Über das Anthropozän

Der Gegensatz zwischen Kultur und Natur ist von der Idee durchdrungen, dass einer dieser Begriffe gegenüber dem anderen überlegen sei. Dabei werden dem Begriff der Kultur Partner wie Zivilisation oder Vernunft an die Seite gestellt. Der Begriff der Natur hingegen erhält andere Mitspieler. Dazu zählen Wildheit oder Tier. Im Kontext dieser Begriffe wird vor allem von europäischer Seite aus die Kultur der Natur vorgezogen.

Schon der römische Autor Salust legte für eine solche Betrachtung einen Grundstein, wenn er behauptete, dass der Mensch zwischen den Göttern und den Tieren stünde. Damit ist festgelegt, dass wer sich von der tierischen Herkunft des Menschen weiter entfernt, näher bei den Göttern ist.

Eine Gottheit aber zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie in der Lage ist, zu schöpfen und zu zerstören. Weder der Gott des Judentums noch die Götter Griechenlands nehmen sich da aus – sie alle schaffen Welten und zerstören sie. Wer also den Göttern nahe sein will, muss schöpfen und zerstören, muss sich die Natur Untertan machen.

Der Nobelpreisträger Paul J. Crutzen hat die These aufgestellt, dass der Mensch diesen Status mittlerweile erreicht hat. Sein Eingreifen in die Natur in Bezug auf Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt sowie seit neuester Zeit auch auf das Klima führe unweigerlich dazu, dass er, selbst sollte er von heute auf morgen aussterben, den Planeten prägende Spuren hinterlassen werde. Der Mensch ist demnach nicht mehr abhängig vom Planeten, wie andere Lebewesen auf der Erde, sondern ist in der Lage, diesen Planeten bewusst oder unbewusst zu verändern, mehr als das die natürliche Umwelt mit ihm anstellen kann. In diesem Zusammenhang kann die Epoche, in der wir leben, als Anthropozän verstanden werden, das Zeitalter des Menschen.

Die Antwort auf die Frage, wann dieses Zeitalter begonnen hat ist umstritten. Sie reichen von dem ersten Auftreten des homo sapiens sapiens vor 200.000 Jahren bis zur Hochphase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Erweitert man jedoch den Zeithorizont um die Frage nach dem räumlichen Ursprung des Anthropozäns, dann wird die Frage undurchdringlicher, denn da bis heute Ethnien existieren, die mit der Industrialisierung nichts zu tun haben, ist die bei einer zeitlichen Begrenzung auf diese Epoche Europas und der USA für diese Völker das Anthropozän nicht angebrochen.

Schaut man also von einer globalen Perspektive auf die Theorie des Anthropozän, unter der Prämisse, dass wir in dieser Epoche leben, dann kann sie nicht erst vor 150 Jahren begonnen haben, sondern muss älter sein. Diese globale Perspektive soll hier beibehalten werden. Auch vor 200.000 Jahren ist, aus dieser Perspektive betrachtet, das Anthropozän noch nicht angefangen worden, weil zu diesem Zeitpunkt der moderne Mensch noch nicht überall auf der Welt seinen Platz gefunden hatte. Die Besiedlung aller (bewohnbarer) Kontinente durch Menschen kann man für viele Orte erst für den Zeitraum der letzten zweitausend Jahre annehmen (so wurden die Inseln des Pazifik erst sehr spät besiedelt) so dass zunächst einmal erst innerhalb dieses Zeitraums der Beginn des Anthropozäns angenommen werden soll.

Zusätzlich zu einer räumlichen wie zeitlichen Bestimmung des Anthropozäns muss zudem auch seine Art bestimmt werden. Grundsätzlich soll hier davon ausgegangen werden, dass es für den Menschen zwei Möglichkeiten gibt, seine natürliche Umwelt zu verändern. Zum einen ist dort die reale. Die Tatsache, dass der Mensch existiert, hat Einfluss auf seine Umwelt. Er atmet und verbraucht so Sauerstoff, der anderen fehlt. Er kann bei dem Atemprozess Kleinstlebewesen einatmen und deren Leben zerstören. Er benötigt Nahrung, für die er sowohl pflanzlichen als auch tierischen Lebewesen ihre Existenz nehmen muss. Er benötigt ein Habitat, das er sich nach seinen Wünschen erstellt, in das er einen Schlafplatz integriert und einen Abort. Hierin unterscheidet sich der Mensch jedoch nicht von anderen Tieren. Atmung, Nahrung und Habtiat benötigen auch Tiger, Krokodile, Fische oder Bienen.

Die Eingriffe des Menschen in seine natürliche Umwelt sind mit der Zeit gravierender geworden, so dass das Habitat eine enorme Größe angenommen hat, was unter anderem auch damit zusammenhängt, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass in Verbunden lebt. Was für das Habitat gilt, gilt aber auch für die Nahrung, die optimiert wurde, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Diese realen Veränderungen der natürlichen Umwelt gehen aber nicht ausschließlich auf die realen Bedürfnisse des Menschen zurück, sondern vor allem auf seine Vorstellung, die er von dieser Umwelt hat. Diese Vorstellung ist der zweite veränderte Eingriff in die natürliche Umwelt des Menschen.

Diese Vorstellung von der Welt ist abhängig von den Konventionen der Gemeinschaft, in der der Mensch aufwächst. In ihr werden die Grundsteine gelegt, die für die Ordnung seiner Umwelt prägend sind. Ist innerhalb dieser Gemeinschaft ein Tier als Gott zu verehren, dann wird er diesem Tier in der Realität anders gegenübertreten, als in ein Mensch, der dasselbe Tier als Nahrungsmittel ansieht. Gefühle, Eigenschaften und Bedeutungen, die der Mensch mit einem Tier oder einer Pflanze verbindet, sind abhängig von dieser Prägung durch die Gemeinschaft und können daher in anderen Kulturen abweichen. Ein Tier, eine Pflanze oder eine Landschaft sind somit Bedeutungsträger des Menschen und folglich Teil seiner Kultur. Die vom Menschen auf diese natürlichen Objekte, diese Naturfakte, projizierten Bedeutungen machen sie zum einem Teil seiner materiellen Kultur.

Wenn von der Bedeutung von Objekten innerhalb der materiellen Kultur die Sprache ist, dann muss auch von der Deutung, dem Verstehen oder dem Lesen dieser Objekte die Rede sein. Damit begibt man sich in den Bereich der Semiotik. Die Zuordnung einer Bedeutung oder auch mehrere Bedeutungen zu einem Objekt muss entschlüsselt werden. Das ist vor allem dann möglich, wenn Sprecher und Empfänger die gleiche Sprache sprechen. Übertragen auf ein Naturfakt bedeutet dies, dass diejenigen, die mit einem solchen Objekt umgehen, um sich über das Objekt verständigen zu können, dem Objekt dieselbe Bedeutung zusprechen müssen. Andernfalls führt es zu Missverständnissen.

Die dabei aufgeworfene Frage besteht nun darin, zu überlegen, in wieweit die ideelle Bedeutung des Naturfakts die reale Performanz mit dem Objekt prägt und wie andersherum, das real existierende Objekt wiederum seine Bedeutung verändern kann. Darüber hinaus ist auch der externe Einfluss auf die Bedeutung zu berücksichtigen, der diese in Bezug auf das Objekt erweitern, schmälern oder vollkommen ändern kann. Es stellt sich also die Frage, in welchem Grad die Bedeutung, die der Mensch auf ein Naturfakt projiziert, sich in dem Objekt für ihn bzw. auf andere Menschen manifestiert.

Das ist auch abhängig vom Naturfakt selber. Ein Felsen, eine Landschaft oder eine Pflanze, etwa ein Baum, sind für eine tatsächliche Manifestation von Bedeutung über Jahrhunderte hinweg eher geeignet als kurzlebige, mobile tierische Objekte. Im ersten Fall ist oftmals das einzelne Objekt Bedeutungsträger, im zweiten Fall eher die Art, Gattung oder Familie, der das Tier angehört. Darüber hinaus ist die Agilität, die Tiere im Gegensatz zu zwar wachsenden, aber nur selten mobilen Pflanzen besitzen, eine Eigenschaft, die die Bedeutung des Tieres für den Menschen aus dem Objekt selber heraus mit prägen kann. Ein Tier, das in seiner natürlichen Umgebung offensiv agiert, wenn es etwa auf Jagd geht oder sich bedroht fühlt, kann von einem Menschen mit der Bedeutung der Gefahr belegt werden. Ein Tier, das seine Umwelt neugierig aufnimmt, wird vom Menschen als nett und harmlos betrachtet werden. Dass in beiden Fällen auch das Äußere des Tieres seinen Wert für die Einschätzung des Tieres hat, muss nicht sonderlich erwähnt werden.

Dieses als solches schon interessante Zusammenspiel von Tier und Mensch kann dann noch durch einen weiteren Akteur erweitert werden, wenn man einen Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund mit in das entstandene Netz miteinbezieht. Sein Umgang mit dem Tier, der aufgrund seiner Erfahrung und seines ästhetischen Empfindens ähnlich, verschoben oder gegenteilig aussehen kann, kann die Bedeutung des Menschen über das tierische Objekt ändern oder beeinflussen, je nachdem wie der Kontakt zwischen den beiden Menschen aussieht.

Hier nun wird erneut auf die am Beginn erwähnten Gegensatzpaare Bezug genommen. Wer sich selber als Teil einer zivilisatorischen, vernünftigen Kultur beschreibt, und diese Kultur als normativ ansieht, der wird Kulturen, die der seinen nicht entsprechen, als wilde, der Natur näher stehende Kulturen ansehen. Sein Umgang mit einer solchen Kultur wird auch in Bezug auf ein tierisches Objekt dieser Kultur ein anderer sein, als beim Umgang einer als seiner Kultur gleichwertig angesehenen Zivilisation.

Die Beherrschung der Natur durch den Menschen ist, bezieht man sie in erster Linie nicht auf eine reale Veränderung der natürlichen Umwelt, sondern auf eine Durchdringung bzw. Manifestation von Bedeutungen innerhalb dieser Umwelt, die das Zeitalter des Anthropozäns ausmacht, in einer Zeit zu suchen, in der fremde Kulturen miteinander die Bedeutung von Naturfakten untereinander ausmachen, indem sie miteinander in Kontakt treten. Diese Epoche ist in der Zeit der Frühen Neuzeit zu suchen, in der die Welt von Europa ausgehend innerhalb von nur 300 Jahren erschlossen und vor allem kolonisiert wurde.

Damit ist die Aufgabe klar: Das Anthropozän zeichnet sich (auch) dadurch aus, dass – aus der globalen Perspektive betrachtet – der Mensch seine Umwelt semantisch verändert hat. Der Auslöser für diese Veränderung war die im 15. Jahrhundert einsetzende europäische Expansion. Im Zuge dieser Expansion wurden Bedeutungen, die außerhalb Europas Tieren zugeschrieben wurden, verändert. Damit ist nicht gesagt, dass die europäische Bedeutung übernommen wurde, denkbar und belegbar sind auch andere Veränderungen. Aus dieser semantischen Veränderung resultierte über kurz oder lang auch eine Veränderung des realen Tieres, so dass davon ausgegangen werden kann, dass das Zeitalter des Anthropozäns im großen Stil innerhalb der etwa 300 Jahre begann, in die die europäische Expansion fällt.

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