Around the skull – Schädel und ihr Kult in globaler Perspektive

Einleitung – Schwarze Schädel: Verbindung, Verständnis, Verwendung

Das Zeigen von Skeletten und Schädeln sorgt in einer breiten Öffentlichkeit noch immer für seltsame und beängstigende Gefühle. Die Nähe des Todes, die durch den skelettierten Kopf eines Menschen ausgedrückt wird, ist für ein Gros der Menschen der westlichen Welt unangenehm und kein Thema, mit dem man konfrontiert werden möchte.

Ein Beispiel mag dieses illustrieren. Als ich mit Beginn des Jahres 2014 den Auftrag erhielt, ein Buch mit Bildern und Geschichten zu erstellen, das dem Abschied einer Kirche in Wuppertal gewidmet seien sollte, startete ich einen Aufruf, mir persönliche Erzählungen, die die Menschen mit dieser Kirche verbanden, zu schicken. Eine dieser Geschichten handelte von einem Löschteich, der während des Zweiten Weltkriegs vor dem Park der Kirche angelegt worden war. Nun war es so, dass dieser Park vor der Kirche bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Friedhof gedient hatte. Beim Ausbaggern der Erde kamen so auch immer Gebeine mit hervor. Als sonntags dann die Kinder für den Kindergottesdienst erschienen, sahen sie zahlreiche Schädel, die sich auf dem Erdhaufen befanden. Die natürliche Reaktion einzelner Jungs war es, diese Schädel als Fußball zu nutzen und über den Kirchhof zu kicken. Andere sammelten die Schädel und drapierten sie so auf der Mauer, dass die Schädel die Kirchgänger begrüßen mussten. Das Vorlesen dieser, wie ich finde, ganz wundervollen Geschichte, sorgte bei der Buchvorstellung bei vielen Gemeindegliedern für Unbehagen – die Gänsehaut sah man ihnen an. Totenschädel, die nicht in der Erde stecken, wo man sie nicht sehen und nicht an sie denken muss – das ist gruselig.

Was bei diesen Menschen aber Unbehagen auslöste, sorgt bei anderen für ein ganz eigenes Gefühl. So kann das Erinnern an den Tod durchaus als ein positives Statement Anerkennung finden, nämlich dann, wenn dieses als Gegenentwurf zu einer materiell orientierten Welt angesehen wird. Dabei kommt dem Schädel nicht nur die Bedeutung des „Memento mori“ zu. Er ist zudem der Teil des menschlichen Körpers, der am meisten über das menschliche Individuum aussagt, und steht so etwa für eben diesen Prozess der Individualisierung. Darüber hinaus ist der Schädel auch Sitz einer gesonderten Spiritualität und damit zugleich ein Zeichen gegen die erwähnte moderne Welt des Materialismus.

So verwundert es nicht, dass innerhalb einer Kultur, die sich für das Individuum und gegen den Materialismus wehren möchte, der Schädel zu einem Symbol für diese Auseinandersetzung werden konnte. Seine Verbindung zum Tod und damit zur Vergänglichkeit allen Lebens hat zudem den nützlichen Effekt der Abgrenzung vom gewohnten Leben innerhalb der westlichen Welt und unterstreicht so das eigentliche Anliegen.

Beide mit dem Schädel verbundene Bedeutungen aber sind vor allem eines: Überzeugungen der westlichen Welt, Ergebnisse unserer langen Tradition, Prägungen des christlichen wie auch des hellinistischen Abendlandes. Schaut man jedoch auf andere Teile der Welt, dann erkennt man schnell, dass diese Idee mit anderen Überzeugungen verwoben war. Zwar war nahezu überall Tod und Glauben mit dem Schädel verbunden, was jedoch nicht heißt, dass dann auch eine ähnliche Beklommenheit vorausgesetzt werden konnte, wie sie im Westen vorhanden ist. Vielmehr waren und sind in vielen Kulturen Schädel Teil des Alltags. Ein Vergleich der unterschiedlichen Arten des Umgangs mit Schädeln innerhalb europäischer Subkulturen und außereuropäischen Kulturen kann helfen, den eigenen Umgang mit diesem Symbol besser zu verstehen.

Von daher erwartet Sie alle heute eine Tour d’horizon durch die Welt der Schädel, in der Sie sehen werden wie ähnlich und doch mannigfaltig der Umgang mit Schädeln sein kann, wenn man sich vom europäischen Erbe löst.

II. Westafrika: Stärke, Beweise, Schmuckstücke

Beginnen möchte ich im subsaharischen Westafrika. In dieser Region, die seit dem 19. Jahrhundert eingehend erforscht wurde, finden sich auf einem relativ kleinen Gebiet, zahlreiche unterschiedliche Herangehensweisen an den Schädel. Grob lassen sich diese jedoch in vier Kategorien aufteilen. Zum einen werden Schädel als Beweis oder Beleg genutzt, um die eigene Männlichkeit zu zeigen. So zeigt sich auf dieser Zeichnung die Bestattung des Königs Gbezo im heutigen Benin. Der Körper des Verstorbenen liegt auf zahlreichen Schädeln von Gegern, die der König zu Lebzeiten getötet hat. Es handelt sich dabei ausschließlich um Schädel von Angehörigen feindlicher Stämme. Die dargestellte Symbolik ist eindeutig: Die Macht des Königs über sein Volk und die Feinde wird durch die Schädel klar vor Augen geführt.

Neben solchen Belegen für Mut und Kraft finden sich noch andere. So ist für die Elfenbeinküste etwa belegt, dass der Sohn eines Ermorderten dessen Mörder finden und töten muss, um ihm seinen Kopf abzuschlagen. Dieser muss als Beleg für die so gereute Tat durch das Dorf des ermordeten Vaters getragen werden. Auch ist es dort üblich gewesen, dass ein neu gewählte König die Würde des Amtes erst einmal dadurch zeigte, dass er gefangenen Feinden die Köpfe abschlug. Auch diese Schädel mussten wieder herumgereicht werden, denn nur wer an diesem Ritual teilnahm, durfte auch im Rat das Wort erheben. Da die Schädel herumgereicht bzw. transportiert wurden, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Krieger des Volkes der Bali in Kamerun etwa auf den Tod in der Schlacht dadurch vorbereiteten, indem sie ihre Frisur so gestalteten und schmückten, dass ihr abgetrennter Schädel ohne größere Probleme transportiert werden konnte. Eine Verletzung von Ohr oder Lippe durch den Sieger hätte eine große Schmach für den Verlierer bedeutet, so dass sie dieser vorbeugen wollten.

Solche Trophäen des Krieges und des eigenen Sieges wurden nicht nur für Rituale benötigt. Vielmehr waren sie auch Teile des Alltags und galten als Schmuckstücke und Zierat. Das galt zu vorderst vor allem für Objekte, die mit der Kriegsführung zu tun hatten. So finden sich in der gesamten Region des subsaharischen Westafrika Völker, die den Brauch hatten, Kriegstrommeln mit menschlicher Haut zu bedecken und mit Schädeln zu schmücken. Einige Völker, wie etwa die Kanga in Togo, schafften es dabei, die Schädel so an der Trommel zu drapieren, dass sie im Takt des Schlages mitwippten und den Klang der Trommel verstärkten. Die nicht benötigten Unterkiefer der Schädel wurden zur Verzierung von Flöten und Trompeten genutzt. Wenn solche Kriegsinstrumente erbeutet wurden, waren sie von großem Wert. So bewahrte der Konig der Nsabä in seiner Schatzkammer solche Instrumente auf und zeigte sie nicht ohne Stolz. Darüberhinaus sind die Instrumente als Kriegsbeute bzw. als Handelsware durchaus interessant. Das Volk der Ho in Togo etwa war im Besitz solcher Trommeln und Trompeten, die aber nicht selber von ihnen erstellt, sondern durch die Ashanti an sie weitergegeben worden waren.

Alltagskonfromer als Kriegsinstrumente sind die Gebäude in den jeweiligen Dörfern und Städten. Als der niederländsiche Kaufmann Euschart 1862 in Benin in die Stadt Abomey eingeladen wurde, war der Marktplatz der Stadt mit frisch abgeschlagenen, teilweise noch bluttriefenden Schädeln von Männern des Volkes der Ejba geschmückt. Die den Palast umgebende Lehmmauer zeigte zudem unzählige Eisenhaken, an denen Schädel und Köpfe angehängt waren, um die Wand zu schmücken.

Der berühmte Abenteurer Richard F. Burton berrichtet von der Stadt Bonny in Nigeria. In dieser Stadt existierte 1863 ein Fetischhaus, das mit Schädeln innen und außen geschmückt war. Die Schädel waren bemalt und mit allerhand anderen Gegenständen geschmückt. Einer der Schädel trug einen Bart. Vor dem Altar des Hauses fand Burton Knochenfragmente zerstückelter Schädel, die auf dem Boden verteilt waren. Das Fetischhaus war zudem ein Beweis dafür, dass nicht nur dem menschlichen Schädel eine schmückende Ästhetik zukam sondern auch den männlichen Genitalien, so schrieb Burton: „An einem besonderen Gerüst hatte man besondere Körpertheile genagelt, deren nähere Bezeichnung die Scham verbietet“. Auch für andere Teile Westafrikas ist der Schädel als Gebäudeschmuck für öffentliche Gebäude belegt. So fanden sich zahlreiche Schädel am Versammlungshaus der Banasso in Kamerun. An anderer Stelle wurde auf den tatsächlichen Kopf als Schmuckstück verzichtet. Stattdessen werden die Köpfe von Ahnen und verstorbener Könige in Bronze nachgebildet und als Schmuck für das Tempelgebäude genutzt, wie dies in Nigeria der Fall war.

War dieser Schmuck klar als Zeichen staatlicher und königlicher Macht bzw. als geistlich-spirituelle Kraft deklariert, so war in den weniger staatlich organisierten Völkern der Schmuck wesentlich individueller. An der Elfenbeinküste wurden die Schädel der gefallenen Gegner bei den Manon und den Gerse einfach an die Hütten der Sieger bzw. deren Nachfahren gehängt.

Dabei werden Schädel in Afrika nicht nur zu bloßen Zier an die Häuser gehangen. Das überzählige Auftauchen in Tempeln und Versammlungshäusern läßt bereits auf einen religiös-kultischen Einsatz schließen. Dass in diesem Zusammenhang Priestern nachgesagt wurde, geköpfte Menschen wieder zusammen zu fügen und wieder zum Leben zu erwecken, liegt auf der Hand. Dieses Vorgehen bedurfte der Übung, weshalb L. Conrad 1902 davon berichten kann, dass die Ngumba in Kamerun die Gräber verstorbener Familienangehöriger gegen Priester und Zauberer schützten, damit diese die Schädel nicht für magische Zwecke benutzten.

Wesentlich unkonventioneller gestaltete sich da schon so manches andere Ritual. Realtiv unblutig war die pantomimische Darstellung der Enthauptung des Gegners, die von den Bambarra in Mali 1843 berichtet wird. Zur besseren Darstellung diente in diesem Tanz der Schädel des Gegners als Requisit. Die Nutzung von gegnerischen Schädeln in Tanz und Schauspiel spielt auch bei den Eloi in der Grenzregion zwischen Nigeria und Kamerun eine wichtige Rolle. Zwei Möglichkeiten der Gestaltung dieser Schädel existierten. Zum einen wurden die Köpfe mumifiziert und mit Tierhaut überzogen. Zum anderen – wesentlich haltbarer – wurden Schädel mit Lehm überzogenen, neu gestalteten und mit Farben bemalt, um den Schädel zu individualisieren. Diese Schädel wurden dann auf Korbgeflecht verankert und bei Festen auf dem eigenen Kopf getragen, während der Träger selber unter einen langen Gewand verschwand. Da es sich bei den Schädeln um Erbstücke handelte, hatten sie zweierlei Bedeutung. Erstens repräsentierten die Schädel die Ahnen, die durch das Tragen der Schädel gewürdigt wurden, zweitens ging die Kraft des ursprünglichen Trägers des Schädels, des getöteten Gegners, auf den Tänzer über. Neben echten Schädeln wurden für diesen Brauch auch künstliche Schädel verwendet, die Tiere oder andere Menschen darstellten. Die Tänze mit diesem Kopfschmuck gehören so zu einem ganzen Ritualensamble, von dem der Tanz mit dem Totenschädel nur einen Teil darstellte.

Dem Schädel wird in den unterschiedlichsten Kulturen große Macht zugesprochen. Aus interkultureller Sicht ist dabei besonders interessant, dass Unterschiede zwischen Europäern und Afrikanern nicht gemacht werden. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt sich das bei den Auseinandersetzungen der Ashanti mit britischen Soldaten. Diese verloren 1823 gegen die Ashanti. Auch der Gouverneur bleib dabei in der Schlacht. Als sich drei Jahre später das Kriegsglück auf die Seite der Briten schlug, gelangten die Briten in den Besitz des Schädels des Gouverneurs. Der Häuptling der Ashanti hatte diesen in seinen Besitz genommen und mit ihm ein Ritual durchgeführt, das dafür sorgen sollte, dass der Geist des Verstorbenen ihm Glück beim Kampf gegen die Briten bringen sollte. Dazu war der Schädel mit Rum getränkt und mit Materialien aus drei verschiedenen Kulturräumen versehen worden. Neben einem Stück Leopardenfell war der Schädel mit europäischer Seide und einer Schriftrolle mit arabischen Schriftzeichen geschmückt.

Eine ähnliche Art der Nutzung von Schädeln ist auch noch gute neunzig Jahre später in Kamerun zu beobachten. Dort findet Ernst Vollbehr 1909 im Besitz eines Häuptinlings der Bangwa den Schädel eines europäischen Kaufmanns. Dieser Gustav Conrun hatte sich selbst erschossen. Der Bangwa-Chef hatte die Gunst der Stunde genutzt und den Schädel abgetrennt, um Kontrolle über dessen Geist zu bekommen, um so die die Verhandlungen und Geschäfte mit den Weißen positiv zu beeinflußen.

Die Übernahme des Geistes aber war für die meisten Rituale vor allem durch die Aufnahme von Flüssigkeiten mit Hilfe von Schädeln möglich. Das Volk der Bamune baut aus den Unterkiefern seiner Feinde solche Kalabassen, die mit Palmwein gefüllt wurden, um den Erfolg in einer Schlacht zu feiern. Heinrich Klose kann so 1894 davon berichten, dass die Alposso in Togo Schädel des besiegten Volkes der Gbele zu Trinkschalen verarbeiteten, die sie dann bei Ritualen nutzten. Er berichtet von einem ähnlichem Ritual bei den Kanga. Dort werden 36 Tage nach der Regenzeit Menschen geopfert. Die Schädel dieser Menschen wurden zu Trinkschalen verarbeitet, da der angebetete Gott nur solche Gefäße akzeptierte. Die Opferung von Menschen und die Verwendung ihrer Schädel war zur Beschwichtigung von Göttern oder gottgleicher Ahnen unheimlich wichtig. Der bereits erwähnte König Gbezo, der auf Schädeln bestattet wurde, war auch nach seinem Tod für seinen Nachfolger eine mächtige Gestalt. Ein 1862 stattfindendes Erdbeben in Benin bestätigte den aktuellen König darin, Gbezo zu beruhigen. So ließ er weitere gefangene Klagga durch Köpfung hinrichten. Ihre letzte Mahlzeit war dabei Rum, dem man gewisse magische Kräfte zusprach.

Waren bisher nur die Schädel der Gegner entscheidend, so war zumindest auf der zu Sierra Leone gehörenden Insel Skevbo bei den Imperii der eigene Ahnenschädel von besonderer Bedeutung. Beim Geheimbund der Poro wurde zur Verehrung der verstorbenen Tussos, den Anführern des Bundes, deren Schädel in reich geschmückten Körben auf dem Kopf getragen.

III. Asien: von Artefakten, bösen Geistern und Katastrophenschutz

Wenden wir den Blick weg von Afrika und begeben uns geistig auf den indischen Subkontinent. Auch hier spielen sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus Schädel eine wichtige Rolle. So ist in den Mythen der Hindus die Geschichte überliefert, nach der der Gott Shiva dem Gott Brachma einen seiner fünf Schädel abschlug. Zur Strafe musste Shiva mit diesem Schädel umherziehen und betteln gehen. In diesem Sinne sind bis heute in Indien die Aghori aktiv, die mit einer aus Schädeln erstellten Schale betteln und diese auch als Trink- und Essgefäß nutzen. Darüber hinaus wirkt die Schädelschale im spirituellen Sinne für magische und religiöse Handlungen verstärkend. Damit diese Nutzung ohne Probleme funktioniert, muss der Schädel von einem Menschen stammen, der nicht an Alterschwäche gestorben ist. Neben den Aghroi fanden sich bis in das 14. Jahrhundert in Indien auch die Kapaliku, die mit eben solchen Schalen in Verbindung gebracht werden. Sie aber waren auch dafür bekannt, Lanzen mit aufgespießten Schädeln zu transportieren. Zudem trommelten sie auf Schädeltrommeln, um schon von Ferne vernommen zu werden. Diese Tradition der Schädeltrommel wiederum findet sich auch im tibetischen Buddhismus wieder. Der Begründer dieser buddhistischen Strömung, der als zweiter Buddha verehrte Padma Sambhava wird in seiner Darstellung als Guru Padma Gyalpo mit einer solchen Schädeltrommel dargestellt. Daher verwundert es auch nicht, dass vor allem in Tibet die Herstellung einer solchen Trommel, dann als große Ehre angesehen wird, wenn die Köpfe der eigenen Verwandten dafür genutzt werden. Wegen ihrer Reinheit sind vor allem pubertierende Kinder für diese Trommeln geeignet. Theoretisch wären jüngere Kinder besser geeignet, aber deren Schädelknochen sind oftmals noch nicht so zusammen gewachsen, wie es zur Herstellung nötig ist. Es handelt sich dabei nicht etwa um Opfer einer Gewalttat, sondern um Kinder und Jugendliche, die eines natürlichen Todes gestorben sind oder durch einen Unfall umkamen. Ihre Gebeine wurden und werden von den Eltern für die Herstellung einer solchen Trommel gerne zur Verfügung gestellt..

Ähnlich wie auch bei den Aghori Indiens gilt auch im Buddhismus Tibets der Schädel als Katalysator magischer Rituale, ein Relikt der in Tibet vor dem Aufkommen des Buddhismus verbreiteten Volksglauben. Diese Vorstellungen sind in die Idee der Loslösung von der hiesigen Welt mit eingeflossen. Wer etwa das innere Opfer begehen möchte, der werfe Kot, Mark, Blut, Samen und Urin in die Schädelschale und vermenge den entstandenen Brei mit Fleisch vom Hund, vom Rind, vom Elefanten, vom Pferd und auch vom Menschen. Mit einem Feuermandala wird der Prozess in Gang gebracht. Durch die Schale wird dieses Gemisch zum Nektar des Glaubens geformt, der die gelungene Umwandlung der unreinen Substanzen in die fünf Formen des Buddha darstellt.

Während solche Vorgänge im tibetischen Buddhismus wesentlich für die Religionsausübung sind, stellt sich dieses im Japan des 12. Jahrhunderts ganz anders dar. Ähnliche Praktiken galten dort in den Augen buddhistischer Mönche als Häresie, die sie deswegen genau beschrieben. Im sog. honzon-Ritual wurden Schädel benötigt, um die Macht eines Dämons zu nutzen, den man beherrschen wollte. Nicht jeder Schädel ist für diese Art des Rituals zu gebrauchen. Insgesamt werden zehn Schädel aufgeführt, den Dämon zu befehligen. Die Auswahl der Schädel war dabei abhängig vom sozialen oder auch religiösen Status seines ehemaligen Trägers. So sind es die Schädel von Weisen, Asketen, Königen oder Feldherren, die zuerst genannt werden. Auch die Schädel von Ministern oder Reichen waren ausreichend für das Ritual. Möglich waren zudem die Schädel von Müttern oder Vätern. Wer all das nicht zur Verfügung hatte oder nicht wußte, ob die vorhandenen Schädel von Müttern oder Vätern stammten, konnte auch einfach tausend Schädel sammeln und mit diesen das Ritual durchführen. Schließlich war es auch möglich, einen Dharma’kaya-Schädel nutzen. Da ein solcher aber schwer zu finden war, weil Jahr und Uhrzeit, innere Einstellung und auch der Ort entscheidend waren, war deren Nutzung eher theoretischer Natur.

Um den Dämon zu beschwören, existierten drei Möglichkeiten des honzon-Baus. Während sich der Aufwand bei Kleinem Kopf und Mondsichel in Grenzen hielt, ist die Herstellung des Großen Kopfes recht aufwendig. Man benötigte Lack, der aus Blut und dem Sekret, das „bei der liebevollen Vereinigung von Mann und Frau entsteht“, bestand. Während des Auftragens musste ein Mantra tausend Mal zitiert werden. Für den Schädel wurde ein künstliches Gesicht gefertig, das dann mit Farbe bemalt und mit Kristallaugen versehen wurde. Der Vorgang dauerte sieben Jahre, dann aber stand einem ein dienstbarer Dämon zur Verfügung.

Verläßt man den hinduistisch-buddhistischen Rahmen und wendet sich den in Asien noch immer verbreiteten Naturreligionen zu, kommt man in der Grenzregion zwischen Indien und Birma nicht um die Naga herum. Während die bisherigen Einblicke in die vergleichbaren Naturreligionen Afrikas vor allem zeigten, dass Schädel zwar das Prestige steigern konnten, aber nicht notwendigerweise für eine solchen Aufstieg benötigt wurden bzw. das auch andere Körperteile dafür durchaus von Nutzen sein konnten, war die Kopfjagd bei den Naga zentrales Element ihrer sozialen Ordnung. So war ein von ihnen unternommener Kriesgzug weniger durch taktische Raffinesse als durch Rituale bestimmt, die den einzelnen Krieger aufwerten konnten. Befanden sich die Naga im Krieg, so war es üblich, nicht nur die gegnerischen Soldaten anzugreifen, sondern auch das eigene Prestige dadurch zu erhöhen, dass man sich Ziele suchte, die unter besonderem Schutz standen. Ein Angriff auf Frauen und Kinder galt, da diese vor Kampfhandlungen geschützt wurden und somit weit im gegnerischen Gebiet lagen, als besonders mutig. Der Besitz von Frauen- und Kinderschädeln erhöhte somit den Status des Trägers enorm. Wenn sich die heute lebenden Naga weit von dieser Tradition entfernt und die Kopfjagd aufgegeben haben, sind sie dennoch noch immer stolz auf die von ihren Vorfahren erbeuteten Schädel, so dass diese bei offiziellen Anläßen unseren Orden gleich getragen werden. Da demnach bis heute das eigene Ansehen durch Schädel gesteigert werden kann, selbst wenn der Schädel vom Großvater gejagt wurde, verwundert es nicht, dass ein erfolgreicher Schädeljäger schon in früherer Zeit das Ansehen seiner Familie oder Sippe, sogar seines ganzes Dorfes erhöhen konnte. Damit einhergehend war aber nicht nur das soziale Prestige das Ausschlaggebende, sondern auch jenes, das dem Jäger von den Geistern entgegen gebracht wurde. Diese waren einem erfolgreichen Schädeljäger und dessen Familie wohlgesinnter als anderen. Eine Form dieser durch Schädel ausgedrückte Wohlgesinnung war die Steigerung der Fruchtbarkeit, was den Schädel zu einem Symbol der Erotik und des Kinderwunsches machte.

Wenn man aber von den asiatischen Kopfjägern spricht, dann denkt man nicht unbedingt an die Naga Indiens, sondern an die Dayak auf der Insel Borneo, die sicherlich zu den bekanntesten ihrer Art zählen. Interessant dabei ist, dass die dort betriebene Kopfjagd erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch europäischen Einfluß entstanden ist. Als 1859 die Sklaverei durch die niederländische Kolonialverwaltung abgeschafft wurde, waren die Dayak gezwungen, Köpfe zu jagen, um ihre Rituale durchzuführen, da Schädel von Sklaven nicht mehr genutzt werden konnten. Die Köpfe waren für die Gesellschaft der Dayak deswegen so wichtig, weil an der Opferung eines Schädels ausgehend vom sozialen Prestige sowohl individuelles als auch soziales Glück hing. War ein Junggeselle bereit zu heiraten, opferte er einen Sklaven und vermachte dessen Schädel einem Fruchtbarkeitsgott, um seine Chancen auf dem Hereitsmarkt zu erhöhen. Hatte er die Möglichkeit eine Familie zu gründen, mussten Schädel den Göttern schon deswegen geweiht werden, um die Familie zu schützen. Dürreperioden, Erdbeben, Überschwemmungen und ähnliche Katastrophen konnten nur durch die Opferung von Schädeln abgewendet werden, da diese voller magischer Kräfte stecken, die in der Lage waren, eben solche Katastrophen zu verhindern.

Neben Magie und religiösen Bräuchen fand sich auf den Andamanen bis ins 20. Jahrhundert hinein der Brauch seine Ahnen durch Schädelschmuck zu ehren. Nach einer Bestattung wurden die Überreste des Verstorbenen ausgegraben und zu Schmuck verarbeitet. Der Schädel selber wurde aufwendig in roten und weißen Farben bemalt. Um den Schädel als Ganzes zu erhalten, verband man Schädel und Unterkiefer mit Bändern, die durch Muscheln, Schnecken und später auch Glasperlen verziert wurden. Die Schnüre waren dabei so lang, dass sie zugleich auch als Trageband galten. Sie wurden um den Hals eines Verwandten gelegt, so dass sich der Schädel auf dem Rücken des Trägers befand und dort für den Rest seines Lebens verblieb, wenn es sich bei dem Träger um den überlebenden Ehepartner handelte. Innerhalb eines Dorfes konnte der Schädel so nicht nur die Verehrung des Trägers gegenüber dem Verstorbenen ausdrücken, sondern teilte auch dessen Ableben den übrigen Bewohner mit.

IV. Schädelkult in den Amerikas – Skalp, Zucker und Schrumpfköpfe

Weiter östlich von Asien, über den Pazifik hinweg, in der Neuen Welt der Amerikas, konnten Archäologen feststellen, dass zahlreiche Schädelkulte weit in die Vergangenheit zurückreichen. Der hier zu sehende Schädel etwa ist ein künstlich hergestellter Kopf aus grünen Mosaiksteinen aus dem 14. Jahrhundert. Vermutlich stellt er das Gesicht einer Gottheit dar, der in Ritualen beschworen wurde. Er stammt aus präkolumbianischer Zeit und ist den Mixteken Mexikos zuzuordnen. Überhaupt hat Mexiko eine lange Tradition, Totenschädel künstlich zu fertigen und als Schmuck zu benutzen. Neben den Mixteken haben auch die Azteken viele künstlich hergestellte Schädel als Schmuck und religiöses Artefakt verwendet. So finden sich Tempel, wie der in Tenochtittan, die von einem Unterbau getragen werden, dessen Mauern mit steinernen Schädeln versehen sind. Die Tradition der künstlichen Schädel findet sich in Mexiko bis heute. So werden am Tag der Toten, dem 1. November, Allerheiligen, Schädel aus Zucker hergestellt, die an die Toten erinnern sollen und dem Tod selber den Schrecken nehmen.

Mittelamerika ist auch der Ort für eine bisher nicht genannte Form des Schädelkults, die schon auf die Olmeken zurückgeht und auch bei den Maya noch bekannt war. Es geht um die Deformation des Schädels. Die Olmeken sahen ein besonderes Schönheitsideal in hochgezogenen Schädeln, die einem Helmaufsatz gleichkamen. Bei den Maya wurde die Deformierung darauf angelegt den Schädel breiter zu machen. Das Entsprechen dieses Schönheitsideals sorgte für ein höheres Prestige des Deformierten.

Diese Idee der Kopfdeformation kannte man auch in Nordamerika. Bei den sog. Flatheads ist die Deformierung zu einem möglichst flachen Kopf so stark ausgeprägt, dass es das Merkmal zur Bezeichnung des Volkes durch die anderen Indianervölker wurde und von den weißen Siedlern übernommen wurden. Aber auch mit Totenschädeln wußten die nordamerikanischen Indianer umzugehen. Es ist bekannt, dass verstorbene Indianer auf Holzkonstruktionen Wind und Wetter ausgesetzt waren, wenn man sie bestatten wollte. Mit der Zeit aber brachen diese Konstruktionen zusammen und die Gebeine fielen herunter. Während das Skelett vergraben wurde, bewahrte man den Schädel auf und machte ihn zum Teil des Schädelkreises, in dessen Beisein, quasi unter Aufsicht der Ahnen, normales Arbeits- und Familienleben zelebriert wurde. Auch als Schlafbegleiter nutzte man die Schädel der Verstorbenen. Darüberhinaus bestand die Möglichkeit, den Schädel auch für schamanische Rituale zu nutzen, wenn der Mensch, dem er gehörte zu Lebzeiten starke Geister besaß. So konnte diese Kraft auch nach seinem Tod noch weiter genutzt werden.

Aber der wohl bekannteste Umgang mit Schädeln in Nordamerika ist das Skalpieren, eine Tradition, die bis weit vor das Jahr 1492 zurückreicht. In der Kultur vieler Völker Nordamerikas existieren grundsätzlich zwei mögliche Skalparten. Die sog. Skalplocke, die aus dem Zopf des Hinterkopfes übernommen wird und die Nebenskalps, die aus anderen Bereichen des Haupthaares stammen. Auch bei der Skalpjagd handelt es sich um eine Art der Kopfjagd, wenn auch eine die dem Opfer die Möglichkeit zum Überleben läßt, wie man hier am Beispiel von Robert McGee sehen kann, der Mitte des 19. Jahrhunderts skalpiert wurde. Das Zeigen der eigenen Skalpsammlung beweist den Mut und die Stärke des Besitzers, was auch hier zu einer Erhöhung des Prestiges des Jägers führt. Die ersten europäischen Siedler, die nach Nordamerika kamen, wußten um diesen Brauch und verurteilten ihn nicht. War einer der ihren Opfer eines Skalpjägers geworden, hatte er nicht aufgepasst oder hatte sich nicht regelkonfrom verhalten. Größere Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Indianern wegen des Skalpierens sind nicht belegt.

Wendet man sich von Nord- und Mittelamerika ab und Südamerika zu, dann ist die bekannteste Art des Schädelkults, der dort praktiziert wurde, sicherlich die Herstellung des Schrumpfkopfes. Für das Volk der Jivaro im brasilianischen Regenwald ist der Prozess der Herstellung genau beschrieben worden. Schon 1530 kann der spanische Eroberer Miguel des Estete von diesem Brauch berichten. Wichtig ist dabei festzuhalten, dass diese Köpfe niemals aus Mitglieder des eigenen Stammes erstellt wurden, sie waren immer Produkt eines Kriegszuges. Anders als bei den bisher aus Afrika und Asien bekannten Schädelkulten war es aber nicht die Stärke des Krieges, die auf den Sieger übergehen sollte, oder die Erhöhung des eigenen Prestiges – bei den Jivaro war es das Begleichen einer Schuld, das durch den Schrumpfkopf ausgedrückt wurde, da das Töten eines Menschen immer auch bedeutete, Schuld auf sich geladen zu haben. Um diese abzutragen und um die Macht des getöteten Feindes abzuschwächen, die dieser über den Sieger des Kampfes besitzt, musste das Ritual der Schrumpfkopfherstellung penibel beachtet werden. Zunächst musste der Kopf nahe am Körper des Feines abgeschlagen werden. Durch ein Ritual besänftigte man sofort den Geist des Feindes. Dann wurde am Hinterkopf der Schädel geöffnet und die Haut langsam vom Fleisch und den Knochen abgelöst. Der Totenschädel, das Gehirn und die Muskeln des Schädels wurden weggeworfen, einzig die Haut blieb im Besitz des Siegers. Dann wurden die Augenlider von innen vernäht. Der Mund wurde mit Holzstäbchen, die durch die Lippen gestochen wurden, verschlossen und wurde der Hinterkopf wieder zugenäht. An einer Liane hängend wurde die Kopfhaut in heißes Wasser eingelassen. Danach verstopfte der Sieger die Öffnungen von Nase und Ohren mit Baumwolle. In das Innere des Kopfes füllte er heißen Sand, der nach dem Abkühlen ausgetauscht werden musste. Durch die Wiederholung dieses Prozesses schrumpfte der Kopf auf die Größe einer Orange. Die Holzstäbchen wurden in einem letzten Schritt entfernt und die Lippen durch Baumwollfäden zugenäht. Dieses Ritual zog sich über Wochen hin und forderte die gesamte Aufmerksamkeit des Erstellers. Abschließend war es nötig ein Fest zu begehen, in dem der Gastgeber ungewaschen und in Lumpen gekleidet auftrat, während seine Gäste in den feierlichsten Kleidern auf das Fest kamen. Der Gastgeber trug dabei den Schrumpfkopf um den Hals. Nicht unerwähnt bleiben, soll hier die Tatsache, dass auch Faultierköpfe geschrumpft wurden, weil man davon ausging, Faultiere seien ehemalige Menschen. Wer diese also tötete, musste auch bei ihnen Buße tun.

Neben den Jivaro sind auch die Mundurucu für ihre Köpfe bekannt. Mit dem Beginn der Trockenzeit marschierten die Krieger dieses Volkes oftmals hundert von Kilometer. Jeder einzelne von ihnen hatte das Ziel einen feindlichen Krieger zu töten. Wer dies schaffte, musste dessen Schädel abschlagen und ihn präparieren, indem er das Gehirn aus dem Hinterkopfloch entfernte, Augen und Zähne ausriß und den Kopf selber zur Haltbarmachung räucherte. Mit Baumharz und Bienenwachs wurden dann die Kopföffnungen versiegelt und die Zähne neu modelliert, um den Gesichtsausdruck zu formen. Hatte der dies erledigt, konnte sich der Sieger zurücklehnen und auf den Beginn des Siegerfestes warten, hatte er doch nun keine Arbeiten mehr zu verrichten. Der Preis dafür war freilich das ständige Herumtragen des Schädelns, von dem er sich nicht mehr trennen durfte, auch nicht beim Schlafen.

Während die bisher genannten amerikanischen Kulten um Schädel und Kopf oftmals in irgendeiner Ausprägung nach 1492 noch existent waren, entzieht sich ein Fund aus Kolumbien diesem Schema. Es scheint sich um ein singuläres und zeitlich begrenztes Schädelphänomen zu handeln, dass wohl im 14. Jahrhundert aufgekommen ist und die Forscher vor Probleme stellt. Es geht dabei um drei übermodellierte Schädel, die sich keiner Kultur zuordnen lassen. Auch einen Grund für die Herstellung läßt sich nicht feststellen, einzig die Art der Herstellung ist deutlich erkennbar. Das Gehirn wurde auch hier durch das Hinterkopfloch entfernt, die Augen durch Modelliermasse und Samenkörner ersetzt. Diese Masse war auch Material für die neugeformte Nase. Sie besteht aus Pottasche, weißt aber auch Spuren von Silber, Sodium und Kalzium auf. Vermengt wurde die Masse mit Baumharz und Bienenwachs. Der Unterkiefer wurde mit Schnüren am Schädel festgebunden, so dass beim Modellieren ein einheitliches Gesicht entstehen konnte.

V. Ozeanien – Mumienköpfe, Pfahlahnen und Alltagsding

Interessanter Weise ist die Idee der Übermodellierung zwar in Amerika nirgendwo sonst bekannt, ist aber Bestandteil zahlreicher Kulturen Ozeaniens, wenn die Masken dort auch ganz anders aussehen. Ist es möglich, dass Kontakte zwischen der Welt des Pazifiks und den Südamerikanern bestanden? Immerhin gibt es Belege dafür, dass schon vor Kolumbus Hühner in Amerika existierten, die von Ozeanien aus dorthin gebracht wurden. Gilt dies auch für die Idee des modellierten Schädels? Bei den Iatmul auf Neuguinea war es etwa üblich, dass bei verstorbenen Personen mit hohem sozialen Rang Kopf und Körper getrennt wurden. Wenn der Kopf noch nicht vollständig durch Verwesung vom Fleisch befreit war, fiel den nächsten Verwandten die Aufgabe zu, den Kopf zu reinigen und zu trocknen. Für die Modellierung wurde ein professioneller Modellierer aus dem Stamm ins Männerhaus geholt, der sich dem Kopf annahm. Mit einer Paste, die aus rotem Lehm und weißem Pflanzenöl bestand, begann er die naturgetreue Nachbildung des Kopfes, wobei der Hinterkopf nicht mir der weiß-roten Paste verklebt wurde. Der Lehm repräsentierte dabei das Blut der Mutter, das Pflanzenöl den männlichen Samen, so dass rituell der Verstorbene durch den Prozess der Mischung der beiden Substanzen noch einmal geboren wurde.

In eine ähnliche Richtung ging die Herrstellung der Masken der Tokai auf Neubritannien. Ein einem ersten Schritt wurde hier der Vorder- vom Hinterkopf geteilt. Der Vorderkopf wurde dann benutzt um auf ihm einen Kit aufzutragen, der aus Früchten und Lehm erstellt wurde. Dem Schädel wurde zudem ein Unterkiefer angeklebt, der aber nicht mit dem ursprünglichen Kiefer identisch sein musste. Pflanzenfasern wurden oberhalb der so entstandenen Maske als Haarersatz angebracht. Wenn es möglich war, konnte auch Echthaar dafür benutzt werden. Der Haaransatz setzte sich in einem Bart fort, der die Maske umrandete. Wenn Fasern oder Haar nicht ausreichten, war auch ein Nachformen des Bartes aus dem Kit möglich. War der Kit getrocknet, so wurde die Maske in den Farben rot, weiß und braun bemalt. Betont wurden vor allem die Ränder der Maske und die Augenpartie. Es versteht sich von selber, dass auch hier nur die sozial hoch stehenden Personen als Masken verewigt wurden. Das zeigt sich auch daran, dass die Bemalung der Masken eine Schutzbemalung war, die rituell die Maske vor der Zeit und dem Zerfall bewahren sollte.

Auf den Salomonen war es üblich, kleine Häuser für die Schädel verstorbener zu bauen, in denen nicht die Schädel geschützt wurden, sondern die Lebenden vor den Schädeln. Die Häuser beschirmten die von den Schädeln ausgehende Macht. Oftmals vermischten sich die zwei folgenden Riten bei diesem Schutzbau: Zunächst gilt es festzuhalten, dass der Thunfisch bis heute auf den Salomonen als starker Fisch gilt, dessen Fang etwa als Teil eines Initiationsritus für Jungen benutzt wird. Die Stärke eines Hauses in der Form eines nachgebauter Thunfisch hob die magischen Kräfte des Schädels auf, so dass solche Häuser besonders begehrt waren. Zum zweiten stammten die Schädel selber ursprünglich von besiegten Feinden, deren Kraft und Seele man nutzen wollte, sich gleich aber vor ihnen schützen musste. Diese Schädeljagd war ebenfalls Teil des erwähnten Initiationsritus. Da auch ein sterbender Baum neues Leben bringt, wurde – so die Allegorie – auch ein Junge durch den Tod eines Mannes zum Mann. Ähnlich wie heute der Konfirmantenunterricht die Grundlagen der eigenen Religion legen soll, lernte der Junge in einem Vorbereitungskurs das richtige Präparieren der erbeuteten Schädel. Wichtig war dabei die Position des Schädels. Dieser musste sich zwischen den Knien des sitzenden Jungen befinden, da so die Stärke des Verstorbenen durch den Penis des Jungen aufgenommen werden konnte. Wenn all das erledigt war, wurde der Noch-Junge auf See gefahren, wo er durch Untertauchen zum Mann wurde und den Namen des Getöten erhielt, was ihn vor Rache schützen sollte.

Während man auf den Salomonen die Angst vor dem Schädel zahlreiche Bräuche etablierte, war man auf Vanuatu im Umgang mit Schädeln wesentlich entspannter. Zwar hatte man die Verstorbenen schon alleine deswegen zu respektieren, weil sie die Geschicke der Lebenden beeinflussen konnten. Dieser eingeforderte Respekt aber zeigte sich darin, die Schädel der Verstorbenen in den normalen Alltag zu integrieren. So konnte man die Schädel ständig sehen, da sie auf Pfahlen vor den Hütten standen. Einfache Mitglieder der Gemeinschaft bekamen lediglich einen Pfahl, höher stehende Mitglieder einen neugebildeten Körper, der reich verziert war.

Ganz ähnlich gestaltete sich der Umgang mit Schädeln bei den Asmat. Zwar benutzten sie keinen Pfahl zur Verehrung der Ahnen, sie aber schmückten den Schädel mit Perlen und Muscheln. Auch bei ihnen war er Teil des Alltags und musste, da er die Familie beschütze, immer in greifbarer Nähe sein, so dass man mit ihm zusammen einschlief.

Als James Cook 1769 das erste Mal den Boden Neuseelands betrat, bemerkte er schon recht bald, dass die Maori in seinen Augen ein seltsames Volk waren. Nicht nur galten sie als Kannibalen, auch standen bei ihnen lauter mumifizierte Köpfe. Die Neugier aber brachte Cook und nach ihm noch zahlreiche andere Europäer dazu, solche Köpfe zu erwerben. Joseph Banks tauschte einen solchen Kopf gegen eine seiner Unterhoasen aus Baumwolle ein. Sinn und Zweck der sog. mokomokai war zweierlei. Neben der Darstellung von besiegten Feinden, wurden auch hochstehende Persönlichkeiten durch eine solche Mumifizierung geehrt. Wichtig bei der Mumifizierung war vor allem, dass das Tatoo unbeschädigt blieb. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verkam der Brauch immer mehr zur Touristenattraktion. Da auch die Europäer die stark tätowierten Schädel am meisten mochten und kauften, wurden oftmals unzählige Menschen geköpft, ihre Schädel danach mit Tätowierungen überzogen und mumifiziert, um sie den Europäern zu verkaufen, die sie daheim in ihrer Privatsammlung austellten oder einem Museum schenkten, in der Annahme es handelte sich um einen König oder Prinzen.

Und damit schließt sich der Kreis nach Europa. Denn während die Schädel der eigenen Kultur lange Zeit als nicht ausstellungswürdig galten, aus den oben genannten Gründen, war man bei denen der anderen exotischeren Kulturen weniger wählerisch. Aber die Schädelkulte Europas sind eine ganz andere Geschichte. Wenn es ihnen daher also heute gefallen hat und man mich wieder lässt, sehen wir uns im nächsten Jahr wieder und dann schauen wir in die Vergangenheit des europäischen Schädelkults vom Neandertaler bis zu den Nationalsozialisten.

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