Bisher ging es um jene, die Macht hatten: die reformierte Elite, die pietistischen Netzwerke, die Konstrukteure der Armenverwaltung. Sie wählten Kontrolle, Bürokratie, Medienkampagnen und Isolation. Doch was geschah mit jenen, die keine politische Macht, kein großes Kapital und keine Mehrheit hinter sich hatten? Was machte die kleine katholische Minderheit?
Das führt zur letzten und vielleicht erstaunlichsten Station: dem Laurentiusplatz. Und zu einem Handlungsbogen, den ein Hollywood-Autor kaum besser hätte erfinden können.
Wer die katholische Kirche bezahlte
1660 gab es eine Kapelle an der Alten Freiheit, 1678 brannte sie im Stadtbrand ab. 1684 entstand auf dem Grundstück des heutigen Von der Heydt-Museums das Missionshaus der Jesuiten, in dem bis 1737 Gottesdienste gehalten wurden; 1778 bekamen die Elberfelder Katholiken eine eigene Pfarrei. Um 1800 waren sie etwa 4.500 Menschen, ein Fünftel der Stadt – geduldet, aber fern der Schalthebel. Die Kirche wurde zu klein, man kaufte das Osterfeld und baute St. Laurentius.
Die eigentlich spannende Frage lautet: Wer hat den Bau dieser katholischen Kirche maßgeblich mitfinanziert? Der preußische König Friedrich Wilhelm III. spendete stolze 5.000 Taler. Viel interessanter aber sind die lokalen Geldflüsse. Es gab groß angelegte Kollekten in genau jenen reformierten und lutherischen Kirchen, die einander jahrhundertelang bekriegt hatten. Die wohlhabenden Protestanten gaben Geld für ihre katholischen Nachbarn.
Man sollte das nicht als plötzlichen Ausbruch ökumenischer Liebe missverstehen. Hermann-Peter Eberlein liefert die Erklärung in einer Fußnote: Einige der reformierten Meistbeerbten-Familien hatten noch aus pfälzischer Zeit katholische Zweige, um in Düsseldorf oder Mannheim Hofämter übernehmen zu können. „Dies erklärt, warum die katholische Laurentiuskirche zum Teil durch Spenden reformierter Familien fertiggestellt wurde.“
Aus schöner Ökumene wird damit Familiengeschichte. Man spendete nicht für die anderen, sondern für die eigene Verwandtschaft.
Die Investition führte dazu, dass St. Laurentius als massiver klassizistischer Bau den Platz dominierte. Und um den ewigen Elberfelder Glockenkrieg zum Abschluss zu bringen: St. Laurentius bekam gewaltige Glocken und besitzt bis heute das größte und lauteste Geläut der ganzen Stadt.
Der Kolk hat in vier Anläufen nachgerüstet – 1955, 1963, 1968 und 1984, zuletzt mit einer 350-Kilo-Glocke, gestiftet von der Witwe Stodt – und kommt heute auf rund 7,2 Tonnen. Das reicht für Platz zwei. Ob das wirklich als Wettbewerb gemeint war, sagen die Quellen nicht; nach dreihundert Jahren Glockenstreit liegt der Gedanke allerdings nahe.
Ein 25-Jähriger und eine Idee
Die Steine am Laurentiusplatz erzählen aber nicht nur von architektonischer Eitelkeit, sondern von einer echten sozialen Revolution. 1846 geschah dort etwas, das die Welt verändern sollte.
Ein blutjunger Lehrer aus Neuss, Johann Gregor Breuer, gerade 25 Jahre alt, beobachtete das Elend der jungen Handwerker, die dem aufkommenden Kapitalismus schutzlos ausgeliefert waren. Er gründete in Elberfeld einen Gesellenverein: Bildung, Solidarität, soziale Absicherung. Als Lehrer hatte er keinen Zugang zur Welt der Handwerker, er brauchte katholische Meister – einer davon war der Schreinermeister Joseph Thiel. Ein Jahr zuvor hatte Breuer bereits die Gesellschaft „Parlament“ gegründet, die katholische Antwort auf die protestantischen Bürgergesellschaften und Treffpunkt für alle, die anderswo nicht willkommen waren.
Dieser kleine Elberfelder Gesellenverein wurde zur Blaupause. Wenige Jahre später übernahm ein gewisser Adolph Kolping das Konzept, trug es nach Köln und machte daraus das weltweite Kolpingwerk, einen der wichtigsten Sozialverbände der katholischen Kirche.
Die Spur, der wir folgen, führt jedoch nicht zu Kolping, sondern bleibt bei jenem Schreinermeister – genauer gesagt bei seinem Sohn.
Ein Leben kollidiert mit der Weltpolitik
Bernhard August Thiel wird 1850 in Elberfeld geboren. Er wächst auf zwischen Hobelspänen und den politischen Gesprächen des Gesellenvereins; durch die Kirchenkontakte seines Vaters ist früh klar, dass er Prediger wird. Schule in Elberfeld und in Neuss, Breuers Heimatstadt, dann in Köln zu den Vinzentinern – einem Orden, der ausdrücklich für die Mission gegründet worden war.
Dann kollidiert sein Leben frontal mit der großen Politik. Das Deutsche Reich, geeint unter Reichskanzler Otto von Bismarck, ruft den Kulturkampf aus. Bismarck fürchtete nach der Reichsgründung 1871 den Einfluss der katholischen Kirche; er war geradezu paranoid, die Katholiken im Reich könnten dem Papst in Rom loyaler sein als dem protestantischen Kaiser in Berlin. Also erließ er drakonische Gesetze: Er warf Orden aus dem Land, inhaftierte Bischöfe und entzog der Kirche die Kontrolle über Schulen und Eheschließungen.
Für einen jungen, engagierten Ordenspriester gab es in diesem Deutschland keine Zukunft. Thiel verließ seine Heimat, ging zunächst nach Paris, wurde dort 1874 zum Priester geweiht und reiste direkt weiter nach Ecuador. In Quito arbeitete er als Lehrer am Priesterseminar und verbrachte jede freie Minute im Sattel. Sein Kollege Schumacher beschrieb ihn so: „Der Pfarrer ist ein Mann, der den ganzen Tag zu Pferde sitzen muss und immer in der Eile.“
Ecuador war nur Zwischenstation. 1877 floh er vor Unruhen weiter nach Costa Rica. Und dort nimmt die Geschichte eine Wendung, die man sich nicht ausdenken kann.
Der Bischof, den der Präsident für lenkbar hielt
Costa Rica steckte in einer tiefen Krise. Die Stimmung war antikirchlich, die Regierung ausgesprochen liberal, und der Bischofsstuhl in San José war seit 1871 unbesetzt.
Nun geschah das Kuriose: Ausgerechnet der antiklerikale Präsident Guardia Gutiérrez schlug ihn als moderaten Kandidaten vor. Am 1. September 1880 wurde Bernhard August Thiel mit dreißig Jahren Bischof von Costa Rica. Ein Schreinersohn aus Elberfeld an der Spitze der katholischen Kirche eines ganzen mittelamerikanischen Staates.
Ruhig blieb es nicht. 1884 musste er erneut fliehen und kam zurück nach Elberfeld, wo er am 15. September 1884 die Grundsteine von Herz-Jesu und St. Marien weihte. Dass St. Marien von der Firma seines Vaters gebaut wurde, mag reiner Zufall sein. Ab 1886 war er wieder in Costa Rica.
Wer nun annimmt, dieser junge Deutsche habe brav in seiner Kathedrale gesessen und gebetet, irrt gewaltig. In Costa Rica braute sich eine wirtschaftliche Katastrophe zusammen: die Kaffeepreiskrise. Kaffee war das Rückgrat der Wirtschaft. Zwischen 1870 und 1930 halbierten sich die Reallöhne der einfachen Kaffeepflücker und Landarbeiter; die Oligarchen pressten die Bevölkerung aus, um ihre Profite auf dem Weltmarkt zu retten. Das Elend war unbeschreiblich.
Elberfelder Handwerkersolidarität, hochskaliert
Genau in diesem Moment zeigt sich Thiels historische Prägung. Er sah das Elend in Costa Rica und erinnerte sich an seine Kindheit am Laurentiusplatz. An seinen Vater, den Schreiner. Und an die Grundidee des Elberfelder Gesellenvereins: Solidarität, Organisierung, Schutz der Schwachen vor der Übermacht des Kapitals.
Thiel nahm dieses lokale Wuppertaler Handwerkerkonzept und skalierte es auf das Niveau eines Nationalstaates. Er verließ die rein theologische Sphäre und betrat die politische Bühne. Von der Kanzel predigte er Arbeiterrechte: organisiert euch, fordert gerechte Löhne – nicht als Almosen, sondern als Recht. 1889 gründete er die Katholische Unionspartei, die 1894 direkt gegen das liberale, wirtschaftsfreundliche Regime antrat. Er wurde zur Nemesis der Kaffeebarone.
Auslassen sollte man dabei nicht, dass dieser Einsatz auch national grundiert war. Sein Kollege Schumacher schrieb 1889: „In diesem seltsamen Lande hat, wie es scheint, die Vorsehung den Deutschen die Aufgabe gestellt, christliche Kultur und Gesittung zu pflegen.“
Thiel starb 1901, und die Reaktionen zeigen, was er erreicht hatte. Das Land verfiel in Trauer, er erhielt ein gewaltiges Staatsbegräbnis, fünf Tage lang wehten landesweit die Fahnen auf Halbmast. Sein Vermächtnis überdauerte ihn: 1921 verabschiedete das Parlament von Costa Rica ein Gesetz, das ihm posthum den Titel „Benemérito de la Patria“ verlieh, Wohltäter des Vaterlandes.
Die Ironie der Geschichte
Man kann über diese Pointe nur den Kopf schütteln. Otto von Bismarck, der eiserne Kanzler in Berlin, wirft einen jungen Priester aus dem Deutschen Reich, weil er ihn für einen gefährlichen Querulanten hält. Und verschafft Costa Rica durch genau diesen Akt der Vertreibung einen sozialen Revolutionär, der das Land dauerhaft verändert. Ein besseres Beispiel für unbeabsichtigte historische Konsequenzen wird man kaum finden.
Zugleich liefert Thiels Biographie die perfekte Folie, um die beiden großen Strömungen zu vergleichen, die aus diesen wenigen Straßenzügen in Elberfeld hervorgingen.
Auf der einen Seite der protestantisch-pietistische Weg, ausgehend vom Kerstenplatz und vom Wuppertaler Erziehungsverein: der Weg der Kontrolle. Der Fokus lag auf innerem Seelenheil, moralischer Kontrolle, Disziplin und Isolation. Man nutzte die Werkzeuge des Kapitalismus und der modernen Medien brillant, um Spenden zu sammeln, verstrickte sich später aber in den imperialen Kolonialismus und versuchte, strukturelle Armut im Inland mit auswendig gelernten Bibelversen wegzubeten.
Auf der anderen Straßenseite, geboren in einer kleinen Schreinerwerkstatt am Laurentiusplatz, formierte sich eine katholische Bewegung, die ihre religiösen Überzeugungen nicht als Schild gegen die Welt benutzte, sondern über den Atlantik trug und dort in handfeste sozioökonomische Forderungen übersetzte.
Zwei radikal unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie sollen Religion, Menschlichkeit und Wirtschaft in einer sich rasend schnell wandelnden Gesellschaft zusammenwirken?
Beide Stränge haben tiefe Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart reichen. Das Wupperthal in Südafrika existiert noch heute. Die namibische Stadt Keetmanshoop trägt bis heute den Namen eines Elberfelder Bankiers. Und in San José erinnert man sich an einen Schreinersohn vom Laurentiusplatz.
Die physischen Steine mögen leer stehen. Die Konzepte, Konflikte und Lösungsansätze, die in diesen Straßen geschmiedet wurden – die kalte Effizienz bürokratischer Armutsverwaltung, der Export von Medienkampagnen, der schmerzhafte Übergang von naiver Wohltätigkeit zu echten Arbeiterrechten –, sind alles andere als verstaubt. Sie pulsieren noch heute durch die Nervenbahnen moderner Gesellschaften.

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