Zukunft als die Errichtung eines Denkmals für die eigene Vergangenheit. Man wollte den Platz nicht kampflos räumen.
Es ist, am Ende, eine Geschichte über das Klammern an Symbole.

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