Cook und Afrika

1. Einleitung

Der Philosoph Hegel war es, der wie kein zweiter dezidiert die geschichtliche Bedeutung Afrikas analysierte. Er teilte den Kontinent in drei Teile. Zum einen war dort Ägypten, das er als eigenständige Hochkultur isoliert betrachten möchte, zum zweiten Nordafrika, das durch Karthago und das Mittelmeer eigentlich zu Europa gehöre, „wie dies die Franzosen jetzt eben glücklich versucht haben“ umzusetzen. Der dritte Teil, das eigentliche Afrika aber sei

„so weit die Geschichte zurückgeht, für den Zusammenhang mit der übrigen Welt verschlossen geblieben; es ist das in sich gedrungene Goldland, das Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewußten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist.“

Damit fasst der Philosoph zu Beginn des 19. Jahrhunderts in kurze Worte, was das gesamte 18. Jahrhundert hindurch in Europa über die Geschichte Afrika gedacht wurde. Eine eigenständige Geschichte habe dieser Kontinent nicht, erst mit dem Auftauchen der Europäer werde der Kontinent südlich der Sahara zu einem Schauplatz der Menschheitsgeschichte.

Von den Reichen Mali, Ghana und Songhai, die im Hoch- und Spätmittelalter wussten die Europäer nichts, denn die arabischen Quellen waren ihnen unzugänglich. Von Massa Musa, dem König von Mali, der wohl der reichste Mensch war, der je lebte, weil er an den Quellen des Goldes saß, ahnte Hegel wohl etwas, aber um dessen Bedeutung für die Geschichte Westafrikas und der gesamten islamischen Welt wusste er nicht. Von den Stadtstaaten Ostafrikas, die mit China in Handelskontakt standen und so ein Netzwerk aufbauten, das von Peking bis nach Simbabwe reichte, hatte er ebenso wenig Ahnung wie von den Amazonenkriegerinnen von Dahomey oder Nzinga von Angola, einer ehrgeizigen und skrupellosen Machthaberin, die ihre Nachbarvölker versklavte und mit den Portugiesen und Niederländern gute Geschäfte machte. Er wusste nichts von dem Großreich, das sich einst auf dem Boden von Botswana befunden haben muss und nichts von der Hochkultur der Kuba im Kongobecken. Die große Küstenstadt Benin, in der wunderbare Kunstgegenstände hergestellt wurden, die später Künstler wie Picasso zu einer Revolution der Kunst inspirieren sollten, kannte er auch nicht. Aber mit der Hybris eines deutschen Idealisten ging er davon aus, dass es in Afrika keine Geschichte gebe.

Hegel und mit ihm zahlreiche europäischen Philosophen waren von dem Gedanken geprägt, dass der Afrikaner als solcher nicht zur Kultur fähig war. David Hume, der große schottische Empiriker, schlug einen Beleg für die Intelligenz eines Schwarzen mit dem Vermerk aus, ein Papagei der sprechen könne, sei dennoch nicht klug, Immanuel Kant bezeichnete eine Aussage zum Verhältnis von Mann und Frau schon deswegen als dumm, weil der Aussagende schwarz sei. Voltaire und John Locke profitierten ganz direkt vom Sklavenhandel, an dem sie durch Aktien und Investitionen beteiligt waren. Voltaire rechtfertigte sich damit, dass er behauptete, ein Volk, das seine eigenen Menschen versklave, sei selbst schuld. Dass das Volk der Afrikaner nicht existierte, war ihm dabei recht egal, so lange er Geld verdiente.

Die europäische Geisteswelt des 18. Jahrhunderts wimmelte von solchen Aussagen, in denen das Verhältnis von Europäer und Afrikaner in einer asymmetrischen Form dargestellt wurde. Der Europäer war die Spitze der Entwicklung, der Afrikaner war ganz unten. So hatte es Carl von Linné in seiner Natursystematik festgehalten, so wurde argumentiert. Selbst ein Georg Forster, der sich später dezidiert gegen diese Einteilung aussprechen sollte, war als junger Mann davor nicht sicher. Bei seiner Beschreibung Australiens schreibt er zu Dingo:

„Sonderbar genug, daß der Mensch, der hier auf seiner niedrigsten Stufe steht, gleichwol dieses gesellige, treue Tier zu seinem Begleiter hat! Laßt uns sehen, ob es glaublich sey, daß seine Vernunft ihn lehrte, diesen Freund unter den Geschöpfen der Erde zu wählen; oder ob nicht vielmehr gegenseitiges Bedürfniß und blinder Trieb sie zusammen geführt haben mag?“1.

Der Australier steht noch unter dem Afrikaner. Wie er zu dieser Einschätzung kam, ist hier von weniger Interesse, aber seine Aussage ist doch ein Beleg für ein Denken, das sich im 18. Jahrhundert in vielen Bereichen zeigte. Wie also sehen Afrikabilder im Umfeld der Cook’schen Reisen aus?

2. Altbekanntes beschreibt man nicht: Die Kapkolonie

Als Captain Cook Afrika das erste Mal erreicht, ist er auf der Rückkehr von seiner ersten Weltumsegelung. Der Verlauf der Reise hatte ihn von England nach Südamerika geführt, so dass die Kapkolonie erst im letzten Abschnitt der Reise erreicht wurde. Die Stimmung an Bord war zu diesem Zeitpunkt schlecht. Der Aufenthalt in Batavia hatte alle Bemühungen, die Mannschaft gesund über das Meer zurück nach England zu bringen, vernichtet. Zwischen der Abfahrt in Indonesien und der Ankunft in Südafrika starben zahlreiche Mannschaftsmitglieder, das wohl bekannteste unter ihnen war der Zeichner Sydney Parkinson.

Unter solchen Vorzeichen kann das Bild Afrikas in den Beschreibungen kaum positiv ausfallen und tatsächlich sind die Beschreibungen des Kaps auf der ersten Reise recht knapp. Weder Cook noch Banks halten sich damit auf, das Kap zu erkunden. So hält Cook fest, dass „the Cape of Good Hope hath been so often discrib’d by Authors and is so well known to Europeans that any discriptions I can give of it may appear unnecessary.“ Dennoch schreibt er kurz ein paar Beobachtenungen auf, die sich aber letztlich nur auf die niederländische Kolonie beziehen. Über die ursprüngliche Bevölkerung erfährt man fast nichts. Auch Jospeh Banks hält sich auffallend zurück.

Als Hawkesworth den offiziellen Reisebericht erstellt, greift er dabei auf die Beschreibungen anderer Seefahrer zurück, denn aus den Einträgen im Logbuch kann er kein schönes Narrativ erstellen. Man merkt den Einträgen an, dass man sich nicht nur in schlechter Stimmung befindet, sondern die Teilnehmer der Reise im Prinzip nur noch nach Hause wollen.

Dafür, dass man bei den Reisen Cooks von Weltumrundungen spricht, spielt der afrikanische Kontinent nur eine untergeordnete Rolle in den Beschreibungen. Afrika bzw. das Kap der guten Hoffnung ist einzig für die Versorgung der Schiffe entscheidend. Mehr sehen die Teilnehmer nicht. Auf der zweiten und dritten Reise Cooks wird das Kap daher auch zu einer der ersten Stationen auf dem Weg in die Südsee. Es ist Georg Forster, der eine schöne Beschreibung der Buren-Kolonie liefert. Er mag das Kap, und erwähnt positiv die Einstellung der Bewohner. Über die einheimische Bevölkerung kann er nichts sagen, da diese sich einige hundert Meter entfernt von der Kolonie aufhält. Zudem verweist auch er darauf, dass bereits vor ihm andere beschrieben hätten.

Dennoch bemerkt er, dass es am Kap eine Ungleichheit zwischen den Buren und der schwarzen Bevölkerung gibt. So gibt es in Südafrika Sklaverei, die Forster jedoch eher klein redet:. „Die Anzahl der Sclaven, welche die Compagnie alhier zu ihren Dienst hält, beläuft sich auf etliche hundert, die sämmtlich in einem geräumigen Hause wohnen, in welchem sie auch zur Arbeit angehalten werden..“

So halten sich die Reisenden auf den ersten Cook’schen Reisen mit ihren Beschreibungen zum Kap zurück, begrenzen sich auf die europäischen Begebenheiten und harren in Ungeduld auf Tahiti bzw. ihre Reise nach Hause. Es gibt aber eine Ausnahme dabei, die ich als Tierhistoriker einmal genauer betrachten möchte.

3. Schafe

Forster beschreibt zudem ein Phänomen der Kapkolonie, das ungewöhnlich erscheint. Neu angekommene Buren werden von reichen, schon länger dort lebenden Buren mit Schafsherden von bis zu vier- bis fünfhundert Tieren belehnt. Mit diesen Tieren ist es den Neuen möglich, ein eigenes Vermögen aufzubauen.

Die Einfuhr der Schafe ans Kap durch die niederländischen Buren sorgte auf afrikanischer Seite für eine Übernahme europäischer Schafstradition. Hier scheint der Reiz des Neuen für dieses Verhalten der südafrikanischen Völker ausschlaggebend gewesen zu sein, denn das Schaf war im südlichen Teil des afrikanischen Kontinents, nicht heimisch2.

In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Siedlern und den einheimischen Südafrikanern ging es oftmals auch um Schafe, wie der deutsche Arzt Heinrich Lichtenstein um das Jahr 1800 festhält, denn die Zahl der in den letzten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Einheimischen geraubten Schafe bezifferte er auf 340233. Wie ist die

Was könnte ein Grund für diese große Zahl an geraubten Schafen sein? Die Einfuhr der Tiere konnte nur zu zwei möglichen Resultaten führen. Zum einen wäre eine vollkommene Ignoranz der Tiere möglich gewesen, zum anderen eine Imitation des Gebrauchs der Tiere durch die südafrikanischen Völker. Beide Verhaltensmuster waren vorhanden. Desinteresse an den Schafen findet sich auf Seiten des Volkes der Xhosa. Der britische Reisende John Barrow (1764 – 1848) bemerkt zu deren Verhältnis zu Schafen bloß, dass „[n]ot a sheep nor a goat were to be seen. The Kaffers, in fact, never breed any of these animals“4, und das obwohl „[t]he grasses on the summit are short but sweet, and the small shrubby plants are excellent food for sheep and goats“5.

Dennoch gibt es auch ein Volk in Südafrika, bei dem die Schafe auf reges Interesse stoßen: Bei den San, oftmals auch noch heute als Buschmänner bekannt. Das Schaf wird bei ihnen zu einem Objekt von besonderem Interesse. Dieses speist vor allem aus der Tatsache des Neuen. Auf der einen Seite waren Schafe die Tiere der neuen Siedler am Kap, die von den europäischen Siedlern ab und an auch als Geschenke eingesetzt wurden, um sich mit den Einheimischen gut zu stellen, zum zweiten waren die Tiere ja selber neu und für einzelne Mitglieder der San somit ein begehrtes Objekt, um ihren eigenen Stand und Status zu verdeutlichen oder zu erhöhen.

Als es zu Auseinandersetzungen zwischen San und Europäern kam, spielte daher der Raub der Schafe eine besondere Rolle, bei dem nicht nur Beute zur Schwächung des Gegners gemacht werden sollte, sondern der gezielte Raub auch das Prestige des Täters erhöhte. Die Bedeutung der Schafe für das Prestige einzelner Mitglieder der San bzw. des Volkes selber brachten den Schafe so bei der Beilegung der Auseinandersetzung eine besondere Rolle ein. In lokalen Friedensverträge nehmen sie oftmals eine wichtige Position ein. So erzählt Heinrich Lichtenstein:

„Die kleinen Horden, die noch übrig geblieben sind, stehen mit dem Bokkeveld in friedlichen Verhältnissen und man giebt ihnen jährlich einen gewissen Tribut an Schafen, wofür sie sich ruhig verhalten. Der Veldcornet, Jan Gideon Louw, der Vetter unseres Wirths, hat um diesen Frieden besondere Verdienste. Er brachte im Jahr 1798 eine Collecte von 460 Schafen und Ziegen von den Bokkevelds-Colonisten zusammen, die den Bosjesmans geschenkt wurden [Hervorhebungen im Original]“6.

Dieser Umstand hat in den Auseinandersetzungen zwischen Europäern und südafrikanischen Völkern eine Tradition, von der auch Captain Cook berichten kann. Er erwähnt, dass ihm und seiner Mannschaft während ihres Aufenthalts in Südafrika Schafe abhanden kamen, denn „the sheep sixteen in Number I was advised to keep by our tents, where they were pen’d up every night. The night preceding the 14th some person or persons put some dogs in a mongst them which forced them out of the Pen kill’d four and dispersed the rest“7. Der Rat, der Cook zuteil wurde, die Schafe nahe bei den Zelten zu lassen, verweist auf eine Regelmäßigkeit der Erfahrung des Schafraubes in Südafrika.

Als logische Konsequenz daraus wurde in den Friedensverhandlungen ein Tribut festgesetzt, der eben diese Tiere beinhaltet. Die Schafe, die in Südafrika bis zum Zeitpunkt der europäischen Kolonialbestrebungen keine Rolle gespielt hatten, wurden in den Verhandlungen zwischen Europäern und den San zu einem Mittel des Handels und der Diplomatie. Auf Seiten der San machten die Seltenheit der Schafe sowie ihre bestehenden Exotik sie zu einer idealen Beute bzw. Mittel der Diplomatie. Dieses neu geschaffene Potenzial in den Schafen auf Seiten der Afrikaner wurde von den Europäern auch für andere Völker angenommen.

Eines davon waren die Aborigines Australiens. Schon Forster war davon ausgegangen, dass die frei laufenden Hunde Australiens den Einwohnern des Kontinents zugehörig waren. Ein Verständnis von Tierbesitz, wie es in Europa existierte, war in Australien jedoch nicht gegeben, die Verbindung zwischen Dingos und Aborigines war allenfalls eine lose. Dennoch wurde ein europäischer Begriff auf die Verhältnisse in Australien gesetzt, so dass man zu folgendem Ergebnis kam:

„Governor Phillip, on his return from this excursion, had the mortification to find that five ewes and a lamb had been killed very near the camp, and in the middle of the day. How this had happened was not known, but it was conjectured that they must have been killed by dogs belonging to the natives. The loss of any part of the stock of cattle was a serious misfortune, since it must be a considerable time before it could be replaced“8.

Das hier formulierte Missverständnis beruht zum einen auf dem bereits angedeuteten europäischen Verständnis von Hundehaltung, das in Australien so nicht existierte. Es beruht zum anderen jedoch auch auf außereuropäischen Erfahrungen, die in Südafrika gesammelt wurden. Weil sich die Südafrikaner auf die Schafe stürzten, gingen die Europäer in Australien, die auf ihrem Weg dahin immer am Kap der Guten Hoffnung vorbei mussten, und so auf dortige Erfahrungen bauen konnten, davon aus, dass auch die Aborigines dieses Potenzial in den Schafen sehen würden. Die Tatsache jedoch, dass die Hunde bei Tageslicht angreifen und die Tiere töten, läßt nicht auf eine eindeutige Planung schließen, wie sie von den australischen Siedlern angenommen wird. Für die geäußerte Vermutung gibt es zudem keinerlei Beleg. Sie drückt lediglich eine Vermutung aus, die auf die Erfahrungen aus Südafrika zurückgeht.

4. Fazit

Afrika ist langweilig. Diese Aussage, die im 19. Jahrhundert wohl kaum ein Reisender gemacht hätte, trifft im 18. Jahrhundert auf die Teilnehmer der Cook’schen Reise zu. Sie halten sich mit Beschreibungen zurück, beziehen sich auf bereits bekannte andere Werke und widmen der einheimischen Bevölkerung kaum ein Wort.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie sind persönlicher Natur, bedenkt man die Situation der ersten Reise, sie sind aber wohl auch kultureller. Da Afrika keine Geschichte und Kultur besäße, kann man über die Völker des Kontinents wohl auch kaum etwas zu Papier bringen. Im Fokus stehen daher die europäischen Siedler und ihr Zusammenleben mit der einheimischen Bevölkerung.

Dabei zeigt sich, dass man auf die Erfahrungen im Umgang mit primitiven Völkern zurückgreift und diese auf vollkommen andere kulturelle Kontexte transferiert. Darin zeigt sich dann ein eurozentrisches Denken, das das Eigene in den Gegensatz zum Fremden stellt. Dieses Fremde aber bildet teilweise einen einzigen Block – ungeachtet der Vielzahl der in ihm befindlichen Kulturen.

Fußnoten

1Forster, Neuholland, 52.

2Vgl.: Devendra, Canagasaby/McLeroy, George B.: Goat and Sheep Production in the Tropics, Harlow, 1982, 115.

3Vgl.: Lichtenstein, Afrika, Bd. 1, 633.

4Barrow, Africa, Bd. 1, 177.

5Barrow, Africa, Bd. 2, 257.

6Lichtenstein, Africa, Bd. 1, 135f.

7Beaglehole, 3rd Voyage, Bd. 1, 19.

8Phillip, Arthur et al.: The Voyage of Governor Phillip to Botany Bay with an Account of the Establishment of the Colonies of Port Jackson & Norfolk Island compiles from Authentic Papers, anonym hrsg., London 1789, 108.

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