Zur Geschichte der Überfischung

In den Artikeln und Studien, die zur Überfischung herausgebracht werden, wird oftmals davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein Problem handelt, dass erst mit der Industrialisierung der Fischerei während des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Tatsächlich aber ist das Eingreifen des Menschen in Flüsse, Seen und Meere schon so alt, wie die Menschheit selber. Der Wunsch des Menschen aus den Gewässern mehr Fisch herauszuholen, als er alleine tatsächlich mit Route oder Speer erlangen kann, ist dabei mindestens genauso alt, was zahlreiche Funde aus der Altsteinzeit zum Fortschritt des Fischfangs belegen. Aus diesem Wunsch ergab sich nicht zuletzt der Beruf des Fischers selber.

Techniken, die darauf hinweisen, wie die Fangquoten erhöht werden sollten, finden sich bereits in den Schriften der antiken Gelehrten. So kann Aristoteles in seiner „Geschichte der Tiere“ Hinweise darauf geben, dass immer dann mehr Fische ins Netz gehen, wenn der Meeresboden vorher durcheinander gewühlt wurde, so dass beim zweiten Fang eine größere Menge an Fisch erreicht werden kann (vgl. his. ani. VIII, 15). Führt man sich diese Praxis vor Augen, ist bereits in der Antike davon auszugehen, dass Fischerbote mindestens zweimal in kurzer Zeit hintereinander das Netz auswarfen, um mehr Fisch als beim ersten Mal zu fangen.

Eine solche Praxis musste über kurz oder lang dazu führen, dass Fisch knapp wurde. Die Auswirkungen dieses Umstands kann dreihundert Jahre nach Aristoteles Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte aufzeigen, wenn er darüber klagt, dass ein Fisch mittlerweile soviel kosten würde, wie ein Koch (vgl. nat. his. IX, xxxi, 67). Dabei zeigt er eine Preissteigerung auf, die nahelegt, dass in früheren Zeiten Fisch nicht so teuer war wie zu seiner Zeit, so dass der hohe Preis eben nicht auf die generelle Schwierigkeit des Fischens selber, sondern auf eine Verknappung des Fisches zurückzuführen ist.

Vor allem der Fang von Hering war für die Menschen des Mittelalters von großer Bedeutung. Da sich in der Antike für das Mittelmeer bereits eine Verknappung des Fischs andeutete, wich man auf die Nord- und die Ostsee aus, von wo aus die gefangenen Fische gesalzen und getrocknet bis nach Italien gebracht wurden. Im Jahre 1394 jedoch kam es zu einen größeren Problem. Die Heringsvorkommen im nördlichen Teil der Nordsee waren erschöpft, nur im westlichen Teil fanden sich noch größere Mengen. Solche Vorkommnisse zwangen die Obrigkeit zu regulierenden Maßnahmen, wie etwa dem Fangverbot für Fisch zwischen Oktober und Februar. Bei Fangquoten von mehr als vier Millionen Hering allein in der französischen Stadt Dieppe, kann man sich vorstellen, wie viel Fisch jährlich an allen Küstenregionen Europas an Land gebracht wurde.

Das Meer jedoch war für die Menschen in Antike und Mittelalter immer mit großen Gefahren verbunden, obwohl man probierte es kulturell und politisch für sich zu vereinnahmen. Der überwiegende Teil der Menschen fischte daher nicht auf See, sondern probierte sein Glück in Teichen und Flüssen des europäischen Kontinents. Dabei wurden die Techniken weiter entwickelt und die einzelnen Berufsfischer recht erfolgreich. Zeitgleich stieg der Konsum von Fisch enorm. Für das 16. Jahrhundert sind daher einzelne Verordnungen übermittelt, die das Fischen in bestimmten Flüssen verboten. In Bayern etwa wurde 1553 das Fischfangen auf wenige Exemplare begrenzt. Dennoch wurden die Gewässer überfischt, mit zum Teil verheerenden Folgen bis in die heutige Zeit, schaut man etwa auf die Überfischung der Donau, in der keine Fische mehr existieren, die Strecken von mehr als 300 km zurücklegen können.

Um den Gefahren auf See zu entgehen und der gestiegenen Nachfrage nach Fisch nachzukommen, wurden im Bereich des Schiffbaus enorme Fortschritte gemacht. Die in den Niederlanden entwickelten Buisen sorgten für effektiveren Fischfang in der Nordsee und wurden daher schnell in die norddeutschen Regionen importiert, wo sie bis ins 19. Jahrhundert benutzt wurden.

2. Das Zeitalter der Industrialisierung – Die Probleme verschlimmern sich

Dennoch ist ein großer Einschnitt im Problem der Überfischung sicherlich mit dem 19. Jahrhundert zu machen. Die Einbindung der Dampfmaschine in die Schifffahrt führt zu einer sehr effektiven Nutzung von Schleppnetzen, die für den einzelnen Fischer eine enorme Ausbeute in kurzer Zeit bedeuteten.

Doch bereits in den 1850er Jahren wurden Klagen laut, dass sich traditionelle Fischereigründe erschöpft hätten, was gerade für die britische Fischerei dazu führte, weiter in die Nordsee zu fahren und dort zu fischen. Damit berührten sie jedoch die Fischgründe anderer Nationen, was zu internationalen Verwicklungen führte. Eine vom britischen Parlament eingesetzt Kommission entschied jedoch recht lapidar, dass der englische Fischer das Recht hätte überall, zu jeder Zeit und nach welcher Methode auch immer fischen zu können.

Die fortschreitende Industrialisierung beschränkte sich nicht nur auf Großbritannien. Die Buisen etwa wurden durch so genannte Logger abgelöst, die schneller waren und deren Einsatz durch die Dampfmaschine, die man ohne Problem an Bord nehmen konnte, noch gesteigert wurde.

Die wissenschaftliche Seite konnte mit dieser technischen Entwicklung nicht mithalten. Über Herkunft, Aufzucht und Paarungsgewohnheiten der zu fangenden Fische war kaum etwas bekannt, die Ichtyologie als akademische Wissenschaft war erst am Beginn ihrer Entwicklung, so dass die Probleme, die mit dem Leerfischen der Nordsee einher gingen, noch nicht umfassend gelöst werden konnten. Hinzu kam, dass vor allem die Wirtschaftszweige, für die der Fischfang ausschlaggebend war, die Fischwissenschaft förderten, so dass diese sich oftmals Zugunsten hoher Fangquoten aussprach, um ihre Finanzierung nicht zu gefährden.

Dieses Umstände führten schließlich zu einem Eingreifen der Obrigkeit. In Preußen war es vor allem der Ministerialbeamte Walther Herwig, der sich zunächst mit den Gewässen an Land beschäftigte und sich dort für Fangquoten einsetzte, dabei aber nicht die soziale Komponente der Arbeit für Fischer aus den Augen verlor. Seine Bemühungen waren so erfolgreich, dass er sich auch für die Hochseefischerei einsetzte und dabei die nationalen Grenzen hin zu einer internationalen Lösung zu überwinden suchte. Herwigs Netzwerk führte schließlich zur Gründung des ICES im Jahre 1902, in dem jährlich Statistiken über Fang und Nachwuchs der Fische veröffentlicht wurden, was in letzter Konsequenz zu den bis heute noch genutzten Quoten für bestimmte Fischarten führte.

Die praktische Umsetzung der Quoten jedoch war nicht immer möglich. So wurden in Grönland um das Jahr 1900 herum etwa 100.000 t Kabeljau gefangen, was fast zu einem Verschwinden des Fisches geführt hätte. Dennoch konnten sich die Bestände erholen. Der Grund dafür lag im Zweiten Weltkrieg. Während in der Zeit davor alle möglichen Nationen den Kabeljau vor Grönland einfingen, waren im Krieg selber die Gewässer nicht mehr sicher. Einzig die portugiesischen Doryfischer fischten in den Gebieten. Deren nachhaltige Technik des Fischens sowie das Fernbleiben vor allem der französischen und britischen Fischereiflotten, sorgten für eine Regenerierung des Kabeljau.

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