Gedanken und Geschichte(n)

Psalmen als Rüstung: Der Wuppertaler Erziehungsverein und die Kinder der Fabrik

Wenn eine Disziplinierungsmaschine bei Erwachsenen ins Leere läuft, weil der Frust zu groß ist, fängt man früher an. Man wendet sich den Kindern zu.

Damit sind wir am Casinokreisel und im Jahr 1849 – einem Jahr, das für das Wuppertaler Bürgertum, für die Seidenbarone und Fabrikbesitzer, ein Albtraum war. Es war das Jahr, in dem ihre geordnete Welt beinahe in Flammen aufging, und es vereinte politische und biologische Katastrophen.

Ein Jahr wie ein Albtraum

Im Mai brach der Elberfelder Aufstand aus, Teil der Reichsverfassungskampagne, die sich über ganz Deutschland erstreckte. Die Landwehr, also die bewaffneten Bürger, erhob sich gegen die preußische Krone, weil der König die demokratische Verfassung ablehnte. In den Straßen Elberfelds wurden Barrikaden gebaut, Schüsse fielen, Blut floss. Das Großbürgertum stand am Fenster und sah die Revolution vor der eigenen Haustür wüten. Die Angst um Eigentum und Leben war real.

Kaum war der Aufstand von preußischen Truppen niedergeschlagen und der Pulverdampf verzogen, schlug die Natur zu. Im Herbst 1849 brach in den überfüllten, unhygienischen Arbeitervierteln die Cholera aus. Hunderte starben, Kinder wurden massenhaft zu Waisen. Eine doppelte Bedrohung: Die Revolution bedrohte das Geld, die Cholera das Leben.

Aus dieser Schockstarre heraus reagierte der pietistische Mittelstand – und das ist wichtig: nicht die Industriellenelite, sondern, wie es in den Quellen heißt, „einfache, schlichte Männer, dem Handwerker- und Beamtenstand angehörend“. Am 15. November 1849 gründete Carl Brockhaus (1822–1899), Volksschullehrer und bergischer Pietist, den Verein für Waisen und verlassene Kinder, später bekannt als Wuppertaler Erziehungsverein. Die Motivation war unverblümt: Wenn die Gesellschaft vor dem Zusammenbruch gerettet werden soll, muss man die nächste Generation der Unterschicht von der Straße holen, bevor sie gefährlich wird.

Ein organisatorischer Sonderweg

Bemerkenswert ist, dass Brockhaus und seine Verbündeten einen eigenen Weg wählten. Andere Städte bauten damals riesige, gefängnisartige Waisenhäuser; klassische Anstalten. Brockhaus lehnte das ab. Im Mai 1850 fiel die Entscheidung: keine Anstalten, sondern christliche Pflegeeltern, familiäre Erziehung. Die Kinder wurden dezentral bei frommen Familien untergebracht. Brockhaus selbst legte 1850 sein Lehramt nieder, wandte sich der Brüderbewegung mit ihrer strikten Trennung von Welt und Landeskirche zu, gab die Leitung ab – und machte die Elberfelder Bibel. Sein Bruder Wilhelm übernahm und begründete das Blatt „Saat und Ernte“.

Und die Finanzierung? Man belebte schlicht das Modell der Wuppertaler Mission wieder: ein Medienprodukt. Der Verein gründete eine Zeitschrift namens „Der Kinderbote“. Der erste Jahrgang lag bei 6.000 Exemplaren, später waren es 23.000 im gesamten deutschsprachigen Raum – für die damalige Zeit eine gewaltige Zahl. Das Blatt war nicht Beiwerk, sondern die finanzielle Hauptstütze: Es sammelte kleine Spenden, Kupferpfennige von Sonntagsschulkindern, und trug damit das Pflegefamiliensystem. Organisatorisch eine Meisterleistung.

Bis hierhin klingt das nach einer Heldengeschichte: Bürger ergreifen Initiative, helfen Waisen, finanzieren das Ganze innovativ. Dann sieht man sich die Ideologie an.

Das Paradiesgärtlein der Frommen

Johann Hinrich Wichern, der Gründer der Inneren Mission, kritisierte damals die Zersplitterung der vielen christlichen Initiativen und forderte Einheit. Elberfeld blieb bei der Selbstständigkeit und bei der persönlichen Gottesbeziehung. Das war kein Verwaltungsdetail, sondern Programm: eine bewusste Abkopplung von den sozialen Bewegungen, um religiöse Reinheit zu bewahren. Andere nannten die Wuppertaler Pietisten deshalb spöttisch das „Paradiesgärtlein der Frommen“.

Diese Abkopplung von der Realität führte zu einem pädagogischen Ansatz, bei dem einem heute schlicht die Kinnlade herunterklappt. Ihr Ziel war keine Sozialpädagogik. Es ging nicht darum, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, damit sie später einen anständigen Beruf erlernen und der Armut entkommen konnten. Bildung war nicht das primäre Ziel. Die historischen Dokumente beschreiben die Methode wörtlich als „das Auswendiglernen eines Schatzes kerniger, köstlicher Bibelsprüche“.

Man glaubte mit vollem Ernst, ein eingetrichterter Bibelvers funktioniere wie ein unsichtbarer Schutzschild und immunisiere diese Kinder gegen Straße und Fabrik. Kritik gab es schon damals: Die Sozialpädagogik komme zu kurz, die strukturellen Ursachen blieben außen vor, und erreicht werde ohnehin nur ein kleiner Teil der Kinder.

Dabei war der Verein mehr als seine Pflegefamilien. Es gab Kleinkinderschulen – um 1910 rund 1.800 Kinder –, Sonntagsschulen für Kinder, die werktags in Fabriken arbeiteten und oft keine andere Bildung bekamen, dazu Näh- und Flickstuben für Mädchen, in denen Handwerk mit Fleiß, Ordnung und Sauberkeit verbunden wurde.

Kognitive Dissonanz in Reinform

Es ist vielleicht das krasseste Beispiel für kognitive Dissonanz, das die Dokumente dieser Stadt hergeben. Das Bürgertum sah das Elend auf den Straßen täglich. Es sah die Kinder, die vierzehn Stunden am Tag an den Webstühlen standen. Es wollte helfen – war aber unwillig, jene Wirtschaftsordnung zu hinterfragen, aus der die Stadt ihren Wohlstand zog und die diese Armut überhaupt erst produzierte. Fair bleiben muss man dabei: Die Männer des Erziehungsvereins waren nicht die Fabrikherren, sondern Handwerker, Lehrer und Beamte. Die Scheu vor den strukturellen Ursachen war trotzdem dieselbe.

Statt nach Arbeitsschutz oder fairen Löhnen zu rufen, gab man den Kindern Psalmen als Rüstung. Das ist, als schickte man jemanden in ein brennendes Haus und drückte ihm statt eines Feuerlöschers ein Gebetbuch in die Hand. Es beruhigt das Gewissen des Helfenden und verdeckt zugleich die strukturellen Ursachen des Leids.

Was im Schatten geschieht

Wo Strukturen fehlen, wo es keine weltliche Transparenz gibt, sondern nur religiöse Abschottung, geschehen früher oder später schreckliche Dinge. Die Aufzeichnungen beschönigen das nicht, im Gegenteil, sie benennen das institutionelle Versagen sehr klar.

1892 kam es zum Eklat. Der Hausvater der Einrichtung, ein Mann namens Moser, musste über Nacht fliehen – vor der Justiz. Gesucht wurde er, in der kühlen Amtssprache der Akten, wegen „Vergehen gegen die Sittlichkeit an den von ihm zur Erziehung anvertrauten Kindern“. Ein brutaler Fall von Kindesmissbrauch, begünstigt durch die geschlossenen Türen dieser Institution.

Später, in der Weimarer Republik, nimmt die Geschichte des Vereins noch dunklere Züge an. Das ursprüngliche Ideal der frommen Isolation kippte vollständig. 1929 berichteten lokale Zeitungen schockiert über Zustände in den Heimen: Stiefelappelle und militärische Exerzierübungen für Jungen im Alter von sechs bis vierzehn Jahren, untermalt von einem aggressiven Kult um die schwarz-weiß-rote Fahne des alten Kaiserreichs. Aus christlicher Fürsorge war eine Brutstätte rechtsnationalen Militarismus geworden. Vom Bibelspruch zum Stiefelappell.

Hundertfünfundsiebzig Jahre Lernkurve

Fairerweise: Die Idee der Hilfe hat sich weiterentwickelt. Wer heute auf die Nachfolge dieses Vereins schaut, findet die ekita gGmbH unter dem Dach der Diakonie, die die Einrichtungen führt; aus dem Verein selbst wurde die Kinderstiftung Wuppertal. Der Impuls, sich um Kinder zu kümmern, existiert weiter – aber die Methoden haben sich um 180 Grad gedreht. Wo früher isolierendes Bibelstudium stand, finden wir heute Sprachförderung, inklusive Pädagogik und Ergotherapie.

Es hat rund 175 Jahre gedauert, theologische Magie durch evidenzbasierte Hilfe zu ersetzen. Die Einsicht, dass man komplexe sozioökonomische Probleme nicht mit spirituellen Pflastern heilt, war ein schmerzhafter Prozess.

Und genau hier lohnt sich der Blick zurück auf uns selbst. Wir schmunzeln über naive Lehrer des 19. Jahrhunderts, die allen Ernstes glaubten, ein auswendig gelernter Bibelvers könne ein Kind vor den Zahnrädern der Industriellen Revolution beschützen. Es erscheint uns lächerlich.

Nun stell dir Historikerinnen und Historiker vor, die in 150 Jahren auf unsere Zeit zurückblicken. Sie analysieren unsere Lösungsansätze für die großen Probleme der Gegenwart: unsere Achtsamkeits-Apps, die uns vor dem Burnout retten sollen. Unsere glamourösen Charity-Galas für das Klima. Unsere glänzenden Smart-City-Konzepte, die soziale Ungleichheit angeblich wegrechnen.

Welches unserer zutiefst gut gemeinten, modern wirkenden Systeme werden sie als unseren ganz persönlichen goldenen Gockel betrachten? Welches unserer Konzepte werden sie als hohles Symbol entlarven, das das eigentliche strukturelle Problem in Wahrheit nur kaschiert hat?

Vielleicht sind wir von den Bürgern am Kerstenplatz gar nicht so weit entfernt, wie wir glauben.

2 Kommentare

  1. Avatar von Stephan Nauss, Münster
    Stephan Nauss, Münster

    Kompliment! Mich fasziniert es immer wieder, wie akribisch Sie die historischen Abläufe recherchiert haben, diese dann mit geschickter Sprache vermitteln und welche Schlüsse Sie daraus ziehen. Da ich mich für das 19. Jahrhundert, vor allem in meiner alten Heimat Wuppertal, beschäftige, bin ich für dieses lebendige Geschichtsbuch sehr dankbar!

    1. Danke. Das freut mich.

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