Gedanken und Geschichte(n)

Ein Start-up für das Reich Gottes – und ein Toter auf dem Jahrmarkt

Während sich die Elberfelder Lutheraner jahrhundertelang an ihrem Kirchturm abarbeiteten, spielte wenige Straßen weiter eine andere Gruppe ein sehr viel größeres Spiel. Wenn Glocken und ein Turm nicht ausreichen, um die Welt von den eigenen Überzeugungen zu überzeugen, erfindet man das System eben neu. Man nutzt die Medien.

Wir gehen zum Kerstenplatz, Pfingsten 1799, zur Gründung der Wuppertaler Mission.

Das Datum war Programm

Schon die Wahl des Termins ist hochsymbolisch. Pfingsten ist das christliche Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, die Geschichte von den Zungen aus Feuer und dem plötzlichen Sprechen in fremden Sprachen. Die Gründer inszenierten sich sehr bewusst. Lange kursierte zudem die Legende, es seien exakt zwölf Gründungsmitglieder gewesen – eine glasklare Analogie zu den zwölf Aposteln. Historisch waren es wohl eher neun wohlhabende Männer aus dem reformierten und pietistischen Bürgertum. Das Narrativ aber saß: Wir tragen das Wort Gottes in die Welt.

Die Idee kam übrigens von außen. Pfarrer Gelshorn stand ab 1767 mit den Franckeschen Stiftungen in Halle in Verbindung und bekam von dort Berichte aus Ostindien und Pennsylvania; 1773 gingen die ersten Elberfelder Spenden nach Halle, sein Nachfolger Rauschenbusch führte das fort und bat 1800 erneut um Berichte.

Wer heute „Mission“ hört, denkt an Männer in Tropenhelmen, die mit der Bibel in der Hand in den Dschungel reisen. Diese Missionsgesellschaft begann völlig anders. Sie hatte anfangs überhaupt keine Missionare. Sie funktionierte in den ersten beiden Jahrzehnten fast exakt wie ein modernes Medien-Start-up. Ihr erstes und wichtigstes Produkt war kein Mensch, sondern Information.

Pietisten hacken die Aufklärung

Die Gründer waren vom Pietismus geprägt, einer Strömung, die großen Wert auf innere Frömmigkeit legte und den weltlichen Humanismus wie den Rationalismus der Aufklärung scharf ablehnte. Die moderne Welt galt ihnen als sündig.

Gleichzeitig waren sie extrem pragmatisch. Sie verstanden, dass die Aufklärung eine gewaltige Infrastruktur geschaffen hatte: ein verlässliches Postwesen, moderne Druckerpressen, länderübergreifende Kommunikationsnetzwerke. Und sie begannen, dieses System konsequent für ihre Zwecke zu nutzen.

Das Muster ist nicht aus der Welt: So wie heutige radikale Subkulturen das Mainstream-Internet verteufeln und zugleich den YouTube-Algorithmus perfekt bedienen, um ihre Nischeninhalte viral gehen zu lassen.

Die Elberfelder teilten sich auf wie eine Redaktion. Der eine durchforstete englische Schifffahrtsberichte, der andere las niederländische Kolonialdokumente. Alles wurde gesammelt, ausgewertet, übersetzt, emotional aufbereitet und in Heften veröffentlicht. Der Titel: „Nachrichten von der Ausbreitung des Reiches Jesu“. Bis 1817 erschienen 24 Ausgaben – ohne dass je ein Elberfelder Missionar afrikanischen oder asiatischen Boden betreten hätte. Die Arbeit war nach Sprachräumen aufgeteilt: einer für England und die ostfriesischen Inseln, einer für die Niederlande, einer für Frankfurt; Johannes Ball, auf dessen Grundstück am Kerstenplatz das Ganze begann, übernahm Basel.

Diese Publikationen hatten einen klaren Zweck: Finanzierung. Die Gesellschaft baute ein Netzwerk von Spendern auf und nutzte dabei Mechanismen, die wir heute aus dem Crowdfunding kennen. Man veröffentlichte die Namen der Spender. Das erzeugte sozialen Druck, aber auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl: Da stand der wohlhabende Fabrikant namentlich direkt neben der einfachen Magd. Geld sammeln ging schnell, Menschen finden nicht: Erst 1817, nach fast zwanzig Jahren, wurde der erste Kandidat aus Elberfelder Mitteln finanziert – und der ging nach Polen, in die Judenmission. Heinrich Grauer ließ man auf Elberfelder Kosten in Basel für Liberia ausbilden.

1824: Die Begegnung, die alles veränderte

Dann kam ein historisches Aufeinandertreffen, das die Richtung der gesamten Unternehmung veränderte.

Jean Baptiste gehörte zum Volk der San im südlichen Afrika. Seine Lebensgeschichte ist ein erschütterndes Zeugnis kolonialer Verbrechen. Die Quellen belegen, dass er als kleines Kind versklavt wurde, kurz nachdem seine Mutter durch einen Pfeilschuss getötet worden war. Er wurde in die Karibik verschleppt, wechselte mehrfach die Besitzer und landete schließlich bei einem niederländischen Kapitän, der ihn nach Europa brachte – nicht als Diener, sondern als Attraktion.

Auf europäischen Jahrmärkten wurde er als „exotischer Wilder“ ausgestellt, in einer sogenannten Völkerschau. Er musste sich nicht nur anstarren lassen; die Schausteller zwangen ihn zu entwürdigenden, brutalen Handlungen, die die rassistischen Vorurteile des Publikums bedienten. Die Berichte aus Elberfeld schildern, wie er lebende Tauben mit bloßen Händen zerreißen und verschlingen musste, wie er rohes Fleisch aß und zur Belustigung der Menge vor einem Ochsenkopf niederkniete. Das war die Unterhaltungsindustrie Europas im Jahr 1824.

Diese Schau kam nach Elberfeld, und die Mitglieder der Missionsgesellschaft besuchten den Jahrmarkt. Man muss diesen pietistischen Bürgern zugutehalten: Sie klatschten nicht. Sie reagierten mit Entsetzen. Sie sahen kein Spektakel, sondern eine zutiefst geschundene Seele. Die Konfrontation mit der Brutalität der Sklaverei vor der eigenen Haustür löste einen Schock aus.

Sofort aktivierten sie ihr Netzwerk, um Geld zu sammeln und Jean Baptiste freizukaufen. Sie scheiterten: Der Schausteller verlangte horrende Summen und zog mit dem Jahrmarkt weiter. Ein Jahr später, 1825, kehrte Jean Baptiste nach Elberfeld zurück, diesmal frei – aber gebrochen und schwer alkoholkrank. Die Missionsgesellschaft nahm sich seiner an und brachte ihn bei Graf von der Recke im Düsseltal unter. Im Juli 1826 wurde er feierlich getauft und erhielt den Namen Gottlob Freimann, einen Namen, der so schwer mit Bedeutung und Erlösungshoffnung aufgeladen ist, dass man fast daran erstickt. Einen Monat nach seiner Taufe war er tot.

Ein Trauma verschiebt die Landkarte

Diese Geschichte ist nicht nur menschlich tragisch, sie ist historisch folgenreich. Und an dieser Stelle wage ich eine These, die so nicht in der Forschung steht: Das Erlebnis mit Jean Baptiste hat die geografische Ausrichtung der Wuppertaler Mission umgeworfen.

Die Forschung sagt, die Barmer hätten auf Südafrika gedrängt. Leipoldts Brief nach Halle deutet aber darauf hin, dass man zunächst an den Nahen Osten dachte. Dort verliefen etablierte Handelsrouten für Kaffee und Gewürze, und es passt auch besser zum Basler Wirtschaftskonzept und zu der Lücke, die der Zusammenbruch der VOC hinterlassen hatte. Glaube und Handel Hand in Hand.

Nach dem Tod Jean Baptistes änderte sich der Fokus radikal. Mitleid und kollektiver Schock lenkten den Blick auf das südliche Afrika, seine Heimat. Aus einer Option wurde eine emotionale Verpflichtung – und die Belege dafür stehen buchstäblich in den Steinen Südafrikas. 1828 wurde im Pfarrhaus Mettmann die Rheinische Missionsgesellschaft gegründet – Theologen aus Barmen, Laien aus Elberfeld. 1830 kauften die ersten Missionare am Fuß der Zederberge die Farm Riedmond. „Wir haben den Namen Riedmond in Wupperthal verwandelt zum Andenken an unser liebes deutsches Wuppertal“, schrieben sie nach Hause. Ein volles Jahrhundert bevor sich die Doppelstadt Barmen und Elberfeld 1930 den Namen Wuppertal gab, existierte bereits ein Wupperthal in Südafrika, betrieben von bergischen Missionaren.

Bleibt die unbequeme Frage: Reichte das Mitleid mit einem einzigen Mann wirklich aus, um einen derart massiven logistischen und finanziellen Kraftakt zu rechtfertigen? Oder war die Geschichte von Gottlob Freimann einfach das perfekte, herzzerreißende Narrativ, das die Mission brauchte, um ihre Expansion in das ressourcenreiche südliche Afrika vor den Spendern moralisch zu begründen? War Empathie der Treiber oder das Deckmäntelchen?

Wahrscheinlich beides, ineinander verstrickt. Die Betroffenheit war zweifellos echt. Aber wie so oft in der Geschichte verselbständigen sich Strukturen: Was aus Mitgefühl begann, verwob sich in den folgenden Jahrzehnten untrennbar mit machtpolitischer Expansion.

Vom Mitgefühl zur imperialen Komplizenschaft

Ab den 1880er Jahren, als das Deutsche Reich unter Bismarck eigene Kolonien forderte, kippte das System endgültig. Ein Name illustriert das perfekt: Friedrich Fabri. Er war ab 1857 Inspektor der Rheinischen Mission in Barmen, direkt neben Elberfeld. Ausgerechnet der Mann, der das Erbe des Mitgefühls für Jean Baptiste verwaltete, veröffentlichte 1879 die Schrift „Bedarf Deutschland der Colonien?“ – einen Bestseller. Fabri gilt Historikern heute als einer der intellektuellen Väter der deutschen Kolonialbewegung. Er lieferte die theologische und wirtschaftliche Begründung dafür, warum Deutschland andere Länder ausbeuten sollte.

Die Mission, die einst Spenden sammelte, um einen Versklavten freizukaufen, mutierte zu einem Apparat, der die koloniale Unterwerfung ganzer Völker als zivilisatorische Notwendigkeit absegnete. Auch die namibische Stadt Keetmanshoop zeugt bis heute von der Reichweite dieser Netzwerke: Sie trägt den Namen des Bankiers Johann Keetman, der 1848 erster Präses der Rheinischen Mission wurde – benannt allerdings gegen seinen Willen und erst nach seinem Tod 1866.

Die Fließrichtung kehrt sich um

Und doch hat dieser Handlungsbogen ein Ende, das man sich kaum ausdenken könnte.

2021 traf eine verheerende Flutkatastrophe den Westen Deutschlands, auch Wuppertal. Das Wasser riss Brücken und Häuser mit sich, zerstörte Existenzen, die Region war auf Hilfe angewiesen. Wer sammelte Geld für die überfluteten Straßen von Elberfeld und Barmen? Die Mitgliedskirchen der Vereinten Evangelischen Mission aus Afrika und Asien. Gemeinden in genau jenen Gebieten, die einst Ziel der ersten publizistischen und missionarischen Netzwerke des frühen 19. Jahrhunderts waren, riefen zu Spenden auf. Über 20.000 Euro kamen in oft weit ärmeren Gemeinden zusammen und gingen als Zeichen der Solidarität zurück nach Deutschland – genau an den Ort, von dem vor zweihundert Jahren jene Männer aufgebrochen waren, die das Schicksal Jean Baptistes erschüttert hatte.

Das gesamte historische Gefälle von Geber und Empfänger hat sich in diesem einen Akt umgekehrt. Historische Netzwerke sind eben keine Einbahnstraßen. Die Fäden, die man in Elberfeld gesponnen hat – aus verzweifeltem Glauben, aus hartem Pragmatismus, aus imperialer Überheblichkeit –, spannen sich noch immer über den Globus und tragen Früchte, die sich die Gründer nie hätten vorstellen können.

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